Freie Zeitung
„âeiheit und Recht!"
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â 2AH. Wiesbaden. Donnertag, 31. Oktober 1990.
Di» „Zr ete 31(t unn " rttyrint, mit LuSnavme des Montags, täglich in einem Bogen. — Vee Avonnemenisprus betragt o urtrHä&rfg hier in Wiesbaden 1 0. 45 h„ ent» wärtS durch die Poft bezogen mit verhältntßmäßtgein Aufichiag». — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Lrrbrettung der „griirn Zeitung« Kett von wtit- samem Erfolge. — Die 3 „erationSgebühren betragen für die vterspalttg» Petttzetlr 3 Kreuzer.
Die öffentlichen Sammlungen in Wiesbaden.
(Schluß.)
E An diese kurze Musterung der öffentlichen Sammlungen unserer Stadt, in der wir uns bewußt sind, nur den Ansichten und Urtheilen deö sa ch v e r t r a u t e n Publikums Worte geliehen zu haben, knüpfen sich jedoch schließlich einige Betrachtungen und Bemerkungen, die im Interesse der sichern Erhaltung und würdigen Aufbewahrung aller dieser werthvollen Sammlungen nicht länger der Oeffentlichkeit vorenthalten werden dürfen. — Ein großer Uebelstand ist nämlich 1) die äußere und innere Unsicherheit des Museumsgebäudes und der Mangel an gehöriger Aufsicht im Einzelnen, und ein großer Uebelstand ist 2) Die fortwährende Benutzung eines großen Theiles des Gebäudes zu Staatszwcckèn, die mit Wissenschaft und Kunst gar keine Verbindung haben, nämlich als Geschäftslokal der Herzoglichen Rechnungskammer.
Das Museumö-Gebäude, daS sogenannte Schlößchen am Eck der Wilhelms- und Friedrichstraße, erhebt sich in imposanter Länge und Höhe als ein stattlicher und stylgerechter Bau, auch in architektonischer Anlage und Verzierung ausgezeichnet und würdig, den schönsten Sammlungen eines Landes für Wissenschaft und Kunst zum Aufbewahrungsort zu dienen. Aber diese Sammlungen sind leider nicht so gesichert, wie sie es verdienen. Ohne abgeschlossenen Hofraum ist das Gebäude nämlich auf drei Seiten von den frequentesten Straßen dicht umgeben; es wird bei Tag als förmlicher Durchpaß benutzt und weß Geistes Kinder die nächtlichen Umwandler zum Theil sein mögen, davon sind die häufig genug,an Kellerläden und in den anstoßenden Holzremisen vorgekommenen Diebstähle der beste Beweis. Es wohnt niemand in dem Gebäude; die Fenster sind nur durch einfache leichte Läden verwahrt ; ein Einbruch und eine Ausraubung der werthvollsten Gegenstände wäre weder mit Gefahr, noch mit sonderlicher Mühe verbunden. Die oft so leeren Kassen des Staats werden allnächtlich durch einen Posten bewacht; an Schutzmaßregeln für das Museumsgebäude, dessen Sammlungen einen Gesammtwerth von wenigstens r/2 Millionen darstcUen, scheint noch niemand sonderlich gedacht zu haben. Hoffentlich wird doch nicht auch hier der Wolf erst eingebrochen sein müssen, ehe man den Pferch zuschließt. — Zu dieser äußeren Unsicherheit gesellt sich innerlich eine nicht mindere Bedenklichkeit wegen der durch die Benutzung des obersten Stockwerks als Geschäftslokal der Rechnungskammer immerhin zu besorgenden Feuerögefahr. Länger als die Hälfte des Jahres hindurch werden in diesen Zimmern mehr als 20 Oefen geheizt und gewiß nicht schlecht geheizt. Daß bei aller Vorsicht hierbei ganz unvorhergesehen einmal nächtlicher Weile ein Brand ausbrechen kann, dem es an papiernem Brennstoff schwerlich mangeln würde, ist nicht zu leugnen; aber
Kurheffen feit dem Freiheitskriege geschildert von Karl Wilhelm Wippermann.
