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WiesbaLe«. Samstag, izt. December

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Preußens Stolz und Preußens Schmach.

I.

Und wenn der große Friedrich kommt, Und platscht, nur auf die Hosen, Dann läuft die ganze ReichSarmre, Panduren und Franzosen;!"

V So fang vor hundert Jahren das deutsche Volk voll Begeisterung für seinen Helden und großen König. Damals lebte im deutschen Volke noch der Glaube an die göttliche Einsetzung der Könige; die Despotie war noch legitim, weil sie dem Glauben entsprach. Die Herrscher von Gottes Gnaden hatten den Talisman ihrer Macht noch nicht zerstört. Das Geheimniß der Despotie, der Talisman aller absoluten Macht, ist der Glaube an die göttliche Würde des Amtes. Um aber diesen Talisman zu bewahren, muß das Volk gewöhnt werden, die Würde von der Person zu trennen, damit jene nicht mit den Gebrechen dieser entehrt werde. Den Menschen, der eine Krone trug, oder der ein geweihtes Haupt hatte, konnte man verachten, ohne im Minde­sten an der höheren Würde der Majestät oder des Priesters zu zweifeln. Den Königen gab man nach ihren Eigenschaften oft nicht ehrende Beinamen, aber das Königthum war heilig. Diese Unterscheidung haben die Herrscher zerstört, als sie ihre persönlichen Schwä­chen unter die Majestät packten und dadurch diese ent­weihten. Die Hochverrathsprozesse haben die Maje­stät ihres Glanzes beraubt.

Vor hundert Jahren noch dachte sich das Volk den König als unumschränkten Familienvater der Nation; aber es verlangte von diesem großen Familienvater auch, daß er die Kraft besitze, einer so großen Familie vorzustehen, verlangte, daß er selbst das Regiment zu führen verstände. Deshalb schickte eS die Betbrüder in das Kloster zu den Mönchen.

Die regierenden Zeitgenossen des großen Friedrich in Deutschland hatten ihrer Erbärmlichkeit wegen keine Achtung, Friedrich war und hieß deshalb derEin­zige", den man für einen achten König hielt. Wenn ein Churfürst von Baiern als Kaiser auftrat und Unterstützungsgelder von Frankreich erbettelte, um diese sogleich für Borden und Knöpfe der Lakaien zu ver­wenden, so mußte natürlich das Volk über die Lakaien­majestät spotten.

Nun trat auf einmal ein Herrscher hervor, der zu herrschen verstand, der seine Ehre in einer für seine Zeit weisen Regierung, nicht in der Menge der Lakaien fand, der Alles war, Alles gewährte, was das Jahr­hundert erstrebte. Mußte sich nicht das Volk, das von ihm beherrscht wurde, damit gehoben und edler, als die übrigen Stämme fühlen?

Das Jahrhundert Friedrichs erstrebte Befreiung vom Formelzwang der Pricsterreligion; es verlange Ord­nung im Haushalte des Staats, festes Gesetz und Ge­rechtigkeit, und es drängte nach gewerblicher und wis­senschaftlicher Entwickelung. Friedrich stand mit die­sem Volksdrange im Bunde; er wollte und förderte, was der Zeitgeist verlangte. Daher war er der Mann des Volkes. Die Absolutherrschaft selbst floß aus den Umständen; der Mann allein, der die Bedürfnisse be­friedigen konnte, war berufen, zu herrschen.

Das Volk selbst traute sich die Kraft der Selbst- beherrung noch nicht zu, hatte noch kein heftiges Ver­langen darnach. Dem Großen, dem man traut, un­terwirft man sich willig.

Mit dem Zeitgeiste im Bunde trat Friedrich ganz Europa entgegen, warf er dem Hergebrachten den Fehdehandschuh hin, und sein Genius und der Volksgeist führten zum Siege. Der große König machte ein kleines Land zur Großmacht, erweckte einen specifisch preußischen Nationalstolz, der das Volk fähig machen sollte, diese Stelle zu behaupten.

Dieser specifische Preußenstolz ist in Deutschland viel besprochen, viel verspättet, viel bejammert worden. Er war damals übrigens gegründet: das Volk, dessen König der Weise hieß, dessen König die Wissenschaft und den Wohlstand förderte, das Volk mußte sich selbst gehoben fühlen. Deutschen Stolz konnte es damals nicht haben, sein Stolz bestand ja in dem Gefühl, besser als die übrigen deutschen Stämme, nicht als die fremden Nationen, zu sein.

Der pommerscheKrautjunker", der die großen Schlachten Friedrichs mitgeschlagen, mußte sich natür­lich besser dünken , als alle süddeutsche Rcichsbarvne, die in der Antichambre wedelten. Erst als dieser Junker- und Preußenstolz den Grund seines Daseins überlebte, da erst wurde er lächerlich. In unserer Zeit

erzeugte dieser Stolz das blinde spezifische Preußenthum, das keines Fortschritts fähig, in sich verrostet, sich gegen den Geist der Zeit stemmte, und in der Demo­kratenhetze seine Ehre suchte.

