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Freiheit und Ueeht!"

Ja 203.

Wiesbaden. MittworH. 6 November

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Der bewaffnete Friede.

X Krieg oder Friede? war noch gestern die Frage. An Krieg wollte Niemand glauben und doch traute keiner dein Frieden! Die Wahrheit ist, daß beide un­möglich sind. Die Fürftcupolitlk, die jetzt wieder die Geschicke Europas lenst, kann keinen Kampf zwischen Dynastien wünschen, weil die Entfesselung der Volks- kräste die Garantirung der Volksrechte nothwendig nach sich ziehen wurde. Wer schlagt sich noch aus L^ebe zu einem angestammten Herrscherhuse? Eben so wenig aber ist es den Fürsten möglich, sich auf Frie­densfuß zu stellen; denn seit das Recht des Starteren wieder tu Europa proklamirt worden, kann keiner dem andern trauen. Hinter allem Diplomatisiren und De- monstriren auf der Weltbühne steht eine drohende Ge­stalt im Hintergründe, welche die Einen Nemesis , die Andern Revolution nennen. D.eses dunkle Etwas läßt keinen Gewalthaber zur Ruhe kommen; vor ihm firchtet sich Nikolai L, der Selbstherrscher aller Rens- sen, wie der kleine Fürst von Reus, Heinrich LXX11.!

In Preußens Hand war zunächst die Entscheidung über Krieg oder Frieden gelegt; es hat dre Eruiedn- gung dem Kampfe auf Leben und Tod vorgezogen es muß wissen, was es zu thun hat. Aber ist jetzt ein wirklicher Friede denkbar? Weniger als jemals! Nur mit dem Schwerte in der Hand kann Oesterreich die Stellung, die es sich jetzt ertrotzt hat, behaupten; nur auf den Lajonnctspitzen ruht das Recht die,es al­lein Recht und aller Scham zum Trotz reaktivirten Bundestngs; nur durch das Schwert sind die Volker zu den ungeheuern Opfern und Leiden, die ihnen fortan zugemuthet werden sollen, zu zwingen. Die Großen trauen den Kleinen nicht, die Kleinen den Großen noch weniger, und alle den Völkern am Allerwenigsten. Das ist klar! Aber was folgt daraus? Daß die nächste Periode der deutschen Geschichte nichts ist, als eine Militärdiktatur, die kostspieligste, wohlstandver­nichtendste, unheilschwangerste Zwischenzeit, welche das Interim zwischen zwei großen Staatsumwälzungen in der Regel zu bilden pflegt. Die Bourgeoisie hatte die Revolution verlassen, aus Furcht vor die,ein entsetz­lichen Zustande, und sie ist nur um so tiefer in diesen Abgrund hineingerathen. Ein Krieg ist ein großes Nebel, ein solcher Waffenstillstand aber ein ungleich größeres. Denn der Krieg ist eine Krisis, die in un­seren Tagen rasch zur Entscheidung kommt und Heil und Segen bringen kann; der bewaffnete Friede aber kann Jahrzehnte dauern und ist im ersten, wie im letzten Momente nichts als Fluch und Verderben, das Land und Leute verschlingt: er ist die schleichende Aus­zehrung, an der die kräftigsten Organismen zu Grunde geben!

Deshalb sagen wir, ganz abgesehen von den geisti­gen Gütern, welche uns diese Zeit vorenthält: wir gehen schauderhaften Zuständen entgegen. Und hierüber

Die Revolution in China.

Großes historisches Trauerspiel, aus dem Chinesischen in Deutsche übersetzt.

Personen:

Tschinatschangtschuiantibet, himmlischer Kaiser und joit- ' ° ' voller Fürst.

Li-ting-tang, Anführer der Rebellen.

Schauzumansch, Minister.

Lang-Fingerling, Minister.

Der. französische Gesandte.

Mandarinen und Gesindel.

Ein Telegraf stürzt bestürzt herein und zu den Kaisers Füßen

O Tschingtschangtschuiantibet,

O kaiserliche Majestät!

Die Legitimisten kommen mit großen

Armeen, um Euch vom Throne zu stoßen.

Der Kaiser.

Wie heißt?

Telegraf.

