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Für Wiesbaden und die Umgegend werden, wenn dieFreie Zeitung" bei der Expedition abgeholt wird, auch Abonnements auf den Monat Dezember angenommen.

Die österreichischen Finanzen.

Von einem sachkundigen Oesterreicher geht der Söln. Ztg." folgende Kritik über die gegenwärtige traurige Lage der österreichischen Finanzen zu, die wir unverkürzt, mittheilen, weil diese Angelegenheit nicht blos das politische, sondern ebenso sehr das Handels- publikum interessirt:

Der österreichische Finanzminister, Baron Krauß, hat sich durch den Börsengang der letzten Tage ver­anlaßt gesehen, eine halb-offizielle Dai-stellung der Geld­lage in derWiener Ztg." drucken zn lassen; er tritt hiedurch aus dem dunkeln Winkel wieder hervor, in den man nach so vielen fruchtlosen Kämpfen gegen einen so leichtfertigen Lenker des Staats- oder viel­mehr des National- Vermögens diesen Namen postirte.

Herr Baron Krauß wußte sich durch einfaches, bürgerliches Benehmen, durch eine verständige Conver« sation und durch den bewahrten Schein volksthümlichen Sinnes den Ruf eines ehrlichen Mannes zu erwerben. Der Drang der Ereignisse brachte seine Handlungen in Contrast zu seinen Reden, und der College des Ministers Schwarzenberg wurde ein Antipode des College» der Ministerien Pillersdorf und Wessenberg. Derselbe Mann, der im Oktober 1848, gleichsam in höherem Alsstrage, Mitglieder der linksten Fractwn des Reichstags einlud, ein neues Cabinet zu bilden, fügte sich im November desselben Jahres in ein Programm des Cabinets Stadion-Schwarzenberg; derselbe Mann, der die Charte Pillersdorfs unterzeichnete, unterzeichnete auch die Charte vom 4. März 1849; derselbe Mann, der die Unauflösbarkeit der Constituante zusicherte, um die Verlegung des Reichstages nach Kremsir annehm­bar zu machen, contrasigni^e das Auseinandertreiben jener Corporation, die ihm so eben 80 Millionen be­willigt hatte. Trotz alledem wußte die Geschmeidigkeit des Herrn Baron Krauß sich den Ruf eines ehrlichen Mannes zu verschaffen; denn die Geld- und Börsen- männer haben ein anderes Wörterbuch als die gewöhn­liche Welt. Man glaubte, daß nach den Erschütterun­gen durch die Revolution eine gekräftigte Regierung den Bedürfnissen des Reiches volle Rechnung tragen werde, nicht etwa durch Gründung eines demokratischen Kaiserthums, sondern durch Feststellung der bürgerlichen Rechte und durch Einführung der constitutionellen Ga- rantieen. Der Finanzminister wurde in dieier Hoff­nung von allen Geldkräften des Reiches tüchtig unter­stützt, und im September 1849 hatte das Silber fast wieder daS Normale des Agio erreicht. Von diesem Momente an entfaltete sich aber das ganze Negations­System des Ministeriums, das Mißtrauen in die Re-

Kerkerbriefe von Kinkel.

In derWeser-Ztg." veröffentlicht Adolph Stahr die nachfolgenden Briefe, eingeleitet durch ein Schrei­ben Stahrs an Herrn L. S., Rektor der Universität in Edinburg, in dem es heißt:

Beachten Sie wohl, daß diese Briefe von seinem Kerkermeister, Gesewig heißt der fromme Mann und eifriger Bekenner der reinen Lehre Christi, vor der Ab­sendung derselben gelesen wurden, daß von dem Willen dieses Mannes die Absendung abhing, und daß der Gefangene aus sehr naheliegenden Gründen auf einen Leser rechnen mußte, der zwischen den Zeilen zu lesen verstand. Dennoch aber sind diese Briefe ein histori­sches Zeugniß für die Qualen, welche im Jahre 1850 ein besiegter politischer Gegner im christlichen Staate erduldet. Sie sind aber zugleich ein herrliches Zeug­niß für die Charakterstärke des Mannes. Er, der Ge­fangene, freier in seinem Kerker als seine Peiniger, die ihn bewachen, er hat noch Worte des Trostes für seine Freunde, die um ihn klagen und weinen. Er, der von der Gewalt zu Boden Geworfene, erhebt sich, um An­dere aufzurichten, die sein entsetzliches Geschick in Ver­zweiflung versetzt. Auf Lebenszeit der Welt beraubt, lebend begraben, von dem Theuersten auf ewig getrennt, vertraut er seinem Sterne, verzagt er allein nicht an lenem Schicksal; und wenn jede Hoffnung ihn zu ver- l «ssen scheint, bleibt ihm ein letzter Trost, der Gedanke,

