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Freie Zeitung.

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^ 271 Wiesbaden. Freitag, 15. Roveurber 18^0.

DUZr et» Z»il ung" erscheint, mit AuSnaome d«S Montags, täglich in einem Bogen. Der AdonnementSpreis beträgt v iertelsä-rig »in in Wiesbaden I 8. 45 fr., auf* wârtS durch die Poft bezogen mit ver-ältnißmâßigem Aufschlag». Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Serdreitung der8reien Zeitung" ßetS von »irr, samem Erfolge. Die JuserationSgedüdren betragen für die Vierspalttg, Prtttzetl» 3 Kreuzer.

Eine Geschichtsvorlesung des Kaisers von Rußland.

X Es ist eine bekannte Thatsache, daß keine Re­gierung ein solches Heer von Spähern unterhält, als die russische. Es giebt keine Stadt von einiger Be­deutung in Europa, es giebt keinen Hof und keine Kammer, wo Rußland nicht sein korrespondires Mit­glied hätte, das für gutes Geld und einflußreiche Empfehlungen sich angenehm in St. Petersburg macht. In Einzelheiten ist daher kein Cabmet besser un­terrichtet als das russische. Aber es ist nicht minder eine bekannte Thvtsache, daß jedes Gift sein Gegen­gift hat. So auch dieses. Die geheimen Agenten be­richten nur das und dies nur so, wie es ihnen in den Kram paßt, wie es an betreffender Stelle gern ge­sehen und am Besten honorirt wird. Dazu kommt, daß Göthes Spruch:Du gleichst dem Geist, den du begrifft!" auch nicht ohne Grund ist. Der Abso­lutismus begreift den Geist, der durch die Völker geht, nicht, er begreift nur die Schattenseiten der neue­sten Geschichte, er erkennt nur die Schwächen und Blößen, welche die Bewegung sich gab, er urtheilt nur nach der Oberfläche der Erscheinungen, er steht nur den Schein; doch - der Schein trugt! Es muß ungemein schwer, wo nicht geradezu unmög­lich sein, vom Throne herab klar in die Zeit und Verhältnisse hineinzuschauen und der Dinge Wesen zu erfassen. Das lehrt die kolossale Verblendung, in der sich das eminente Talent Napoleons verfing, seit er den Kaiserthrone bestiegen hatte, eine Verblendung, die erst auf St. Helena endete; das lehrt die sonst fast unbegreifliche Bornirtheit des sonst so schlauen, scharfsichtigen, geriebenen Louis Philippe, die erst schwand, als er in Claremont Verbannten -Brod; das lehrt endlich auch der freie Vortrag, den der Kaiser von Rußland in Warschau hielt. Wir haben diese Rebe für eine feine Persiflage des Czars gehalten, bis ihre Mittheilung durch das Bundesorgan, dieO.P.A.- ^ta " uns heute eines Andern belehrt. Nun sie ernst­lich gemeint ist, ist diese Philosophie der Geschichte â la Nicolaus I. ein sehr merkwürdiges Dokument, weil sie uns zeigt, nach welchen Prinzipien die Con- trerevolution handelt. Wir halten es für überflüssig, einen Kommentar dazu zu schreiben, denn diese Aus- faffung der Ereignisse ist zwar konsequenz, aber so un­geheuer einseitig und so beisichtig, daß sie jedem, der in der Politik kein Kind oder kein Absolutist ist, von selbst einleuchten muß. Der Bericht, welcher zuerst in der Deutschen Zeitung aus Böhmen" und heute in derOber-Post-Amts-Zeitung" erschien, lautet: Die W a r s ch a u c r-C o n f e reu z hatte nicht den Zweck, ru entscheiden, ob sich das Zünglein der Wage mehr auf Seite Frankfurts oder Berlins neige. Der Jm- plus zu dieser Zusammenkunft ist weder vom Mam oder der Donau, noch von der Spree ausgegangen, sondern wurde unmittelbar von St. Petersburg ge­geben Bei derselben hat der Kaiser von Rußland den erschienenen hohen Personen in ausführlicher Rede gezeigt, daß die traurigen Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 nur in dem Verkennen der Ursachen der Märzrevolution des erster» Jahres und den danach genommenen Maßregeln der Regierungen ihren Grund hatten. Nicht vom Volke (?) sei jene ausgegangen, sondern von unzufriedenen oder unredlichen Glücks­rittern (!) angeregt, habe sie einen Theil des von täglicher Arbeit lebenden Volkes und der warmblütigen Jugend, ja selbst der Altliberalen, durch den Vorwand, freie Staatseinrichtungen anzustreben, verlockt, mit ihr gemeinsame Sache zu machen. Die Negieiungen, glaubend, dies sei ein Zeichen, daß der Kern der Bevölkerung eine Theilnahme an Ausübung der Maze- stätsrechte wünsche, ließen sich zu Concessionen m diesem Sinne herbei. Allein die Folgen dieses Miß­verständnisses (!) traten bald hervor. Die verschie­denen constituirenden Versammlungen, unbekannt (?) mit den wahren Jnterffen der Gesammtheit, geriethen auf Abwege, das Volk erkannte allmählig, daß es von ihnen nichts Gedeihliches zn erwarten habe, und sagte sich los; Mißtrauensadreffen und Petitionen um Auflösung dieser Parlamente waren an der Tages­ordnung. Als diesen immer lauter auftretenden Wün­schen entsprochen wurde, kam zwar das der großen Masse fremde Agens in etwas zur Ruhe. Was aber zurückblieb und' die gefährlichsten Folgen befürchten ließ, das »rar der zerstörte Verband der Länder und

