M 302
Freie ZetlMü.
---- «nh Hcc^tl“
Wiesbaden. Samstag, 21. December
Einladung zum Abonnement.
1850.
Mit Ende des Jahres beginnt ein neues Abonnement auf die .Freie Zeitung". Tendenz und Haltuna unserer Gethin
Dre stets zunehmende Erweiterung ihres Lesekreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher O bekannt. UH m ^ert' und Uebersichtsartrkeln m Benchten über die Ständesitzungen, Affisen und sonstigen in den freien Institutionen begrünt tâg' handlungen die poütlschen und sozialen Angelegenherten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korresvo. ^ noch.lebhafter als bisher unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und rmterhaltendès Feuilleton brr!?» _ Bestellungen aufdie mit Ausnahme des Sonntags täglich erscheinende „Freie Zeitung" wolle man baldr'gst machen, in Wiesbaden bei der ErpediL. ^ ®» ^^^ ^ Buchhandlung), auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnementspreis iß vierteljährig hier in Wies baden 1 fl 45 fr., durch die Post bezogen mit verhaltmßmaßrgem Aufschläge. - Jnserationsgebühren: die vierspaltige Petitzeile 3 fr.
Aus Schleswig - Holstein.
X Die Sache unserer überelbischen Brüder schwebt seit Jahr und Tag zwischen Himmel und Hölle, weil Volk und Heer sich nicht über den einseitig nationalen Standpunkt erheben konnten oder wollten. Es ist kein Kampf um die Freiheit, sondern blos um die Unabhängigkeit von einem fremdredenden Herrscher, der dort gefochten wird; es ist nicht die ganze moderne Staatsanschauung, die dort nach Geltung ringt, sondern nur die eine Seite; und deshalb bleibt dieses Streben und Wagen Stückwerk. Wenn Männer nicht zur Führung einer Volksbewegung taugen r so sind es die Statthalter in Kiel, die aus lauter Doktrinärismus nicht einmal den Muth haben, mit den ersten Bürgerrechten des modernen Staats Ernst zu machen. Ein Volksstamm, der auf dem Punkte steht, wo es heißt: „Biegen oder brechen", und doch fortwährend in solchen Händen bleibt, kann unser tiefstes Mitleid erregen, doch nicht unsere begeisterte Mitwirkung. Nirgends aber hat sich diese Unklarheit schlagender gezeigt, diese Halbheit schwerer gerächt, als in der Kriegführung. Oder ist es nicht wahr, daß die Männer der Statthalterschaft und Landesversainmlung sich für Wrangel begeisterten, für einen Mann, der ein derber Haudegen ist, doch in seinen Ideen über Volksrechte und Freiheit besieg nach Rußland, als gegen die demokratischen Dänen paßte? Und „Papa Bonin", was war erbmSchleS- wig-Holsteinern? Ein guter Preuße, ein treuer Diener seines Kriegsherrn, ein leutseliger Offizier, doch fürwahr kein Volksfeldherr. Als Bonin „die Platte geputzt hatte", griff die Statthglterschaft zu Willisen. Wir haben diesen Glückssoldaten gekannt und vom ersten Tage an vor ihm gewarnt. Willisen ist kein Stümper, er ist sogar ein ausgezeichnet wissenschaftlicher Militär; er wäre technisch vollkommen fähig gewesen, den wichtigen Posten auszufüllen, gehörte zu einem Volksführer blos Verstand und Wissenschaft. Herzlose Spekulanten sind die gefährlichsten Feinde einer solchen Sache. Man hat den demokratischen Blättern nicht glauben wollen, bis es zu spät war. Jetzt geht allerdings sogar Blättern wie dem „Fr. I." ein Licht auf; ihin wird von Kiel geschrieben: „Man erzählt sich von Willisen, daß derselbe während der Dauer seiner Heerführung mit einer hohen Person in Preußen korrespondirt und mit diesem Briefwechsel eine gewisse Ostentativ» getrieben habe. Bei dem Ver- .gleich zwischen ihm und v. d. Horst rühmen die niederen Rangordnungen des Militärs besonders des letz
teren strenge Gerechtigkeit und sein unterschiedsloses Benehmen gegen Hohe und Niedrige, gebildete und geringe Leute in der Armee, während man Willisen ein aristokratisches Unterscheiden, die Darlegung eines Kastengeistes in Bezug auf Vornehme und Gebildete zum Vorwurf machte. Gleich bei dem ersten Eintritt erregte er das unwillige Befremden der gemeinen Soldaten, die an die preußische Höflichen? Bonin's gewöhnt waren, dadurch, daß er einen Mann von anscheinend bürgerlicher Herkunft mit Du apostrophirte, einige^ Andere, die ein mehr gebildetes Aeußere hatten, mit Sie beehrte. Es wagt fick auch immer lauter und dreister die Behauptung hervor, daß auch in diesem Jahre das Kriegsspiel der verflossenen wäre fortgesetzt, daß jedesmal das Zeichen zum Rückzug wäre ge- blaien worden, wenn man den Feind in seiner Gewalt gehabt hätte, besonders wäre dies bei Missunde der Fall und die eigentliche Veranlassung zu dem Zer- würfniß zwischen Tann und dem Obergeneral gewesen. Leider bleibt diesem nicht viel mehr, als die Alternative übrig, entweder seinen moralischen, oder seinen militärischen Ruf zu verlieren."