Aber er wird gründlich geheilt. Der stolze Preuße empfängt seine Befehle von Sanct Petersburg, ist tri­butpflichtig einem Barbarenvolke, er: der vermeintliche Generalpächter der Intelligenz! Und vor jenem Oest­reich, das der Preuße als die leibhaftige Dummheit und Unbeholfenheit betrachtet, muß er sich beugen, ja er wird von diesem Oestreich überlistet! Der große Friedrich fand es schmählich, sich mit Kosacken schlagen zu müssen, fand es zu gering, diese zu besiegen, und jetzt zittert Preußen vor der bloßen Erzählung von den Märschen der Kosackeu!

Doch das Maaß voll zu machen, muß sich das preußische Heer vor Baiern zurückziehen; nachdem man mit Hinauswerfen geprahlt, wird man hinausgetrieben.

Die Schlacht bei Bronzell ist schmählicher, als die bei Jena; denn bei Jena wurde man überwunden nach ehrenvollem Kampf, bei Bronzell wagte man keinen Widerstand. Jetzt mögte das Volk singen:

Und wenn daS Heer des Bundes kömmt,

Die Baièèn und Kroaten;

Dann läuft das stolze Preußenheer, Die Landwehr uno Soldaten!

Bei Bronzell schlug man eine Schlacht, ' Da tödtete der Schrecken

Der Preußen ganze HeereSmacht, Die nicht mehr aufzuwecken!

Dank den preußischen Staatsmännern, der Preuße hat nichts mehr voraus, als die Scham über seinen Fall. Wieder ist eine Partei, die der Einheit Deutsch­lands im Wege stand, am Zerfall, wieder ist ein großer Schritt zur Einigkeit geschehen! Dieselben Umstände, welche vor hundert Jahren für Friedrich und die Dy­nastie der Hohrn^üUeru wirkten, füpmi scHe zur De­mokratie. Die neue Erniedrigung Deutschlands, pro Volkes Elend, des Volkes Hoffen fand keinen Frie­derich : diese Entdeckung erst führte eS in sich selbst zurück, zwang es, Rettung nur bei sich und durch sich selbst zu suchen.

Die Entwaffnung.

X In der königlichen Ordonnanz vom 10. Dez. wird mit dürren Worten gesagt:Nachdem durch eine getroffene Vereinbarung mit dem kaiserlich österreichi­schen Gouvernement die Gründe beseitigt sind, welche am 6. November Meinen Befehl zur Mobilmachung Meiner ganzen Armee hervorgerufen haben, so beauf­trage Ich das Staatsministerium, die weiter noch zur kriegsfertigen Aufstellung des Armee-Corps in der Aus­führung begriffenen Maßregeln einjustellen und allmäh­lich die Reduktion der Truppen auf den früheren Stand eintreten lassen." Es handelt sich daher nicht blos um Entlassung des zweiten Landwehraufgebots, die bis zum 15. Dezember, also bereits 3 Tage vor Eröffnung der Dresdener Konferenzen vollbrachte Thatsache sein soll, sondern um gänzliche Demobilisirung. Einigermaßen im Widersprüche hiermit steht die Nachricht, die wir in mehreren Blättern und auch in derO.-P.-A.-Z," finden: Während im Innern des Landes die Mobilmachung insoweit vermindert wird, daß die Entlassung der Land­wehr zweiten Aufgebots zum 15. d. M. erfolgen soll, werden in den Provinzen W e st p r e u ß e », P o se n und Schlesien die Rüstungen eifrig fortgesetzt. Das erste Armeekorps nimmt in Stargard seinen Stand. Zwi­schen Marienburg und Dirschau wird über die Weichsel eine telegraphische Verbindung eingerichtet, da in letz- term Orte der Stab sein Quartier bezieht. Von Brom­berg gehen Truppen nach Posen, andere marschiren nach Schlesien und der sächsischen Grenze. Karten von Schlesien und Posen und Festungspläue dürfen nach Rußland und Oesterreich nicht mehr verkauft werden. Zu Reisen nach Böhmen re. werden Regierungspässe erforderlich. Die Nachricht, daß das dritte rus­sische Armeekorps in Eilmärschen in das Königreich Polen eingerückt ist, scheint das Hauptmotiv zu den beschleunigten Rüstungen gegeben zu haben." Einigermaßen auffallend bleibt es auch, daß man aus Privatbriefen weisst daß Oesterreich offen­siv entwaffnet, dagegen im Stillen desto mächtiger fortrüstet.