Staaten. Denn die Regierungen hatten, gedrängt von den Revolutionsmännern, viele diesen mißliebige Ver­hältnisse aufgelöst und die aus dem wechselseitigen Be­dürfnisse und der Gleichartigkeit der Interessen hervor- gegangenen freundschtlichen Beziehungen abgebrochen. Die Wiekeranknüpfung derselben schien ihnen im Hin­blicke auf die den» liberalen Prinzipe inzwischen ge­machten größeren oder geringeren Zugeständnisse und die dadurch in dem Regierungsysiem entstandenen Differenzen unthunlich. So wurde es der Bewegungs­partei möglich, ihr Wirken im Verborgenenen (?) fortzusetzen' und unter der großen Klasse derjenigen, welche aus Mangel hinlänglicher Beurtheilungskraft ihren lockenden Lehren nicht auf den Grund ;n sehen vermögen, neue Anhänger 511 werben. Diesem ver­derblichen Treiben muß gesteuert werden, soll anders Europa dem drohenden Verfalle entgehen. Darum sei es eine durch keinerleiRücksichten pi beschränk kende Pflicht der Regierungen, sich in jenem Prinzipe zu einigen, welches allein ihren Bestand z»i sichern vermöge, welches auch den Völkern durch lange Gewohnheit zum Bedürfnisse ge­worden (!) und für ihr Wohl gedeihlich (!) sei. Denn diese hätten nach den Erfahrungen der letzten Jahre erkannt, daß eine Betheiligung an den Staatsge­schäften ihnen nur Nachtheil bringe. (!!) Diese dargelegten Ansichten fanden günstige Aufnahme und die entsprechenden Maßregeln wurden beschlossen."

