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„âerheit und Recht!"
MX. Wiesbaden. Samstag, L Januar 1GZL.
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Oesterreichs norddeutsche Politik.
X Es soll doch in der Sundzollfrage, die für den norddeutschen Handel so wichtig ist, etwas geschehen. Wenn Rordventschland sich dem österreichischen Zollvereine anschließt, so ist Oesterreich entschlossen, die Frage im Interesse der handelspolitischen Einigung Deutschlands zu lösen. Preußen, das sich so bedeutende Sympathien durch Vorschreiten in dieser für den Handelsstand besonders so wichtigen Sache hätte erwerben können, spielt also auch hier wieder eine durch- ans untergeordnete Rolle. An dem Eintritt der kleineren norddeutschen Staaten ins österr. Handels- und Hege- monieinteMe ist aber jetzt kaum mehr zu zweifeln, da das k. k. Korps, das nach Norden geht, nicht blos die Holsteiner entwaffnen, sondern auch den übrigen norddeutschen Ketzereien ein Ende machen soll, „indem man doch wohl von Preußen nicht wohl verlangen kann, seine alten treuen Unionsgenossen mit Waffengewalt zum Eingehen auf die österreichischen Verlangen" in Dresden zu zwingen, meint das „Fr. J." naiv. Großer Gott, was kann man von Preußen jetzt nicht wohl verlangen? Braunschweig hatte sich so brav wie 1809 und 1814 im deutschen Interesse vor den Riß gestellt, sich so vertrauensvoll, wie ein echter Gothaer, für Preußens Z, Ehre" in die Bresche gewagt, als es erklärte, es werde die Oesterreicher nicht nach Holstein dnrchlassen und es verlasse sich hierbei auf Preußens Bnndcshülfe: darf Fürst Schwarzenberg solches Heidenthum ruhig hingehen lassen? Nein, dies kecke Völkchen muß gezüchtigt und zur alleinseligmachendcn Kirche des Gottesgnadenthums zurückgebracht werden.
Eine merkwürdige Ironie der Zeitgeschichte zeigt sich in Hannover: Ernst August steht in der Opposition, Ernst August ist ;u liberal; denn er hat die ^vekutionstruppen nach Kurhessen verweigert und scheint auch durchaus nicht zur Stellung der angesonnenen 10,000 Mann zur Entwaffnung der Holsteiner zu, bewegen zu sein! Ernst August ist zwar Tory, aber ein Engländer; er versteht die preußische Ehre nicht: darf Oesterreich dem ruhig zusehen? Nein, Schwarzenberg ist es seinem neuen Freunde Manteuffel schuldig, daß er dem König-Tory eine kleine Lektion in der deutschen konservativen Politik giebt.
Preußens offizielle und ministerielle Organe bewegen sich bereits mit einer Gewandtheit auf dem Par- ketboden des alten Bundes, als hätten sie denselben nie verlassen. Besonders staunenswerth ist die Gewiegtheit des Hebräers Cassel in der „Deutschen Reform", der über ras Schicksal der holsteinischen Armee schreibt: hoffentlich unterwirft sie sich, dann ist's gut; oder sie unterwirft sich nicht, dann ist's auch gut, denn „eine Armee, die nicht mehr gehorchen, sondern auf eigene Hand Politik machen wollte, wäre eben keine visciplinirte Armee mehr, sondern müßte unter allen Umständen entwaffnet und aufgelöst werden." Ist das nid/ eine schlagende Beweisführung? Preußen ist für die Erekution gewonnen, wie früher Baiern: wie die- sks Fulda besetzen durfte, so wird Preußen unter des durchlauchtigsten Bundes schützendem Privilegium eine zweite Auflage seiner Besetzung Hamburgs veranstalten,
Die^beiden Dioskuren.
■ (Qint philologisch - diplomatisch - romantische Abhandlung des „Kladderadatsch".)
Kastor und Pollur, von den Heiden Dioskuren d. h. Söhne Gottes genannt, wohnten zwar nicht im Prinzessinnen-Palais zu Dresden beisammen, waren aber doch warme Freunde und Söhne einer berückten Mutter. Die Einen behaupten, es sei Leda ihre Mutter gewesen, dieselbe, welche in der Bildergallerie hängt; d.ese habe zwei Eier gelegt, airé dem einen ein Kastor, der Beschützer der Hutmacher, Schiffer und Wetterfahnen aus dem andern ein Pollur, dito Beschützer der Wetterfahnen, hervorgegangen. Andre behaupten, ihre Mutter sei die Nemesis d. i. die Göttin per Rache, und der Tag ihrer Geburt der Bundestag iorer Seele gewesen. — Wer die Alimente für die beiden natürlichen Söhne eines absoluten Gelüstes gezahlt hat, ist aus den Urkunden nicht zu ermitteln. Sie waren die treuesten Fremde quand mème und lebten zu allen Zeiten im herzlichsten Einverständniß, worüber die griechischen Telegraföi Vieles bemeloen. Ihr erstes gemeinsames Unternehmen war die Theil-
natüdid), um hinterher gleich Baiern honorirt zu werden. Preussen ist ein Ochs oder wie das „Fr. I." diplamatischer übersetzt: ein Stier, den Schwarzenberg bei den Hörnern hat.
