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Wiesbaden. Sonntag, 28. December
1830.
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Der Boltairianismus.
V Das Wiegenfest der social-demokratischen Bewegung, Weihnachten, ist erschienen und mit ihm die Aufforderung an die redlich denkenden Geister, einmal sich Rechenschaft zu geben über die Errungenschaften, welche diese Bewegung nach mehr als achtzehnhundertjährigem Kampfe der Menschheit gebracht hat.
Diese social-demokratische Bewegung ging aus von dem Volke einer Provinz, daS arm, aber naturgesund und geisteskräftig war. Ihr erster Führer, Johannes, der Priesterssohn, kündigte ihren Inhalt an mit den Worten: „Jedes Thal soll ausgefüllt, jeder Perg und jeder Hügel soll abgetragen, was stumm ist, soll gerade, was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alles Fleisch soll das Heil Gottes sehen"
Bei ihrer Weiterverbreitung stieß diese Bewegung
auf starken Widei stand; deshalb'gab ihr der große'De'- mokrat von Nazareth die Wendung, den Umschwung zuerst auf eine Revolution der Jd eii zu beschränken, vertrauend, daß, wenn dieser erste Sieg errungen, die andere Reform, Die der Gesellschaft, nothwendig folgen i Anmaßung geltend machen, dem'gemeinen Volke mH- werde. Die damalige Zeit war in der Auflösung 'de- ^die. Jesuiten den letzten Nothpfennig für Mcffen-
armen, und dadurch gleich, ihr die uoirige in den! beide, und WGent» InnureMni , das gemeine Sott
^uptumriüeii: Dieselben Bestrebungen liegen vor unD , mochte man zu G..- 'c aibilDern und protestantischen nie-
käs Resultat Der Bewegung wird in ähnlicher Weise ; t'stlschen Versammlungen narren, — das hatte nichts
zum Durchbruche kommen. i â« sagen ; denn die Sâ iei nun nothwendln
Wir wollen deshalb zuerst auf die damaligen Pär- ' ?
tWi» hindeuten. Zur Zeit Jesu gab es Pharisäer, Sädducäer, Herodianer — und das gegen diese Partheien gleichgültige Volk. Diese Partheien -bekämpften sich mit wildem Hasse; als aber die sociale Bewegung durch Jesus von Nazareth mächtig die Herzen gewann, Da machten sie Waffenstillstand, um vereint gegen den allgemeinen Widersacher aufzutreteu. Zwar war ihr gegenseitiger Haß Der alte geblieben ; allein Die Pharisäer meinten, gegen den Nazaräer seien jene andere nur kleine Verbrecher. Jesus schildert jene Partheien
mit so treuen Farben, als ob ihm unsere Jesuiten, Voltairianer und Servilisten dazu gesessen hatten.
Auch diese hassen sich gegenseitig, und lagen seit Jahrzehnten einander hadernd in den Haaren; auch diese machten Waffenstillstand und verbargen ihren Haß, als cs galt, vereint die Demokratie zu bekriegen.
Die Demokratie kämpft gegen keine religiöse Ueberzeugung; sie fordert das HauSrechr für das Innere deS Geistes; sie verlangt nur Anerkennung des Sittenge- sktzes im Menschen, der Gerechtigkeit und Bruderliebe und überläßt es jedem Einzelnen, sich ein Bild der Gottheit nach eigenem Bedürfnisse zu machen: aber sie tritt überall zum Kampfe in die Schranken, wo eine Parthei oder eine Korporation das Monopol der religiösen Theorie beansprucht, wo eine concessivniite Gesellschaft das religiöse Bedürfniß des Volkes ausbeuten will.
' Deshalb war Die Demokratie gezwungen, gegen den Jesnitismus wie gegen die Herodiatter zu Felde zu ziehen. Mit dieser Fraktion der Reaktion hat Die demokratische Presse das Volk bekannt gemacht. Aber .
anDere Regimenter der Volksunterdrückung wurden : Beispiel, besuchte die Messe und nahm mit Andacht
bisher nur nach ihrer politischen Wirksamkeit geschil- das Abendmahl. Mit Recht dient daher sein Name
™ r - als Gattungsname für alle herz- und gcmnthlose Men
schen, Die sich von aller Bruderliebe losgesagt und in : kaltem Egoismus von Dem Marke des Volkes schwelgen.
