„Freiheit und Ueehl!"
J^ 2^K. Wiesbaden. Samstag, 9. November 18$O,
Dt« „greis J e • i u n n " ersinnt, mit Äuâna-me M 'vèonia.jo, u,jü® in dnsm Sogen. — Der äibvnn.-mrntopr.-io beträgt o tertrlfäbrtg hier (n WteSdadrv l fl. 45 !t„ «u«» wärtâ durch bis Pon W'gen mit oerhuitnitzmâHtgtm Aufschia r. — 3ufnatt werden dereltwillig ausgenommen und 8nv bei der großen Verbreitung brr „Freien Zeitung" stets von wtri» famem Erfolge. - Die 3 -er.itionSge^ü-ren betragen für die m^spälttge Prlltzeti« 3 Kreuz«.
Am Grabe der wnrttembergischen Verfassung.
X Freiheit, Gleichheit und Brliderlichst'ik war die Parole der ersten, zweiten und dritten französischen Revolution und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hallte es nach in den Herzen aller Völker. Aber dieser Halt blieb ein Mahnruf, der nur fromme Wünsche hervorrief, doch keine Tbaten. Die Freiheit erweckte im Deutschen nur erst Gefühle und dumpfe Gelüste nach dem, was bisher als verbotene Frucht galt, und bald artete dieses der Klarheit ermangelnde Etwas aus, bei den Einen in Feigheit, bei den Andern in Frechheit, bei Beiden aber zum Verderben der wahren, wirklichen Freiheit. Noch schlimmer ging es der Gleichheit. Denn die Ration war seit Jahrhunderten daran gewöhnt, sich nach Schichten und höchstens nach Ständen gegliedert zu betrachten;, von der inneren Gleichheit des Menschlichen hatten viele zwar eine Ahnung, doch die äußere bürgerliche Gleichheit bei aller Kultur-, Stammes- und Lebcusverschiedenheit wollte den in ihre Subjektivität von jeher so verliebten Germanen wenig gefallen. Von der Brüderlichkeit endlich, von der gegenseitigen Siebe, Hingebung und Verpflichtung zu einander stand man noch weiter ab: beklaschte nicht seit alten Zeiten der Nachbar den Nachbar, beelfersüch- telte nicht der eine Ort, die eine Stadt, das eine Land das andere und galt es nicht fpr Verrath am Vaterlande, die Franzosen nicht zu hayen, die Russen nicht zu liebenV O, leset nur die Sieter. aus den „Freiheitskriegen", lest nur die stolzen Deutschthüme- leien aus dem Jahre 1840 und ihr werdet begreifen, daß das deutsche Volk noch weit von der Verbrüderung der deutschen Stämme und von der Verbrüderung aller Völker zur Freiheit entfernt war.
Aber sie bewegt sich doch diese deutsche VolkS- geschichte; sie stand trotz Bann und Interdikt, trotz Bundestag und Censur, trotz Pfaffentrug und Diplo- matenkniffen koch nicht still. Das Jahr 1848 bot uns die Gelegenheit, uns zur Einheit und Freiheit zu erheben; doch wir brachten es nur zur Vereinigung in Parteien und zu Freiheiten. Es war ein großer Fortschritt im Volke, aber ein direkter Schritt voran für Deutschlands Heil war es noch nicht.
Es ist eine Eigenthümlichkeit der Germanen, daß sie nur durch Schaden klug, durch Finsterniß heUköpsig, durch Schmach ehrgeizig werden. Daher übertrug der Weltgeist — der Contrerevolution die Vollendung der Revolution, zu welcher die Völker noch nicht reif, stark und einig genug waren. Schon viele Monden lang führt die Contrerevolution uns nun durch die Wüste und diese bedeuten mehr denn die vierzig Jahre! der Israeliten, als sie ans der Sklaverei zum gelobten Lande zogen. Auch unsrer Landsleute viele haben sich zurückgesehnt nach den Fleischtöpfen Aegyptens — die
M i ch i q a n.