Der österreichische Premier soll dem „Constitutionnel" zufolge nämlich einem vertrauten Diplomaten geäußert haben: „Ich habe den Ochsen an den Hörnern und Sie können versichert sein, daß ich ihn nicht wieder los lasse; ich kann und darf aber noch nicht sprechen; denn wenn ich spräche, so würde ich Herrr von Manteuffel unmöglich machen." Uiid dies wäre allerdings ein unverzeihlicher diplomatischer Fehler; deun Herr v. Manteuffel ist für Oesterreich unschätzbar. Derselben Quelle zufolge hat Manteuffel in Olmütz nicht allein dem Unionsprojekte gänzlich entsagt, sondern zugleich zugegeben, „daß der Wortlaut der alten Bundesakte als Basis des Revisionswerkes von Dresden dienen darf," d. h. Preußen ist ohne Berathung, ja ohne Benachrichtigung der Unioüsregierungen eigenmächtig und vertragswidrig in den Bund zurückgekehrt und hat, wenn sich dies bestätigt, gegen die Unionsregierun. gen also genau so loyal gehandelt, wie gegen die Kur- Hessen und Holsteiner. „Car ce n’est que le premier pas qui coute!“ heißt ein altes Sprüchwort der französischen Politik. Schwarzenbergs „staatsmännische Größe", mit der seine „Oestr. Cor." jetzt so prunkend auftritt, besteht eben in der „Berstiertheit" seiner preuß. Gegner, deren Schwächen zu erspähen und für den momentanen Erfolg auszubeuten er allerdings meisterhaft versteht. Aber es gibt eine Art, Vortheile auf Kosten schwacher Gegner zu benutzen, die ein Pfeil ist, der zuletzt den eigenen Schüßen durchbohrt. Wir erinnern nur an Louis Philippes spanische Triumpfe, die ihm so unendlich theuer zu stehen gekommen find. In einer ähnlichen Situation befindet sich jetzt Oesterreich dem deutschen Norden gegenüber: es springt über das Ziel hinaus, es überstürzt sich und indem es den Gegenpol der dynastischen deutschen Politik vernichtet, vernichtet es die dynastische deutsche Politik selbst.
Schwarzenbergs Politik hat so durch und durch einen meteorartigen Charakter, daß man sehr verblendet sein muß, um die Grabesnacht nicht zu merken, die diesem grellen Auflodern folgen wird. Diejenigen deutschen Staatsmänner, welche zu Preußen hielten, haben sich in den Personen geirrt, sie hahen nicht wissen wollen, daß der protestantische Pietismus zum politischen Quietismus und so zur Impotenz führt; sie mögen als Minister jetzt den kürzeren ziehen, doch ihrem Blick als Staatsmann macht ihr Mistrauen mehr Ehre, als die blinde Hingebung von diplomatischen „Größen", wie die Herren von Pfordten, Dal- Wigk und Genossen, die jetzt, wo ihre Vormacht triumpfirt, sich in eine Opposition, die jetzt eine Lächerlichkeit ist, gedrängt sehen und zuletzt, wenn sie Ernst zeigen sollten, von Oesterreich und Preußen zur „Raison" gebracht und als die Dupes beider Theile verhöhnt werden würden.
Der Laubfrosch der Coutrerevolution.
* Des französischen Vielschreibers Capesigue politische Prophezeihungen sind berühmt geworden, weil
nähme am Argonauten- d. i. an dem Zuge nach dem goldnen Vließe. Besagter Hammel war in Kolchis, was heut zu Rußland gehört, verborgen. Kastor war mit ganzer Seele bei diesem Zuge, Pollur sogar in Person und erhielt für seine bewiesene Tapferkeit den Stanislaus in Brillanten. — Nur einmal in ihrem Leben waren sie ernstlich gespannt mit einander. Pollur hatte sich nämlich ein für allemal alle Geschenke verbeten und verlangte, daß Kastor nach seinem Wunsche ihm nach- geden sollte; Kastor aber wollte ihm durchaus mit Gewalt Geschenke aufdringen. Darüber trennten sie sich. Da schrieb Kastor auf das letzte Blatt eines Stammbuches den schönen Vers: „Wer Dich mehr liebt als ich, der schreibe sich hinter mir! — und schickte es an Pollur. Und Pollur schrieb an Kastor: „Laß liegen Säbel und Pistolen, und wer unsere Freundschaft bricht, den soll der Teufel holen." — Und Kastor war darüber so entzückt, daß er ihm auf mehr als halbem Wege entgegenreiste, mit ihm eine ewige, heilige Allianz adschloß und ihm in seine Brieftafel schrieb: „Laß des Schicksals Stürme wehen! Still, wenn auch der Säbel bricht, meine Ehre kann vergehen, aber unsere Freundschaft nicht." Als sie nun mit Freien sich be-
