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^§ SOI * Wiesbade«. Freitag, 20* December ISS

Ginladung zum Abonnement.

Mit Ende des Jahres beginnt ein neues Abonnement auf die ,Freie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zeitung sind bekannt Die stets zunehmende Erweiterung ihres Lesekreises t ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher' wird sie täg­lich in Leit- und Uebersichtsartikeln , in Berichten über die Ständefitzungen, Assifen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Ver­handlungen die politischen und sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten noch lebhafter als bisher unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.

Diplomatische Zurüstungen.

X Deutschland gleicht wiederum einem Hexenkessel, nm den die diplomatischen Katzen herumtanzen, um ein neues Wunderelirir zu brauen. Welches sind die In­gredienzien? Die Antwort ist schwer, denn der Eine wirft dies, der Andere jenes hinein, keiner traut dem Anderen, die Meisten trauen sich selbst nicht. Es ist ein langweiliges Geschäft, über die Kniffe und Pfiffe, über die Schlangenwindungen der großen und kleinen Politik Bericht zu erstatten; es ist um so langweiliger, weil uns die Sache eigentlich gar nichts angeht. Denn was auch in Dresden gebrauet wird, es wird min­destens eine ungeheure Einseitigkeit, da die Dynastien allein dabei das große Wort sich vorbehalten, und über die Völker entschieden werden soll ohne die Volks- stimme. Die Contrerevolution steht jetzt endlich auf dem Punkte, sich zu organisiren, wie sich die Revolu­tion nach dem Vorparlament zu organisiren suchte. Wird sie glücklicher sein; hat sie aus der Paulskirche etwas gelernt? Die freien Coiifereuzen sind laut derDtschen. Nef." konstituirende; sie nehmen dasselbe Recht (?) wie die Paulskirche in Anspruch", werden jedoch vermeiden,in ähnliche Resultate .einzn- gehen, in welchen die Frankfurter Versammlung den Kern ihrer Wirksamkeit suchte." Wir werden ja bald sehen, ob die Diplomaten einiger, als die Volksreprä­sentanten sind ? Das preußische Einladungsschreiben, das dieKöln. Ztg." Heute bringt, beginnt mit dein Satze: ^Schorr., seit Jahrzehnten hat sich durch ganz Deutschland das Bedürfniß und der Wunsch nach durchgreifenden Reformen der Verfassung des deutschen Bundes un­zweideutig kund gegeben. Es war allseitig in weiten Kreisen erkannt, und es wurde von wahren wohlmei­nenden Freunden des Vaterlandes am peinlichsten em­pfunden, daß namentlich die durch die Bundes-Verfas- snng von 1815 geschaffene oberste Verwaltungs-Behörde des deutschen Bundes nur in sehr geringem Maße den Ansprüchen entsprach, welche an ihre Wirksamkeit nach innen und außen gerichtet werden durften, daß sie die deutschen Staaten nicht innig genug verband, Edles und Gemeinnütziges im ganzen Umfange Deutschlands nicht kräftig förderte, und die Gesammtheit gegen das Ausland nicht so lebendig und entscheidend vertrat, als die Masse der in Deutschland vereinigten geistigen und materiellen Kräfte und die Erinnerungen an die Vorzeit mit vollem Rechte erheischten. Die einzelnen Regierungen deß deutschen Bundes haben diese Män­gelschmerzlich beklagt, und die auf eine Revision der Bun- des-Verfassung gerichteten Wünsche lebhaft getheilt. Allein verschiedene Versuche, die Mängel des Bestehenden zu

Der Gothland'sche Prozeß.

* Die skandalösen Priesterprozesse mehren sich in Frankreich wieder, und durch sie die Anstrengungen der Jesuiten in der Presse und in der Nationalversamm­lung, diese Dinge der Oeffentlichkeit der Assisensäle zu entziehen und wieder eine exceptionelle Gerichtsbarkeit für die Geweihten einzuführen. Es ist allerdings un­bequem, daß die Segnungen des Cölibats so grell an den Tag treten, aber es lst nun einmal die Schuld der Angeklagten und nicht des Juryinstituts, daß die Priester- prozesse so ost skandalös sind. Das größte Aufsehen hat aber der Gothland'sche Prozeß erregt. DieMzr. Abendp." bringt über denselben nachfolgenden Bericht:

