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Freie Zeitung.

^reihen und Zieehl!"

^ 272. Wiesbaden. Samstag, 16 November I8K§D

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AlteS und Neues

X Als Friedrich 11. nach beendigtem siebenjährigen Kriege nach Sanssouci ritt, sah er am Brandenburger Thore aus ihrer gewohnten Stelle eine alte Qbsthänv- lerin sitzen, die er fragte:Ra Mütterchen, wie ist's Ihr gegangen?" ,,J, recht gut; aber wo is he denn so lange gewesen?""Weiß Sie denn nicht, daß ich sieben Jahre lang Krieg geführt habe?" Wie soll ick det wissen und wat geht mich det an? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!"" Fried­rich sagte lachend zu dem neben ihm reitenden General: Da haben wir's! Ziethen, hat Er's gehört?"

Wir haben in neuester Zeit mehr als einmal an dieses Geschichtchen gedacht, das E y l e r t erzählt.P a ck schlägt sich, Pack verträgt sich!" Aber der alte Fritz konnte darüber lachen; er hatte sich wenigstens g u t geschlagen, und es fiel dem Freidenker und Drauf- paucker nicht ein, daß er und sein Haus blos dazu da wären,dem Herrn zu dienen." Wenn der Alte mit dem Krückstock, den er so gern spielen ließ, wieder auf­erstehen konnte, wem würde er wohl zudonnern, was Preußens wahre Ehre erheische? Der alte Fritz war kein Verehrer der frommen Keilte und der Pafen"; nur ein Lied hörte er gern ^obgleich der liebe Gott darin vorkam, das Kriegslied des Vater Gleim, welches beginnt:

Victoria, mit uns ist Gott, Der stolze Feind liegt da!"

DasDaliegen" des Feindes war sein Plaisir, und unter diesen stolzen Feinden verstand er besonders die Russen und Oesterreicher, mit denen er nicht lange Federlesens" machte. Als sie Preußens Theilung in Dresden ausgebrütet hatten, brach er ohne Weiteres los. Wie anders jetzt, wo in Bregenz Dinge geschmiedet wur­den, die dem alten Fritz die beste Gelegenheit gegeben hätten, zu antworten:Gut, wenn ich nicht mehr Kö­nig von Preußen bleiben soll, so will ich euch den Willen thun; ich werfe mich auf zum deutschen Kaiser!" Wir sind recht froh, wir Demokraten, daß der alte Fritz todt ist; denn ein so arger Tyrann er sonst war, er verstand es, für seine Pläne Propaganda zu machen! Es ist ein eigenthümliches Spiel des Zeitgeistes, daß er im 19. Jahrhundert um dieselbe Zeit dieselben Fra­gen, um welche es sich im 18. für Preußen handelte, in erhöhtem Grade wieder anfwirft. Was damals der französische Voltairianismus und die Aufklärung be- dentete, ganz dasselbe bedeutet für die Mitte unseres Jahrhunderts die Demokratie. Friedrich 11. war kein großer Dichter, aber ein kühner Politiker; er schrieb schlechte Gedichte, aber er schlug geniale Schlachten. Ja, Der große Fritze wußte die deutsche Bewegung für sein Haus, ohne dem Herrn zu dienen, auf eine wahrhaft heidnische Weise großartig zu benutzen. Er erhob Preus­sen, wie Cromwell England, zur Großmacht, trotz Pfaf­fen, Kroaten und Baschkiren!

Wie wenig er auf das Regiment in St. Peters­burg hielt, ist bekannt: er war in beißenden Witzen auf die russische Barbarenwirthschaft unerschöpflich.

Auch die Königin Louise schwärmte so wenig für Rußland, daß ihr schon vor der Schlacht bei Jena der damals höchst seltene Vorwurf gemacht wurde, sie sei eine Tuffen fein bin. Hierüber sprach sie sich, wie ihre Biographin, Frau v. Berg, in der 1848 in zwei­ter Auflage erschienenen Biographie erzählt, gegen Gentz im Jahre 1806 in Naumburg so aus:Weit entfernt, Rußland allein als Hauptwerkzeug der Befreiung Euro­pas zu betrachten, habe sie dessen Beihülfe nur als letzte Hülfsguelle angesehen, und sie sei fest überzeugt, daß die großen Nettungsmittel ausschließlich in der engsten Bereinigung aller derer zu finden seien, die sich des deutschen Namens r ü h m» ten!"

