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Freie Zeilmg.

____________âeiheit and Recht! -

^o 2711. Wiesbaden. Sonntag, 2L November 1&4O.

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ZWas will das deutsche Volk?

X Was will das deutsche Volk? Es will die Frei­heit, um dadurch zur Einheit, es will die Freiheit und Einheit, um durch sie zur Unabhängigkeit von seinen Feinden und Nebenbuhlern zu gelangen, und es will diese Dreiheit, um in und mit ihr zu der Staatsform zu gelangen, welche seinem Bewußtsein, seinen sozia­len und materiellen Bedürfnissen entspricht. Und welche Form entspricht seinen dringendsten Wünschen und heiligsten Interessen? Die konstitutionelle Monar­chie, oder die Republik?Jene allein!" antworten die Einen,Nur diese!" die Andern. Darüber der Streit im Volke. Aber worüber sind Alle, welche der Volks­fahne folgens einig? Was wollen sie nicht? Sie wollen keine Monarchie mit 34 Vasallen, denn die Vielstaaterei hat Deutschland um die Einheit gebracht, die stark macht. Sie wollen keinen bureaukratischen Polizeistaat, denn dieser hat das Volk nach der ver­lornen Einheit auch um die Freiheit betrogen, die es besaß, und diejenige verkümmert, die es erstrebte. Sie wollen keine auf der nackten Militärdiktatur fußende dynastisch-absolutistische Politik, denn diese hat Deutsch­lands Unabhängigkeit so wenig gesichert, dass es ein Spiel ball seiner Nachbarn, eine Beute jedes kecken Er­oberers wurde, von Louis XIV., der ihm das Elsaß nahm, bis auf Napoleon, der es zu Frankreichs Magd machte und bis zu Nikolaus!., der sein Brennusschwert in die Wagschale wirft und ruft:So will ich's, so gebiete ich's!"

Deutschland will kein bloßer geographischer Name bleiben, wozu es geworden durch die Verträge von 1648, 1806 und 1815! Das steht fest. Es will diese Ver­träge die einseitig im Interesse seiner Dynastien geschlos­sen wurden, nach den Bedürfnissen und Rechten des Volkes revldireu; es will keinen Bundestag mehr, ob­gleich er eine republikanische Form hatte, es will ihn nicht, weil sein Inhalt ein bureaukratisch - dynasti­scher und dadurch ein volksfeindlicher geworden war; es will keine Union a 15 Radowitz, weil es eine taube Nuß ohne einen Kern verschmäht. Es will mitra­then und m i t t h a t e n nach seiner Altvordern Wahl­spruch: es will ein Parlament; aber es will keine bloße Redeübungsanstalt a la Paulskirche und Augusti- nerkirche; es will kein norddeutsches und kein klemdeut- sches, sondern ein allgemeineines deutsches Parlament; es will kein privilegirtes, sondern ein aus dem allge­meinen Wahlrecht hervorgegangenes; es will kein ter- rorisirtes, weil ein abhängiges Parlament kein unab­hängiges, einheitliches, freies Deutschland zu schaffen vermag. Es will also eine konstitutionelle Staats- form? Wohlan, eine konstitutionelle, wenn diese die Ga­rantie bietet, daß sie zur Einheit, Freiheit und Unab­hängigkeit führen kann und wird. Kann das, was unter dem Namen Konstitutionalismus in Deutsch­land sich bisher geltend gemacht hat, dies? Die Er­

fahrung lehrt das Gegentheil. Weshalb kann er dies nicht, da er es doch in England konnte? Weil uns zu diesem Kernkonstimtionalismus die Kernmänner fehlten. Der Papierkonstitutionalisinus, wie die Alt­liberalen ihn faßten, der. Redekonstitutionalismus, wie die Gothaer ihn entfalteten, hat diesen Kern nicht: er hat nicht die Fähigkeit, der Idee die Ehre der Konse­quenz zu geben; er hat nicht den Muth, den Gegnern zu imponiren: er ist kein Marschall Vorwärts und kein Staatsmann Durch, er ist nur eine Citrone, welche die Dynasten, nachdem sie dieselbe ausgepreßt, dem Volke vor die Füße warfen und iprachen :Seht, das sind eure Götter!"

Die Monarchie hat tiefe Wurzeln im deutschen Boden geschlagen; sie war Jahrtausende lang die hei­lige Eiche, um welche die Völker sich verehrend schaar- ten. Wer kann sie fällen? Starke Arme, scharfe Aerte gehören dazu. Diese hat der Scheiucoustitutio- nalismus nicht: er hat keine Schneide. Die Eiche lacht dem Schäferspiel; sie weiß, daß nur der Sturm sie entwurzeln kann. Wird dieser Sturm kommen? Er kam im März 1848 und sie beugte sich, doch sie fiel nicht. Das Geheimniß ward verrathen: fie wird nicht fallen, es komme denn ein stärkerer Sturm oder sie lasse der Fäulniß in ihrem innern freies Spiel. Wird dieser Sturm heraufbeschworen werden? Die Monarchie hat darüber zu entscheiden, sie hat ihr Schicksal in Händen. Denn was will das Volk? Es will nicht länger faulen; es fühlt sich gesundet, er­starkt; eS fühlt, baß sein Frühling naht.Die Monar­chie auf breitester Basis!" rief man ihm zu, als es zürnte. Was heißt das? Die Monarchie, die mit der Einheit, Freiheit und Unabhängigkeit der Nation sich indentifizirt. Haben die deutschen Monarchieen Ernst damit gemacht? Werden sie Ernst damit machen? Die aufrichtigen Conftitutionellen haben es bejaht; doch heute? Die Demokraten haben ^bezweifelt, und heute?