sie zum größten Theile in Erfüllung gegangen sind, so unglaublich seine Orakel den europäischen Optimm.m auch erschienen. Wir haben im verwichenen Jahre schon öfter auf diesen Laubfrosch der Contrerevolunon aufmerksam gemacht, auch darauf, daß er gut proohe- zeiyen hat, seit das politische Wetter Europas in Nußland gebrauet wird, in dessen speziellsten Diensten der Biedermann steht. Im Einvernehmen mit St. Petersburg hat Capesigue zu einer Zeit, wo alle Welt (mir Ausnahme jedoch der Demokratie) meinte, Preußens Ehre lege dessen Regierung die Nothwendigkeit eines ernstlichen Widerstandes gegen die Anforderungen Oester reichs auf, nie aufgehört zu behaupten, „daß zwischen den beiden Kabineten die vollständigste Harmonie in Bezug auf Prinzipien herrsche, daß die bestehenden Differenzen durch einen Ma btspruch Rußlands entschieden würden, dem sich die preußische Regierung unterwerfen, und die mobil gemachten Truppen zur Ausführung dessen, was sie jetzt bekämpfe, verwenden werde." Hr. Capesigue hat im W derspruch mit der öffentlichen Meinung von Deutschland und Frankreich nie daran gezweifelt, daß Preußen den Bundestag von 1815 nicht nur anerkennen, sondern zu dessen Herste!- lung behilflich sein werde. Der Erfolg hat bewiesen, daß Hr. Capesigue besser unterrichtet war, oder richtiger urtheilte, als die öffentliche Meinung, und somit haben seine Anfangs verspotteten „diplomatischen Briefe" ihre Berechtigung zur allgemeinen Beachtung sich erworben. In seinem neuesten Briese sagt Hr. Capesigue, nachdem er den Abfall der jonischen Inseln von England, auf Rußlands Veranlassung, als naoe bevorstehend angezeigt hat, Folgendes: ,>Der diplomatische Feldzug Lord Palmerstons auf dem Kontinente ist gänzlich mißglückt. Wundern Sie sich nicht, wenn Se. Herrlichkeit „Kehrt um" macht und die Politik der großen Kabinete unterstützt; seit lange schon hat England zur Devise genommen: »Vae victis!« Ja, das englische Kabiner erlaubt sich jetzt schon kaum einige schüchterne Bemerkungen über das vollständig konservative System, welches in Deutschland triumphirr. Seien Sie überzeugt, daß Lord Palmerston nicht der Letzte sein wird, den Frankfurter Bundestag, das schließliche Ergebniß der Dresdener Konferenzen, anznerkennen. Sobald man über gewisse Fragen, als die Anzahl der Stimmen für jeden Staat, den Umfang der Besitzungen, welche neu in den Bund eintreten, und die abwechselnde Präsidentschaft sich gegeinigt haben wird, tritt der Bundestag Anfangs Februar in Frankfurt zusainmen, und beschäftigt sich sogleich mit verschiedenen Verord- murgen und VerwaltungSfragen, mit Gesetzen über die Presse, über die verschiedenen Kammern und über die Universitäten. Statt, daß die im Karlsbader Kongreß verabredeten Vorsichtsmaßregeln gemildert werden, wie man behauptet hat, wird man sie im Gegentheil vermehren, und Sie werden die erste und strengste Anwendung davon auf Hessen-Kassel erleben. Was ist aus den Schönrebern des Liberalismus, , aus den Fabrikanten konstitutioneller Phrasen geworden? Sie haben sich mit ergebener Bereitwilligkeit den Warschauer Beschlüssen unterworfen, und die preußischen Regimen- ter, aus welche die Revolution zählte, haben sich vor der Bundesarmee zurückgezogen! So mußte es kommen.. Die preußische f'Armee kann von nun an in
schäftigen und die Töchter des Leucippus, eines Königs, heimführen wollten, mußten sie mit Freiern kämpfen, und da geschahe es denn, daß Kastor von Idas erschlagen ward. Pollur war darüber untröstlich, duel- lirte sich mit Idas, brachte ihm einen Lungenfuchser bei und bat den alten Gott, welcher jetzt nicht mehr lebt, den Kastor unsterblich zu machen. Da es damals noch kein ConversationSlerikon zu solchem Zwecke gab, so diktirte Vater Zens, daß sich Beide in die Unsterblichkeit theilen sollten, so daß sie sich wechselsweise bei den Göttern und bei den Schatten anfhalten müßten. Was auch geschah. Jeder hatte seine eigene Geschicklichkeit, der Eine im Reiten, der Andere im Kämpfen; wenn Pollur den Kastor reiten ließ, sümpfte er, und wenn Pollur nicht kämpfte, ließ er Kastor reiten. Der Chronist schreibt: „Ihres Lebens Ende aber war also beschaffen, daß sie bei dem Unglück, das sie betroffen, wenig Ehre hatten." Denn obgleich Kastor stets mit einem Lorbeerkranze dargestellt wird, und Beide unter dir Sterne versetzt worden sind, so leuchten sie doch nur, selbst durch die Nacht unserer Zeit, als: Sterne zweiter und dritter Größe.