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Wiesbaderr» Sonntag, 15. December
„âeihen und Recht! '^
1850
Dir „Fr ete Zeit ung« erscheint, mit Ausnahme deâ Montags, täglich in einem Bogen. — Der Adonnementspeets beträgt v iertrltâ-rtg »ter in Wiesbaden » y 45 ,t Qu#. wärtS durch die Pofl bezogen mit verhäUnißmäßigem Aufschlag». — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Berdrettung der „Freien Zrttuna" Sets von wirk, samem Erfolge. — Die JnserattonSgebühreu betragen für die vierspaltig» PrtttjAlr 3 Kreuzer.
PrenHens Stolz und Preußens Schmach.
II.
V Wenn ein deutscher Regent groß genug geweseu wäre, den bescheidensten Forderungen der Zeit zu genügen, wenn Einer den Constitutionalismus aufrecht erhalten hätte, dann wäre die Zeit der Demokratie selbst in der Ueberzeugung noch nicht gekommen, das genügsame deutsche Volk hätte gesprochen: „Ich bin zufrieden, ich verlange noch nichts Weiteres." Selbst die wenigen Demokraten aus Prinzip würden zufrieden gewesen sein, wenn man ihnen die Gedanken- und Redefreiheit ließ, um die Republik für die consequente Staatsform freier Menschen zu erklären und langsam für künftige Zeiten vorzubereiten. Es sollte anders kommen; durch das Uebermaß des Elends, durch die bitterste Enttäuschung sollte das Volk zur Einsicht gelangen.
Die Demokratie ist jetzt die einzige Hoffnung des Volkes. Wir verkennen indeß nicht, daß der Demokratie ; och mächtige Hindernisse entgegenstehen; denn alle stützen der Monarchie sind Hindernisse der Demokratie. Aber die Monarchie untergräbt immer mehr ihre Grundpfeiler, räumt also die Hindernisse der Demokratie hinweg.
Die bekannte Dickhäutigkeit der deutschen Philister, die Krämerangst, daß bei einer Bewegung das Staats- oder auch nur das Tutten-Papier Schaden leideil könne, die Bequemlichkeit der Bureaukratie, der Buch- stabeukram und der gelehrte Rost des Profefforenthums und die falschen Ehrbegriffe des Militärs sind die Grundpfeiler der jetzigen Monarchie. Allein auch die besten Dickhäute fangen an zu fürchten, von den Kroaten und Russen weichgegerbt zu werden; die Geldmacht zittert vor dem Staatsbankerott, und die Krämer fürchten sehr die Industrie und Kultur von Osten, da ohnehin ihr Geldbeutel zu sehr in Anspruch genommen wird, und ihr Spruch ist:
è» Alles, nur nicht Geld und nicht Gewinn,
AlleS geb' ich willig hin;
Ehre und Freiheit bringen nicht Zinsen, Nehmt sie, und läßt nur die Münzen!
Doch die gründlichste Kur hat der Churfürst von Hessen mit dem deutschen Volke bereits angefangen, er hat die „blinden Hessen" durch seinen Operateur Hassenpflug sehend gemacht, und die Bundestruppen führen jetzt die Gleichheit der Bürger in der Armuth ein, heben den Vorzug des Besitzes auf. Wenn Keiner inehr etwas zu verlieren hat, dann wird man einmüthig etwas Neues probiren wollen oder viel- mehr müssen.
In dem stehenden Heere liegt der Schwerpunkt der monarchischen Macht. Aber dieses Heer muß von einer evee beseelt werden, der todte Mechanismus allein thut es nicht. Der Gei; macht wohl feile Seelen zu volksfeindlichen Ministern und Bureaukraten; aber der Geizige fürchtet den Tod, der ihm die Schätze
E Der nassauische Kunstverein.
Wer hätte noch vor wenigen Jahren bei uns an die Bildung eines Vereins gedacht, der die Kunst im Nassauischen zu schützen und zu pflegen unternommen hätte? Und doch hat auch in diesem Punkte ein lange gefühltes Bedürfniß endlich seine Abstellung gefunden und es besteht ein solcher Verein seit nunmehr 3 bis 4 Jahren und zwar nicht nur dem NWen nach, wie mancher andere, sondern in der That und in der erfreulichsten Wirklichkeit mit einer Anzahl von bereits 150 Mitgliedern. — Je mehr man von gewißer Seite her' der Volkspartci den Vorwurf zu machen beflissen ist, daß ihre Bestrebungen den höheren geistigen Interessen ferne lägen oder gar gefährlich seien, um so mehr scheint es Pflicht, gerade der demokratischen Blatter, durch Betheiligung an einschlagenden Fragen, durch Mittheilungen einzelner Erscheinungen im Gebiete der Kunst, zumal durch öffentliche Beurtheilung einheimischer Kunstwerke und KunstdarsteUungen, sowie überhaupt durch Belehrung über den Zusammenhang der Wissenschaften und Künste mit den übrigen socialen und politischen Einrichtungen eines freien Staates den Beweis des Gegentheils zu führen. Es würde dadurch nicht nur manchen Vorurtheilen begegnet, welche, aus einer oberflächlichen Betrachtung der Dinge entspringend, von den Gegnern zur Herabsetzung der De- mokratie überhaupt ausgebeutet werden; es würde da
raubt, drum darf der Soldat, der Offizier den Gei; nicht kennen. Der Krieger muß eine edle Leidenschaft mit Leichtsinn und Genußsucht verbinden, damit er die Freuden hasche, aber dem Tode trotze. Die Monarchie kann die Moralität nicht brauchen, aber der Ehrtrieb, der Sittlichkeit zunächst stehend, kann ihr Alles leisten, was sie bedarf.