Bemerkenswert!) bleibt es, daß Friedrich Wilhelm I V., der auf diese beiden Größen des preußischen Königs. Hauses stolzer ist, als auf irgend welche, doch keine Spur vom Geiste derselben zeigt, sondern an der streu Idee festhält, Preußen sei ohne die Allianz mit Ruß­land verloren. Radowitz stand trotz aller deutschen Protestationen unverwüstlich fest nOves Königs Ver­trauen; doch kaum hatte sich der Schwager von St. Petersburg gegen ihn in der bekannten Drohnote aus- gesvrochen, als er fiel. Manteuffel weiß dies und er trifft darnach seine Arrangements; denn er will noch eine Zeit lang regieren und sollte Preußen auch darüber zu Grunde gehen.

Uebrigens ist die ungeheuere Demüthigung Preu­ßens, wie sie sich jetzt zeigt, keineswegs eineunerhörte. Brandenburgs Sendung nach Warschau sieht der Sen­dung des Herrn v. Haugwitz nach Paris zu Anfang des Jahres 1806 so ähnlich, wie ein Ei dem andern. "Napoleon ließ dem preußischen Staatsmanne die Wahl, entweder den ihm vorgelegten Vertrag und mit ihm Preußens Schande zu unterzeichnen, oder die Kriegs­erklärung zu gewärtigen. Der Vertrag, von dem alle Geschichtsschreiber nur in den stärksten Ausdrücken zu reden pflegen, wurde am 15. Februar 1806 unter­zeichnet, am 9. März ratificirt; doch was war dadurch gewonnen? Schon im Herbste desselben Jahres war Preußen trotz alledem mit Napoleon in Krieg verwi­ckelt und derHaugwitz'schen Schmach folgte die Schande der Niederlage bei Jena! Der Krieg war nicht ver­mieden, doch' demselben im Voraus die moralische Kraft genommen werden.

Auch das Aufgaben Kurhessens durch Preußen hat sein Vorspiel in Napoleons Besetzung von Cleve, An­spach und Neuenburg im Jahre 1803. Wie damals Haugwitz gegen Hardenberg, so behauptete in der kur- hessischen Frage Manteuffel gegen Radowitz das Feld. Damals war es, wo der Freiherr von Stein an den König die Denkschrift richtete, welche mit den Worten schloß:Die Ursachen und die Menschen, die nns an den Rand des Abgrunds gebracht, werden uns ganz

hineinstoßen; sie werden Lagen und Verhältnisse ver­anlassen, wo dem redlichen Staatsbeamten nichts übrig bleibt, als seine Stelle mit unverdienter Schande be­deckt zu verlassen oder an den sich alsdann ereignenden Verworfenheiten Theil zu nehmen!"

Im Geiste Steins haben die hessischen Offiziere und Beamten gehandelt; was werden die preußischen Be­amten und Offiziere thun, nun Manteuffel Preußen an Oesterreich und Rußland vereinbart hat und die ganze mobil gemachte Armee, den ganzen Wehrstaat Preußen zwingen wlll, vor dem goldenen Kalbe in der Eschen­heimer Gasse niederzufallen und anzubeten? Und wenn selbst dieses gelingt, wird Preußen dennoch dem Kriege auf die Dauer entgehin? Aber wenn nun Preußen wirklich zu einer sekundären Macht herabgestoßen und wohl gar mediatifirt würde, wenn also das Haus Habsburg den Gipfel seiner kühnsten Pläne erreichte was dann? Napoleon, der alle Fürsten in den Staub getreten, fiel, als dieVölker sich gegen ihn erhoben; und 1813 und 14 waren die Nationen noch nicht so reif, wie 1850! Wird Franz Joseph, den der Czar als Romulus Augu- stulus zu behanblen gelehrt hat eine schlimme Lehre angesichts der Argusaugen der erwachten Völker - größer und glücklicher sein, als der größte Kriegsfürst der neuen Zeit?Pack schlägt sich und Pack verträgt sich!"

Aber die Völker, das ist die andere Lehre der Ge­schichte, die Völker schlagen sich nur so lange gut für ihre Fürsten, als diese es verstehen, dieselben zu über­zeugen, daß ihre beiderseitigen Interessen solidarisch sind; sobald diese Solidarität aufhört, hilft es nichts, wenn proklamirt wird:Es besteht vollkommene So­lidarität zwischen den Kaisern von Rußland und Oester­reich." Sobald der Bruch des Vertrauens zwischen Fürsten und Völkern Thatsache geworden, sind die Staatenaus den Fugen", um mit Shakspeare zn reden. Deshalb wird überall die Ueberzeugung laut, daß, während die Märzrevolution die Throne nur erschütterte, die Contrerevolution sie stürzen werde, weil sie sich in wahnsinniger Verblendung überstürzt, die Grundvesten der Staatsverhältnisse untergräbt und Zustände wieder heraufbeschwört, welche begraben zu haben und im Grabe zu lassen niemand ein wohlverstandenes dringen­deres Interesse hätte, als der Monarchismus. Doch wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit!" Wenn Europa schon in den nächsten De- Cennien republikanisch konstituirt wird, so hat es dies nebst der weisen Geduld der Völker zunächst der fata­listischen Ungeduld der hirnlosen Contrerevolution zu danken!