Welches sind denn nun aber die Gründe, wodurch die Mobitisirungsmaßregel in Preußen beseitigt ist? Die bekannt gemachten Punktationen sind sehr weit gvhal- ten; neben ihnen sollen geheime Verabredungen bestehen:

Indeß versichert die preußische Denkschrift, die heute in den Blättern steht, ohne daß Jemand daraus klüger, mancher aber wahrscheinlich dadurch so dumm wird, als ging ihm ein Mühlrad im Kopf herum:Die Olmützer Zusammenkunft, durch das Dringende des Augenblicks jiuf wenige Stunden beschränkt, konnte der Natur der Sache nach nicht zum Zwecke haben, Grund- züge für eine Verfassung festzustellen, an deren Ent­werfung Deutschland seit zwei Jahren vergebens sich abmüht; sie konnte nur auf die Behandlung der bren­nenden, mit augenblicklichem Conflikt drohenden Fragen, auf die Entscheidung: ob Krieg oder Frieden? gerichtet sein." Nun gut denn, der König nimmt an, daß die Kriegsfrage beseitigt sei, und für das offizielle Preußen ist dies allerdings wohl der Fall, wozu dann die russischen Truppen? Die Sache erklärt sich leicht: damit Preußen wirklich sich wehrlos mache und auch in seinem Lande sich auf den Stand versetze, den es jetzt in Kurhessen hat, thut Oesterreich ein Uebriges, cs zieht seine Kroaten etwas zurück und schickt' die bedenklichen Regimenter in sicheren Gewahrsam; damit aber die nöthige Freiheit bei den freien Kon­ferenzen nicht fehle, wälzt Rußland seine Horde» an die äußerste Grenze. Daß Dresden übrigens wiederum unreine Station gleich Bregen; und Olmütz ist, ist so se.w öffentliches^ Geheimniß, daß die in russischem Einflüsse stehenden Staatsmänner dessen gar kein Hehl mehr haben. Als trefflich unterrichtet hat sich namentlich der bekannte Vielschreiber uno Schwätzer Capefigne, bisher erwiesen.

Dieser französische Blittersdorf spricht in der russen- freundlichenAsseinblee nationale" bestätigend aus, was im demokratischenBote universel" warnend längst den Völkern zugerufen wurde.Ich habe nie an den Krieg geglaubt," schreibt der russische Franzose; er hätte zufällig (wie in Hessen) entstehen können; aber niemand, der in die Präcis der Diplomatie ein> gnvickcht- ssr>---âsthLftZ^men bewaffneten Hon ff ist zwischen den Kabineten von Berlin, Wrew m*- .

bürg unterstellen können. Jeder Krieg zwischen regu­lären (d. h. kontrerevolutionären) Regierungen wäre heut zu Tage gottlos; ich würde ihn einen Bürgerkrieg nennen. Man kann und darf jetzt nur einen Gedan­ken haben: die Unterdrückung des revolutionären Gei­stes und die Zügelung der schlechten Prinzipien und der falschen Institutionen, welche uns das 18. Jahr­hundert vermacht hat. Das ist der Gesichtspunkt der Männer gewesen, welche die Konferenzen zu Olmütz eröffneten: und mit welcher Leichtigkeit find die Schwierigkeiten in Deutschland gelöst! Aber man wird fragen, warum Angesichts dieses Resultats diese unge, heueren Rüstungen, dieses Aufgebot der Landwehr? Warum? Weil der Augenblick für Preußen gekommen ist, sich mit Oesterreich zur definitiven Unterdrückung des revolutionären (d. h. republikanischen) Prinzips zu verbinden. Ja, jetzt werden Preußen, Oesterreich und Rußland dieselbe Politik der Unterdrückung gegen den demagogischen Geist verfolgen. Das definitive Re­sultat aller dieser Negotiationen wird schließlich sein: die Wiedereinsetzung des Bundestages zu Frankfurt auf dem Fuß der Verträge von 1815, mit der abwech­selnden Präsidentschaft Oesterreichs und Preußens. Die Bundesarmee, auf den Kriegsfuß gesetzt und 450,000 Mann stark, wird bestimmt sein, die Polizei im In­nern des Bundes zu handhaben und demselben nach außen Achtung zu verschaffen. Jeder Lüaat wird wohl seine besondere Souverainetät haben; aber der Bundestag wird sich die polizeiliche Oberaufsicht und die allge­meine Beschützung der Regierungen Vorbehalte». So kann jeder Souverai», wenn es ihm konvenirt, die Volksvertretungen und Universitäten modifiziren oder unterdrücke» und wird dazu jede Unterstützung des Bundestages erhalten; aber dieser kann den Souverain auch speziell entladen, über die Polizei seines Landes zu wachen Dem Auslande gegenüber wird Dentschlaud eine einzige Souverainität bilden, repräsentirt durch den Bundestag von Frankfurt, bei welchem die Ge­sandten der fremden Mächte äkkrediM werden; er ent­scheidet über Krieg und F ieden. So wird bei der höchst wahrscheinlichen Vermuthung, daß man im näch­sten Frühling eine Invasion in der Schweiz beabsich­tigte, die Bundesarmee zuerst im Felde erscheinen, ge­stützt auf die Allianz mit Rußland, Oesterreich und Preußen , welche mit ihren besonderen Armeen auch über ihr Kontingent hinaus interveniren werden. Das. wird das einzige praktische Resultat der deutichen Ver­wickelungen sein; alles Uebrige ist nichts, als Geschwätz von Zeitungen und Kaffeehäusern. Dre Revolution