gierung stieg von Tag zu Tage, der Haß gegen die Sol­datenherrschaft paarte sich mit der Verachtung gegen die servilen Creaturen, und die Gelbverhältnisse ver­schlimmerten sich mit jeder Minute. Der Finanzmi­nister setzte die erniedrigendsten Hebel an, um nur mo­mentane Dämme gegen den Strom der europäischen Meinung zu errichten; er verschmähte nicht die mäkle- rischsten Mittel, um die offenkundige Lage zu verhüllen, und der ehrliche Mann hat auch das Wort und die Unterschrift des Kaisers gebraucht, um Versprechungen zu publiciren, denen in den nächsten Wochen zuwiderge­handelt werden mußte. «Ablieferung der sard. Entschädi­gung an die Bank. ) Derselbe ehrliche Mann, der Steuern ausschreibt gegen den klaren ©tun seiner eigenen Verfas­sung, derselbe ehrliche Mann, der Silbermünze mit bedeu­tend geringerem Gehalte ausprâgt; derselbe ehrliche Mann, der ohne Begränzung die schwebende Schuld durch Aus­gabe unbedeckten Papiergeldes mit Zwangs-Cours ver­mehrt; derselbe ehrl'che Mann, der die Direktion der Bank durch Se. Maj. noch beloben ließ, weil diese das National -Vermögen ihm gebunden überlieferte; derselbe ehrliche Mann, dessen Finanz-Operationen den Credit der österreichischen Handelswelt in der ganzen Welt auf ein Minimum reducirte, während zugleich die Basis alles Vermögens im Innern des Kaiserstaa­tes, der Grundbesitz, das angelegte Capital, erdbeben­mäßigen Vibrationen unterworfen blieb;--derselbe ehrliche Mann nimmt jetzt die Mine des Erstaunten an, daß heute die Course der baaren Münze einen so hohen Standpunct erreichen konnten! Man muß wahr­lich die Dinte in der Feder vertrocknen lassen, um für ein solches Benehmen des ehrlichen Mannes nicht jene Ausdrücke zu gebrauchen, die allein dafür paffen, aber gegen den Anstand der Diskussion verstoßen. In demselben Momente, wo ein anderes ministerielles Or­gan die Note schreibt :Wir können Uns nicht hinhal­ten lassen. Wir stehen am Vorabende der Entschei­dung!" womit also der Handschuh hingeworfen ist für Preußen, in demselben Momente schreibt der Fi­nanzminister:Was seitdem (seit Beginn der Kriegs- rüstungen) geschah, war durchaus nicht von solcher Beschaffenheit, daß es eine neue Beunruhigung hätte erregen oder dieselbe steigern können." Möge der un­parteiische Leser ein solches Schnippchenschlagen des Ministers, der öffentlichen Meinung ins Gesicht, gehö­rig bezeichnen. Herr Baron Krauß denuncirt auch die Börsen Europa's, daß die Richtung zum Steigen der Geld- und Wechsel-Course dieselbe blieb, ungeachtet der in jeder Beziehung ein getretenen Bes- serllng der österreichischen Zustände. Die Kenner österreichischer Zustände, leidenschaftslose Be­obachter und ruhige Beurtheiler, gestehen mit Schaam

für eine edle Sache ein Märtyrerthum zu leiden, das früher oder später zum endlichen Siege der Freiheit und Menschlichkeit hinführen muß. Hier sind die Briefe. Lesen Sie selbst.

Bruchstücke aus Kinkels Briefen an seine Gattin.

I.

Spandau, Juni 1850.

--Was nun den Umstand betrifft, daß man Dir in Berlin den Zutritt zu mir verweigert hat, so gedenke ich Deinen Schinerz darum durch keine Trost- gründe abzustumpfen.

Ich habe mich fleißig mit der Geschichte von Män­nern beschäftigt, die für' ihre Ueberzeugung litten, habe namentlich in meinem Fache als Kirchenhlstoi iker christ­liche Märtyrergeschichten fluvirt, nicht die fabelhaften Heiligenlegenden der katholischen Kirche, sondern ächte Gemeindebriese und Berichte von Zeitgenossen. Unter diesen Märtyrern waren nicht blos Leute des dulden­den Gehorsams, sondern auch solche, welche das Mili­tär aufforberten, aus dem Dienste zu treten, sich nicht zu stellen rc, auch solche, dir gewalttätig Altare zer­brachen und heidnische Götzenbilder in rempeln zer­schmetterten : also Verbrecher gegen das Slaatsgrsetz. Aber in keiner dieser Erzählungen habe ich gefunden, daß man den Freunden, Schülern. Verwandten den Besuch des SträsiingS wehrte. Sokrates wurde frei