Li-ting-tang kommt mit sausenden Hufen,

Bald steht er vor deS Thrones Stufen,

Der Fahnen-Jnschrift:von Gott berufen,

Zu stürzen die Tsching vom Stamm der Mansch»,

Zu krönen die Ming"

sind die Politiker aller Parteien einig, wir glauben, sogar die russischen mit eingerechnet, nur daß diese sich freuen über Deutschlands Ruin, weil es nur so abge­schwächt ihnen dereinst zur Beute werden kann. Welches Prognostikon die Engländer unserer Zukunft stellen, darüber sprechen dieTimes" vom 30. Oktober in einem Artikel über die deutschen Wirren ein Wort, das wir allen Denen, die einen Kopf zum Nachdenken und ein Herz für das Elend ihrer Brüder, wie für ihr eigenes Unglück und die schauerliche Zukunft ihrer Kinder haben, zur Erwägung vorlegen wollen.

.Wag kostet dieses Kriegsspiel, was dieser bewaffnete Friede? DieTimes", das conservativste, aber ein mit Umsicht und Verstand conservatives Blatt, antwortet: Es ist gar nichts anders möglich, als daß Oesterreich und Preußen in ihren Ausgaben ihr Einkommen un­geheuer überschreiten und dadurch den Grund zu ge­steigerter Verlegenheit in der Zukunft legen müssen. Noch wenige Jahre so, und es muß eine Revolution erfolgen, denn ein Bankerottt ist unvermeidlich. Preußen ist zwar vergleichsweise weniger belastet, abn Oester­reich steckt bis über Kopf und Ohren in schulden, und es wird lange dauern, ehe es seine herrlichen Hülfsquellen so weit entwickelt haben wird, um an ihre Tilgung zu denken. Außer dem täglichen Sold gibt es lnoch die Vergeudung von Ausgaben für die Beförderung und die einstweilige Unterbringung der Truppen. Ein Mann kostet auf dem Marsche mehr als in der Garnison, hunderttausend Mann auf dem Marsche mehr als in ihren Standquartieren. In der That, nichts ist so kostspielig als eine Armee auf dem Manche, selbst in einem freundlich gesinnten Lande. Außerdem werden alle diese zum größeren Theile noch junge Leute der Arbeit entzogen, der Arbeit im Felde, in der Werkstätte, in dèn Bergwerken. In Preußen wie in Oesterreich werdet ihr überall Männer und Weiber erblicken, die sich mit harter, über^ihre Kraft und geschlechtliche Zartheit gehender Arbeit placken, ihr werdet sehen, wie sie bald Kloaken reinigen, bald schwere Futterkasten für das im Stalle gefütterte Vieh fortschaffen, bald in Schaaren mit ungeheuren Körben voll Gemüse und Feldfrüchte auf dem Kose, zu Markte ziehen; ihr werdet sie in Folge der ihnen zugemutheten Arbeit, für die sie ganz und gar nicht geschaffen sind, schwach, erschöpft,, sorgenvoll und früh gealtert sehen, während ihr in den Städten Hunderte von kräftigen Männern erblicken werdet, die in Uni­formen umherlungern und die Früchte verzehren, zu deren Hervorbringung ihre Mütter und Schwestern sich abarbeiten müssen! Somit kostet das Kriegswesen zweifach, dreifach. Er zerrüttet das Hauswesen, zerstreut die Ersparnisse nach allen 4 Winden und hindert den Fort­schritt. Leider ist dies aber in fast ganz Europa der Fall, denn Rußland und Frankreich wetteifern mit ihren zwei großen deutschen Nebenbuhlern in dieser Hinsicht. Das muß ein Ende haben und das Ende kann nicht fern sein. Es ist eine Wahrheit, daß die

Kaiser.

Du kriegst den Kantchu!

(Der Telegraf wird abgeführt unb gehauen.)

Ruft mir den Minister Schauzumansche,

Daß er mich reiße aus der Pansche.

(Der Minister kommt.)

WaS ist zu thun? sag' an, ich höre!

Minister.

Verharrt mit stolzer China-Pommade,

Entwickelt daS Heer in großer Parade

Und stellt schnell auf zwei BeobachtungS-Köre,

Kaiser.

Du diplomatische Somnambule

Gingst wohl in Deutschland in die Schule?

Weißt Du nicht mehr, dann ohne Gnade

Geh hin und hol Dir die Bastonade !

(Schauzumansche läßt sich Einige ausziehen und empfiehlt sich.)

Ruft mir Lang-Fingerling den Schlauen!

Auf seinen Rath nur will ich bauen.

(Lang-Fingerling kommt.)

WaS ist zu thun?

Lang-Finjgerling.

'S gibt Nichts zu beiße», Nichts zu brocken,

Ich dâcht, wir machen uns auf die Socken:

Und finden wir ein sichres Nest,

Dann setzen wir dort uns ruhig fest,

Menschen, welche zum Schwerte greifen, durch das Schwert nmkommen müssen. Wenn die Staaten ihre Kriegsmacht mehr als nöthig vermehren, so werden sie den Ruin, den sie abzuweuden trachten, nur noch eiliger herbciführe»!"

