Freit Zeilung.
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Wiesbaden. Samstag, 3« November
1850.
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8^' Wlc'sHüden und die Umgegend werden, wenn die „Freie Zeitung^ bei der Expedition abgeholt wird, auch Abonnements auf den Monat Dezember angenommen.
Friedenstauben.
X Seit sich das Kabiiiet in Berlin überzeugt hat, daß die Majorität in den Kammern so schlimm nicht sei, [wie anfangs zu fürchten war, ging unverkennbar sein Streben dahin, als echtes „Ministerium der rettenden That" den Debatten bei der Antwortsadreffe auf die Thronrede mit einem fait accompli entgegenzutreten. „Es wird etwas Spektakel setzen; aber das gibt sich wieder und sie werden sich schon fügen!" Dies ist ja Manteuffels beliebte Marime, mit der er allerdings bisher den Konservativen und Gothaern gegenüber immer Recht behalten hat.j
Die Majorität aber drängte um Aufschlüsse; sie zeigte sich unzufrieden mit den Ausflüchten, welche in der Commission gemacht wurden; man kam in Verlegenheit. Die Gesandten von Rußland und Oesterreich sahen Manteuffels Noth; sie eilten ihm zu Hülfe. Rußland rückte mit einer neuen Drohung heraus, falls Preußen mit Oesterreich sich nicht einige: Prokesch forderte Räumung Kurheffens und ungehinderten Einmarsch der Oesterreicher in Kassel und drohte mit seiner Abreise — falls binnen 24 Stunden keine definitive Entscheidung erfolge. Nach 24 Stunden bot er 48. Indeß erhob sich auch der baierische Gesandte zu der Erklärung, er fordere gleichfalls seine Pässe falls die preußischen Truppen nicht schleunigst aus Kurhesseu zurückgezogen würden.
Um den Eindruck zu verstärken, wurde Wrangel gleichfalls zu Manteuffels Hülfe aufgeboten: er richtete ein Sendschreiben an seinen Monarchen, „worin von einem Kriege mit Oesterreich ernstlich abgerathen wird, weil er Preußen in die höchst schlimme Nothwendigkeit versetzen würde, die schmutzige Demokratie nolens volens zum Bundesgenossen zu nehmen." Und Wrangel hat den Nagel auf den Kopf getrosten : wenn Preußen sich mit Erfolg gegen Oesterreich und Baiern erheben will, so muß es'sich für Vollksinteressen schlagen und zwar nolens volens; will es dies nicht, hat es nur specifische Interessen im Auge, so wäre es allerdings eine Thorheit, nachdem Hamburg und Baden geräumt, nicht auch Kurheffen räumen zu wollen, so wäre mit einem Worte der Krieg nur das „japanyche Duell", wovon Manteuffel gesprochen hat.
So standen die Dinge in Berlin am 26. November. Was ist seitdem geschehen? Ist der österreichische und bairische Gesandte abgereist? Und wenn nicht, ist Kur- Hesse» geräumt? So viel wir diesen Morgen wissen, ist weder das Eine, noch das Andere erfolgt. Zugleich wissen wir aber auch, daß die Frankfurter Börse gestern wieder zum ersten Male seit dem 6. November, wo das österreichische Kriegsmanifest panischen Schrecken
I verbreitete, unter den Fittigen der Friedenstaube seculirte: die Kauflust war groß und die Metalliques stiegen um 5pCt.
Was war der Grund davon? Nur erst Gerüchte gingen von Mund zu Munde: zwischen Wien und Berlin sei Friede; Preußen räume Kurheffen — Schwarzenberg und Manteuffel seien heute in Olmütz, um den Pakt abzuschließe».
Und die preußischen Kammern? Sie bestehen ja aus Konservateurs und Gothaern, werden sie nicht Raison annehmen? Und die Armee? Sie ist vor dem Bunde mit der „schmutzigen Demokratie" bewahrt — ist das nicht aller Ehren werth? Und das Volk? Es ist gewöhnt, zu schweigen, Und Kurheffen ? Es bedarf vor Allem der Herstellung der „fürstlichen Autorität. Und die Unionsstaaten? Preußen hat ja die Union längst offiziell aufgegeben. Und Braunschweig? Keine Antwort ist auch eine Antwort. Und Deutschland? Manteuffel ist spezifischer Preuße, er hat es nie verheimlicht: was geht ihn Deutschland an?
Doch — man kann nicht wissen, ob nicht trotz alledem und alledem diesen Mittag der Wind wieder anders als gestern Abend weht. Schwarzenberg hat bisher die Taktik befolgt, jedesmal, wo Manteuffel eine Konzession macht, zwei neue zu verlangen. Die Alter- nirung des Bundespräfidiums ist auch noch da; und baun, wer soll die Rüstungen Oesterreichs und Baierns bezahlen? Doch wohl, wer den Prozeß verliert.