Die jüngsterettende That" der prenfii- schen Negierung.

X Preußen hat eine halbe Million Bewaffneter; das stehende Heer kostet jährlich 25,375,000 ThIr., hierzu bewilligte die MinoritätSkauuner am 21. Febr.

Anschauungsweise eines DichtersZ.

Wenn froh im LenzeShauch die Knospen schwellen Und mit den Blüthen soll der laue West, Dann sind der Sänger lustige Gesellen

DeS grünen WaldeS lärmende Rebellen,

Es ist ihr Lied ein lärmender Prolest!

Sie wollen allzumal durchaus nichts wissen

Som rauhen Nordwind und vom Wintereis,

Drum eilen sie den Frühling laut zu grüße»,

Und jubeln ihm den schönen Ehrenpreis.

Wo ist der Herrscher, der da könnte sagen:

O Nachligall, stimm' mir ein Loblied an,

Ich will nicht mehr dein flotenhelleS Klagen!

Halt, Lerche, ein mit deinem Trillerschlagen

Beim Morgenglanz auf blauer Wolkenbahn!

Wo ist der Mâcht'ge, der da kann befehlen,

Der in der Hand den goldnen Scepter hält:

Ihr liederreichen, freien Sängerkehlen

Singt mir ein Preislied, das mir wohlgefällt!

Und wenn einher der Vvlkeefrnhling schreitet Mit Sang und Klang ins frohe Vaterland, Wenn feierlich die Früheitsglocke läutet

*) Vor den Geschwornen zu Hagen trug der angeklagte Dichter als Vertheidigung dieses Gedicht vor. Ar ist frei gesprochen worden.

Und kühn das Volk um seine Rechte streitet,

Auf stolzer Stirn den edlen Zornesbrand, Dann wird es wach in unserm Dichterhaine Und Heroldstimmen werden jauchzend laut, Wohl wirbt dann Mancher um die himmlisch reine Und göttlich schöne, hohe Völkerbraut!

Und der vor Allen, der den Schmerz empfunden, Dem alles Leid so recht zu Herzen geht, Und der sie kennt, des Volks geheime Wunden. Und weiß, wie manche Hoffnung ihm geschwunden - Der fühlende und finnige Poet:

Der mag wohl stürmisch in die Saiten schlagen Und preisen seines Volkes Kraft und Math, Der mag sein Lied wie eine Fackel tragen In jedes Herz mit heil'ger Flammengluth!

Es ist an ihm, in lichter Höh' zu schweifen Und zu verklären jede hohe That, Die niedre Bosheit an den Pfahl zu schleifen Und an die Macht mit kecker Hand zu greisin, Die heil'ge Rechte freventlich zertrat!

Es ist an ihm, in Hellen Liederweisen Zu rühmen Alles, was zu loben ist! Es ist an ihm, die Heldenschaar zu preisen , Die für die Freiheit gern ihr Blut vergießt !

Kann er dafür, wenn seine Klänge brechen Sich ungestüm in starken Herzen Bahn? Will man an ihm die freien Lieder rächen?

Ist er ein Frevler und ist ein Verbrechen Sein süßer Traum, sein jugendfrischer Wahn? O nein! denn waS er fingt es ist sein Leben! Denn was er singt «S ist nicht seine Schuld! Ein innrer Trieb hat es ihm eingegeben Und <r strebt nicht nach mâchl'ger Fürsten Huld.

Man kann zum Kerker den Poet verdammen, Es bleibt sein Lied dasselbe für und für!

Die Hände kann man binden ihm zusammen, Aus seinen Fesseln wird er Feuerflammen Und Funken schlagen auS der Keikerthür! Und wenn er hat sein Schwanenlied gesungen, Dann ist befreit von Körperlast sein Geist! Sein Harfeuton, der eben erst verklungen Im letzten Hauche noch die Freiheit preist!

Ed. Schulte.

V e r f cd i e d e h e 0.

Müller und Schultze.

Müller. Aber, Schultze, was haben Sie denn geinacht? Sie haben ja 'ne ganz schwcreZimge? Herr Jeses! So stehen Se doch nur grabe!

Schultze. Jrade? Jrade »ich!

Müller. HerrJott! aber wackeln Sie doch nicht so, Schultze, Sie sind ja

Schultze. Wat wat bin ick? Ein Prènße