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Wiesbaden. Dienstag, 3 December . -
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Mr Wiesbaden und die Umgegend werden, wenn die „Freie Zeirung" bei der Expedition abgeholt wird, auch Abonnements auf den Monat Dezember angenommen.
„Die Sache macht sich!"
X Die Zeiten, wo das Volk in der Entscheidung seiner Geschicke auch etwas zu bedeuten und ein Wort mitzureden hatte, liegen Dank der Feigheit, Dummheit und Verrätherei der Märzvertrauensmänner und ihrer früheren guten Freunde in Frankfurt, Wien und Berlin längst wieder hinter uns. Der Lenz ist vergangen mit seinen Redeblumen, der Sommer hat der Contrerevolution nur Erndtegewinn gebracht, auch der konstitutionelle Alteweibersommer ist dahin , und der Winter herangerückt, wo Schnee die stillen Saaten der Demokratie deckt. Doch der Schnee schützt vor dem Erfrieren der zarten Keime!
Welch ein Abstand zwischen dem Sonst und Jetzt! Statt der Nationalversammlungen und demokratischen Kammern wieder Fürstenkongresse, statt der Volksversammlungen Ministerkonferenzen, statt der Politik der Majoritäten die der Camarillen, statt der nationalen Entwicklung dynastische Verwicklungen, statt des Rechts der Wille des Stärkeren und als höchste Schiedsrichter die geschwornen Feinde eines einigen, freien und mächtigen Vaterlandes. Aber gleichzeitig eine radikale ; Trennung der Völker von ihren Drängern, gleichzeitig i eine vollkommen entgegengesetzte Entfaltung der Regie- : rungen nach der einen, der Regierten nach der andern * Seite hin. „Hie Welf!" und „Hie Weibling!" hieß eS im Mittelalter; „Hie römisch!" und „Hie luthersch!" j im 16. Jahrhundert; und: „Hie die absolute Fürstensouveränität!" und „Hie die absolute Volkssouverani- tät!" lautet der Kampfruf unserer Tage. Gern hätten die dermaligen Lenker der deutschen Geschicke aus diesem Rufe wieder den früheren gemacht: „Hie Habs- , bürg! Hie HohenzoUern!" Aber der Nord und Süd lassen sich trotz aller Umtriebe nicht mehr so polarisch gegen einander stellen: auch die Pietisten im Norden sind Jesuiten, auch unter den Katholiken des Südens haben die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüder- derlichkeit gezündet, auch im konstitutionellen Nieder- deutschland breitet sich die Demokratie immer weiter aus.
So verblendet wie die leitenden Staatsmänner in Berlin und Wien sonst auch, so stolz zumal Schwarzenberg, so haben sie doch sehr richtig erkannt, daß ein dynastischer Krieg wohl noch zu beginnen, doch nimmermehr blos dynastisch zu führen ist, und deshalb haben sie trotz aller Spiegelfechtereien sich zuletzt doch wieder zu vereinbaren gesucht. So groß die Versuchung der Absolutisten zum Kampfe, um ganz Deutschland unter die Pferdehufe der Barbarei zu schleudern, so haben sie es dennoch vorgezogen, zuletzt einzulenken. Preußens Demüthigung und Oesterreichs Uebermuth — beide haben unbeschreiblich.viel zur Aufklärung der
Völker beigetragen; dieser Notenwechsel, diese Konferenzen wirkten mehr zur Demokratisirung Europas, als es je alle demokratische „Wühlereien" vermochten. Diese Vereinbarung der beiden Großmächte, dieses Zurückschrecken vor der letzten Entscheidung, was bedeutet es, näher betrachtet, denn anders, als daß die Contrerevolution fühlt, daß sie sterblich ist, als daß sie fühlt, ihre Zeit sei gemessen und sie habe ihre Kräfte zu sparen. Wenn die Gegner der Volkssonve- ränität daher jetzt sprechen: „Gott Lob, die Sache macht sich!" so haben die Völker angesichts ihrer Riesenfortschritte in der inneren Entwicklung noch ein ungleich größeres Recht, zu sagen: „Die Sache macht sich!" Und sie wird sich immer besser machen, denn die Sünden der Machthaber sind der Dünger für den Baum, der Freiheit.
Wer ein Ohr für den Herzschlag der Parteien hat, der lausche! Es waren die Geldmänner, welche bebten bei dem Herannahen des Krieges; es war die „Ordnnngspartei", welche zitterte; es waren die Ca- marillen, welche, wie die Sturmvögel vor dem Gewitter, durcheinanderflogen; es waren die Konservateurs, die Konstitutionellen und Gothaer, welche Preußen zur i Entscheidung drängten in Todesangst; nur eine Partei ! war ruhig, ernst und kar — die demokratische, und sie j ist es auch, welche heute wieder klar und gefaßt der neuen Wendung der Dinge entgegen sieht. Wir sind - keine Pessimisten und keine Optimisten, wir sehen ohne s JUussion Alles kommen und gehen; denn wir haben das beste Theil erwählt: wir dienen der Wahrheit und zeugen von ihr und die Wahrheit wird uns frei machen, denn die Wahrheit ist ewig, während die Lüge sich zuletzt in ihren eigenen Netzen verstrickt und zu Schanden macht.