Mittags. Während die Wiener Blätter am 24. Nov. Friedenshoffnungen zeigten, weil der preuß. Gesandte Graf Bernstorff dem Fürsten Schwarzenberg wieder eine» Besuch abgestattet hatte — seit drei Woche» zum ersten Male! — stieg am 25. das Silberagio auf 34%, am folgenden Tage auf 50, während die 5pCt. Met. am 26. auf 86% in Wien sanken. Vom 27. ging der^,Augsb. Allg. Ztg." aus Wien die lakonische telegraphische Depesche zu: „Der Bruch steht bevor." An demselben Tage brachte die „N. Münch. Z." an der Spitze ihres Blattes einen halboffizieUen Artikel über „Preußens Verhalten in der kurhessischen Frage", „der Preußen fortwährende Tergiversationen vorwirft, durch die man nur scheine Zeit gewinnen zu wollen, um die Rüstungen zu vollenden. Die „Deutsche Ref." erkläre jetzt kurzweg, ein Versuch zur Bundeserekution in Holstein, ein weiteres Vorgehen in Hessen käme einem Ablehnen der freien Conferenzen gleich. Man mache also den bunbesgetreuen Regierungen die Zumu- thung, sie sollen die Basis ihres Handels aufgeben und Preußen unbedingt gewähren lassen. Diese Zumut h u n g a b e r w e r d e z u r ü ck g e w i e se n werde n." Der 27. Nov. also war der denkwürdigeTag der Krisis! An demselben Tage verbreitete sich in
I Berlin die Nachricht, die preuß. Regierung habe durch den Telegraphen den Fürst Schwarzenberg zu einer Zusammenkunft mit Herrn von Manteuffel in Overberg eingeladen, und Prokesch habe deshalb seine Abreise versagt. Die Nachrichten der „Angsb. Allg. Z.", der Berliner „Nat.-Ztg." und „N. Münch Ztg." und der Frankfurter Börsenberichte stimmen also trotz ihres scheinbaren Widerspruchs vollkommen dahin überein, „daß die Sache sich macht." Auch die Meldung der „Hornisse" vom 27. lautet dahin: von Seiten des preußischen Kommandos in Kassel ist bei der Frievrich- Wilhelmö- Nordbahn angefragt worden, ob sie im Stande sei, täglich mindestens 1000 Mann wegzuschassen?
Nachmittags. Am 26. November war Man- teuffel in Potsdam beim Könige; als er zurückkam, wurde nach Wien um eine Zusammenkunft der leitenden Minister telegraphirt. Am 27 reiste Manteuffel nach Oberberg, andern Nachrichten zufolge nach Olmütz ab; Prokesch dagegen blieb. Es soll sich um vier Punkt- Handeln, wobei England in Holstein „in einem mäßigen Sinne die Erekution" angetragen werden würde. Der „R. Pr. Ztg." zufolge wird Manteuffel vier Tage ausbleiben. — Heute wird endlich in ministeriellen Organen zugegeben, daß Brandenburg in Warschau bereits die Verpflichtung übernommen habe, Preuß n werde sich der Erekution in Kurhessen nicht widersetzen. Diesen Morgen traf denn auch schon die Meldung in Frankfurt ein, daß die Bundestruppen Befehl erhalten hatten, nach Kassel zu marschiren. Manteuffel bringt also die Räumung Kurhessens als Tribut dem östereichischen Premier entgegen. lind was sagen die Kammern in Berlin dazu? Am 26. weigerte der Minister der Adressekommission die verlangten Aufschlüsse; am Abend des 27., als Manteuffel bereits fort war, erfolgte die Mittheilung und schon erfahren wir durch die „Ober-Post -Amts-Zeitung" : die Adresse-Commission sei zu einer Verständigung in t Oesterreich geneigt gemacht! Damit aber die öffent- liche Meinung nicht weiter beunruhigt werde, hat ein Terrorismus gegen die konstitutionelle Presse begonnen, wie er in Preußen noch nicht da war: Hayi», Redakteur der „Constitutionellen Zeitung" ist ausgewiesen, bei einem andern Mitarbeiter desselben Gothaer Organs, Herrn von Bardeleben hat die Polizei bereits Nachfrage angestellt, desgleichen bei Heller, dem früheren Redacteur der „Deutschen Zeitung"; auch der Korrespondent des Wiener „Wanderers", Pokorny, ist ausgewiesen; „ja, gegen die Männer der Presse," äußert ech Kor. der „OPAZ.* heute, „verfährt man mit solcher Strenge, daß selbst in den Ministerien befindliche Mitglieder derselben (denen die Manteuffelsche Politik jetzt zu bunt wurde und die jetzt gegen sie
Thomas Paine's Rechte des Menschen,
deutsch von Fr. Hecker.