Vom 29. November bis zum 5. Dezember dieses Jahres stand vor dem Assisenhofe der Charente, in Angouleme, Lorenz Gothland, 29 Jahre alt, Pfarrer in Saint Germain, und Laura Goupilland, verehel. Du Sablon, 30 Jahre alt, angeklagt, die Fanny Or- donneau, verwittwete Deguisal, durch Gift getödtet zu haben. Gothland lebte schon längere Zeit in ehebre­cherischem Umgänge mit Laura Du Sablou, der Gattin seines nächsten Nachbars, eines Arztes. Die Wittwe Deguisal, Haushälterin des Pfarrers^ hatte aus dem häufigen Besuchen der Frau Doktorin und aus man­cherlei anderen Gründen schon längst das Bestehen eines derartigen Verhältnisses geahnt unb, von Neugierde

heben, hatten bei der Größe und Vielseitigkeit der Auf­gabe, neue und ausreichende Institutionen zu schaffen, immer nur einen wenig befriedigenden Erfolg. Der Grund hiervon lag theils darin, daß die Bundes-Ver­fassung von 1815 nur eine sehr ungenügende Hand­habe zu organischen Aenderungen darbot, theils und hauptsächlich aber darin, daß die Folgen der Unzuläng­lichkeit dieser Verfassung sich noch nicht durch die Er­fahrung in ihrer ganzen Schwere praktisch fühlbar ge­macht hatten. Durch die Ereignisse des Jahres 1848 hat sich Letzteres auf das Allerentschiedeiiste geändert. Es ist nicht nothwendig, hier nachzuweisen, wie wenig sich die Bundesverfassung damals geeignet zeigte, dem berrannabenden Sturme zu widerstehen und den be­drohten Einzelstaaten Schutz zu gewähren; sie trat thatsächlich außer Kraft; die Grundlage des Bundes war erschüttert, und der zu jener Zeit begonnene Zu- stand der Zerrissenheit in dem Lefammten Vaterlande dauert noch gegenwärtig fort. Die seitdem einge­schlagenen Wege zur Heilung dieser Zerrissenheit haben nicht zum Ziele geführt. Unter allen Erschütterungen und unter den manichfachen Gestalten, welche die deutschen Angelegenheiten in den letzten Jahren ange- nommen haben, hat die Königliche Regierung an der Ueberzeugung festgehalten, daß die Revision der Ver­fassung und die Neugestaltung des deutschen Bundes aus gemeinsamer Einigung und freier Uebereinstimmung aller deutscher Regierungen hervo'gchen müsse. Von gleicher Ueberzeugung geleitet, hat die Kaiserlich öster­reichische Regierung sich mit uns ^reinigt, sämmtliche Genossen des Bundes einzuladen, zu einer freien Be­rathung über diese hochwichtige Angelegenheit zusam- menzutreten. Als ein geeignetes Mittel, um die nothwen­dige Einigung der deutschen Regiernngen herbeizuführen, erscheinen gemeinsame Miuisterial-Couferenzen, wie sich solche .schon in früheren ähnlichen Fällen bewährt haben." Die Grundgedanken, von denen die Verhandlungen ausgehen sollen, sind nach Wiener Berichten:erstens vornehmlich, daß der deutsche Bund unauflös­lich ist; zweitens, daß seine bisherigen Grund­gesetze bis zu dem Augenblick, als die Revision voll­endet sein wird, unverbrüchlich gelten; drit­tens , daß eine starke Vertretung der Interes­sen der Gesammtheit nach Innen wie nach Außen ge­schaffen werden soll; viertens, daß die Ergebnisse der Conferenzen nach Vorschrift des vierten Artikels der Schlußakte von der Gesammtheit der deut­schen Bundesstaaten sanctionirt werden müs­sen. Darauf wird die neue Bundescentralbehörde be­stellt werden, welche dann sofort die Promulgation der revidirten Grundgesetze vornimmt." Ueber den Ein­tritt der österreichischen Gebietstheilc in den Bund be-

geplagt, sich endlich die unumstößliche Gewißheit ver­schafft, indem sie durch eine kleine, in der Zimmerdecke befindlichen Oeffimng das Paar bei einer seiner Zusam­menkünfte belauschte. Bald darauf gerieth der Pfarrer mit der Wittwe Deguisal, die ein bissiges, altes Weib gewesen zu sein scheint, in Streit, der endlich von Seite des Pfarrers in Thätlichkeiten auszuarten drohte, und darüber aufgebracht, warf das Weib dem Pfarrer das Resultat ihrer heimlichen Beobachtungen durch die Oeff­nung in der Zimmerdecke vor. Der hochwürdige Herr besänftigte sie, bot ihr Geld an, und erhöhte, da sie dieses ansschlug, ihren Lohn auf 100 Franken. Ja, er schrieb sogar am 26. November 1849 an ihren, ihm gänzlich unbekannten Sohn ohne jede weitere Veran­lassung einen Brief, worin er diesem seine Zufrieden­heit mit dessen Mutter zu erkennen gab und ihm gleich­zeitig mittheilte, daß er ihren Lohn erhöht habe. Am 28. theilte die Wittwe diese einzelnen Vorgänge ihrem Sohne und noch mehreren anderen Zeugen mit. Den 16. Dezember nach dem Essen wurde die Frau plötzlich von heftigem Erbrechen überfallen, das fortwährend an Heftigkeit zunahm. Am 21. Dez. 1849 Abends verschied die Unglückliche unter gräßlichen Schmerzen. Während dieser Zeit kam Niemand zu ihr, als Frau Du Sablon, deren Magd, und Pfarrer Gothland. Schon am fol­genden Tage, Morgens um 6 Uhr, erschien der Pfarrer bei dem Bürgermeister, um ausnahmsweise die Erlaub­niß zur Beerdigung der Leiche zu erwirken, die schon

reitet sich in Wien eine neue Wendung vor. England und Frankreich haben sich neuerdings sehr entschiede» gegen den Eintritt GesammtösterreichS, als das Wesen der Verträge von 1815 alterirend, ausgesprochen; Ruß­land spielt wieder, wie zu Anfang der Union, den Neutralen. Oesterreich denkt jetzt nur mit so viel See­len in den Bund zu treten, als dem preußischen Zuwachs von 1848 gleichkämen, also mit Zutritt von Galizien (I?) etwa; sollte dies aber nicht gelingen, so wird Preußen sich mit seinen überschüssigen Provinzen aus dem Bunde wiederhinauszuwerfen" haben!

