Einzelbild herunterladen
 

Freit Zeitung.

Dreiheit unb Aechl!

^^--- -------- ---------------«'J.;ww.«.. ----- ------------------------------ -^ "-/ ....... -. '_........ _______

â 290» Wi sbaden. Samstag. 7. December 1^50»

-------- -^-^-- ^ ' ^« ^ ' - - .- -V--^7^^^^^^-^â^'' ^----- ---------- ------- ' .....^, .^--......----.-y^'^^:^--^,^--^^-^^,-^....^.. .^^^

Bit , Ar eie Zri« ung" »rschitn«, mit Auânabme d«S Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vterleliäbrtg hier in Wirâdavrn t «. 45 fT aus­wärts durch die Post vezogrn mit verhältnißmäßigem Aufschläge. - Inserat» werden bereitwillig ausgenommen und find bet der großen Lerbreitung der Greten Zeitung« 6d4 von wirk­samem Erfolge. - Die JnseratlonSgebüßren betragen für die DlerfpalÜnt Petitzeile 3 Kreuzer.

Für Wiesbaden und die Umgegend werden, wenn dieFreie Zeitung^ bei der Expedition abgeholt wird, auch Abonnements auf den Monat Dezember angenommen.

Die russische Politik in Deutschland.

X Es ist gut, wenn man die Absichten und Ent­würfe seiner Gegner und geschworenen Feinde kennt: man kann nur so eine berechnete Politik führen. Was wir von Rußland zu fürchten, was unsere prinzipiellen Gegner von ihm zu hoffen haben, wußten wir längst und auch die deutschen Illusionspolitiker werden endlich wohl nicht weit mehr von dem Punkte entfernt sein, wo sie uns nicht mehr für Schwarzseher halten. Aber was Rußland von uns denkt, scheint Vielen noch im­mer ein Geheimniß zu sein. Wiederholt haben wir unsern Lesern darüber unsere Ansichten und Gefühle ausgesprochen und jede Gelegenheit benutzt, über den Stand der Dinge Material zum Nachdenken vorzule­gen. Heute dürfte es mehr als je an der Zeit sein, aus einem Schreiben aus St. Petersburg, das die Grenzboten" bringen, Winke mitzutheilen, die sehr reichen Stoff zum Erwägen enthalten. Zwar bezweif- lcn wir, daß dies Schreiben die russische Post gesehen hat; aber die Auseinandersetzungen bezeichnen den rus­sischen Standpunkt so schlagend, daß wir es allen Deutsche, gleichviel, welcher Partei sie angehören, drin­gend empfehlen.Was man in Rußland von den deutschen Händeln denkt?" heißt es dort.Denken ist eine deutsche Gewohnheit, vor welcher der Himmel un« wre Mutter Rußland behüten wird, da Ihr vieles Denken (?) Sie in solche Wirthschaft geführt hat. Der Russe denkt nicht, er will, was sein Kopf, der Kaiser will. Ob die große Masse des Volks, und die Masse seiner Beamten, und die Maste der Fremden hier über Deutschland Ansichten hat, und welcher Art diese Au- sich u sind, ist daher sehr gleichgültig. Die privilegir- ken Russen aber, welche in der Nähe des Kaisers ihre Ansichten holen, hegen in seltener Einigkeit alle das­selbe Gefühl, welches ich schicklicher Weise nicht bezeich­nen kann, welches aber das entschiedenste und äußerste Gegentheil von Achtung ist. Der Schach von Persien und der Sultan werden mit größerem Respekt genannt, als die erlauchten Häupter der deutsche» Schiiten und Sünniten; denn wir haben mehr Grund, uns um die Intriguen zu Teheran und zu Stambul, als um die diplomatische Weisheit von Wien oder Berlin zu be- kümmern; der Orden, welchen Abdul Meschid einein unserer Generale verleiht, erweckt mehr Aufmerksamkeit und Neid, als 3 Großkreuze oder erste Classen aus Wien und Berlin, und ein krummer Ehrensäbel , den der russische Vasall von Persien einem Gesandten^sel- n s Oberherrn schenkt, macht im Palast größere Seih ation, als ein königl. oder kaiferl. Regiment, welches dem Fürsten-Statthalter zu passender »tunbe gewidmet

Kerkerbriefe von Kinke!«

III.

Allerdings, nach den Hoffnungen auf Festungsarrest, die man im Rheinlande so zuversichtlich hegte, war es ein furchtbarer Schmerz, als ich am 11. Ma», dem Jahrestag jener Tour über A. nach Elberfeld, durch den morgenfrischen Thiergarten und das freundliche Charlottenburg zwischen Baumblüthen und Nachtigallen­schlag hindurch ins Zuchthaus fuhr! Aber Du kennst jenen sanften und stillen Geist in mir, der nur in Folge der grausamen Seelenquälerei, die meine Jugend erlitt, schon im Knabenherzen als Passionsblume auf- gegangen ist, und dieser Geist überwindet Alles. Das allmächtige und unwiderstehliche Mitleid, das Jever erweckt, der ein unerhört furchtbares Loos in Demuth und Würde duldet, quillt auch in diesen düstern Mauern schon in vielen Labcquellchen, und unter den wenigen Menschen, die ich sehe, begegnet mir kein versteiiierkeö

Antlitz mehr.