Aus Kurhessen.
X Die (urhessische Frage geht einer Lösung entgegen, welche vor wenigen Tagen noch außer dem Bereiche der Möglichkeit zu liegen schien. Nicht mit dem Schwerte soll der Knoten durchhauen werden, weder mit dem preußischen noch österreichischen, sondern der Kurfürst soll, nachdem man das Volk hinlänglich mürb gemacht zu haben glaubt, die Lösung wieder selbst in die Hand nehmen. Die kurhessische „Jncidenzfrage" war ja nur ein Paroli des Bundes gegen die Union; nun diese tode ist, fällt der höhere maßgebende Grund weg: Preußen hat die parlamentarische Union geopfert, es opfert nun auch das konstitutionelle Kurheffen; der Bund sistirt dagegen seine Thätigkeit und der Kurfürst erklärt, daß er der fremden Hülfe nicht mehr bedürfe, sondern allein mit seinem Lande
fertig zu werden hoffe. So kann der Bund die Hand ruhen lassen, so kann er seine Erekution zurückziehen und so kann Preußen seine Truppen gleichfalls abberufen — unbeschadet seiner „Ehre"!? Ist aber dadurch Preußens Ehre wirklich gerettet? Und ist in Kurhessen nun wirklich eine Lösung erfolgt? Die „Hornisse" antwortet darauf: „Der Kufürst wird versuchen, mit eigener Macht feinen Staatsschatz und seinen Fürstentrotz aufrecht zu erhalten. Er wird, zu Gunsten Oesterreichs, vielleicht die Wirren noch Monate hinziehen, verhandeln und unterhandeln, markten und feilschen, bis ein neus energisches Auftreten den Kaiserstaat nicht mehr in Verlegenheit bringt, bis der Absolutismus seine gemeinsame Erekution gefunden, bis Preussen seine letzten Illusionen verloren hat oder---- bis von einem Kurfürsten von Hessen so wenig, als von einem kriegslustigen Wittelsbacher die Rede ist. Welche Schwenkungen werden für solche Fälle unsere Konstitutionellen machen? Aber lassen wir das. Die Zeit der Enthüllungen kommt noch früh genug und früh genug die Zeit der letzten Enttäuschung." — Wir glauben, daß es nicht die „Hornisse" allein ist, welche so von dieser „Lösung" urtheilt. Aber es ist nicht mehr- daran zn zweifeln; auch die Berliner Blätter lassen keinen Zweifel mehr darüber. Das jetzige preussische leitende Organ, die „N. Pr. Zeitung" meldet: „Es scheint sich zu bestätigen, daß der Kurfürst geneigt ist, eine Einigung mit den Ständen herbeizuführen, wobei nicht zu verkennen ist, daß ein großer Theil derselben es an Anstrengungen für solchen Zweck nicht fehlen läßt. — Gewiß ist, daß der Kurfürst den bestimmten Antrag an den „Bundestag" gestellt hat, es möge derselbe die „Bundes- truppeu", Oesterreicher und Baiern, aus dem hessischen Lande zurückziehen. Auf diese Vorgänge dürfte sich das eigenhändige Schreiben Sr. Maj. des Königs beziehen, welches gestern der General v. Holleben nach Kassel überbracht hat. — Hier in Berlin wie in Kassel (?) glaubt man an die nahe bevorstehende zufriedenstellende Erledigung der hessischen Angelegenheiten nach Innen wie nach Außen. — Noch spricht man in gut- unterrichten Kreisen davon, es werde der Kurfürst an der Spitze von 2000 Mann hessischer Truppen in Kassel einrücken, welches vorher von den preußischen Truppen verlassen würde. Von Amnestie und Entlassung des Premierministers Hassenpstug ist gleichfalls die Rede". Die „Deutsche Reform" bestätigt dies in Folgendem: „Ich bin im Staude, aus zuverlässiger Quelle Ihnen die Mittheilung zu machen, daß die kurhessische Regierung beim Bundestage die Erklärung abgegeben hat, „daß Se. königliche Hoheit der Kurfürst mit zwei oder dreitausend Mann verläßlicher kur- fiustlicher Truppen nach Kassel anfzubrrcheu beabsich-
Thomas Paine's Rechte des Menschen,
deutsch von Fr. Hecker.