Der Staat ist diesen Menschen ein Bergwerk, das sie auszudeuten suchen, fei es als Staatsdiener, sei es i durch Geschäftsbetrieb. Zu den Voltairianern zählt j die Bureaukratie , das Professorenthum, Die wissen- i sebaftlich gebildeten Praktiker, wie Aerzte und Advo- unserer Zeit, oder die Voltairianer, als Gegner Der taten, zählt die Crème des gebildeten ^.urgerthums,
Jesuiten, von der religiösen Seite kennen zu lernen, die Geschäfts-, Geld- und Kansmannei, überhaupt
Es ist dieses um so nothwendiger, da Unwissende Die ■ Bcamtenthum und Bourgeoisie. _ —,. ,,
Demokraten und Voltairianer für gleichbedeutend halte». 1 Es versteht sich von selbst, daß nich a^e ci g ie- : ter jener Stände nothwendig auch solche Voltairianer sinD- denn auch die Demokratie hat in diesen Klassen, in allen Ligen, ihre Bekenner. D.e Demokratie
dert, weil sie im Religiösen die Aufgeklärten spielen, weil ihre Religion und ihre Politik im Widerspruch scheinen. — Wenn auch alle diese Partheien in Bezug aus die Demokratie eine Parthei ausmacheii; wenn sie nur verschiedene Regimenter bilden ; wenn eS auch
für die Demokratie gleichgültig ist, ob schwarze oder
blaue Husaren im Felde stehen: so möchte es doch zur Würdigung ihrer Gegner nützlich sein, die Sadvncäer
Demokraten und Voltairianer für gleichbedeutend halten. '|
%^' "gebildeten Kreisen" war man längst über den
" Wsseutrodel hinaus, nnd in noblen'Gesellschaften ergötzte man sich an Witzen über die Einfalt des Voltes
und Die gelungene Heuchelei eines offiziellen Pharisäers, Der ein heimlicher Saddueäer. Man erzählte und erzählt sich noch Die Wunder Der Neuzeit, die Prozessionenaffairen und Kapncinaden, um zur Förderung der Verdauung oder des Durstes das Zwergfell zu erschüttern. Aber Die Stube muß „gekehrt sein" bei solchen Witzen Der Gebildeten; wenn in Gegenwart des Volkes die Rede auf solche Sachen kommt, so legt man das Gesicht andächtig in Falten. Vor der Märzbewegung war man indessen nicht gerne von den „Pfaffenpossen" infommoDirt, man that seine Bureauarbeit oder saß auf Dem Comptoir und zog die Bilanz, oder schnitt Coupons, oder besorgte den Laden, man ging auf seine Praxis — und wollte am Sonntage Ruhe haben. Wenn ein Jesuit es aber wagte, seine kirchlichen An- sprüche b.i den Gebildeten geltend zu machen, wenn er der Gemahlin eines Beamten oder angesehenen Bürgers die Absolution verweigerte, weil sie die geforderten Bedingungen, wie katholische Kindererziehung rc,, nicht erfüllen wollte; dann schrie man Zeter über pfafsische Anmaßung, Die, man in ihre Schranken weisen müsse. Bei Dem „gemeinen Volke" mochten sie indessen diese
I für das Volk, meinten die aufgeklärten Herrn. Seit dem Märzsturm 1850 aber hat man sich auch wieder- äußerlich einigen Zwang auferlegt, man besucht die Kirche und langweilt sich bei Der Predigt, man macht Prozessionen mit — als gutes Beispiel für das Volk.
Im Grunde beobachtet man also dieselbe Politik, wie die Pharisäer, man will das Volk von der Erkenntniß fernhalten, die Einsicht als Vorrecht der gebildeten Stände erhalten, nur wollte man den Jesuiten nicht die Concession machen, den Schein mitzumachen.
Ebenso herrscht derselbe Egoismus bei den Sad- ducäern oder Voltairianern, wie bei den Pharisäern. Man ist herzlos für das Leiden des Volkes, man ergötzt sich an dem Elend deö Armen und sagt: „wie der Kerl drein sieht!" man lacht über die Unterdrückung des Menschenrechts und meint, der Pöbel werde sonst zu frech. Betrachtet den Fabrckherru: seine Arbeiter werden wie Maschinen behandelt und nach dem Ertrag für den Herrn berechnet! Der Mensch ist ihm nur als Posten für Ausgabe und Einnahme vorhanden.
