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durch mehrere Messerstiche auch verwundet, der den S t a h t zu treffen glaubte. So wollte es hier der Zu­fall, daß zwei im Zustande der größten Aufregung be­findliche Personen sich an Unschuldigen vergriffen.

Der Angeklagte erinnert sich nur weniges, er ge­steht zu, Streit mit dem Michael Sieger gehabt zu haben, er habe aber mit der Pflugschleife nicht geschla­gen, sondern geworfen; ob er dessen Mutter getroffen habe, wisse er nicht, Sieger habe ihn aber vorher am Fuße verwundet. Durch das Zeugenverhör wird im Wesentlichen der Hergang, wie hier erzählt, bestätigt. Aus den ärztlichen Gutachten geht hervor, daß für die Verwundete keine Rettung mehr möglich war. Die Sitzung wurde, nachdem das Zeugenverhör beendigt, für heute geschlossen; morgen früh beginnt das Plädo­yer des Staatsanwalts und des Vertheidigers.

19. November. In sehr ausführlicher und ge­wandter Rede begründete heute der Staatsanwalt die erhobene Anklage; er ging genau auf alle Einzelheiten vor, während und nach der That ein und benutzte alle Momente, die für die Anklage sprechen konnten, auf das vollständigste. Nicht minder scharfsinnig machte der Vertheidiger von Demjenigen Gebrauch, was zum Schutze seines Clienten nur irgend anzuführen war. Hatte der Staatsanwalt zwar den durch die groben Beleidigungen des Michael Sieger hervorgerufenen Affekt minder hoch angeschlagen, war er vielmehr kurz darüber hinweggegangen, so widmete der Vertheidiger auf die Art der Hervorrüfung des Affektes im vorliegenden Falle, und auf die nähere Erläuterung des Affektes über­haupt, längere Zeit, er kam dabei zu sehr einleuchtenden Schlußfolgerungen, die allerdings in solchen schwierigen Fällen der strengsten Prüfung und der gewissenhaftesten Er­örterung bedürfen. Das Resume des Präsidenten war ebenfalls sehr erschöpfend, klar, und was die Hauptsache, unparthelisch. Nur dadurch haben die Resume's wahren inneren Werth, nur dadurch können sic den Geschworenen die Urtheilsfällung erleichtern, wenn sie Alles, was in dem Verhöre vorgekommen, klar wiedergeben, sowohl das hervorheben, was für die Anklage, als auch das, was gegen die Anklage spricht, kurz, wenn sie das Ganze der Verhandlung in einem ungefärbten Bilde nochmals vor den Augen der Ge- schworenenen aufrollen, nicht aber dadurch, wenn sie sich einseitig auf den Standpunkt des Anklägers oder des Vertheidigers verirren, wie dies schon öfter in früheren Sitzungen vorgekommen ist.

Nach ^stündiger Berathung erkannten die Ge­schworenen den Angeklagten für schuldig, daß bei dem Schlage seine Absicht unbestimmt auf jeden mög­lichen Erfolg, sei es Tödtung oder Verwundung der­jenigen Person, welche er schlagen wollte, gerichtet war. Den Zustand der Unzurechnungsfähigkeit während der That verneinten sie.

Der Staatsanwalt beantragte 6jâhrigè Zuchthaus­strafe, der Vertheidiger 1 Jahr Cvrrektionshaus. Der Gerichtshof gab ersterem Anträge Folge und verurtheilte den Angeklagten außerdem noch zur Schadloshaltung der Familie Sieger und zum Ersätze von 180 fl. 20 kr. Untersuchungskosten, vorbehältlich der noch zu liquidirenden weiteren Kosten.

Deutschland.

* Wiesbaden, 18. Nov. Die Börsenberichte sind die empfindlichste Quecksilbersäule, um das politische Wetter zu erkennen. Die hohe und niedere Finanz, um frankfurterisch zu reden, beurtheilt einzig und allein nach ihr das politische Wetter oft freilich zu ihrem Schaden. Denn unvorhergesehene Ereignisse kommen zwar nicht oft, doch große Wendungen erfolgen selten ohne sie. Immerhin ist der Stand der Papiere für jeden Politiker von besonderer Wichtigkeit, besonders der Stand der Börse in Frankfurt, Paris und London und in jetziger Zeit auch der in Wien und Berlin, da letztere beiden Orte bedeutend auf erstere einwirken.