(Fortsetzung.)
Es ist ein zeitgemäßes, ein verdienstliches Werk, in einer Zeit, in welcher die angestammte» Rechte des Menschen unter einer lügnerischen Vorspiegelung des Staatszweckes und Gemeinwohles entweder mit poli- zeilicher Brutalität oder doctrinär-süßer Sophistik ans Kreuz geschlagen werden, Paine's Werk hervorzuziehen. Das 18. Jahrhundert mit seinen Forschungen über die letzten Gründe der Zustände, das 19. Jahrhundert, in welchem nicht blos eine auserwählte Schaar foliantenschwangerer Theologen, frivoler Hofleute, witziger Aristokraten, und privilegirter Gelehrten und Denker sveculiren, sondern die gesunde Philosophie in die Massen des Volkes gedrungen ist, und dieselben nach- denken über fremden Fug und eignes Recht, das 19. Jahrhundert, welches die Elemente des 16. und 18. praktisch verarbeitet und nach Neugestaltung ringt, wird eine neue Herausgabe „der Menschenrechte" mit Freude begrüßen. , ,
Freilich werden die Feinde eines denkenden Volks, die Despotisirer und Brutalisirer, die Jesuiten in lan» aer und kurzer Robe, ein gewisses Grauen beim Un- blirf des Buchs empfinden, allein sie werden, haben sie die Augen offen, doch erkennen, daß ihr Reich nicht
mehr von dieser Welt ist, und sie mögen sich die Worte Paine's ins Gedächtniß brennen, daß,
„vermöge der falschen und niedrigen Ideen der Menschen, durch Schrecken statt durch Vernunft zu regieren, sie selbst zu Beispielen werden, daß eine Regierung, die durch Schrecken regieren will, gerade die schlimmsten Wirkungen hervorbringe" und daß
wenn es nach ihrer Redeweise eine» „Pöbel" gibt:
„dessen Dasein nur die Folge der schlechten Einrich- „tungen der alten Regierungen ist, indem dadurch, „daß man einzelne Menschen unnatürlich erhebt, wieder „andere unnatürlich erniedrigt werden, bis Alles aus „dem Gleichgewichte ist, daß eine Masse des Men- „schengeschlechtes herabgewürdigt und in den Hintergrund geworfen wird, um das Puppenspiel des „Staats und der Aristokratie mit größerem Glanze „hervorzuziehen."
Sie mögen sich sagen, daß man nicht mit Danton auszurufen braucht:*' „Man muß ihnen Furcht machen!" sondern daß die Furcht, welche sie haben und welche sie durch Drohschreie und schreiende Gewaltthaten zu beschwichttgeu versuchen, nichts ist als die Stimme eines bösen Gewissens, das kein anderes Recht kennt als Gewalt uuv Herrschsucht.
Ueber das Buch selbst bleibt uns wenig zu sagen übrig, es ist selbstredend.
Der erste Theil desselben befämpft vorzüglich in scharfer Polemik Burke's phraseuretche» Buch, in
welchem wir vergeblich nach einem entwickelnden Jdeeu- ganae suchen: ein Buch, geeignet in Salous Beifall zu finden, da cs reich an Styl und arm an präcisen Gedanken ist. Paine's erster Theil, eine scharfsinnige Vertheidiguiig der französischen Erklärung der Men- schenrechte, zeichnet sich dadurch aus, daß er neben der Bekämpfung der Burke'schen Schrift, also der Negation, zugleich mit größter Folgerichtigkeit positiv die Grundsätze einer vernünftigen Ordnung der menschlichen Gesellschaft aufstellt, das sogenannte Historische Recht auf historischem Boden bekämpft und darthul, in welche Verwirrungen und Widersprüche man verfiel, indem man die Rechte des Menschen im Interesse fürstlicher und aristokratischer Macht untertrat und wie nur durch künstliche und gewaltsame Mittel ein per- jchrobener Staatsbau zusammengehalteii wird.
Indem er schon im ersten Theil zwischen den Dingen oder Erscheinungen, welche blos Wirkung der Regierung und nicht des natürlichen Gesellschaflsrechts sind, unterscheidet, also mehr polemisch und kritisch verfährt, geht er im zweiten Theile vorzüglich vom prinzipiellen Standpunkte aus. Er verfolgt die Gesillschaft in ihre Uranfänge, sucht die natürliche Verfassung des Menschen, bas sie allein bewegende und erhaltende Sittlichkeitsprincip auf, macht an Beispielen und gegeben-, i Thatsachen die Wichtigkeit seiner Grundsätze und v.e Verkehrtheit des Bestehenden klar, weist nach, wie die Regierung nur dazu dienen soll, Störungen des natu.-