Erste, zweite, dritte Lieferung. Kassel 1850.
(Fortsetzung.)
Dem Finanzgesetz von 1840 bis 1842 stellten die Stände im Kriegsetat nur mäßige Erinnerungen ent» gegen welche ihnen jedoch nichts als eine landesherrliche schulmeisternde und das Bewilligungsrecht verkümmernde Eröffnung eintrugen. Ein Mitglied (Ochs) durfte ihnen, ob auch unter Widerspruch von anderer (Wippermanns) Seite, ins Gesicht sagen: jene energische Erklärung, hervorgerufen durch die allergerechteste aller Forderungen, habe vielen Anklang bei allen wahren Vaterlandsfreunden gefunden. Auch die sonstigen Verhandlungen über das Budget waren nicht ohne Reibungen und Schroffheiten. Versagten die Stände einer proponirten Ausgabe die Zustimmung, so erklärte ihnen Scheffer die Verausgabung werde doch geschehen; genehmigten sie eine Ausgabe, so legte er Verwahrung ein, weil es der Ständeversammlung nicht zustehe, eine Genehmigung auszusprechen, denn der Landesherr habe zu gebieten, nicht die Stände u. s. ft Er nannte es geradezu eine unhaltbare Idee über vermeintliche ständische Befugnisse, einen unglückseligen Wahn, anzunehmen, daß ohne ständische Bewilligung seine Ausgabe
selbst ein ganz geringer und vielleicht bald gelöschter Ausbruch würde bei der Nothwendigkeit einer Ausräumung der unteren Lokalitäten schon durch das bloße Durcheinanderwerfen und Verschleppen der darin aufbewahrten Bücher, Alterthümer und Kunstgegenstände dem Staate die empfindlichsten Verluste bereiten. Das sollte man in Zeiten bedenken!
Eme große Unbequemlichkeit im Besuchen und Benutzen der gedachten Sammlungen liegt sodann, insbesondere für Fremde, darin, daß ein ständiger Aufseher im Gebäude nicht zu finden ist. Nur in den Sommermonaten und nur zu gewissen Tagesstunden pflegen diese Sammlungen dem Publikum geöffnet zu sein; auswärtige Gelehrte und Reisende aller Art, die vor ober nach diesen Stunden eintreffen, oder die im Herbst und Winter hierher kommen, müssen, besonders wenn sie nur kurze Zeit zum Verweilen haben, sehr oft unverrichteter Sache wieder abziehen, weil die betreffenden Aufseher augenblicklich nicht aufzutreiben sind und weil eben jeder Verein seine eigenen Leute dafür hat und seine Zimmer unter besonderem Verschluß hält. Dem wäre im Interesse des fremden wie des einheimischen Publikums wohl nur dadurch abzuhelfen, daß ein vom Staate ernannter und beauftragter ständiger Aufseher oder Konservator bestellt und demselben eine Wohnung im Gebäude selber angewiesen würde, so daß jedem Be;ucher der Anstalt zu allen Jahreszeiten und zu allen Tagesstunden die Möglichkeit geboten wäre, diese Sammlungen, auf denen ein nicht geringer Theil des ehrenvollen Rufes der Stadt Wiesbaden im Auslande beruht, ohne Aufenthalt und Unbequemlichkeit in Augenschein zu nehmen.
