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Freie Zeitung
WisSbadkN. Freitag, 29. November
„âeihrn mih Recht!
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Preußens „treue Verbündete."
X „Im Frühjahr geht's nach Paris!" Das ist so jtemltd) überall in den Organen der Contrerevolu- tion zwischen den Zeilen zu lesen; „bis dahin werden wir uns mit einander herumzanken und die Völker Hetzen und ermüden." Preußen ist „an dem Ziele an- gekommen, wo es keine weiteren Konzessionen machen kann!" stöhnt die „Dtsche Ref." in ihrem neuesten Leitartikel und sie erinnert Rußland, „unsern treuen Verbündeten" (bravo!) daran, daß es auch sterblich sei. „Der Krieg ist unmöglich und dennoch nicht unwahrschem- lich!" äußert Blittersdorf in der „O.P.A.Z."; und weiter: „Wir sind billig genug, anzuerkennen, daß es auch für ;diese Macht eine Linie gibt, über welche hinaus sie sich nicht zurückdrängen lassen darf, und wo die Selbstvertheidigung beginnt. Es mag darüber gestritten werden, ob diese Linie mehr vor- oder rückwärts zu ziehen sei; allein im Allgemeinen wird man sich über deren Ziehung nicht irren, wenn man von dem Satze ausgeht, daß man von dem Gegner dasjenige nicht verlangen dürfe, was man unter ähnlichen Verhältnissen gleichfalls nicht leisten würde. Preußen glaubt diese Linie gefunden zu haben und hat damit airgefangen, sich hinter dieselbe zurückzuziehen. Die Räumung Badens liefert davon den Beweis. Kurhessen ist der streitige Boden. Wegen dieser Differenz einen deutsch- europäischen Krieg zu beginnen, wäre unverantwortlich." Wird Oesterreich hier also nachgeben? Möglich ; doch wird es sich zu dem Dualismus verstehen, den Preußen beansprucht? Mit einem Gegner, den man nicht achtet und nicht fürchtet, theilt man auch nicht! Pro- kesch hat seine Frist von 24 Stunden auf 48 verlängert; Rußland hat erklärt, es betrachte einen Zusammenstoß als einen von Preußen herbeigeführten „Kriegsfall" auch für es selbst, und was antwortet Preußen darauf?
Die Berufung Dohnas, des Kommandanten des (.Armeekorps in Königsberg, zum Ministerpräsidenten hält sich. General Graf Dohna ist ein tüchtiger Haudegen, wie Wrangel, aber ein so spezifischer Preuße und, nach seiner Vergangenheit zu schließen, so absolutistisch, daß Kammern, welche einem solchen Kabinets- präsikentcn die Majorität geben, keine andere Bedeutung, als bloße Ja- und Amenskammern haben. Uebrigens nehmen die Truppenzüge nach Kurhessen täglich zu, und es ist auch die höchste Zeit, da das „Bundesheer" jetzt 43,000 Mann, das preußische kaum 22,000 Mann stark ist. Ob ein geheimer Vertrag besteht, daß die Preußen immer nur die Hälfte an Stärke anfstellen sollen? — Mit der Erekution gegen Holstein wird es jetzt Ernst. Hannover thut^ seinen Truppen die Schmach an, daß sie, die für Schleswig gekämpft und geblutet, nicht blos die Oesterreicher durchlogen, sondern selbst mit mehreren tausend Mann Kainsdienste leisten sollen. Heute vor acht Tagen wurde im Ge- sammtministerium zu Hannover der Beschluß gefaßt, ein
mobiles Korps von 6 bis 7000 Mann bei Stade an der Niederelbe znsammenzichen; am 25. waren die Güterzüge an der Eisenbahn zu Hannover bereits abbestellt und das 3te und 4te Regiment nach Holstein marschfertig. Preußen läßt dies ruhig geschehen; Preußen läßt Braunschweig ruhig entmutigt werden, indem es noch nicht einmal geantwortet hat; Preußen liefert seine eigenen militärischen Positionen aus; Preußen spielt Görgeys Rolle bei ViUagos mit seiner Landwehr; aber es wird nicht fallen, beklagt von aller Welt wie Ungarn: es wird fallen wie ein Selbstmörder, der zu feig, Gutes mit Mühe und Kampf zu thun, sich lieber erhängt, weil Nichtsthun bequemer als Nechtthun ist. Preußens Untergang wird niemand bedauern, wenn geschieht, was in der Geschichte noch nicht dagewesen ist, daß sich fast eine halbe Million Bewaffneter ruhig umzingeln, ruhig von ihrer eigenen Regierung ausliefern laßt an die Machte, welche das offizielle Preußen seine „treuen Verbündeten" unverhohlen nennt, während das Volk sie uls Preußens und Deutschlands Todfeinde kennt.
Deutschland.
„Traue der Jungfrau nicht, welche der Keuschheit sich rühmt!" , sVoß.
