tit Zeitung
Wiesbaden. Mittwoch , 1. Januar
„Freiheit und Recht!"
1831
Des Neujahrstages wegen erscheint morgen, den 2. Jan., keine Zeitung
Nebl wallt wie Sack und Asche! Aschgrau geht daS Jahr zur Neige, Laß es sich im Bußgewande Seiner Thaten würdig zeige.
Semer Thaten würdig zeige? Ach, was hat es denn gesendet? Steine hat es viel erhoben, Aber keinen Bau vollendet.
Aber keinen Bau vollendet, Loll er hoch und dauernd ragen, Je die Welt in einem Jahre, In den rasch beschwingten Tagen.
185 0.
In den rasch beschwingten Tagen, Die jetzt doppelt schnell entschwinden In der Zeit de, D.unpfdâmoneii, Will Geduld nur .hwer sich finoen.
Will Geduld nur schwer sich finden, Soll fie dennoch nicht uns fehlen, Soll uns in dem heiße» Schmerze Zu dem großen Werke stählen.
Zu dem großen Werke stählen
Uns die schweren Fürstenhammer:
Ja, sie schmieden unS zusammen Fest und hart durch Druck und Jammer.
Fest und hart durch Druck und Jammer Soll der harte Strauß uns sehen,
Wa im Vaterland die Fahnen
Für Les Volkes Freiheit wehen.
Für des Volkes Freiheit wehen
Diese Nebel drum zum Segen: Höchster Noth ist Hüls am Rächn.», Drum find wir auf guten Wegen.
Drum, find wir auf guten Wegen)
Sei daS Nebeljahr gelobet.
Durch den Nebel bricht die Sonne, Wenn der Winter ausgetobet!
r o f i t Neujahr!
X Zu Neujahr pflegen die Zeitungen, welche das - lange liebe Jahr Feder und Tinte sparen, und blos g mit dem Nothstift regieren und gouverniren, ein Ueb- riges zu thun : sie setzen sich in Unkosten, legen ein Ulonntäglich Kleid an und gratuliern ihren Lesern wie ip Nachtwächttr und sonstige brave Leute. Die Ausnahme £ bestätigt die Regel. Wer das ganze Jahr faullenzte, I muß am Neujahrstage die Beine in Bewegung setzen, damit die Welt erkenne, daß er auch eristire. Wir I unserer seits könnten anS demselben Grunde heute wohl auch einmal das Ansnahmerecht in Anspruch ZW- nehmen um die Hände in den Schoß legen, denn das werden uns selbst unsere Feinde zugestehen, daß wir nie gefeiert haben, wo es galt, den Spruch zu bestä- W eigen: „Ju Schweiße deines Angesichts sollst dn dein g Brod essens Haben wir weniger vollbracht, als von uns erwatet wurde, so antworten wir: 9èiemanb ß fühlt dies »ehr, als wir; doch unserem aufrichtigen - Streben èd man Gerechtigkeit wiederfahren lassen. A Und dann loch dies: Ein demokratisches Blatt kann und darf richt blos so in die Welt hinein dociren, wie ein Posessor und Bureaukrat; cs muß ein Echo in seinem Lecrkreise finden, es muß von allen Seiten leb- chaft understitzt werden. Wem es seiner Tendenz und L Haltung rothen gefällt, der werbe für dasselbe; wer Lücken darrt findet, der ergänze sie, wenn er kann, und wie er km», und lasse sich die Mühe nicht verdrießen, seine Neinung zu Papier zu bringen ; wer Män- 'gel entdeckt,'der rüge sie mit Manier; wer Allgemei- - nes gern unhr besondert sähe, der setze sein Licht nicht i unter den Scheffel, und wer etwas schreibt, das großen )Drnck, doch keinen Raum oder doch nur unter Verände- Writngen findet, der verüble es dem Blatte nicht, das E Aller Bestes zu bedenken sich bemüht und daher oft zEiuzestnes weniger berücksichtigen kann. Auch vergesset nicht: „Irren ist menschlich!"