Dre Beseitigung aller dieser eben gedachten Mißstände, womit die Erhaltung und Benutzung unserer öffentlichen Sammlungen annoch verknüpft ist, wird sich aber wohl erst dann gründlich heben lassen, wenn das Gebäude in allen seinen Räumen Dem alleinigen Dienste Der Wissenschaft und Kunst geöffnet, d. h. wenn das Geschäftslokal der Rechnungskammer aus demselben entfernt wird. Diese Behörde hat nämlich den ganzen oberen Stock des Gebäudes und einen Theil des mittleren inne, d. h. eine solche Menge von Räumlichkeiten, daß deren Gewinnung den Bedürfnissen der literarischen und sonstigen Sammlungen des Landes für alle Folgezeit mit einem Male abhelfen würde. Wir wollen damit nicht gesagt haben, daß diese Behörde, wie es schon in Vorschlag war, ganz von hier weg, etwa nach Usingen, verlegt werden solle; denn so sehr auch der Bürgerschaft von Usingen ein Ersatz für das ihnen Entzogene von Rechtswegen gebührt und von Billigkeitswegen dringend gewünscht werden muß, so scheint doch eine Verlegung der Rech- nungskammer von dem Sitze der übrigen Finanz- und Verwaltungsbehörden hinweg mit allzuvielen Unzutrâg- lichkeiten für den Dienst verknüpft zu sein, als daß hierauf im allgemeinen Interesse bestanden werden dürfte. Es gibt anderweitigen Ersatz genug, wenn man nur
gemacht werden dürfe. Der Streit über die Rotenbur- ger Domänen wurde wieder aufgenommen und lange fortgesetzt. Zuletzt kamen die Stände gegen Wippermanns Widerspruch im wesentlichen nur zu einer Verwahrung die das Ministerium als nicht vorhanden ansehen wollte; sie ließen diese Erklärung auf sich beruhen, und so schlief der Streit mit dem Lande über die Rotenburger Domänen für geraume Zeit ein.
Beim Tode der Kurfürstin Auguste bekundete sich, daß im Lande und in den Ständen Liebe zum Fâr- stenhause, wo gesucht und verdient, noch immer und trotz dem gehässig-despotischen Regiment der dermaligen Regierung nicht erloschen war. Auch im Fürstenhause erblickte man Zeichen von Versöhnlichkeit gegen Land und Volk und von Beugung harten Sinnes. Wilhelm II. vertrug sich mit der Stadt Kassel, wendete ihr seine Huld wieder zu, stellte selbst seine Rückkehr in Aussicht. Schomburg erlebte es nicht mehr. Er starb in einer Art freiwilligen Eriks unweit Eisenach mit dem schmerzvollen Ausruf: „Ich hinterlasse meinen Kindern nichts, nicht einmal ein Vaterland!" Im Fortgehen hatte er zu Wippermann gejagt: „Ich scheibe mit Ruhe von hier, da ich Sie hier weiß." Eine Deputation der Stadtbehörde von Kassel holte seine Leiche um sie hier friedlich zu bestatten. Robert, jetzt Polizeidirektor der Residenz, überwachte das mit Angst. Während die Regierung den edlen Kämpfer und Märtyrer noch im Tode zu fürchten schien, sorgte die Stadt,
durchgreifen wollte. Aber ein anderes öffentliches Gebäude in der Stadt sollte man für diese Behörde in Aussicht nehmen und die Kammer mit all ihren Gluthöfen und ihren^ Aktenbergen dahinein verlegen; das Hieße im Interesse des Landes, im Interesse eines werth- vollen Gebäudes und seines noch werthvolleren Inhalts handeln; dadurch würde eine vollständige Neugestaltung der wissenschaftlichen und artistischen Sammlungen, ihre engere Beziehung zu einander, ihre zweckmäßige Erweiterung und Vervollkommnung und eine namhafte Erhöhung ihrer Rentabilität, d. h. ihrer erleichterten und vermehrten Benutzung von Seiten der Landesbewohner und der Fremden erzielt und eine Gesamintanstalt geschaffen werden können, die durch Reichhaltigkeit ihrer Bestandtheile und durch volle Liberalität in ihrer Benutzung den wissenschaftlichen Arbeiten im Lande neues Leben einhauchen, die Einheimischen mit Stolz und die auswärtigen Besucher aller Art mit hoher Achtung zu erfüllen im Stande wäre.