Aus gutem Grunde notiren wir deshalb die für den Politiker bcmerkeiiswerthen Börsenständc. Seit den letzten Tagen gehen die Papiere in Frankfurt, Paris und Amsterdam wieder pWg in die Höhe, in London wurden sie nur wenig alterwt und auch in Berlin gehen ; die Fonds langsam wieder hinauf ein Beweis, daß die Finanzwelt in der allernächsten Zeit noch keine hef­tigen Stürme fürchtet.

* Wiesbaden, 19r Nov. Gestern verbreitete sich in hiesiger Stadt daS Gerücht, daß preußische Truppen, Infanterie zur bloßen Nast auf dem Durchmärsche aus Baden, Kavallerie zu längerem Verbleiben, angesagt seien. .So viel wir vernehmen, bestätigt sich dies nicht; von längerer Einquartierung ist überhaupt keine Rede, nur werden am 22. oder 23. preußische Truppen unsere Stadt auf dem Marsche berühren. Der gestrige Abend scheint überhaupt besonders produktiv an Gerüchten ge­wesen zu sein. So hieß es, und wurde es sogar von Manchen geglaubt, daß in Berlin und Potsdam ein Aufstand ausgebrochen sei. Die heutigen Blätter und Berichte aus der dortigen Gegend wissen nichts von dergleichen.

Mittags. Das Gerücht von derBerliner Ne- Volntion" scheint seine Quelle in einem Berliner Ge­rüchte zu haben, das am 17. verbreitet war. Es soll nämlich einEreeß" gegen Manteuffel beabsichtigt ge­wesen, doch von der Polizei noch rechtzeitig abgewendet worden sein. DieLithgr^Corr." setzt damit die Ver­haftung einer Person in Verbindung. Bis gestern Abend 6y2 Uhr war an der Frankfurter Börse nichts Neues aus Berlin bekannt, wie im Courszettel aus­drücklich bemerkt wird.

// Wiesbaden, 16. Nov. Zur Vervollständigung unseres Kammerberichtes vom 15. d. M. (Num. 274) haben wir folgendes nachzutragen.Bei der Abstim­mung über das Kriegsschulgefetz stimmte der Abg. Fresenius mit einem salbungsvoll energischenJa" für den Wenckenbach'schen Antrag auf Verwerfung des Gesetzes; erst in Folge allgemeiner Heiterkeit nüd lauten Zurufs wandelte er es inNein" um. Zu §. 7 stimmte Großmann mit einigen seinem Beispiel Folgenden für den Commissionsantrag, wollte aber, wie die Folge ergab für den Fresemus'schen Antrag stimmen. Wir legen auf diese Thatsachen, welche wohl mit­veranlaßt sind durch das verwirrte Präsidiren des Herrn Wirth, keinen Werth.

C Wiesbaden, 19. Nov. DieNass. Allg. Ztg.", in welcher früher ihr Redakteur zwar etwas gefärbte, aber doch im Wesentlichen richtige Berichte über die Landtagsverhandlungen gab, hat sich in Num. 273 einen anderen Berichterstatter beigelegt, welcher mit dem des im Herrn entschlafenenLandtagsblattes" der konstitutionellen Partei ein und derselbe zu sein scheint. Wenigstens zeigt dieser neue Landtagsbericht ganz je­nes Bestreben, die Aeußerungen der Linken zu unter­schlagen und zu verstümmeln, oder gar ihr puren und blanken Unsinn in den Mund zu legen, wie man es von dem Landtagsblatt zu seinenschauerlichsten" Zei­ten gewohnt war. Wir geben, statt einer ausführli­chen Darstellung aller Unrichtigkeiten, die uns zu viel Platz wegnehuic» würde, nur eine kleine Probe. Der Abgeordnete Braun hatte bei der Spezial-Discussion des Gesetzentwurfs über Bildung eines Lehrerpensions­fonds im Wesentlichen Folgendes gesagt:

Er halte das ganze Gesetz für Stück- und Flick­werk; von einer anderen Seite werde es eine Abschlag­zahlung genannt; aber eine Abschlagszahlung, welche in der Absicht geleistet werde, um die Hauptzahlung und volle Auszahlung zu vereiteln, sei bedenklich. Der vorliegende Gesetzentwurf bezwecke aber nichts als die Verschiebung oder gar Vereitelung der längst zugesag­ten allgemeinen SchnIorganisation. Dürch diese müsse das Prinzip entschieden werden, ob die Lehrer StaatS- diener oder Gemeindebeamte seien; und erst, wenn diese Frage eutschieden sei, könne dem bedrängten Lehrerstand geholfen werden. Das gegenwärtige Gesetz wolle im