Also das Volk wurde nur von einigen Glücks­rittern" verlockt, es wünschte eigentlich gar keine Theil­nahme an Ausübung der Majestätsrechte, es erließ Mis- trauensadressen gegen die Majoritätsbeschlüsse des Frank­furter und Erfureer Parlaments weil dieselben zu liberal waren; die ganze Bewegung seit dein Jahre 1848 war nur das Werk einerim Verborgenen" arbeitenden Parti, der Ue große Klasse" bloß aus Mangel anBeurtheilungskraft" folgte, die Revolution war nichts als eine Verschwörung, die in Heppenheim von Gagern, GervinuS, Hergenhahn u. f. w. angezet­telt wurde: also die ganze schon oft widerholte und längst mit dem Fluche der Lächerlichkeit geschlagene alte Geschichte! Wie gesagt, wir würden es für eine feine Satyre auf den Czar halten, wenn das Doku- ment nicht in einem so wohl accreditirten Blatte, wie das Bundestagsorgan ist, stände. Wer den Geist der Nationen nicht besser kennt, ist fürwahr nicht geeignet, ihn zu bändigen: er glaubt die Revolution zu treffen und er trifft nur den Schatten, den sie wirst!

Die preußischen KriegSrüstuttgen.

# So lange in Berlin noch das Ministerium Man- teuffel-Lavenberg besteht, diese erklärte Reaktionsfirma, besteht auch noch der gerechte Verdacht, daß das offi­zielle Preußen Heer und Volk wieder nur z»l dynasti­schen Gelüsten ausbeuten und alten Vorurtheilen opfern wolle. Daß dieser Verdacht sich fort und fort in der Presse Luft macht, ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß sich keine Partei wieder täuschen lassen will. Ob Manteuffel Guizots Rolle durchaus bis zur letzten Ka­tastrophe spielen will, und ob die Hohenzollern durch das Geschick der Orleans nicht klug geworden, werden die nächsten Tage vielleicht schon^lehren. Die Demo­kratie ist nicht Partei in dieser Sache, sie steht über den dynastischen Wirren, die sich so oder anders, frü­her oder später, zu ihren Gunsten lösen werden. Dennoch bleibt es bemerkensiverth, wenn dieKöl­nische Zeitung" über die jetzige Situation äußert: Die Hälfte der Schuld kessen, was in Warschau und seit den Tagen von Warschau geschah, trägt das frühere Schwanken der preußischen Politik, Herr v. Radowitz mit an der Spitze; die andere Hälfte aber tragen dijenigen seiner College» allein, welche, wenn dieC. Corr." im Namen des Herrn V. Radowitz erklärte, Preußens Nachgiebigkeit sei jetzt an der Gränze des Möglichen angekommen und es werde, wenn der feind­liche Absolutismus noch weiter es drängen wolle,auf die Sympathien der Völker" sich stützen, schnell in der Deutschen Reform" erklären ließen, Preußen könne gar nicht daran denken, auf dieSympathieu der Völker" sich stützen zu wollen, der Preis sei ihm auf alle Fälle zu theuer, und die darauf am 2. November durch neues und bereits schimpfliches Nachge­ben auf vier Tage die Mobilmachung ab­kauften. Die Mobilmachung ist inzwischen im Werke, und damit allerdings wäre ein bedeutender Schritt er­