Aber man darf auch in allen diesen Beziehungen von den Staatsbehörden allein nicht Alles erwarten; vielmehr müßten die einzelnen Vereine, deren Sammlungen bas Museumsgebäude in sich schließt, hierzu vor- und mitarbeiten. Insbesondere scheint eine nähere Beziehung derselben zu einander, eine vertrautere Bekanntschaft der Mitglieder jedes einzelnen Vereins mit den wissenschaftlichen Arbeiten jedes anderen, wenigstens eine Kenntnißnahme von den Bestrebungen und Richtungen derselben für die Belebung der ge- sammten geistigen Thätigkeit im Lande höchst ersprießlich zu sein. Nach der bisherigen Einrichtung hat ein Verein vom andern so gut wie gar keine Notiz genommen und auch kaum nehmen können, was vor allen die Vereinsmitglieder außerhalb Wiesbaden ut beklagen hatten. Wir erlauben uns, einen mimaßgeblichen Vorschlag zu machen, der sich vielleicht zur Erreichung des gedachten Zweckes in etwa benutzen ließe. — Bis jetzt hält nämlich jeder Verein seine Generalversammlung zu einer nach seinem Ermessen bestimmten Zeit; der Kunstverein im Juli, der naturhistorische im August, der antiquarische bald im Sommer, bald im Herbst oder Winter. Diese Termine sollte man zusammenlegen und im Verlauf einer und derseben Woche (Ende Juli oder Anfang August) die Generalversammlungen hinter einander in einer bestimmten Reihenfolge im Museumsgebäude abhalten. Dies würde auf eine weit größere Anzahl von Mitgliedern im Lande seine Anziehungskraft ansüben als bisher, es würde mancher sich eher zu einer Reise nach Wiesbaden entschließen, wenn er wüßte, daß er in wenigen Tagen die Ausstellungen aller dieser Vereine, denen auch zu Zeiten die Gewerb- Ausstellung sich anschließen würde, in Augenschein nehmen, den wissenschaftlichen Vorträgen derselben beiwohnen könne, und so ziemlich alle für höhere Bildungszwecke sich interessirenden Genossen versammelt finden werde. Ließe es sich einrichten, daß
sein Verdienst ehrend, genügend für seine Hinterbliebenen, wcßhalb die sRegierung wiederum -die Magistratsmitglieder, freilich wirkungslos, zur Rechenschaft zog und sodann, als sie Schomburg nicht mehr verfolgen konnte, den an dessen Stelle gewählten Wippermann und weiter die Stabt plagte, welcher es erst nach Jahresfrist gelang einen dem Ministerium annehmbaren Mann in Arnold zu finden. Dieser aber hatte zuvor, von Robert gedrängt, den aller Welt verborgenen Revers gegeben zu einer andern unvor- theilhafteren Stellung sich nach dem Gefallen des Ministeriums verwenden zu lassen. Letzteres fügte fortgesetzter Verfolgung gegen Wippermann schnöde Worte hinzu und schnitt eine sofortige Entgegnung des Beleidigten durch alsbaldige Verkündigung einer dreimonatlichen Vertagung, und die Verbreitung einer von ihm dem Ministerium gegebenen schriftlichen Erklärung durch die Censur ab. Es geschah als Koch an Hansteins Stelle das Ministerium des Innern bekleidete und Robert in das geheime Cabinet eintrat, woneben er die Polizeiverwaltung behielt, Die er auf eine höchst belästigende Weise übte, und dadurch eine erbitterte Stimmung in Kassel weckte. Die Staatsverwaltung wurde fort und fort in demselben Geiste geübt. Die vom Verfasser angeführten Proben dieses Geistes sind unzählig. ' (Fortsetzung folgt.)