VI.

Ich ersuche Dich nunmehr, das Ziel ins Auge zu fassen, daß ich gegen Auswanderung nach Umnika meine Freiheit wieder erhalte. Ich sehne mich, >' Sein ich drei volle Jahre davon erschlagen worden (seit der HospitalkunstaussteUung), mein lUll^Fouchen über die Kulturrntwickelung der moderne» Mensch he

wird. Aber geschickt zu geben, versteht man bei Ihnen nicht; und da wir sehr geschickt zu nehmen wissen, verletzt uns sölche Taktlosigkeit.

Der Kaiser leitet die Politik gegen Deutschland selbst. Daher sind seine Umgebung und unsere Ge­sandten an den deutschen Höfen ziemlich genau die Spiegelbilder seiner Ansichten, oder richtiger gesagt, seiner Stimmungen. Ich kann Ihnen keinen Bericht über diese Stimmungen geben, denn die Menge von Aeußerungen, welche aus seinem Munde gesammelt werden und dem Hofe Anekdoten und den Diplomaten Klatschereien liefern , sind selbst dann unzuverlässig, wenn man sie aus sicherer Quelle hat, d. h. aus sei­nem eigenen Munde. Dieser Mund hat allerdings keine Scheu, auszusprechen, was dem Gemüth gerade ärgerlich ist. Ich glaube aber, Jhnciz. sagen zu können, was über diese wechselnden Stimmungen hinaus seine Ansichten von der Stellung Rußlands zu Deutschland sind. Denn gerade Dcuschlgud gegenüber ist das russische Interesse sehr klar uüv kein Geheimniß we­niger Eingeweihter.

Dem Kaiser ist Deutschland, als einiger Föderativ« staat, ein Unsinn, oder wie Sie sagen würden, ein Mythus; gerade wie ihm ein panslavistisches Reich als Unsinn erscheint. Der Traum eines slavischen Weltreichs kann uns aber vielfach nützen, die Träume von einem zusammengeschmolzenen deutschen Staat kön­nen uns gar nichts nützen, deßhalb verachten wir den deutschen Traum seit Ihrer unglücklichen Revolution noch vollständiger, als den slavischen, obgleich man bis zum Jahr 1848 in der MH" des Kaisers gewöhnt war, ihn mit einem gewichen wohlwollenden Humor zu betrachten. DaS weitere Terrain, auf welchem Sie ziemlich willkührlich Deutschland an nehmen, besteht dem Kaiser aus zwei Staaten, Oesterreich und Preußen, und aus neutralisirtem Zwischenlanv. Alle zusammen bilden für unsere Mutter Rußland einen Wall, ein Vorland, welches für die Ruhe und das Glück Ruß­lands unentbehrlich ist und deswegen unter un­serer Leit» ng stehen muß. Sein sie ohne Sorge; unter kluger Leitung, die wir ebensowenig mit un­bedingter Herrschaft vertauschen wollen, als zur Zeit noch bei Persien oder Serbien.

Wir haben Ihre Fabrikate und Ideen ausgesperrt und so den Schaden, den sie unserer Entwickelung zu­fügen konnten, ziemlich vermieden; was wir vagen von deutscher Kraft brauchen können: Schafmeister, Marinelieutenants, heirathsfähige Fürsten­kind er, das ziehen wir an uns. In dem winkeligen Vorland brechen sich alle großen Völkerstürme von Westen; die energielosen und größtentheils verkümmer­ten Völker sind mit ihren vielen Höfen vortreffliche

unter den Einflüssen des Christenthums, der Kunst und Wissenschaft wieder aufzunehme» und unter Schüler zu verbreiten. Europa ist jetzt Griechenland, Amerika Rom. Und wie die griechischen Philosophen nach Rom gingen, um dort die Schönheit und Weisheit ihres Landes einem barbarischen aber thatkräftigen Volke zur Weltbeherrschung zuzuführen, so ist auch durch Ueber» tragung unserer Kultur in jenes große Land der Zu­kunft Gewaltiges zu leisten. Was im europäischen Wissen Mcnschenbilvendes ist, das, beherrsche uh nun so ziemlich nach dem Maße, daß ich das Fehlende durch Selbstforschung ohne Lehrer erobern kann, und ich hoffe, ohne Mühe an einer der zahlreichen Univer­sitäten dort anzukomme», oder selbst im Westen für die zahllos anwachsenden Deutschen eine höhere Schule zu beginnen. Ich bin bereit,, mein Ehren­wort zu geben, daß ich Europa stehenden Fu­ßes verlassen und nie wieder betreten will woran nach meiner bisherige» redlichen Offenheit wohl Niemand zweifeln wird. Wundere Dich über diesen meinen Eutschluß nicht, lonomi benutze ihn selbst, wenn die Stunde günstig ist oder sein wird, durch persönliches Betreiben der Dache in Berlin. Bisher war daran nicht zu denken, da wegen des Köl­ner Prozesses wenigstens noch das Schattenspiel eines Todesurtheils über meinem Haupte schwebte, der Staat also noch einen möglichen Anspruch auf mich ha e. Jetzt wird man vielleicht gemäßigter urtheilen und bat

