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Freie Zeitung.

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©UIgt <le 3«ii u n g" erscheint, mit LuSnadme des Montags, täglich in einem Bogen. Der AdonnementSprelS beträgt vterleljährtg hier in Wiesbaden I 9. 45 ft aut., wärt» durch die Post bezogen mit verhalrnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden derettwill!,, ausgenommen und lind bei der großen Lerdreitung derFreien Zeitung" stets non wir!» samem Erfolge. Die JnserationS.:e utyren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 Kreuzer.

Die Macht der Verhältnisse.

X Als in München die Depesche von der Mobil­machung der preußischen Armee eintraf, gerieth von der Pfordten in Helle Angst. «Schleunigst wurde Ministerrath gehalten und um Rath nach Wien tele- graphirt.Rüsten und weitere Weisungen abwarten", lautete die Parole, die Schwarzenberg ohne Zweifel seinem Untervogt gab, wie er sie von seinem russischen Oberherrn erhalten hatte. Ja, sie rüsten alle, die Kai­ser und Könige; ja sie alle harren weiterer Weisungen; aber obwohl die Moskowiter und die Moskowiterlinge zu sagen pflegen:Der Kaiser ist groß; der Kaiser ist sehr groß; der Kaiser weiß Alles, kann Alles, darf Alles!" so gibt es doch noch eine höhere Macht, als der Czar ist die Macht der Verhältnisse. Sie wird nach dem Machtworte des Selbstherrschers aller Reu­ßen nnd Reußengenoffen das letzte Wort sprechen, ein Wort, vor dem vorahnend schon jetzt die Gewaltigen erzittern, da es wahrlich nicht nach ihrem Sinne lauten wird. Diese blaffe Furcht allein ist es, welche das Schwert noch in der Scheide hält. Aber schon hat die Selbstherrschaft der Verhältnisse, welche stärker sind als die Menschen, begonnen, schon zeigt sich ihre Wirkung.

Oesterreich steht gerüstet, weil es ohne Militärdik­tatur keine vier und zwanzig Stunden sicher vor einer Revolution ist; Oesterreich muß bis an die Zähne in Waffen bleiben , so lange noch ein Funken in Europa glüht; Oesterreich kann aber dieses ungeheure Eisenkorsett nicht länger so eng zusammengepreßt tragen, ohne der ga- loppirenden Schwindsucht des Staatsbankerottes und der allgemeinen Verarmung zu erliegen. Der Krieg, ohne den der Schwarzenberg'sche Terrorismus so wenig leben kann, wie einst der Terrorismus Dantons desselben be­durfte, um sich zu halten der Krieg soll den Krieg ernähren und Deutschland mit den Lombarden und Ungarn ausgesogen werden.

Mit den Kroaten

Kommen die Assignaten!

Dies ist die Lösung des ganzen Räthsels. Allüberall wird dies gefühlt. So schreibt Jemand derSp. Z." aus Leipzig: Allerdings wird in Oesterreich gewaltig gerüstet, aber man weiß hier nur zu gut, wie traurig es dort bestellt ist, und daß man daselbst ein irgend erhebliches Heer ohne fremde Gelder keinen Augenblick unterhalten kann. Nur zu genau kennen wir hier an der Grenze das zerschnittene und zerfetzte Papiergeld, das jeder nur mit Widerwillen nimmt Unter den Böhmen soll es lebhaft gähren, auch in Ungarn und Italien ist es nicht geheuer." Oesterreich muß so handeln, es muß den österreichischen Gesammtstaat in den deutschen Bund einkeilen, es muß in diesem Bunde sich allmächtig machen, um seine Kronländer schonen, begünstigen, he­ben und so beruhigen zu können durch Ausbeutung, Aussaugung, Niederdrückung und Erdrückung der deut­schenBundesländer", die es als Stiefkinder behandlen

und zu Mägden seiner lieben und getreuen Nothmäntel machen wird. Wir klagen Oesterreichs Volk nicht an, wir beklagen es nur, daß es in dieses Muß hineinge­rathen ist durch die tolldreiste Polikik seiner Staats- männer, welche, um die Revolution zu besiegen nichts Besseres wußten, als was sie von Napo­leon gelernt hatten, von demselben Mamie, der Oesterreich und Preußen und alle Völker Europas als Hekatombe am Grabe der Volkssouverainität schlach­ten mußte, und der zuletzt gerade dieser Unersätttich- feit, diesem Muß erlag. Napoleon war größer als Naoetzky und Schwarzenberg und er fiel doch! Aber wen gemahnt es nicht an die Zeiten des Rheinbundes, wenn er die Bregenzer Beschlüsse liesst ? Es ist wie­der dasselbe Baiern und Württemberg und Sachsen, die sich an das Ausland anschmiegen um absolut zu werden, wie sie sich damals souverain machen lie­ßen durch einen Ausländer, einen Emporkömmling. Aber sie vergessen, daß damals die Völker wenig over nichts weiter als die Esel waren, welche den Karren aus dem Dreck zuziehen hatten, als ihn die sonveraine" so tief hineingefahren, daß sie ohne das Volk 1813 alle verloren gewesen wären; sie vergessen, daß die Völker seit 1848 etwas mehr als Vieh sind.