V Aus dem goldenen Grund. Außer den Bundestagsorganen bringen die Blätter aller Farben täglich klagende Berichte über die Demüthigung Preußens. ^.Selbst die demokratischen Blätter schienen eine Zeitlang an den Ausbruch der Feindseligkeit zu glauben. Wir blieben stets der Ansicht, welche wir vor einem Jahre in der „Freien Zeitung" mittheilten, und welche jetzt von der „O.-P.-A.-Zeitung" selbst angedeutet wird: Nach der Schweiz und so weiter wird dort gesagt.
Man ist leider in Deutschland vielfach noch gewöhnt, an ein Bestehen des Preußen, welches der große Churfürst und der große Friedrich geschaffen, zu glauben; allein dieses Preußen ist mit dem großen Friedrich verschieden. Wir kennen nur das offizielle Preussen, wie es seit den französischen Kriegen sich gezeigt. Die Prinzipien Friedrichs sind entflohen, man huldigt dem Prinzip Oesterreichs, will es aber doch nicht scheinen. Daher ist man zu jenem unseligen Schwanken verdammt, das Preußen schon einmal an den Rand des Verderbens gebracht.
Das alte Preußen stellte sich auf die Höhe der Zeit, war der Vorkämpfer des Geistes; daher unwiderstehlich.
Betrachten wir aber einmal Preußen beim Wiener Cougreß! Wie stritt es in Noten für konstitutionelle Verfassung Deutschlands, — und fügte sich dann der Uebermacht Oestreichs. Aber wenn jene Noten Ernst waren, wer hinderte dann Preußen an der Einführung einer Constitution in seinen Landen?
Preußen will seinen alten Namen behalten, es will sich den Staat der Intelligenz und des Fortschritts
nennen und glaubt dadurch die Kraft zu erhalten, als ob es wirklich jene Güter besäße. Daher sein Handeln. Wie eine Kokette, die ihren Fall nicht mehr verheimlichen kann, gerne den Glauben verbreitet, sie sei dem Zwang erlegen, so will Preußen gezwungen sein. Wir glauben daher, daß Preußen in Warschau die Rolle der Demüthigung übernommen, weil eben diese Demüthigung den Glauben erhalten soll, Preußen weiche der Gewalt, wolle gerne anders handeln. Daß es am Ende hintergangen sein möchte, glauben auch wir. Habsburg vergißt nicht, wie ihm Preußens Friedrich mitgespielt, und lohnt gern, wie — dem Wallenstein!
O Aus der Provinz, 27. Nov. Wie an viele l andern Orten, so haben auch zu Rüdesheim, wie ein Corresponoent der „Nassauischen Allg. Zeitung" vom 21. d. M. in Num. 279 meldet, bei den Couftriptions- Verhandlungen Unordnungen stattgefunden. Aber die Ursache hiervon in der schlechten Polizei und in oer neuen Gemeindeordnung, die freilich manchen Leuten ein Dorn im Auge ist, suchen zu wollen, dazu gehört die Blindheit oder die Gesinnungslosigkeit eines Reaktionärs. Wir erblicken sie in etwas Anderem Wahrend dem die Diplomaten über das Wohl und Wehe Deutschlands die Karten mischen, gehen dem Volke nach und nach die Augen auf. Es sieht aus Schles- wig-Holstein, Kurhessen u. s. w., daß die Soldaten, seine Söhne, sein eigenes Blut, nur zu häufig nicht zum Schutze des Vaterlandes, zur Herstellung und Erhaltung der heiligen nnd versprochenen Volksrechte verwendet werden — sondern gerade zum Gegentheile, zur Unterdrückung des Volks, zur eigenen Unte - drückung. Mit andern Worten, — das Volk erzieht sich in seinen Söhnen seine eigene Ruthe und zahlt noch obendrein die Kosten für die Schläge, die es damit erhält. Es schlägt sich selber! Aber es fängt an dies zu empfinden. „Möchten doch recht bald und es ist die höchste Zeit (Worte des Corresp. der „Nass. Allg.") die hochweisen Herren es einsehen, daß ein solches Begehen gegen die Natur geht." Das Rappelköpfigwerden so mancher Conskribirten läßt sich aber hieraus vollkommen erklären.
* Wiesbaden, 28. Novbr. Eine preußische Feldpost ist bereits hier. Diesen Morgen traf der Gene- ralkommandotrain mit 90 Pferden und mehren Bagagewagen ein; diesen Abend wird außerdem 1. Bataillon der 26er Preußen der Regimentsstab eintreffei. Das Generalkommando für die in unserm Herzogthum aufzustellenden preußischen Truppen wird dem Vernehmen nach hierher verlegt. Unsere Regierung hat sich in Berlin bereit erklärt, eine Besetzung Nassaus zuzulassen, falls Preußen dies für nöthig halte und ist dies auch bereits der österreichischen Regierung notificirt worden. Dieser Fall scheint jetzt eintreten zu sollen.