Wie Willisen, so hat sich General Gebhard, der Führer der Avantgarde, ausgewiesen: er versuchte noch Alles, um eine ganze Reise höherer Offiziere gleichfalls zum Abschied zu bewegen, und es fehlte wenig am Gelingen dieses saubern Treibens. Warum hat man diese Menschen nicht vor's Kriegsgericht gesellt, da man gegen Gemeine tw£ ^^iMiart wur^ Ja, wären sie Demokraten gewesen; doch Aristokraten — Pa?~rjr ganz etwas Anderes!! — General V. d. Horst ist jetzt Oberbefehlshaber. Er kommt zu spät! Was haben, oder vielmehr, was hätten die Schleswig-Holsteiner von ihm zu hoffen, wenn sie noch hoffen dürften ? Der „Rhein.- westf. Z." wird über des Mannes Persörlichkeit geschrieben: „Herr von der Horst ist ein preußischer Offizier der im Jahr 1847 seinen Abschied erhielt. Er ist Ihnen wohl aus seinem Aufenthalt in Bielefeld bekannt, wo er das Füsilierbataillon des 15. Regiments führte und in unangenehme Conflicte mit den Vorstehern der dortigen Ressource gerieth, in Folge deren Bielefeld sogar eine Zeit lang seine Garnison verlor. Die rücksichtslose Energie, die er hier zeigte, bewährte er in seiner späteren Stellung als Oberst und Commandeur des 19. Infanterieregiments in Posen. Er ist als prompter, strenger und tüchtiger Soldat in der Armee bekannt; man weiß ihn zu schätzen, wenn seine Untergebenen auch nicht im Stande sind, ihn zu. lieben.
Seinen Abschied erhielt er, als er trotz mancher Abmahnungen dennoch sich mit einer polnsichen Dame verheiratete , die zu der fanatisirtesten Partei ihrer Nation gehörte und die Tovtenmesseii für den standrechtlich erschossenen Babinsky in die Mode brachte, späterhin auch sich lebhaft an- den Bewegungen des polnischen Aufruhrs betheiligt haben soll? Er lebte seit jener Zeit in Posen als Privatmann in Verhältnissen, für die allerdings eine starke und zähe Natur, wie die seine, gehörte. Einer seiner Regimentskameraden, dem ich diese Notizen verdanke, versicherte mir, daß man von diesem Manne in seiner jetzigen Stellung unter Umständen Unglaubliches — und sollte es ein Act verzweiflungsvoller Energie sein — erwarten dürfte."
Nassauischer Landtag
// Wiesbaden. (Sitzung vom 19. DecJ Die Kammer beschließt die Jnbetrachtnahme des Braun- schen Antrags: die Steuererhebung für den Pensions. fond der Relicten der Lehrer betreffend, und die Abgabe desselben an den Ausschuß für Prüfung des Ein- nabmeetats zur Berichterstattung. Raht stellt den Antrag, die Kammer möge die Erhebung dieser von den Ständen nicht bewilligten Steuer, für eine Verfassungsverletzung erklären, und Wimpf: die Erhebung genannter Steuer solle suspendirt werden bis zur erfolgten Beschlußfassung der Kaimner. Die Ma- l^rtat enkickeidet jLb âck_Mr Jnbetrachtnahme dieser beiden im Laufe der Diskussion veremigren stntr^. Da sich Raht jedoch mit der Uebergabe des Antrags an den Ausschuß des Einnahmeetats nicht einverstanden erklärt, so wird die Wahl eines besonderen Ausschusses erst nach der Vertagung stattsinoen. In den Ausschuß zur Berichterstattung über die Regieruugs- cingabe: die Schuldentilgung betreffend, werden gewählt: Großmann, Wimpf, Leisler, Gergens, Blum.
Keim fragt nochmals wegen der versprochenen Medicinalorganisation an, und stellt für seine Person den Antrag, die Vorlage derselben möge jedenfalls nach Neujahr erfolgen. Born und Unzicker wiederholen ihren schon früher einmal gestellten Antrag: die Kammer möge beschließen, daß jedem Geschwornen, der nicht am Ort der Ässisen wohnhaft sei, auf Verlangen ein Tagegeld von 1 fl. ausgezahlt werde. v. Eck und Wimpf stellen den gemeinschaftlichen Antrag, das Ministerium möge beim Wiederzusammentritt per Kam-
Die Arbeitseinstellung der Tuchfabrik- arbeiter von Lennep.