Die offizielleOesterreichische Corresponvenz" vom 8. November spricht voll Ingrimm es selbst offen ans, daß die k. k. Negierung weiß, wie nahe sie am Rande des Abgrundes steht, und daß nur das rasche Erreichen ihrer Pläne sie retten kann.Es ist klar", beginnt sie,daß Preußen die östereichische Regie­rung in eineLage versetzt hat, wo ihr weite­res Zuwarten auf das Ergebniß langwie­riger, mehr oder minder aufrichtiger Ver­handlungen unmöglich ist. Mit 600,000 Mann auf den Beinen kann man nicht warten und die Kräfte des Landes aufzehren, während eine berechnende, um jeden Zoll marktende Diplomatie Noten wechselt und die Sache in die Länge zieht. Man kann auch nicht wieder entwaffnen, ehe irgend etwas geordnet, irgend eine Bürgschaft für das Resultat der Verhandlung ge­geben ist." Das Resultat, das Oesterreich bezweckt, kennen wir. In jenem Artikel verlangt es:Die Union, will sie Preußen aufgeben? Ja oder Nein! Wir meinen die Auflösung der Union, nicht etwa- das Prinzip der Auflösung, den Begriff des Ab­gehens von einem Begriffe. Der Bund handelt, Preus­sen gehört zum Bunde, es nehme den großen Platz ein, der ihm gebührt und alle militärischen Fragen haben ihre Wichtigkeit verloren." Das klingt fast, wie Bitten um Gotteswillen; aber derBund"? Der Bund ist todt und Preußen vernichtet sich moralisch und physisch, wenn es sich in den Bund schlachten läßt, wie ein Hagestolzes altes Herrchen, das man hätschelt, weil mau es beerben will!

Wir fragen nochmals, will Preußen die Union aufgeben, will es sich auf den Standpunkt der Bun­desakte stellen? Ja oder Nein? Nicht wir, die Ver-

hältuisse stellen die Frage so kategorisch hin. Die Heersäulen bewegen sich und können auf einander tref­fen, ehe dieö Ja und Nein beantwortet ist. Der Winter kommt und wird die Eider mit Eis decken, die dort noch die Streitenden trennt, das Ausland sammt und wird mit fremden Heeren auf deutschem Boden den Frieden wahren, den wir in unserer Zer­rissenheit nicht herzustellen vermögen." Das ist's, was auch wir sagen, die Verhältnisse drängen. Aber wer hat diese Verhältnisse so gestellt? Wer hat den Bundestag wieder Recht und Verstand reaktivirt, wer den Kammern das Messer an die Kehle gesetz, wer die Fremden in die deutschen Fragen hineingezogen, wer das Recht zum Truge, die Treue zum Ver­rathe, den deutschen Namen zur Schmach vor der ganzen Welt gemacht? Wer bedroht unsern Wohlstand, die Früchte unseres Fleißes, unserer Civilisation? Wer will uns mit Barbaren, Die um tausend Jahren hinter uns zurück sind, zusammenschmie­den? Wer es will, der ist Schuld an diesen Ver­hältnissen unD er wird die Folgen davon tragen. Die absolutistische Contrerevolution will es, sie will Deutschland vernichten, wie sie Polen und Ungarn und Italien vernichtete, weil sie fühlt, daß seit dem März 1848 es so lange ein seiner Rechte eingedenkes Volk giebt, so lange nochein deutsches Volk eristirt.Die Lage ist sehr kritisch!" wird aus Wien am 9. telegra- phirt.Oesterreich fordert das unbedingte Preisgeben der Union und Die Anerkennung des Bundestags; die deßfallsige Note ist bereits in Berlin; die Wiener Blätter zweifeln an der Erhaltung deö Friedens." Sie haben Recht, wenn sie es heute thun; denn das Drohspiel hat aufgehört, der furchbare Ernst pocht an die Hofburgen der Machthaber. Wird Preußen nachgeben? Wenn es kann, gewiß! Kann es? Oesterreich hat zwischen dem Staatsbankerott und Kriege, Preußen zwischen der moralischen Vernichtung und dem Kriege nur die Wahl; im Falle des StaatsbankerottS dort und des moralischen hier wird die Nemesis nicht lange auf sich warten lassen; denn der Kern von Preußens Macht ist ein geistiger, wo ihm dieser fehlte, war ihm stets sein Jena gewiß.