folgt, wenn nicht die nämlichen Männer, welche jetzt dieselbe angeordnet haben, früher immer laut er­klärt hätten, ein Krieg gegen Oesterreich sei eine Un­möglichkeit, einjapane^sches Duell", und eine Mobilmachung werde daher doch immer bloß eine kostspielige Demonstration sein können. Nach­dem diese Männer dies Tag für Tag gegen Hrn. v. Radowitz nicht nur im Ministerrathe vorgetragen, son­dern auch durch ihre Organe in der Presse öffentlich haben verkünde»» lassen, jetzt, da der Austritt des Hrn. V. Radowitz das preußische Ehrgefühl ge­waltig aufbrausen läßt, verordnen auch sie die Mobilmachung! Welchen Beweis liefern sie nun, daß es nicht auch ihr eigenes Geheimniß derMo­bilmachungen" war, das sie vorher so unpatriotisch als das des Hrn. v. Radowitz dem Feinde verrathen haben? Die wirkliche Erzwingung noch so gemäßigter, aber vorher laut verweigerter Bedingungen würde die bis­herige Stellung der beiden Theile umkehren und viel­leicht die Aussicht gewähren, auf den bescheidensten Gruudlag»» sofern nur die ganz unerläßlichen Punkte gewahrt wären langsam, aber sicher einen schönen Bau des Friedens aufzuführen. Aber, fragen wir nochmals, sind die Männer, die so eben noch den Frieden um jeden Preis wollten, weil der Krieg mit Oesterreich einjapanesisches Duell" sei, die so eben noch vor derSympathie der Völker" zurück­schauderten, aus Furcht vor der Demokratie, wohl die rechten, um den Gegner an feste Kriegs-Entschlos­senheit glauben zu machen? sind sie die rechten, um dein eigenen Volke das Vertrauen einzuflößen, eS werde der Krieg um einen großen und würdigen Kampf­preis, um einen wahrhaft haltbaren und zukunftreichen Frieden geführt werden? Und wenn sie dies nicht sind, wird nicht wieder um so mehr ihr Fortregieren auch den Feind in der Meinung bestärken, es sei noch immer nicht rechter Ernst mit den Kriegsrüftungen, es seien vielmehr dieselben eben so wie einst die Verfassung vom 5. Dez. rc. ie. nur unschädliches Oel auf die augenblicklich wieder etwas zu hoch gehen­den Wogen der öffentlichen Meinung? Diese unselige Auffassung im Lager der Gegner, die natürlich unanS- rottbar bleibt, so lange diese Männer die Leitung der preußischen Politik behalten, ohne sofort ganz un­zweideutige Schritte zu ihrer Widerlegung zu thun, die allein ist es, welche Oesterreichs Üebermuth fort und fort aufrecht hält und welche endlich nur zwi­schen dem wirklichen Kriege oder einem unehrenvollen Schein-Frieden die Wahl lassen wird! Hat das Mi- nisterium nun in richtiger Würdigung seiner un­glücklichen Lage seit dem 6. Nov. wenigstens sofort einige Schritte gethan, um jene unselige' Auffassung wo möglich zu zerstören? Eine Proklamation des Kö­nigs ist nicht erlassen; dagegen ist Hamburg ge­räumt, die Armee m Kurheffen auf die Etappenstraßen zurückgezogen, die Armee in Baden MS Unterland con- ceutrirt, und Leg.-Rath v. Bülow wird anstatt des zurückgetretenen Hrn. V. Svdow dem Fürsten-Col­legiumEröffnungen" machen! Es handelt sich bei diesen sehr ernsten Angriffen auf das Mini­sterium nicht um dieVergangenheit", es handelt sich durchaus um die schwer gefährdeteZukunft". Es handelt sich um es nochmals zu sagen darum, daß der Zweifel der Feinde an Preußens festem Ent­schluß: ein haltbares Definitiv»»» auf friedlichem Wege zu erreiche», oder de» Krieg sofort anzunehmen und dann ihn mit allen Mitteln zu einem raschen und großen Ende zu führen uns endlich nur zwischen dein wirklichen Kriege und einem unehrenvollen und unhaltbaren Schein-Frieden die Wahl las­sen wirb." ____________

Nassauischer Landtag

// Wiesbaden. (Sitzung vom 13. Novemb.) Naht übergibt der Kammer eine Petition vom Westc»- wald, den Chausseebau zwischen Rennerod und Hachen­burg betreffend. Ler übergibt der Kammer den Eal- wurf zur provisorischen Umgestaltung der Hofgerichie in verschiedene Senate. Heydenre»ch fragt an, ob das Ministerium nicht mit der Dienstpragmatik auch ein Gesetz über Minlsterverantwortlichkeit vorzulegen beabfichtige, und ob vielleicht die jetzige Kammer eine solche Vorlage noch zu erwarten habe? Ler ve<- spricht Antwort. Müller II. interpellirt das M - nisterium, wann die versprochene Vorlage über Aushe­bung der Bannrechte und Erbleihen erscheinen werde?