V' Ein Parteiorgan muß die Fahne einer Partei sein; aber eben darum muß es auch von der Partei getra- . gen werden! Jeder muß in der.Demokratie " feine Schuldigkeit thun, jeder, jeder, der Eine mit dem Munde, der Andere mit der Feder, der Dritte mit den Füßen! Nur Eintracht giebt Macht, ) nur Zusammenhalten verschafft Halt, und Einmuth üählt den Muth. Die Demokratie in Deutschland hat : ein hartes Jahr durchgemacht; aber es war ihr eine g ite Schule; sie ward auf eine schwere Probe gesetzt^ d ufl hat dieselbe im Ganzen gut bestanden: der Fluch ihrer Gegner ist ihr zum Segen geworden.^ Sie hat chre Leute kennen gelernt und in dem heftigen Gäh- rnngsprozesse viel Unreines und Schmutziges ansge- worfen. Die Partei hat sich gesäubert, ohne daß sie »«Zahl abgenommen hätte. Im Gegentheil, die 3)emofratie ist die Ueberzeugung aller ehr- 1 icheii Männer, aller aufrichtigen Vaterlands- f eunde j. sie ist trotz ihrer Noth und Gefahren das Evangelium des ganzen Volkes, die letzte Hoffnung der Verzweifelnden geworden. Ist das kein glan- zuider Sieg unserer Sache? Noch mehr: diesen T.iumpf befleckt sein Seufzer, kein Hauch von Schuld. Reiii blieb uiiscr Schild; rein bleibe er auch fernerhin. Unsere Partei hat in ihren Flegeljahren mannen Fehltritt begangen; sie hat noch Vieles nachzuhölen, Unendliches zu erstreben; aber eine Errungenschaft hat sie be
währt: sie ist männlich geworden, männlich fest, ernst und entschieden und männlich besonnen.
Ein hartes Prüfungsjahr haben wir heute vollen« det, einem noch härteren gehen wir entgegen. Machen wir unS feine Illusionen: es wird uns mancherSchmcr- zensruf, manche Thräne des Zornes ausgepreßt, mancher Schrei der Entrüstung entlockt, mancher Senfzer über die Verblendung und Härte unserer Gegner entrissen werden; doch darauf lasset uns einander die Hand reichen: jeder wird seine Pflicht und Schuldigkeit, jeder redlich das Seine thun! Nicht Alle können wir Alles, doch jeder kann etwas nnd ans vielen kleinen Leistungen wird zuletzt ein großes Werk. Nichts Dauerndes wird ohne Ausdauer, nicht Ewiges ohne harten Kampf erworben!
Uns glänzt ein hehres Ziel; der Pfad ist rauh und dornenvoll, doch dem Muthigen lächelt das Glück. Lasset uns einig sein im Herzen, scharf in der Sache, doch nachsichtig in Nebenfl^i - lasset uns streng und unerbittlich gegen uns selbst und stets mild und menschenfreundlich wiè und wo es die Sache gestattet, gegen unsere Brüder sein; lasset uns mit eiserner Festigkeit an unserm Recht als Menschen und Bürger festhalten, doch ohne Rechthaberei; lasset uns entschlossen und unverdrossen handlen, doch ohne Verbissenheit und Son- derinteresse; mit einem Worte: lasset uns der hehren, heiligen, welterlösenden Idee, der wir dienen, würdige Jünger und treue und freudige Bekenner sein in Noth und Tod. Das unser Herzenswunsch zum, neuen Jahre. Glück auf! —
Blicke in die Vergangenheit.
. ± AuS dem Amte Limburg. Es liegt in der Natur des Menschen, daß sic bei wichtigen Zeitabschnitten, wie am Jahresschlüsse, Rückblicke in die Vergangenheit werfen und daraus Lehren ziehen, um mit guten Entschlüssen der Zukunft entgegen zu gehen. Wohl uns, wenn wir am Schlüsse dieses Jahres im Hinblick auf unser seitheriges Thun und Lassen nicht zu erröthen brauchen; sondern beruhigt zu uns sprechen können: „Wir haben Vieles gethan." Zunächst das Nassauer Volk hat Vieles gethan. Nachdem es seine ihm an# gebornen Rechte im März 1848 geltend gemacht, ist ihm freie Hand gelassen, sich zu organisiren, zum Nutzen Aller. Gewiß ist, daß viele Fehler geschehen sind, doch irren ist menschlich, und das Versäumte einzu» holen, gutzumachen, jedes Staatsgliedes Pflicht.