Der Drang, für rechtschaffen und edel zu gelten, läßt sich leicht dahin biegen, seine Befriedigung in der Auszeichnung, gleichviel wodurch, zu finden. Sich beachtet, sich ausgezeichnet zu sehen, schmeichelt der Eitelkeit, und die Thorheit läßt glauben, diese Auszeichnung sei wirklich Ehre. Daher der Stolz eines unbändigen, mißrathenen Bauernburschen, wenn er für den größten Raufbold gilt; daher die Wonne des jungen Studenten, wenn er Fuchsmajor geworden; daher der Stolz der Miethsoldaten, sich gut geschlagen zu haben für ihren Sold, und sei es gegen das Vaterland; daher die kindische Freude erwachsener Männer, ein buntes Band oder ein sstück Metall umgehäugt zu bekommen; daher der Nationalstolz unwissender Völker wegen des Kriegs- ruhinö ihrer Herrscher. Aber wenn man nun dein Soldaten den Stolz raubt, sich geschlagen zu haben; wenn man ihn stets ausweichen laßt: dann fängt er an über die vermeintliche Ehre nachzudenken, kommt zur Besinnung und kehrt zum Wege der Pflicht. Die Offiziere Kurhessens haben bereits vom Baume der Erkenntniß genossen, die preußischen werden es durch den commandirenden Telegraphen.
Die Erkenntniß der Schmach ist zugleich die Erkenntniß der Wahrheit und der menschlichen Würde. Deutschland wird einig, dafür, sorgt der Czar mit seinen '— Getreuen.
Das Necht deS Stärkern als neues Bundesrecht.
X Was werden die freien Conferenzen den Völkern bringen? Die offene Proklamirung des Satzes: Wo die Gewalt, da ist das Recht; jedes Recht, ohne die Gewalt, sich geltend zu machen, ist Anarchie; „jede Regierung, die Ordnung zu schaffen weiß, ist besser als Anarchie", jede Regierung, die sich über dem Gesetze und trotz dem Rechte zu halten. versteht durch Gewaltmittel, ist besser als Gesetz und Recht; die Revolution für Freiheit und Recht ist todt, es lebe die Revolution der Gewattviktatur!
Dies ist die Quintessenz der Theorien, welche das Bundesorgan, die „O.-P.-A.-Z.", in seinem Manifeste: „Die Dresdener Conferenzen 1.", zu entwickeln sich nicht scheut; es ist durchaus dieselbe Beweisführung, welche in Hassenpflugs Dokumenten vor wenig Wochen noch ganz Europa in Harnisch brachte; doch wir sind seitdem weiter gekommen! Zum oeleg, daß wir keineswegs übertreiben, heben wir die Hauptstellen aus. Man höre! Mit den Dresdener Konferenzen,
durch auch — und dieser Gewinn wäre wohl der er- heblichüe — die Möglichkeit eröffnet, bei der großen Mehrheit des Volkes ein Interesse für Gegenstände und Darstellungen zu erwecken, von denen die meisten, aus Mangel an Gelegenheit zu derartiger Ausbildung, entweder nur sehr mangelhafte oder sehr verkehrte Begriffe zu hegen gewohnt sind.
Der Abgeordnete Snell scheint einen solchen gehobenen, von freier allgemeiner Bildung getragenen Zustand unseres nassauischen Volksstammes im Auge gehabt zu haben, wenn er neulich bei Erörterung der Wiesbader Theaterangelegenheit die ^Festsetzung einer Nnterstützungssumme nur für das laufende Jahr festgesetzt, die genauere Feststellung der ganzen Anstalt aber der künftigen Kammer Vorbehalten wissen wollte, bei der, wie er vertrauensvoll hinzufügte, es sich Herausstellen werde, daß auch eine rein demokratische Kammer die Interessen der Kunst zu schätzen und zu schützen wisse. Auch wir haben bis jetzt keinen Grund, an der Erfüllung dieser schönen Erwartung zu zweifeln; aber erfreulich darf man es nennen, daß schon der deruraligen Kammer bei ihren gar nicht enden wollenden Verhandlungen Gelegenheit geboten wird, zu^zeigen, daß es ihr, und insbesondere ihrer linken Seite, mit der Unterstützung derartiger Zwecke wirklich,Ernst ist. — DemVernehmen nach wird nämlich das Ministerium, auf wiederholte deSfallsige Bemiihungen des Kunstvereins, diesmal zum ersten Mal eine summe ins Budjet auf.