Aus Kurhessen, 25. Nov. (N. D. Z.) Man kann nicht genug auf die Stempelfrage zurückkommen, welche jetzt von der kurhessischen Negierung zur Unter-
Thomas Paines Rechte des Menschen,
deutsch von Fr. Hecker.
* Es geht den Deutschen in Nordamerika mit dem Mutterlands, wie uns wohl mit theuren Verwandten, mit denen wir unzufrieden sind, ohne doch von ihnen lassen zu können. Wohl zürnen sie herzhaft über die trostlosen deutschen Zustände, wohl grollen sie mit der noch trostloseren Dickstirnigkeit und Hiobsgeduld eines Volkes, welches das erste in Europa sein könnte und jetzt das allermedrigste, elendeste auf der Welt ist, aber immer wieder zieht es sie mit unsäglicher Liebe zu diesen vernagelten und vernarrten Brüdern im alten Deutschland hin.
So geht es auch Friedrich Hecker. Sein Ekel an den deutschen Wirren ist groß, seine Hoffnung auf baldige Errettung gering, sein Ringen und Streben, in der neuen Welt der alten Ehre zu machen und den berühmten Namen zu rechtfertigen , ist unermüdlich. Dennoch blieb ihm Muße und Zeit, das Mutterland mit einem Angebinde zu erfreuen, wofür wir ihm sehr dankbar sind.
Thomas Paine ist ein Charakter, den näher kennen zu lernen ein Gewinn für jeden deutschen Mann ist; Paines Schrift yber die Menschenrechte zu beherzigen, ist ein Fortschritt für jeden denkenden Menschen. Hecker hat uns eine vortreffliche Lebensbeschrei
bung von Paine und eine Vorrede zu den Menschenrechten gegeben, die unsern Lesern als Vorschmack von der empfehlenswerthen Schrift selbst vorzulegen, wir heute das Vergnügen haben. DaS Buch kam zur guten Stunde: möge es bei recht vielen unserer Leser Heimathrecht erwerben!
Vorrede Dr. Friedrich Heckers.
„Wer je die Räume einer großen Bibliothek betrat, dem drängt sich der Gedanke auf: wie manches Geisteswerk, geeignet beizutragen zur Beleuchtung der Fragen der Gegenwart, ruht hier vergessen, fast verschollen, und der Wunsch bewegt unsere Seele, ein verständiger Mann möge das Eine oder das Andere wieder hervor- ziehen an das Licht des Tages, den erhabenen Geist des Schriftstellers reden lassen zu der Mitwelt. Zwei Jahrhunderte find es, welche dem dritten, dem unsrigen die Hand reichen sollen, zwei Jahrhunderte, in welchem Urkeime gelegt wurden, die unser Geschlecht zur Entfaltung und Entwickelung bringen kann und bringen wird, ich meine das sechszehnte und achtzehnte.
In dem 16. Jahrhundert entfaltete im Kampfe mit der Aberglaubens- und Pfaffenherrschaft Religionssrei- Heit zuerst ihr lichtes Banner. Aber es war jener Zeit nicht gegeben, sich loszusage» von dem Siuulichgemüth- lichen, von dem Geheimnißvollen und Wunderbaren. Die Vernunft lag im Kampfe mit Offenbarung und Gläubigkeit, und eine vom crassesten Aberglauben ge-
reinigte Strenggläubigkeit war die Geburt der Zeit. Jenes Jahrhundert hatte Eines für sich: es war bewegt und beherrscht von Leidenschaften des Herzens, aber nicht von Leidenschaften des Kopfes; darum konnte es kommen, daß nach wilden Religionsverfolgnagen der Fanatismus versank in düstere Schwärmerei und steifen Zelotismus, während ein lanveshohkitlicher Absolutismus sich emporhob und die letzten Reste der Volksfreiheit, und damit die Nation, das Reich vei* nichtete. Aber es ist eine Literatur des 16. Jahrhunderts vorhanden, oft tief vergraben in den Fächern der Bibliotheken, vereinzelt und zerstreut, eine Literatur der Flugschriften oder Ansprachen an das Volk, von welchen nur ein kleiner Theil der Mehrzahl bekannt geworden ist, aus welcher nur die Schriften Wenig,r, wie Huttens, zu uns reden, eine Literatur, die das befruchtete Samenkorn unserer Zeit in sich schließt, und des Lehrreichen eine Fülle bietet. „Die christliche Frei Heit" der Bauern und Münzers, sie erinnern an die gesellschaftlichen Fragen unserer Tage, als Sickin- gens und Huttens Einigung, die Kampfe geg.n das Ausland, gegen Rom an die heute so oft zur Täuschung des Volks ausgebeutete Frage der Nationalität. Das 16. Jahrhundert hat einen offenbarung». gläubigen, religiösen Charakter, und unter diesem Gesichtspunkte betrachtet es Staat und Gesellschaft. Das 18. Jahrhundert mit seiner Schule englischer Skeptiker und ten ihnen Nacharbeit, noen Franzo^u, der bewende