i Grunde nichts, als eine bedeutende Geldsumme den Gemeindekaffrn entnehmen und der Regierung zur Ver­fügung stellen; deshalb sei er (Redner) gegen das Gesetz. Herr Leisler habe diese Bestimmung verthei­digt und als einen Akt dkö selsgovernement der Ge­meinden gepriesen. 'Er (Braun) sei ein großer Ver­ehrer der Selbstregiernug der Gemeinden; aber er müsse doch gestehen, es sei eine sonderbare Sorte selfgover- nement, die einzig und allein darin bestehe, daß man seinen Geldbeutel einem Andern zur willkürlichen Ver- fügnng stellen müsse. Ebenso sonderbar werde das Gesetz von der Regierung vertheidigt, welche behaupte, es belaste die Gemeinden nicht, weil in den meisten Gemeinden keine Stenern gehoben würden. Allerdings sei letzteres richtig, allein es sei blos Folge der neuen Gemeindeordnung, welche, da wo Steuern gehoben würden, das Verthcilen der Nutzungen untersagt. Wenn man also die Gemeinden belaste, so führe dies da, wo es nicht Steuererhöhung zur Folge habe, zur Schmä­lerung der Gemtindenutzungen, wodurch grade die är­meren Bürger am härtesten betroffen würden. Es be­dürfe wohl in dieser Beziehung keiner Erinnerung für den Negierungscommißär, daß das hierum cessaus und das damnus emergens hierin gleich seien. Ueber- Haupt werde Seitens der Regierung eine seltsame Logik eingehalten; man sage ein Gesetz über Ablösung der Erbleihen zu und behaupte in demselben Augenblick, die Grundrechte seien dagegen; ebenso lege man einen Gesetzentwurf über Bildung eines Lehrerpensionsfonds vor und bestreite, daß die Grundrechte für eine Pen­sionsberechtigung der Lehrer seien."

Statt dieses Vortrages legt dieAllgemeine" dem Abg. Braun folgende Worte in den Mund:

Das ganze vorliegende Gesetz ist Stick- (seltsame Orthographie!!) und Flickwerk; ich werde daher da­gegen stimmen (der Redner hat nachher dafür gestimmt. Siehe unten, fügt dieAllgemeine" bei.) So lange die Frage nicht entschieden ist, ob die Lehrer Staats­oder Gemeindediener seien, kann solche Abschlagszah­lung nichts nützen, da die Hauptzahlung nicht folgt. Das von Leisler Empfohlene sei nichts, als daß die Grunrechte der Regierung zur Ver­fügung gestellt werden. Es ist ein Verstoß, daß man den Lehrer pensioniren will und den Bürger nicht. Das Gesetz will den Armen die Gemeinde-Nutzungen entziehen. Ich bin dagegen." Um einen solche» Unsinn in so wenig Zeilen zusam­menzudrängen, dazu gehört Kunst und ein eigenthüm­licher Kopf, in welchem allerdings der Verstandin Ruhestand gesetzt" und die Phantasie der Animosität zur Verfügung gestellt" sein muß. Wir mußten neu­lich die unsinnigen Kammerberichte desFrankfurter Journals" tadeln. Allein die Lorbeern des, Journals haben den Berichterstatter der Allgemeinen nicht schla­fen lassen. Und in der That, er hat gesiegt und über­troffen !

A Diez, 18. Novbr. Die demokratische Partei unseres Wahlbezirkes hat so eben ein erfreuliches Zeug­niß ihrer Rührigkeit abgelegt, was um so anerkcnnungs- werther ist, als in dem Schoß derselben eine Meinungs­verschiedenheit hinsichtlich des aufzustellenden Candida- ten Platz greifen zu wollen schien. Die sogenannte konstitutionelle Partei vermochte für ihren Candibaten, Bauinspektor Haas, nicht mehr als 44 Stimmen auf- zutreiben, währenddem die demokratische Parte 207 ihrer Stimmen auf Gustav Dünkel berg von hier ver­einigte und 58 Stimmen auf Wagner von Dauborn fielen, ebenfalls einen demokratische» Candidaten. Wir wünschen unserem Wahlbezirk zu diesem glänzenden Resultate Glück, bedauern aber auf der anderen Seite sehr, daß dem Herrn Bauinspector Haas die Mög­lichkeit entzogen wurde, bei den Prüfungen des Erigenz- Etats der Kammer die nöthigen Erläuterungen über das Kapitel vom Wasserbau zu geben.