Ueber das Auftreten der Königreiche Baiern und Württemberg wird wiederholt versichert, daß beide mit einem von Herrn von der Pfordten ausgeheckten Ent­würfe vorschreiten würden; Sachsen wird wie gewöhn­lich den Baum auf beiden Schultern tragen,halb absolutistisch und halb konstitutionell, halb jesuitenla- tholisch und halb lutherschprotestantisch!" lautete ja seit nun fast zwei Jahrhunderten seine Parole. Han­nover ist möglichstliberal", um leise die norddeut­schen Kleinstaaten, mit denen Preußen es verdorben hat, an sich zu ziehen. Die thüringischen und anhal- tischen Minister beabsichtigen gleichfalls eine Vorkonfe­renz zur Berathung gemeinsamer Schritte, die auf Gesammtanträge mit Hannover abzielen. Ueber die Stellung der Umonsstaaten zu Preußen in Dresden wird derSchles. Ztg." aus Berlin geschrieben:Diese Staaten gehen nicht auf das statt der Union vorge- schlagene schütz- und Trutzbündniß ein; denn die Mehrheit von ihnen hat bereits auf die Botschaft we­gen Nichtausführung der Verfassung geantwortet: daß sie Preußen nicht das Recht zugestehen könnten, nach eigenem Ermessen die rechtsgültig festgestellte Verfas­sung aufznheben; wolle Preußen, wie es allerdings erklärt habe, an dem Bündnißstatut vom 26. Mai festhalten , so müsse es auch die Verträge wegen Aus­führung der parlamentarischen Verfassung und Ein­setzung eines Unionsschiedsgerichts zur Wahrheit ma- chen, da die §§. 4 und 5 des Bündnißstatuts es aus­drücklich dazu verpflichteten. Freilich könnten die ver­bündeten Staaten Preußen nicht zwingen, seinen Ver­pflichtungen nachzukommen; nichtsdestoweniger verwahr­ten sie sich dagegen, daß Preußen beliebige Theile des Bündnißstatuts erfüllen, andere nicht erfüllen wolle. Jedermann sieht hiernach, wie die Sache steht; die ; kleinen Staaten denken nicht daran, ein parlamentslo- ! ses Schutz- und Trutzbündniß .definitiv werden zu lasse». ' Das Bündniß, von dessen Erhaltung man noch in den in - , nisterielien Blättern spricht, ist nichts als eine vorn berge, i hende Allianz, welche die kleinen Staaten lösen werden, ! sobald es ihren Interessen angemessen erscheint." Ein Korrespondent derWes.-Ztg." will bestimmt er­

in Verwesung übergegangen sei. Noch an demselben Tage fand das Begräbniß statt. Jetzt erst benach­richtigte der Pfarrer den an einem andern Orte woh­nenden Edmund Deguisal von demTove und der Bestattung ; seiner Mutter. Dieser, durch den plötzlichen Too uno die übereilte Beerdigung aufs Aeußerste betroffen, schöpfte Verdacht, und theilte ibn unterm 28. Dezember dem Staatsprokurator mit, der die Leiche auSgrabe», öffne» und die herausgenommenen Organe durch zwei bewahrte Chemiker untersuchen ließ. Das Resultat der wiffen- schaftliche» Untersuchung war: daß Fanny Deguisal durch Arsenik vergiftet worden sei, und daß höchst wahrscheinlich diese Vergiftung von dem Augenblicke des ersten Uebelbesiudenö bis zum Tod unausgesetzt stattgefunden habe.

Bei einer im Hause des Arztes Da Sablon vor# genommenen Haussuchung fand man ein Fläschchen Arsenik, in dem 20 Gramme fehlten, deren Verwen­dung nicht nachgewiesen werden konnte. Der Pfarrer und bald nachher Laura Du Sablon wurden verhaftet und erschienen an dem oben bemerkten Tage vor dm Geschwornen des Departements de la Charente.

Eine ungeheure Menschenmenge von uah und fern hatte sich zu den Verhandlungen eingefunden. Der Pfarrer ist eine breite, kräftige, untersetzte Gestalt mit sorgfältig gescheiteltem Haare, blühen Dem Gesichte , in bürgerlicher Kleidung. Seine Mitangeklagte, vollstän­dig'in schwarzem Kleive und Schleier verhüllt, obgleich