Nachbarn, welche sich damit befriedigen, in dem bc- mitleidigungswürdigen Klatsch ihrer Zeitungen unsere Nichtswürdigkeit und Rohheit zu genießen, aber weder den Muth noch das Talent gehabt haben, unsere noth­gedrungenen Fortschritte irgendwo aufzuhalten, nicht in Polen, nicht in den Fürstenthüiner» und Serbien.

UnS aufhalten! man denkt bei Ihnen gar nicht daran; tut Gegentheil, wenn man Ihren Zeitungen irgend glauben darf, so ist das stärkste Gefühl, welches IhreStaatsbürger" anfzubringeii vermögen, furcht­same Antipathie gegen uns, und das stärkste Gefühl, welches Ihre Fürsten haben, furchtsame Verwunderung.

DaS Principät des Kaisers über die deutschen Staaten beruht auf dem Gegensatz zwischen Oesterreich und Preußen. Unsere Politik muß sein, beide Staa­ten zu konserviren, die divergicenven Interessen beider zu unterstützen, keinen so einflußreich und mächtig wer­den zu lassen, daß er den andern klein macht. Ginge das Protectoriat Preußens von der Nordsee bis an das Erzgebirg und die Alpen, so wurde sich unfehl­bar in den deutschen Stämmen Selbstgefühl und eine Energie kinstellen , welche für unS unbequem sein müßte, eine staatliche Einheit wäre die schnelle Folge und die­ser junge Staat wäre ein Feind Rußlands. Gelänge es dagegen den österreichischen Waffe», Preußen voll­ständig zu reduziren, und ein deutsches Kaiserreich wie­der herzustellen, so würde die bisherige ^österreichische Politik sich wesentlich modifiziren, und der neue große Staatskörper wäre ebenfalls ein Feind Rußlands. So lange aber beide Staaten gegen einander mit ziemlich gleichem Erfolge kämpfen, sind beide genöthigt, die Rathschläge des Kaisers zu befolgen, denn keiner von beiden ist stark genug, dem Gegner das Gleichgewicht zu halten, wenn Rußland sein Schwert in die Wag- schale desselben legt. Beide Staaten sind Ruß­land gegenüber hilflos entblöjßt,^die lange Ostgrenze Preußens und die Grenzen von Galizien, ja selbst von Ungarn und den südslavischen Provinzen sind unsern Heeren gar nicht zu verschließen.

Beide Staaten begehren die Hegemonie über Deutsch­land, beide haben zu natürlichen Gegnern die kleine» Königreiche und wie Ihre Nippessouveränitäten sonst heißen. Das Interesse des Kaisers ist daher, die un­schuldigen kleinen Staaten gegen Beide ZU..schützen. Man weiß bei Ihnen wahrscheinlich nicht, wie leicht uns das gemacht wird, welchen Werth eine kleine Auf­merksamkeit unsers Hofes, ein wohlwollendes Wort des Kaisers bei den meisten der kleinen deutschen Souve­räne hat, und wie kläglich die Haltung derselben ist, wenn sie den Strahlen unserer Hofsonuc nahe kommen! Die nützlichsten werden durch Heirathen beehrt, die Prinzessinnen deutscher Höfe sind willig, unsern Glauben

Nützliche ins Auge fassen. Jedenfalls werde ich mich bereit erklären, den Knoten meines sonderbaren Schick­sals in Frieden aufzulösen. Gelingt es nicht, dann ist mein längeres Dulden providenzleU, und wir wer­den alsdann am Ziele sehen, warum es nicht hat ab­gekürzt werden sollen. Wesentlich hat übrigens auf meinen Entschluß der Anblick meiner Kinder in Köln gewirkt: ich halte es für die nächste Pflicht, solchen. Kindern ihren Vater wiederzuschaffen. Thue also das Deinige. Nun ich weiß, daß Du noch lebest, blühen auch meine Lebens- und Freiheitshoffnungen wieder auf.

(Fortsetzung folgt.)

Verschiedenes.

Ein Brief derOesterr. Corresp." aus 9t e w -- 0 rk berichtet über die nach Amerika ausgewankerten Orte« berflüchtlinge: Füster ist bei einer Reformgemeino- als Prediger angestellt; Goldmark treibt seine ärzt­liche Praris; Bioland war eine Zeitlang Theiliwh- mer an einem deutschen Blatte, neiicsteiiS soll er sich bei einem Jndustriegeschâft betheiligt haben. Auch der bekannte Legionärs u t sch el hatte^sich m jener Stadt Augkfnnden.