Mainz, 17. Nov. (Mzr. Tgbltt.) Gestern Abend wurde auf Befehl der preußischen und österreichischen

König Heinrich würdiger darstellte, als Nerking den Faust. Wir sahen den himmelstürmenden Titanen, des­sen Herz nicht gesättigt werden kann durch alle Ge- nnffk des Lebens, dessen Geist nicht befriedigt werden kann durch die Tiefen der Wissenschaft, umgewandelt ,n einen verliebten Selado» mit sentimentalem Augen­verdrehen, schmachtendem Kopfhängen und seufzendem Ach. Das mag ein erster Liebhaber sein, aber Göthe's Faust ist kein erster Liebhaber; er ist zuerst Faust und dann erst nebenbei Liebhaber. Dann bewies die falsche Betonung Nerking's, daß er nicht nur den ganzen Cha­rakter nicht aufgefaßt, sondern sogar meistens die ein­zelnen Stellen ihrem Wortsinn nach nicht begriffen hatte. Er declamirt z. B.:

,.Die Botschaft hört' ich wohl, Allein mir fehlt der Glaube.",

mit dem Ton auffehlt", als wenn es hier auf das Manco ankame, u. dgl. m. Auch gesticulirt er sonder­bar für einen Faust. Er schlägt z. B. mit den Hän­den auf die Schenkel. Das darf ein Komiker, vielleicht auch ein Liebhaber, aber gewiß kein Faust. Als Ca- valier Faust war er zu aufgeputzt stutzerhaft, als Ge­lehrter Faust zu, fast möcht' ich sagen, schmutzig. Er hat aus einer Rolle zwei gemacht, aber aus einer guten zwei schlechte.

Weilenbeck als Mephistofeles bewährte auch hier den denkenden Künstler. Die Rolle hat ihre ungeheu­

ren Schwierigkeiten; alle werden sie selten überwunden, man muß zufrieden sein, wenn die Mehrzahl überwun­den wird, und das war bei Weilenbeck der Fall. Sein Spiel bewährte volles Verständniß des Charakters und hat gewiß auch theilweise dem Publikum neue Seiten der Ausfassimg für einzelne Stellen erschlossen. Wir sahen Weilenbeck einmal vor längerer Zeit als Mephisto. Wir können ihm zu seinem Fortschritt Glück wünschen. Wir fanden, daß er manche Uebertreibungen abgelegt hat, aber wir müssen hinzufügen: nicht alle. Ein so guter und denkender Schauspieler wie Weilenbeck sollte sich niemals zu Schnurrpfeifereien erniedrigen, umein Bravo um jeden Preis", komme cs, woher es wolle, zu erringen. Eine Grimasse kann wohl Mephisto schnei­den, aber ein Grimassier von Handwerk darf er nicht werden. Wir halten es für verfehlt, daß Mephisto im Rock des Faust dem Schüler und später der Martha sofort durch Ton, Mienen und Geberven sich als Teu­fel zu erkennen gibt, obgleich Beide es nicht merken dürfen.

Da die Hauptrolle so gänzlich verfehlt war, so lag für die ganze Darstellung die Gefahr eines Fiasco nahe; allein sie wurde gehalten, wir können sagen, ge­rettet durch das ausgezeichnete Spiel der Frl. Daun als Gretchen, das um so mehr Bewunderung verdient, als sie erst zum zweiten Male diese schwierige Rolle gab. Wenn wir in den ersten Acten einigermaßen einen Anstrich von Schüchternheit und kleinbürgerlich beeng­

ter Anschauungsweise, der freilich nur angedeutct wer­den darf, vermißten, so vermögen wir dagegen in den letzten Acten nicht das Geringste auszusetze». Der Monolog vor dem Marienbilde, das Spiel bei Valen­tins Tod, die Kerkerscene, waren in jeder Beziehung vollendete Muster dramatischer Darstellung. Wenn diese Künstlerin ihre Studien fernerhin mit gleichem Fleiß und gleichem Erfolg fortsetzt, so ist sie zu Bedeutendem berufen und verspricht eine-Zierde der deutschen Bühne zu werden.

Das Publikum, das sich wie wir zur Ehre seines Geschmacks constatiren müssen, zu diesem classischen Stück sehr zahlreich eingefunden hatte, ( nur die Logen waren leer, was uns nicht wundert) be­gleitete mit richtigem Takt das Spiel der Fräulein Daun mit wachsendem Beifall.

Die Nebenrollen waren befriedigend, namentlich aber Fräulein Stephani als Martha. -

Daß das Stück beschnitten war, und oft am un­rechten Ort, ist man bei Aufführung des Faust leider gewohnt. Wenn man einmal beschneiden und abkürzen will, so sehen wir nicht ein, warum man nicht auch die KeUerscene wegläßt.