Freiheit, Einheit und Unabhängigkeit will das Volk, weil es muß, weil sein Bewußtsein, sein In­teresse dazu zwingt, weil sein Stolz dazu spornt: wird die Monarchie sie ihm bieten, wird sie die VolkSbe- dürfniffe zur Wahrheit machen? Das entscheidet über die Zukunft der Monarchie, das entscheidet zwischen Constitutionalismus und Demokratie. Diese hat daS Prinzip und die Consequenz für sich, jene rühmte sich der den gegebenen Verhältnissen entsprechenden leichteren Verwirklichung. Die Monarchie hat zu entscheiden: sie steht am Scheidewege, seit das Volk den Absolutis­mus nicht mehr wollen kann, ohne sich selbst und das Vaterland auf-, sich selbst und das Vaterland den Croaten und Kosacken Preis zu geben. Je entschie­dener die Monarchie auf die Seite des wahren Kon- stitutionalismus tritt, desto länger ist die Demo­kratie zum Zuwarten verurtheilt, doch desto mehr wird sie Schritt vor Schritt mit ihren Prinzipien, denen nun einmal die Neuzeit gehört, sich Bahn bre­chen in diesem Staate; je entschiedener die Monarchie sich

dem Absolutismus in die Arme flüchtet, je rascher sie zurückgeht, desto schneller wird sie allein stehen, desto eifriger werden Konstitutionalismus und Demokratie sich nähern und verbinden, bis sie ganz eins, ganz den Prinzipien der Neuzeit ergeben und der Gegnerin, die sie fortftieß, die sie nicht hören wollte, gewachsen sind. Daher noch einmal: was will das deutsche Volk? Es will die Freiheit, Einheit und Unabhängigkeit! Ob Mo­narchie, Konstitutionalismus oder Demokratie wer diese drei ihm gibt, dem ergibt es sich. Die Entscheidung naht, vielleicht morgen, vielleicht später erst, doch sie naht um so schneller, je schneller die Monarchie sich entscheidet. Die Monarchie steht am Scheidewege: dem König von Preußen ward zum drittenmale vom Schick­sal die Wahl anvertraut, er fühlt, daß er ein schick­salsvoller Mann ist; das ist der Berg vor dem er steht. Ganz Deutschland, ganz Enropa, die ganze Welt blickt auf ihn und nicht ohne Grund. Durch ihn wird sich das Geschick erfüllen.

Afflseuverhandlungen zu Wiesbaden.

Fünfter Prozeß,

Anklage gegen Heinrich Joseph Müller von Cronberg wegen Tödtung seines Vaters.

(Fortsetzung und Schluß.)

$ Wiesbaden, 22. Nov. Folgendes ist kurz dec nähere Sachverhalt, wie er sich aus dem Anklageakt und der Zeugenvernehmung ergibt: Am Abende des 21. Juli kam der Angeklagte, welcher verheil athet ist und eine eigene Haushaltung hat, in die Wohnung seines Vaters. Er gerieth mit diesem in Streit (die Ursache des Streites kann nicht ermittelt werden, da gegen die Abhör der beiden Zeugen, die darüber hätten Auskunft geben können, von dein Vertheidiger protestirt wird: es sind die Mutter und der Bruder des Ange- ftagten), der bald zur RaufereCausartete. Herbeige- eilte Nachbarn schafften ihn zur Thüre hinaus uno drängten ihn, da er sich widersetzte, auf die Straße, wo er indeß nicht unterließ, die gemeinsten und rohe­sten Schimpfworte gegen Vater und Mutter auszu- stoßen. Ersterer eilte nun herunter und versetzte ihm eine derbe Ohrfeige, worauf der Angeklagte mehremals mit beiden Fäusten nach seines Vaters Brust giq,. Mehrere Zeugen eilten herbei, um Beide zu trennen, wobei einige du; Worte des alten Müller gehört haben: Der sticht auch noch!" Beim letzten Stoße fuhr er mit beiden Händen nach der Brust und wankte gebückt nach seiner Wohnung. An der Hausthüre rief er: Er hat mich auch noch gestochen!" Mit großer Mühe gelang es ihm, die Treppe hinaufzugehcn,^er ließ sich, in seinem Zimmer angekommen, auf einen Stuhl nie­der, sank aber zusammen, als er wieder anfstehen wollte. Nach einigen Minuten war er eine Leiche. Einige Zeugen haben bemerkt, wie der Angeklagte nach der Tp.it

Lisbeth und Katherine oder belehrende Weibergespräche über religiöse Freiheit.