Und was wird die Nemesis sprechen?Kein Oester­reich, kein Preußen mehr!" Die Kabinette ahnen dies, sie fühlen zugleich, daß sie der Krisis zuerst als Opfer fallen werden, und das Herrschen ist so süß! Preußens Heer wird sich wahrlich ebensowenig für Manteuffels Leib- und Magenpolitik, wie für die Romantik der Camarilla schlagen. Die ministerielleDeutsche Ref." vom 22 Nov. erklärt:Die Regierung gibt die Hoff­nung nicht auf, daß der Aufruf an die gesammte Wehr­kraft unseres Staates dazu dienen werde, auf Dem Weg beschleunigter Verhandlunden die vertragsmäßige Fest­stellung der Preußen gebührenden Machtbefugnis in Deutschland zu erlangen. Die preußische Nation möge darauf vertrauen, daß bre gebrachten Opfer nicht fruchtlos bleiben werden." Wehe

Für Schleswig - Holstein *)

Im friedevollen Reich der Töne

Vereinigt uns die Harmonie: Da herrscht sie noch in ihrer Schöne, Doch aus dem Leben schwindet sie; Denn draußen klafft ja die Entzweiung, i ~ Denn draußen stürmt ja die Parteiung, Die sich der Eintracht starr verschließt;

Die Freunde trennt und Feinde koppelt, Den Haß verschärft, das Gift verdoppelt Und ätzend in die Wunden gießt.

Ja, hütet ängstlich eure Stimmen, !

Die ihr zum Einklang fertig seid, Daß nicht den Mißlaut euch, den grimmen, Einhauche der entbrannte Streit. Was soll geschehen, was entstehen? Schon wieder liegt die Zeit in Wehen, Ein unheimliches Kreißen ist's. Schon regt in Meinung und im Worte Der Krieg sich, drängt sich nach der Pforte Die Mißgestalt des Bürgerzwists.

*) Wenige Tage vor feinem Tode, überraschte Gustav Schwab seine Freunde mit diesem Prolog, der in einem in Stuttgart zum Besten der Schleswig-Holsteiner veranstalteten Concert am Abend des 3. November, vorgetragen wurde. ES war sein Schwanen­gesang und der Schwanengesang der constitutionellen Partei.

Wo eint sich der gespaltene Wille? Wo ist des Volkes Herz noch ganz? Wo ruht das Land der Waffenstille, .Wo winkt das Elis Griechenlands? Wo sitzt auf feinem gold'nen Throne Der Zeus Olympia'S, die Krone, Die unbestritt'ne, auf dem Haupt? Antlitz voll Majestät und Güte, Der Huld, des Heils lebend'ge Blüthe, Wo lächelst du, geliebt, geglaubt?

Land, das die heil'ge Sage feiert, Nach dem des Geistes Auge sieht, Aus dem Novemberqualm entschleiert Sich uns dein priesterlich Gebiet. Der Tempel strahlet, wo der Richter, Der Völkerkämpfe letzter Schlichter, Der Nationenhirte thront. Das Nicken feiner dunkeln Brauen Durchzückt die Welt mit frommem Grane», Es scheut, was ihm zu Füßen wohnt.

Die Wallfahrt nach des Rechtes Quelle Füllt feit Jahrtausenden den Pfad. Wer ist's, der heute dieser Schwelle Mit schwankem, krankem Schritte naht? Ein Weib in schwarzem Wittwenkleide, DaS Aug' voll unnennbarem Leide Glänzt traurig durch der Sonne Flor.

Welch ein Gefühl durchzückt aus alle? Wie sehnlich zieht's uns nach der Halle, Wo sie kniet in des Tempels Thor.

Sie beut dem Mitleid, beut dem Spotte Ihr edles Haupt in Ruhe dar.

Sie wirft sich nieder vor dem Gotte Und opfert an dem Hochaltar.

Ein armer Scherf ist ihre Gabe;

Von so viel alter, reicher Habe Blieb ihr kein besseres Geschenk. Von Schätzen nichts, noch stolzem Heere, Ein Seufzer nur der Völkerehre: Sei SchleSwig-Holstein'S eingedenk!"

Erkennt das Volk, das dich gesehen Gestützt auf einen Herrscherarm Im Kaiserdiademe stehe», Germania! dich ganz in Harm? Gepries'ne Mutter edler Kinder, Auch jetzt im Jammer doch nicht minder Geliebte Mutter! zweifle nicht! Vergessen hier ist alle Fehde, Verstummt ist Red' und Gegenrede, Und einig macht unS eine Pflicht.

Was auch das Herz mit Glut entstamme, Was auch von Freiheit wir geträumt, Verließe» wir dich in dem Stamme, Der dein Gewand mit Blute säumt :