* Hecker hat Paine's „Menschenrechte" nicht blos bevorwortet, er hat der interessanten Schrift auch eine Biographie des Verfassers beigcgeben, aus der wir grade ihrer Zeitgemäßheit wegen unsern Lesern das zwe te Capitel vorlegen, das Hecker überschrieben hat:
„Eine Revolution.
Um Paine's erstes größeres Werk (seinen „gesunden Menschenverstand" — common sense, enchicnen am 1. Januar 1776) in der vollen Wichtigkeit zur Zeit seines Erscheinens gehörig würdigen zu können, ist eine kurze Darstellung des Beginns der amerikanischen Re- volution beinahe unerläßlich.
Schon mit dem Jahr 1764, beim Beginn der Regierung Georgs des Drittten, der längsten und ume» ligsten' in der britischen Geschichte, hatte Englands selbstsüchtige Politik durch Plackereien und feindselige Bedrückung des Handels seiner nordamcrikanischen Colonien den Samen des Aergernisses ausgestreut. Eine Acte vom September jenes Jahres legte dem langgewohnten und einträglichen Handel der britishen Colo- ttisten mir den französischen und spanischen Niederlassungen so schwere Zölle auf, daß sie beinahe einem völligen Verbote gleich kamen; und diese Acte verord- ute ferner, daß alle Zuwiderhandelnden vor den Ad- miratitätshof gestellt werden sollten, wo kein Juryver-
: fahren stattfand. Noch kränkender aber war der Ein- l gang zu jenem Acte gesetzgeberischer Ungerechtigkeit, worin das Unterhaus das Recht in Anspuch nahm, die Colonien zu Gunsten des Mutterlandes zu besteuern: „In Erwägung, daß es gerecht und nothwendig ist, in Amerika zur Deckung der Kosten für Vertheidigung, Schutz und Sicherheit desselben eine Steuer zu erheben, verstatten und bewilligen wir den Gemeinen Eurer Majestät den Einzug u. s. w." Diesem folgte ein Beschluß des englischen Parlaments, „daß besagten Colonien und Wandungen gewisse StempAlaren aufzulegen passend sein möchte." Als die Kunde von diesem Beschluß nach Amerika gelangte, entstand eine allgemeine Aufregung unter den Colonisten, und eine Menge Petitionen und Vorstellungen gelangten an den Thron — aber keine wurde auch nur im Geringsten bei ücksichtigt. Die Stempelacte ward geschlossen: die Colonien aber leugneten feierlich das Recht des britischen Senats, ihnen Steuern aufzulegen, und schickten sich zum Widerstand an Die Versammlung von Virginia machte den Anfang, und zwar mit einer Reihe von energischen Beschlüssen, in welchen sie Anmaßungen und deren Beförderern kühn entgegen trat. Dielen Beschlüssen schlossen sich die übrigen Staaten unverweilt an, und unter dem 6. Juni 1765 lud die Versammlung von Massachusetts die übrigen gesetzgebenden Körperschaften der Colonien ein, Deputirte zu einem Generak- congreß zu schicken, welcher den zweiten Dienstag im Oktober zu New-Uork gehalten werden sollte, um die
unter den obwaltenden Umständen nöthigen Maßregeln zu berathen. Von neun Staaten kamen Abgeordnete und vereinigten sich über eine Erklärung ihrer Rechte, nebst einer Darstellung ihrer Beschwerden; auch wurden Petitionen an den König und an beide Parlaments- Häuser entworfen. Aehnliche Schritte thaten auch die übrigen Staaten, deren Regierungen durch bereits getroffene Maßregeln die Absendung von Deputaten zum Congreß unnöthig gemacht hatten. Der erste November, an welchem die Stempelacle in Wüksamkeit treten sollte, wurde in sämmtlichen Staaten durch Trauergeläute verkündigt.
Diese besondere Taxe war um deswillen gewählt worden, weil man glaubte, die angevrolue gesetzliche Nichtigkeit aller Verhandlungen, wobei der Stempel umgangen war, wurde dem Gesetz sicht nEngmg verschaffen: allein nicht ein einziger Stemp lbogen zur LegaUsirung eines Contractes wurde gekauft, und die einzige Notiz, welche man von der Acte nahm, war. daß man sie unter den Verwünschungen der erbitterten Menge öffentlich verbrannte Die Colonisten m ich e i sich unter einander anheischig, keinerlei englische Main- fakturartikel einznführèn, bis die Acte aufgehoben ssi, ferner bildete sich eine Assoziation, um deren Gelten^ machn ng zu verhindern, wenn sie mit Gewalt Durch» gesetzt werden sollte. Ein Widerstand dieser Ic^ean Ai t war indessen nicht nöthig: die Haiidelasto-.u >g brächte die britischen Fabriken und Kaustente in eine solche Klemme, daß die Regierung, mit Vorstell ng n