im Antlitze und mit aus Vaterlandsliebe bebenden Herzen, daß sie seit Menschenalter niemals schlechter, niemals die Erbitterung gegen die Regierung größer, niemals eine intensivere Erhebung gegen das herrschende System näher war, als eben jetzt; denn der Krieg ge­gen Preußen, der Krieg für Restauration der schmach­vollsten aller Behörden, des Bundestages, ist ein Gräuel, ein Verbrechen, ein Brandmal für jeden den- kenden Oesterreicher. Die Einhelligkeit des Urtheils darüber aus allen Kreisen des Kaiserreiches gemahnt lebendig an die Einhelligkeit des Urtheils über das Franz-Metternich'sche Regierungs-System. Nachdem die Soldaten-Herrschaft jede Aeußerung der öffentlichen Meinung verhindert, mußten die bösen Safte ihren Ausweg durch die Ziffern der Börse nehmen, uno wirklich notiren sie ein Agio für Gold über fünfzig Procent, für Silber über vierzig Procent! Der Finanz- minister, dem man wenigstens die Bekanntschaft mit den Verhältnissen zutrauen dürfte, nennt aber schon ein Agio von 40 Procent für Gold uim von 33 Pro­cent für Silber ein Spiel.

Ein Spiel aber war das unnatürliche Herab­gehen der Geld - und Wechsel-Course, welches durch allerhand Machinationen getrieben wurde: durch Ver­heimlichung des Staats-Budgets, durch künstliche Käufe und Ausgebote, wozu die erbärmlichsten Subjekte vom Finanzminister erwählt wurden (S., D., C. rc.), durch Schreckmittel gegen die Börsen-Spekulanten und ver­trauliche Schmeicheleien an die Banquiers, durch falsche Angaben über Reduktionen im Heere u. s. w. Dieses Kartengebäude mußte beim ersten politischen Luftzuge zusammenstürzen , und nur die wahre innere Kraft des Kaiserstaates verhindert das Auseinanverwehen in alle Ecken. Der unpopuläre Krieg in Deutschland, wenn er nicht etwa durch das Würfelspiel der Waffen schnell einen Treffer für Oesterreich bringt, hat unaus­bleiblich den vollen Ruin der österreichischen Finanzen zur Folge. Die Bankherren in Amsterdam und Frank­furt, welche ungläubig die Köpfe schüttelten, als vor zwölf, zehn, sechs und drei Monaten eine Krisis der österreichischen Geldzustände angekündigt wurde, und den Phrasen des Finanzministers vertrauten, werden jetzt doch die Metalliques aus ihren Kästen hervor« suchen, deren Interessen in leicht bedrucktein Papier- bezahlt werden.Der ehrliche Mann" aber klapflert mit seinen paar Gulden und zeigt der Welt den Reich­thum, womit er die Wege des Ministeriums, die zu einem europäischen Kriege führen, bahnen will. Der Finanzminister ruft:Man geberoet sich, als ob das österreichische Volk (?) an Metallmünze ganz verarmt wäre, und als ob den Finanzen keine HülfsqueUen in MetaUmünze zu Gebote stünden!" Der ehrliche Mann

von seinen Schülern und Freunden im Kerker besucht und diesem Umstande verdanken wir zwei der herrlich, sten Platonischen Gespräche, den Kriton und Phädon. Johannes der Täufer war im Kerker in stetem Verkehr mit seinen Schülern und von Christi Kreuz trieb kein Kriegsknecht die Mutter hinweg. So hat auch Cy- prianus stets Freundest rost bis zu seinem Schaffot ge­nossen, denn ihre Gegner waren freilich Hden. Daß man das Weib, das nach Christi Vorschrift ihren ge­fangenen Mann mit ihrem Kuß und ihrer Treue auf- zurichten kommt in einer neuen schrecklichen Phase sei­nes Duldens *), fern hält, das ist historisch neu. Ge­fangene besuchen, zähl t die Kirche unter die Werke der Barmherzigkeit, derchristliche Staat" verbietet es in seiner Hausordnung. Sieh, Liebe, das ist mein Trost, daß an meinem Beispiel der Welt einmal Juub wird, we l her Art unsere Gesetze sind, und das System, auS dem sie fließen.

Laß das gut sein und fasse Dich. Die Geschichte hat mit wenig Meisterzügen von des Lactan; furcht­barer Feder jenen GaleriuS unauslöschlich in das Ge­dächtniß der schaudernden Menschheit eingezeichnet. Diese Geschichte läßt das Wort entdecken, daS jenes Gesetz fün sti j bezeichnen wird.

Daß der Dichter desOtto der Schütz" um einer

*) ES ist die Versetzung in daS Zuchthaus nach Trandau gemeint. $. ®-