(Fortsetzung.)
Es ist für uns deutsche Einwanderer hierselbst die Erfahrung, wie unsere deutschen Landsleute durch Berichte, meist aus der Feder New-Yorker Zeitungs-Cor- respondenten, über den wahren Zustand der einzelnen Staaten, deren klimatische und sonstige Verhältnisse, ^so häufig getäuscht werden, eine höchst traurige. ®ie zeigt uns das Einzige, was uns der Aufenthalt in Amerika zu verleiden im Stande ist, den hohen Grad von Unsittlichkeit, bis zu welchem das make money System seine Anhänger, Amerikaner und naturalisirte Einwanderer, treibt. Die fürchterlichsten Verdächtigungen und Lügen werden über bestimmte Länder und Gegenden in die Welt hineinberichtet unter dem «Lchelne wohlgemeinter Warnungen und Rathschläge, m der That aber um die Einwanderer von den betreffenden Distrikten abznschrccken und sie denjenigen zuzuführen deren Interesse zu fördern gerate in der Absicht des Berichterstatters liegt. So ist Michigan zu Gunsten von Wisconsin seit zwei Jahren von New-York aus auf-die böswilligste, aber auch zugleich lächerlichste Weise verdächtigt worden, und selbst die uns fett Kurze» hier regelmäßig zukomnlende so unparthetische und achtungswerthe „Rubolstädter Auswanderungs-Zeitung hat man mit den schändlichsten Verlaumdungen gegen unsere schöne Halbinsel mystisizirt. Es wäre Unrecht
Thoren, welche nicht wissen, daß was dahin, nie wieder kehrt!
Was ist seit dem Momente geschehen, wo das Vor- parlamenc den Drängern des Volkes die Achillesverse der deutschen Bewegung verrieth ! Wien ist gefallen, in Berlin floß umsonst das Blut, Sachsen, Baden sind niedergeschmettert, die Nationalversammlung ward zersprengt, was ihr treu geblieben, in alle Winde zerstreut. 3pr wißt, was ich sagen will, wozu also der Worte, wozu der Klagen?
Jetzt stehen wir am Ende dieser Periode. Mit der Reaktivirung des Bundestags als russischer Vollziehungsausschuß hat eine neue Aera begonnen: die Sclbstvernichtung der Contrerevolution, welche der Selbstvernichtung der Revolution folgte nach höherer Nothwendigkeit. Wenn die Demokratie als Siegerin den Völkern zugerufen hätte : „Wachet und ringet, daß ihr nicht der Reaktion verfallet!" und wenn sie dann in feurigen Worten das Unheil geschildert hatte, wer würde ihr geglaubt haben? Jetzt reden Thaten, Him- melfcheeicnde Thaten, die niemand ableugnen kann! Wenn die Demokratie so in den Eingeweiden der Völker gewühlt hatte, wie die Despotie, wer würde ihr nicht tausend Flüche ins Angesicht geschleudert haben! Alles ist besudelt, Alles nledergetrcten worden — wer hat das Unerhörte gewagt? Die Demokratie ist keusch und rein geblieben , sie allein hat ihre Jungfräulichkeit bewahrt, sie allein sich nichts vergeben, sie allein sich nicht vereinbart, sie allein sich nicht gemein gemacht mit der Despotie. Und darum gehört ihr die Zukunft, wenn Deutschland noch eine Zukunft als deutsches und freies Land hat. Viele haben lange, manche noch vor wenigen Tagen daran gezweifelt: wir fragen sie heute, ob ihnen jetzt die Augen aufgingen? Der Glaube ist ihnen aufgedrängt worden mit Feuer und Schwert. — Die Despotie ist die Glaubensarmee der Demokratie.