Die Tuchfabrikarbeiter von Lennep rechtfertigen in der „Westphäliscken Zeitung" den Schritt, zu welchem sic durch die höchste Noth gezwungen wurden und entwerfen darin eine so traurige Schilderung ihrer Lage, daß wir uns nicht enthalten können, daraus Folgendes mitzutheilen: _ i
„Die Fabriken sind eine Strecke von der Stadt, entfernt. Die Arbeiter wohnen zum kleinsten Theile ; in pfV Nähe dieser Fabriken; die größte Zahl eine halbe, viele eine ganze, einige % Stunden von dem Fabriklokale entfernt. Die Arbeit beginnt Morgens um 5 Uhr und endigt Abends 9 Uhr. Mit dem Schlage 5 muß der Arbeiter am Thore der Fabrik stehen; i kömmt er 5 Minuten zu spät, so wird von seinem , Lohne einelStunde abgezogen, indessen ist er verpflichtet, während dieser Stunde noch zu arbeiten. Tue Entfernung dieser Arbeiterwohnung zwingt den Arbeiter, schon um 4 Uhr aufzustehen, damit er bei dem Ruf der Glocke sein Tagewerk beginnen kann. Zum Frühstück haben wir, wie Mittags und Nachmittags zum Essen des Vesperbrodes, eine halbe Stunde Zeit. So haben wir denn ein Tagewerk von 16 Stunden, ;wci Drittel des Tages! Da aber die meisten von uns eine Stunde gebrauchen, um zur Fabrik zu gehen,
und Abends nach Hause zu kommen, um die kärgliche Mahlzeit einzunehmen, so bleibt unserm Körper nur eine Ruhe von 6 Stünden.
Wer will uns zum Vorwurf machen, daß bei solchem Leben unser Geist keine Pflege findet? Wir kön- : nen unsere geistige Verkommenheit wohl eingcstehcn, ( ohne zu erröthen, — die Schmach drückt nicht uns! ' Aber wir sind auch verbunden, wenn es verlangt wird, an Sonntagen zu arbeiten; wir sind verpflichtet- wenn die Noth "es fordert, die Arbeit auszudehnen. Im verflossenen Winter haben wir in einer Fabrik abwechselnd um den andern Tag bis 10 und 12 Uhr Nachts arbeiten müssen; mußten aber dennoch um 5 Uhr früh anfangen. Man war so barmherzig, ihnen zu erlauben, in der Fabrik die wenigen Stunden Schlaf zu genießen, — aber das Glück dauerte nicht lange. Man glaubte davon Nachtheil zu haben und die Arbeiter wäre gezwungen, auch in der Nacht den weiten Weg zu machen; zu einer Jahreszeit, wo mitunter des tiefen Schnees wegen die Post nicht fahren kann, mußten sie, um 3 oder 4 Stunden Schlaf zu genießen, zwei Stunden gehen!
Die Entfernung der Arbeiterwohnungen macht es in den meisten Fällen unmöglich, die Miltagsmahlzeit warm zu genießen. Drum nehmen die Meisten des Tags zuvor bereitete Essen kalt mit, um es nach einer Wärmnng an der Maschine zu essen. Manchen lägt die Noth das warme Essen als Lurus erscheinen und
' sie beschränken sich darauf, über das trockene Brod ein Gebet zu sprechen!
Unser Lohn wird stundenweis gezahlt und betragt für den jüngern Arbeiter 6—8, für den ältern 9 -10, höchstens 11 Pf. Die 3 zum Essen nöthigen Stunden werden vom Lohne abgezogen und so ist der Durch, schnittsbetrag des Wochenlohnes 2 Thlr. 10 Sgr.; hiervon müssen wir noch eine Kleinigkeit für unsere Krankenkasse abgeben. Bei solchem Verdienst sind die Lebensmittel theuerer, als in den Nebenorten. Für die geringste, dürftigste Wohnung ,nuß der Arbeiter einen Zins von jährlich mindestens 30 Thlr. zahlen, ein Betrag, der allein ein Viertel des ganzen Verdienstes in Anspruch nimmt.
Der Verdienst von 14^', Stunden macht zu 10 Pf. per Stunde täglich 12 Sgr. 1 Pf.; davon geht ab für Miethe 2 Sgr. 6 Pf., für die Krankenkasse der Arbeiter 3 Pf., — es bleibt also dem Arbeiter zur Ernährung seiner Familie die Summe von 9 Sgr. 4 Pf., doch ist er gezwungen, damit so zu wirthschaften, daß ihm für den Sonntag etwas bleibt und Mann, Weib und Kinder sind doch auch verpflichtet, Kleidung zu tragen, also auch zu bezahlen! Bei dem theuren Preise der Kleidung in unserer Stadt ist eine Summe von 15 Thlr. im Jahre für Mann, Weib und Kinder nicht zu viel, eher zu wenig. Es bleibt also für "llah- num täglich 8 Sgr. 1 Pf. bei einem Stande von 4 Personen für die Familie, also für die Person 2 Sgr.