Deutschland.

+ Dillenburg, 1. Nov. Die Afsisen sind nach 14tägigen Verhandlungen Anfangs dieser Woche ge­schlossen worden, zum fünften Male seit Einführung des Geschwornengerichts. Es hat sich gezeigt, daß das Volk dieses Volksgericht mehr und mehr begreifen lernt und hochschätzt. An sich ist es begreiflich, daß für ein Städtchen, wie Dillenburg, der Aufenthalt von etwa 30 Geschwornen während 14 Tagen, sowie der ver­schiedenen Zeugen und Zuhörer, welche durch die ein­zelnen Verhandlungen herbeigezogen werden, von Be deutung ist. Viele Bürger finden Bekannte, andere bestreben sich, die Fremden kennen zu lernen; dadurü' gewinnt das gesellige Leben und der Verkehr. An zwei Abenden versuchten es auch verschiedene Volks- thümliche Vereine durch Gesang und Musik den Gästen Abwechselung und Erheiterung zu verschaffen. Jedes­mal war der Saal, wo die Abendunterhaltung Statt hatte zahlreich besucht und zeigten unsere Mitbürger, daß sie die Wahl des Volks (leiDer nur der Gemeinde­räthe!) zum Ehrenamt eines Geschwornen und die Be­deutung des Instituts zu schätzen wissen. Wir wollen wünschen, daß diese Bestrebungen dazu beigetragen ha­ben, den Geschwornen ihren mit mannichfachen Opfern verbundenen Beruf angenehm zu machen und bedauern nur, daß an beiden Abenden der Redner fehlte, um die Bedeutung der Feier auseinanderzufetzen. Herr Prorector Rossel hatte bei früheren Gelegenheiten derselben Art diese Lücke auszufüllen gewußt.

Der Besuch der Assisen war vießmal sowohl Sei­tens der Dillenburger als auch Freinver weit bedeuten­der als früher, namentlich war der Saal bei Verhand­lung 6e£ Anttage gegen Lehrer Schaaf von Probbach wegen Schriftfälschung, welche mit einer Freisprechung endete, so gedrängt voll, daß die wachehaltenden Sol­daten sich veranlaßt fanden, zuweilen Leute zurückzu­weisen. Sie haben dabei wohl nicht bedacht, daß dieß Verfahren von der Vertheidigung im Falle der Ver- urtheilung als eine Beschränkung der Orffentlichkeit, welche nach Art. 125 des St.-P.-G. Nichtigkeit des Ver­fahrens herbeiführen würde, ausgelegt werden könnte. *) Man kann sagen, das Volk nimmt Antheil an dem Gerichte der Bürger über die Schuld oder Unschuld der dem Gesetze Verfallenen. Der Sinn für ächt britisches Festhalten an selbstgegebenen Gesetzen wird

*) Eine Abtheilung Soldaten eigens hierher zu tont man» Viren, um während der Asfisenverhandlungen die Ruhe aufrecht zu erhalten, dürfte wohl als eine überflüssige Machtentfaltung zu betrachten sein; wenigstens ist bis jetzt noch nichts vorgefal­len, was dies rechtfertigen könnte.

Und sagen dem Volk dann ganz verwegen,

Wir thaten die Regierung nur verlege».

Kaiser. *

WaS aber thut indessen das Laud?

Lang-Fingerling.

E« übt den passiven Widerstand.

Wir aber schicken nach Knutanien

Und fragen, wie nach Pennsylvanien

Wir die Rebellen schaffen Hindanigen,

Und welches die Mittel die etwanigen,

Aus dem Feuer zu holen die Kastanien.

Kaiser (ihn umarmend).

Sprich weiter nicht! schon ist's genug

Ich ernenne Dich zu meinem Haffenpflug.

(Sie packen sich, ehe aber das Pack fortgeht, setzt sich der Kaiser noch einmal auf den Thron.)

Möcht gern ein Weilchen noch regieren

Wer will die Civillist' mir garantiren ?

(Während der letzten Worte stürzt Li-ting-tang mit den Re­bellen herein und spricht in Prosa):

Zst'S dem Herrn wohl gefällig, vom Throne zu steigen? Um ihn meinem legitimen Herrn, dem Prinzen von Ming, einzuräumen?

Wie? Ihr zögert?

(Er stößt ihn vom Throne. Der Kaiser fällt auf den Kopf und stirbt.).

Nu» Chinesen, setzt Euren Prinzen auf den Thron.