Die Errungenschaften des Nassauer Volkes sind:
1} Preßfreiheit, welche die Sprecherin des Volkes ist. Jedem ist es gegönnt und erlaubt, die Gelegenheit dazu geboten, seine Meinungen öffentlich kund zu geben, sich bessere anzueignen. Möglich ist es uns jetzt, die guten Thaten Anderer zum Muster aufzustellen, aber auch Eigennutz und Intrigue zu brandmarken. .In jedem Orte wird Zeitung gelesen, dieselbe besprochen, und mit Wißbegierde fragt die große Mehrheit: „Was giebt's Neues in derselben." Sie ist das erste Mittel zur Volksbildung, welche allein Noth thut. Nur ist sehr zu bedauern, daß theils durch den Preis öffentlicher Blätter, theils durch die Lauheit der Bürger, noch nicht genug Gebrauch davon gemacht wird. Diesen beiden Uebeln könnte durch die Bildung von Lesevereimm am Besten begegnet werden. Wie leicht wäre es möglich, daß sich in jeder Gemeinde ein Verein zu Diesem Zwecke konstituirte, volkstümliche
Zeitungen und anerkannt klassische Werke zu lesen. Der Sinn für Bildung könnte sich alsdann regen, allgemein anerkannt werden, und indem dieses geschehen, wären wir schon einen großen Schritt weiter, das Rad deâ Geistes einmal in Bewegung geletzt, würde fortwährend schwingend, sich nicht mehr hemmen lassen und Großes, Unglaubliches erreichen.
2) Das freie Gemeindegesetz berührt unmittelbar die Interessen der Bürger, und es ist, in allen seinen Konsequenten durchgeführt, volksthümlich (demokratisch) zu nennen. — Früher wurden die Schul- theisen von der Behörde ernannt, manchmal wenn sich kein fügsames Subjekt in der Gemeinde selbst vorfand, oktropirte man derselben ein Solches, auf; und jeder Bürger mußte schweigen. Der Schullons that, wie ihm beliebte, oder, besser gesagt, wie man ihm vorsprach, hatte nicht nöthig auf die Zustimmung der Vorsteher zu achten, und lenkte also die Gemeinde nach eigenem Willen. — Jetzt aber hat jeder Singer das ihm zustehende Recht seine Stimme sowohl für den Bürgermeister wie auch die Gemeinderäthe abzugeben, daher nur Männer zu wählen, welche nach seiner Ansicht tüchtig sind: das Volk ist somit für mündig und reif erklärt, nnd bedarf nicht mehr des Gängelbandes. Den Gemeinderäthen steht im Verein mit dem Bürgermeister nach §. 2 der Gemeindeordnung das Recht zu, die Gemeinveangelegenhkiten selbst zu ordnen, wie die selbstständige Verwaltung des Gemeiuvever- mögens und die Handhabung der Ortspolszei nach dem Gesetz zu ermessen. — DerBüiger fü.Zt sich gehoben, geehrt, als selbstthätiger Mitarbeiter seines und Aller Wohl; alle Staatsdiener und Angestellten sind ihm gleichgestellt, jeder hat gleiches Recht vor dem Gesetze. In dieser Beziehung findet sich aber an manchen Orten noch ein Mißstand, welchem abgeholfeii werden muß, nämlich der: daß viele Schullehrer und Pfarrer noch nicht einsehen können oder wollen, daß sie in Gemeindeangelegenheilen jedem anderen Bürger gleich sind. Wisset wohl, ihr Betreffenden, daß ihr Gemeinde bürger, Staatsbürger seid, traget die Gemeindelasten, ihr habet Gemeindenutzen zu genießen, doch nicht allein deshalb, sondern weil ihr auch so eng mit der Gemeinde verbunden seid, beteiligt euch an Gemeinde Versammlungen, helfet das Gemeinbebeste befördern auf jede mögliche Weise, und ihr werdet weit geachteter und liebevoller in den Augen eurer Mitbürger erscheinen.
3) Volksvertretung aus gleichem Stimm recht hervorgegangc^. Die frühere Versammlung der Landstände ist noch gewiß in frischem Andenken Aller. Es war eine Gesellschaft reicher Leute, welche wohl Ja sagen gelernt hatten; sich sehr behaglich bei ihren 7 Gulden täglicher Diäten fühlten; ihr Machwerk in landständischen Verhandlungsbüchern spärlich unter dem Volke vertheilten, welches wohl geeignet ungelesen für Fidibus und Duttenpapier erschien. — Die jetzigen Landstände wollen wir hier nicht mehr kritisiren, weil ihre Wirkungszeit bald abgelaufen ist, und eine volks- thümlichere Stellung sehr Vielen unter ihnen doch nicht bezweckt werden konnte und kann; — wohl aber sei erwähnt, daß es längst wünschenwerth gewesen ist, wenn sie den Beschluß: „die Diäten von 5 fl. 30 kr. auf höchstens 3 fl. Herabzu setzen" gefaßt hätten, welchen Antrag wir den Herren Born und Dünkelberg als Volksmänner und Demokraten unseres Bezirks warm ans Herz legen wollen. — Beabsichtigen sie,