Wir stehen heute an der Gruft eines neuen Opfers der Despotie: in Württemberg ist die dritte versus» sungbèrathende Landesversammlung aufgelöst worden, weil sie kein Geld zum deutschen Bruderkriege dem Absolutismus bewilligen wollte; in Württemberg ist, wie in Sachsen und Baden und Hessen-Darmstadt und Mecklenburg und Kurhessen der vormärzliche Zustand restaurirt worden ; in Württemberg wiederholt sich das alte Lied der Tyrannei, daß die Völker nur des Fürsten wegen da seien und daß die höchste Staatsmarime sei: „So will ich's, so befehle ich's, denn so ist's mein Vergnügen (car tel est nötre plaisir)!"
Dieser neue Staatsstreich - sollen wir ihn bejammern ? Haben wir ihn doch längst kommen sehen! Was bedeutet er? Nichts, als daß er ein neuer Schritt zur deutschen Gleichheit ist. Der russische Absolutismus spricht: „Es soll Alles eine Heerde und ein Hirt werden!" — Eine Heerde werden wir mit jedem Staatsstreiche mehr und mehr; ob wir eine Heerde sinh, wird sich später zeigen. Einheit war unsere Parole ja im März 1848, Einheit und Freiheit und
zn leugnen, daß hin und wieder auch hier, wie in den meisten andern Staaten, noch in jüngster Zeit durchaus verwerfliche Mittel gebraucht sind, um Einwanderer in bestimmte Gegenden anzulocken, aber wir dürfen Ihnen versichern, daß die Urheber solcher Machinationen auch hier, wie überall, wo sie bekannt werden, von allen Redlichen mit Verachtung gebraut markt dastehen. Wenn man es nun sogar versucht hat, die „deutsche Gesellschaft" in New-York und den erwähnten Herrn Senator Thomson als bei angeblichen großartigen Lanvspeknlationen in Michigian persönlich interessirt und als Mitschuldige oder Anstifter verwerflicher Anlockungsversuche zm bezeichnen, so können wir dieses Verfahren, durch welches den Einwanderern und den europäischen Auswanderungslustigen sogar die aufrichtigsten und authentischen Quellen zur Kenntniß unserer Verhältnisse verschlossen werben sollen, nur für den Höhepunkt der spekulativen Verleumdungssucht erklären. Die „deutsche Gesellschaft" in New-York hat — daS ist nicht zu leugnen — Mißgriffe gemacht, sie hat einigen Personen Vertrauen geschenkt, die dasselbe mißbraucht haben, aber darum ist doch ihre Tendenz, ganz dem achtungswerthen Charakter ihrer Mitglieder entsprechend, eine durchaus edle und uneigennützige; ihr Verfahren wird allein durch das Bestreben geleitet, den ankommenden uuerfahrneu Einwanderern nur mit solchen Rathschlägen an die Hand zu gehen, die auf genaue und authentische Kenntniß der Äerhältiuffe |i^
Brüderlichkeit. Zur Einheit treibt der Ezar uns durch unerhörte Gewalt. Der Erkenntniß gleichen Schicksals folgt die Erkenntniß gleicher Pflichten: die Despotie macht uns einig und einmüthig, die Despotie, welche allen Haß auf sich lenkt, alle Liebe der Demokratie zuscheucht. Die Despotie ist der Sturmwind, der die dürren Blätter von den Bäumen streift: Alles was kalt und erstorben, Alles was todt ist, verfallt ihrer eisernen Hand; doch zum Sitze des Lebens reicht sie nicht. Die Demokratie gleicht dem Riesen der Mythe: wenn sie zu Boden gerungen, erhebt sie sich desto stärker, neugestählt durch die innigere Berührung mit ihrer Mutter, der göttlichen Idee.
Deutschland.