Viertes Gespräch.

(Fortsetzung.) Katherine, weiter fortfahrend: Wehe euch, ihr Schriftgelehrte unPfarisäer, ihr Heuchler! Die Außenseite des Bechers und der iDchüyel haltet ihr rein aber inwendig seid ihr voll Staub und Un« aerecktiqkeit." (Des kann der dummscht Bauer verstehe. Mit ufaeputschte Kläder sieht mersche üwerall, awer innewennig? - fui!) Du blinder Pfansäer, mache das Innere des Bechers zuerst rein, so wcrd auch die Außenseite rein sein! (Des will häsche: butscht euer Gewisse zuerscht, dann seht ihr viel schönner aus! Als weiter!) Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und PMt- säer ihr Beuchler! übertünchten Gräbern seid ihr ahn. »ich' die 'zwar schön in die Augen fallen, inwendig aber voller Todtenleichen und Unreinigkeit sind. (Des bähscht: auswennig seins schöne Grabmäler, die wir betrachte un sie für schön Halle, inwendig m de Graber stinkts awer gewaltig! Des nemmt euch ad notam, hr Heuchler! So gebet auch ,hr euch äußerlich den Schein vor den Leuten als Gerechte, inwendig seid ihr voll Heuchelei und Bosheit! Deutlicher kann gewiß mks gesaht werde.) Wehe euch, ihr Schriftgelchr.cn und Pfarisäer, ihr Heuchler! Me ihr die E): abmale der Propheten bauet und die Gräber der Gerechten zieret,

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und saget: Hätten wir zu unserer Väter Zeiten gelebt, wir hätten mit ihnen uns nicht verschuldet an dem Blute der Propheten! So bezeuget ihr Euch selbst, daß ihr Söhne der Prophetenmörder sechsund ihr machet das Maaß eurer Väter voll. Ihr Schlangeu- und Natternbrut, ihr Otterngezücht, wie wollt ihr der Verurtheilung zur Hölle entgehen! Darum siehe, ich sende Propheten, Weise und Schriftgclehrten zu euch; aber von diesen werdet ihr einige todten und kreuzigen, andere in euern Sinagogen (oder jetzt Kirche) geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen, jo daß alles un­schuldige Blut, das auf Erven vergossen wurde, über euch komme, vom Blute des gerechten Aveis an, bis zum Blute des Zacharias, Barach, as Sohns, den ihr zwischen dem Tempel und Altare getödtct habt! Wahr­lich, ich sage euch, dies Alles wird über dies Geschlecht kommen. Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tödtest und steinigest, die zu dir gesandt find; wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Jungen unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt! Siehe, eure Wohnung wird euch wüste gelassen werden. (Gelt, ihr Herrercher, des schmeckt euch nit, odder glabt ihr vicleicht, wir warn so dumm, daß mer nit wischte, wcns gemahnt is? Gelt, wann unser äner uf euch so räsonirn däte, do dät ihr gleich beide Staatsprokorater laafe: Der Mensch hot die Religion beschimpft, der muß gestroft werde! Ihr awer seid doch lisch lang nit die Religion! Sis recht gut, daß unser armer, guter, lieber Christus nit

mehr lebt, dann vor eurer Bosheit war er gewiß nit sicher, un die Piusleut dätne helfe Verdünnern. Awer des könnt ihr mir sicher glawe, daß Christus doch noch lebt, un ihr könnt ibn doch nit kriehe, ihr mögt euch stelle un flenne wie ihr wollt. Er lebt noch fort in dem Geischte der Wahrheit un der Gerechtigkeit, die könnt ihr nit einstecke un nit verfolge; awer des sahe ich euch, eure Lühe mischt ihr entstehe, so wohr als c Gott im Himmel is! Hvt ihr nit gehört, im zwät- letschte Vers: eure Wohnungen werden euch wüste ge­lassen werden? Bedenkt nor emol, was die Worte bedeuten! O, ihr wischts wohl gut, ihr wollt awer ntt ) Sis jetz aus, Katherine, Hotter gesaht, die Howe emol ihr Fett. Un noch komischer iffeS, daß ich bei meim viele Kerchelaafe seiner Lebdag vun dem Matthäo am 23. Capitel noch Silbewöctche gehört hawe! Jetz ismersch ganz klar. Wie mahnstc, Lisbeth, wie ich des gehört hawe vun meim Mann, der jede Vers aach ausgeleht hott, der vor lauter Kerchelaafe nor die Hälft geschaßt un so wüdig geschenut Hot, wie ich to geguckt hawe? Ich hawe gar nit gemahnt, daß es möglich wär; ich hawe ihn als betracht, ob es wirklich mei Mann is; no, es warer awer emol. ES muß c Wunner mit ihm vorgange sein, hawe ich als vor mich gedacht; ich glawe awer doch an Wunner! Mei, 'sahmer emol, hab ich ihn gefroht, du hascht jo dato alle Versche ausgeleht, daß maus so gut begreife kann. Ich hät es meiner Lebdag an dir nit gesucht. D.> druf Hotter augefange zu lache: No, ich will dir es