beginnt das Manifest, sind wir jedenfalls in ein neues Stadium getreten. „Die Volksparteien sind in den Hintergrund gedrängt und die Negierungen haben ihre Stellen eingenommen. Von den Ergebnissen der Conferenzen, den leitenden Grundsätzen, die man für den einzuhaltenden Gang der deutschen Politik aufstellen, den Beschlüssen, die man überhaupt fassen wird, kann die ganze Zukunft unseres deutschen Vaterlandes abhängen. Wenn es überhaupt mög, li ch wäre, daß eine Nation, alle frühern Bedingungen ihres Daseins vergessend, sich plötzlich eine von Grund ausgehende politische Neugestaltung zu geben vermöchte, so würde noch nie eine Nation in einer ähnlich begünstigten Lage gewesen sein, wie die deutsche im Jahr 1848. „„Die Menge hat von jehei genarrentheidigt""; hier war es aber nicht sowohl die Menge, von welcher die Narrentheidigung ausging, sondern vielmehr de tonangebenden Leiter und Führer waren es, die von völliger Bethörung hingerissen schienen. Das deutsche Parlament enthielt die Blüthe (?) des deutschen Geistes. Und was war der Erfolg? Die deutsche National- versammlung hat sich in sich selbst verzehrt und aufge- rieben. Dem Parlamente gingen alle praftis^en Eigenschaften ab, die zur Erreichung seines Zwecks erforderlich waren. Die Nation und ihre Vertreter zeigten im Grund mehr die Zustände und Gebrechen, womit Völker ihre Freiheitsperiode zu beschließen, nicht die Eigenschaften, womit sie sie zu beginnen pflegen. (!?) Von demselben Geiste waren auch die weitern Bestrebungen für die zu erreichende deutsche Einheit durchdrungen Auch die jetzigen preußischen Kammern, soweit das Trachten geht, durch Wahrung einer angeblich verletzten preußischen Ehre Deutschland zu nutzen, sind nur die Fortsetzung nnd der Schluß desselben Verlaufs, wenn auch unter gänzlich veränderten Umständen. Die Anrede des Grafen Schwerin bei seiner Wahl zum Präsidenten war eine vollständige Parabel zu der berühmt gewordenen Anrede, in welcher jener kühne Mißgriff geschehen, der so viel Verwirrung nach sich gezogen; und würden die Verhältnisse es den Berliner ConstitulioneUen gestatten, die Rennbahn, zu der sie sich einzudrängen versuchen, nach ihrem Sinn zu durchlaufen , sie würden ohne Zweifel mit gleicher Ueber- stürzung und ähnlichem Schicksal für ihr Land enden, wie das deutsche Parlament. Bei solcher Lage der Sachen würden wir es daher für ein großes Glück achten, wenn die angebahnte Verständigung der Regierungen gelänge und das nothwendig gewordene Weit durch sie zu Stande käme. Daß die Regierungen dazu auf das vollständigste berechtigt sind, (!) und zwar ohne besondere Zustimmung irgend einer Volksvertretung, braucht kaum berührt zu werden. In der Politik kann nichts zur Geltung gelangen und Anerkennung zu finden für befugt angesehen werden, was sich nicht Geltung zu verschaffen weiß, eine Marime, die überall anerkannt wird, wo politische Praris zu Hau e
nehmen, die der Unterstützung angehender künstlerischer Talente, der Vermehrung der vorhandenen hiesigen Sammlung von Gemälden und Kupferstichen »uv anderen derartigen guten Absichten des Kunstvereins bestimmt sein soll. Da wird denn seiner Zeit die Verhandlung und Abstimmung über diesen Posten eine passende Gelegenheit abgeben, den Interessen der Kunst in unserem Lande von Seiten der Volksabgeordneten warm das Wort zu reden und das Ministerium nicht bloß bei seiner diesmaligen Vorlage zu stützen, sondern noch zu erhvheter Thätigkeit auf dem kiugkschlageneu Wege zu ermuntern. Diejenigen Mitglieder der Kammer, welche über Jtved und Ziel und Tyätigkeit dieses Vereins bis jetzt etwa noch keine nähere Kenntniß genommen haben sollten, werden jedenfalls wohl thun, demselben einige Aufmerksamkeit zu schenken, wozu eS ohnehin bei dem dermaligen schneckengang ihrer Arbeiten den meisten nicht au Zeit fehlen kann. — Vor allem verdient die von dem Verein eröffnete permanente Kunstausstellung im Bildersaal deS Museums eine auszeichnende Erwähnung. Es werden dort die dem Verein zugehörigen Kupferstiche und andere Blätter nach und nach dem kunstsinigen Publikum porgelegt und die inländischen Maler, Kupferstecher, Zeichner benutzen diese Gelegenheit aufs lebhafteste, um ihre Arbeiten dort auszustellen. Es find gegenwärtig mehrere Kunstgegenstände daselbst ausgestellt, die selbst der Kenner >-icht ohne innige Be-