Daß diese Rasse der Aufgeklärten eben nicht sehr verschieden von den Dunkelmännern ist, beweist schon der Umstand, daß der Iesuitenschüler Voltaire ihr den Namen gegeben. Dieser feine Kopf ergötzte anfangs die heiligen Väter mit seinen Witzen über die Religion, er wurde erst verhaßt, als ihn der Kitzel des Ehrgeizes
i antrieb, auch in den Salons zu glänzen und die hohen ! Herrschaften von der Religion abwendig machte. Vol- : taire verspottet aber nicht nur die Priesterreligion, sondern auch alles Sittliche, alle edlen Empsindungen in der Menschenbrust, er verspottet Tugend und Unschuld. Und wenn was zu erwerben war, so gab er ein gutes
aber ist die Religion der Bruderliebe; sie achtet nicht auf Priefterreligion nnd Opfer,' aber sie achtet die Religion des Geistes, die heilige Stimme Gottes im Menschen; heilig ist ihr alles Große und Edle, heilig die Wahrheit und das Recht: sie umfaßt die ganze Menschheit in Bruderliebe, will die Quelle des Elends auf Erden stopfen, den Himmel auf die Erde ziehen.
Das größte Verderben des Voltarrianismus aber ist Die Ueberzeugung, welche durch den Anblick dieser herzlosen Menschen edle Volksfreunde gewonnen, die Ueberzeugung, „die religiöse Aufklärung könne nichts nützen, sei gleichgültig für Die Freiheit." Denn diese Voltairianer sind aufgeklärt und dennoch Feinde der Freiheit
Allein die Aufklärung des Voltairianismus ist mit Der Selbstsucht verbunden, ist keine natürliche Entfaltung des Geistes; sondern nur das Produkt der raffi- nirten Spekulation, des berechnenden Verstandes auf Kosten der menschlichen Würde.
Diese Spekulation wird dadurch zerstört, daß man die Aufklärung allgemein macht, daß dadurch jene Menschen von ihrer kalten Höhe des vornehmen Dünkels herabgerissen werden, und unter Menschen erwärmen. Die Verhältnisse verderben die Menschen, die Verhältnisse werden gebessert durch Bannunz des Kastengeistes, und der Kastengeist schwindet, wenn die Kaste nichts Eigenthümliches mehr hat. Die äußere Welt wird nun einmal von den Ideen gestaltet, und der Mittelund Brennpunkt Der ideellen Welt ist die Religion. Ohne religiöse Aufklärung gibt es keine Befreiung!
Die Demokratie räume daher den Schutt Der Priester- aeligioneN hinweg; aber auch das kalte Monveslicht der Verstandesbildung suche sie durch den Hellen Son, nenschein der harmonischen Entwicklung des Geistes zu verdunkeln. Sie wecke die Wahrheit mit der Liebe!
Aus Kurhefsen.
X „Die fürstliche Autorität" ist in Kurhessen wieder hergestellt: der Kurfürst ist seit gestern, 27. Dezember, wieder in seiner Hauptstadt. Die telegr. Dep. der „O.-P-A.-Ztg.", die dies Ereigmß meldet, setzt hinzu: „Sämmtliche hier anwesende f. k. österreichische, L preußische, k. bayerische und kurfürstlich hessische Truppen waren in großer Parade aufgestellt und vesi irrten vor dem Kurfürsten. Die beiden Herren Coin« niissaneu, alle Beyoroni und die Offiziere der vorbemerkten Truppenahcheilnuge« wurden von Sr. kvnigl. Hoheit empfangen." Was unter diesem: „alle Behörden" zu Mstehen, ist uns nicht recht klar. Eingeführt wurde Der Kurfürst durch folgende Verordnung, welche im ganzen Lände in zahlreichen Abdrücken verbreitet wurde: „Der den kurfürstlichen Verordnungen vom 4., 7. und 28. September d. I gewährte Bundesschutz macht es nothwendig, daß deren allseitige Vollziehung und Handhabung gesichert und überwacht werde. Alle kurfürstlichen Behörden, in deren Wirkungskreis die Bestimmungen der genannten Verordnungen und die auf deren Vollzug berechneten weitern Regierungsmaß- regeln und Beschlüsse des hohen Buuves und seines Coinmissärs einschlagen, werden daher für die gehörige Befolgung persönlich haftbar gem:cht, nnd haben, nach Maßgabe ihrer Dienstcompetenz, Dabin zu wirken, daß alle Contraventionen dagegen zur Bestrafung gezogen werden. — Insbesondere beauftragt der Unterfertigte die Herren Bezirksdirectoren des Kurfürstenthums, diese Weisung und Warnung gehörig bekannt machen zu lassen, und durch die ihnen untergebenen Verwaltungs- und Polizeistellen, sowie durch, die Gendarmerie alle sich noch ergebenden Renitenzfälle und Contraventionen dem Unterfertigten unmittelbar zu melden, damit we, gen der strafrechtlichen Behandlung das Erforderliche befohlen werden kann. - Die Herren Bezirksdirectoren werden daneben angewiesen und ermächtigt, wegen etwa erforderlichen Beistandes der BunveStruppen sich an
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