O Wiesbaden, 8. Nav. Ueber die Verhandlungen der Bürgerausschuß-Sitzung vom verflossenen Sonntag werden verschiedene Ansichten geltend gemacht, namentlich aber wird der Gemeinderath der Stadt Wiesbaden in einem Artikel der No. 263 der „Nass. Allg." auf eine hämische Weise angegriffen und das von ihm in der Acciseangelegenheit beobachtete Verfahren getadelt. Es ist daher wohl nicht am unrechten Orte, wenn für Diejenigen, welche mit dieser Angelegenheit nicht so genau vertraut sind, zur Erläuterung derselben Folgendes bemerkt wird:
Um dem von dem Bürgerausschuß geäußerten Wunsche, daß eine bessere Acciseordnung in hiesiger Stadt eingeführt werden möchte, zu entsprechen, war eine aus verschiedenen, theils vom Ministerium, theils vom Gemeindcrath hierzu erwählten Personen bestehende Commission mit dem Entwurf einer verbesserten Acciseordnung beauftragt worden. Diese hac nun allerdings auch ihre Aufgabe, wie nicht zu verkennen ist, in systematisch umfassender Weise gelöst; allein wenn der Gemeinderath bei der nachmaligen Prüfung, welcher er dieses Werk unterzog, einer Acciseordnung, die, anstatt die Luxusartikel des Reichen der Abgabelast zu unterwerfen, die gewöhnlichsten Lebennbedürfnisse, namentlich die tägliche Nahrung des Armen, das Schwarzbrod, resp, das Mehl, woraus es gebacken wird, das gewöhnliche hiesige Bier, den Trank des Taglöhners, tu dgl. m., zum Gegenstand einer Bereicherung der Stadtkaffe machen will, seine Zustimmung versagt bat, wenn er sich ferner nicht dazu bewogen finden konnte, ein förmliches Aufpasserpersonal, dem das Recht der Verfolgung eines der Defraudation verdächtigen Bürgers bis in das Innerste seines Hauses zustehen sollte, seinen Mitbürgern als Produkte der freien Gemeindeverwaltung aufznbürden: dann sollte man wohl bittigerweise demselben eher beipflichten, als ihm sein Verfahren zum Vorwurf machen!
Als die Frage des Herrn Bürgermeisters Fischer: ob der Gemeinderath den Entwurf der neuen Accift- ordnung als von ihm gebilligt, ober wenigstens als das
gründen. Ein llebetreten von Einwanderern, den einen oder auvern Staat zur Ansiedelung zu wählen, ist ihren Grundsätzen Vurchaus zuwider — kurz t.e kolossale Beschuldigung, daß sie aus Habsucht Michigan' oder irgend ein anderes Land anpreisen sollte, ist zu unwürdig, als baß es nur eines Wortes bedürfte, um die „deutsche Gesellschaft" gegen dieselbe bei denen in Schutz zn nehmen, die Gelegenheit haben, ihre überall frei vor die Oeffentlichkeit tretende Handlungsweift kennen zu lernen. Was Herrn Thomson und sein Werkchen über Michigan betrifft , so muß außer dem bereits oben Erwähnten mein Zeugniß und das der übrigen mit mir hier Eingewanberten, die wir Gelegenheit genug gehabt haben, ihn persönlich kennen zu lernen, und zwar von so achtungSwerther Seite, daß wir es für etnr heilige Pflicht halten, wo nur möglich einer Verunglimpfung seines Namens entgenzutreten, in den Augen aller Derer, die uns kennen, jeden Makel von seinem Charakter entfernen; Allein auch das große Publikum darf mit Zuversicht voll der Regierung des amerikanischen Staates Michigan voraus sitzen, daß sie keinen Augenblick anstehen würde, Hrn. Thomson aus dem ihm anvertrauten wichtigen össent- lichen Amte zu entfernen, wenn auch nur einigermaßen mit Recht ihm den Vorwurf gemacht werden^ könnte, seine amtliche Stellung zu Privatspekulationen mißbraucht zu haben. Die fragliche Schrift des Herrn Thomson würden wir unsern 'Landsleuten nicht empfohlen haben,