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Wiesbaden. Dienstag, 29. Oktober

Dreiheit und Recht!"

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Reine Farbe!

X Die Union ist in das letzte abnehmende Viertel getreten; noch ein Weilchen unv ihr Neumond ist da. Sie geht, wie sie kam, kalt und bleich, wie der Tod, ein Bild ihres Lchopsirs, dem auch Fischblut in den Adern schleicht. Der Traum Derer, welche noch auf ein parlamentarisches Leben hofften, auf ein aufrichti­ges, warmes Leben, wenn auch in noch so engen Schran­ken, ist ausgeträumt. Die Siebenschläfer reiben sich die Augen und fragen: Was nun?Nichts, nichts und noch einmal nichts!" antworten die Einen;Alles ist eitel!" Und sie werfen sich dem politischen Quie­tismus, dem fahrlässigen Philistertum von ehedem wie­der so blind in die Arme, wie der Bogel Strauß, der bekanntlich, wenn ihm die Jagd zu arg wird, den Kopf versteckt und die Schweiffedern zum Rupfen ruhig preis gibt. Nun, auch diese politischen Strauße werden ge­rupft werden, diese bequemen Bourgois werden die Zeche bezahlen, wenn die Contrerevolution nach ihren Siegen Staatsbankerott erklärt. Die Andern aber, welche noch Galle haben, welchen noch Scham auf die Wangen treten, Zorn zu Kopfe steigen kaun, fangen an, sich von den Dahl - und andern Hampelmännern zu emancipiren, sich zu ermannen und ihren Grimm nicht blos mit dem Ballen der Faust im Sacke Luft zu machen, nicht blos in den vier Wänden oder in den Casino's zu wettern, sondern offen mit denen zu bre­chen, mit denen fortan weiter zu gehen Ehrgefühl, Vernunft und Selbsterhaltung ihnen verbieten. Schon öfter haben wir halb scherzhaft und halb im Ernst Herrn V. Radowitz den wirksamsten Apostel der De­mokratie genannt, schon öfter auf ihn und Seines­gleichen als auf die modernen Bileamsesel hingewiesen. Jetzt sind wir in der Entwicklung des deutschen Vol­kes so weit gediehen, daß auch unsere Gegner, die Gothaer sowohl, wie dieNavowitzerund Manteuffelianer im Chore anfangen, über das Verderben im konstitutio­nellen Schafstalle ihr Leid zu klagen. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, heulen ihre Organe, daß die Konstitution, llen in allen Gegenden, besonders aber in Preußen, mehr und mehr wieder mit den Demo­kraten zusammengingen und von dein konservativen Wege abirrten.

Ist diese Erscheinung, deren Bedeutung mit jedem Tage mehr hervortritt', blos ein Abirren der Kon­stitutionellen von ihrem bisherigen Wege, ist es ein bloßer Schritt des momentanen Trotzes, ist es eine bloße Demonstration, so müssen wir Demokraten uns vor dieser Annäherung, die unsern reinen Schild nur beflecken, unsere reinen Farben nur besudeln könnte, ernstlich verwahren. Wir haben den Grundsatz, keinen Menschen als bloßes Mittel zum Zweck zu gebrauchen, und noch weniger wollen wir uns von Andern als solches misbrauchen lassen; wir hassen den Spruch: der Zweck heiligt die Mittel, und wir verbitten uns die Ehre, uns als bloße Faust, womit die Malkonten-

Eine göttliche EtscheiurtNg,

sund politisches Mährchen von Joseph Sch mol der.

Daß die alten Götter Griechenlands und Roms aHe gestorben und verdorben seien, wird Niemand zugeben, wenn er auch nur entfernt meiner nachstehen­den gewissenhaften Erzählung Glauben schenkt.

Am 12. Oktober vorigen Jahres, als ich nachdenkend am Nheinquai unserer welthistorischen Schwesterstadt Mainz auf und abwandelte und mich über das rege Leben des Verkehrs und der Schiffahrt freute, welches in buntem Wechsel von Kommen und Gehen sich dort entfaltet, bemerkte ich plötzlich zwischen zwei der größten Schiffe blendend weiße Wogen sich erheben nud eine himmlische Gestalt aus der Tiefe heraufleuchten. Vor Verwunderung stand ich wie angewurzelt; mein Staunen aber erreichte den höchsten Grad, als ich eine hehre, übermenschliche Gestalt, umringt von hunderterlei Fluß- göttern und Najaden sich aus den Wellen erheben sah. Der alte Rhenus selbst mit seinem perlentropfenden Silberbarte und schilfgekrönten Haupte war zugegen und machte die Honneurs. Welches Glück für mich in diesem Augenblick, daß ich in meiner Jugend fleißig die Götterlehre studirt hatte, und aus den Büsten und Statuen, welche ich in unserem Staedel'schen Kunst- Institute so oft bewunderte, und noch in frischem An­denken bewahrte, sogleich in einem andern ehrwürdigen

ten ihren guten Freunden drohen wollen, benutzt zu sehen. Diesen Konstitutionellen machen wir be­merklich, daß wir ihren Verrath an der Volkssache sehr wohl behalten haben und nie vergessen werden; diesen Po- pularitätsspekulanten rufen wir kein Herein zu! Wir waren, sind und bleiben geschiedene Leute; wir kennen sie unv wissen, daß eine Partei nie schlimmer berathen ist, als durch unzuverlässige Freunde. Wir müssen uns überhaupt gegen jeden Bund zwischen Demokraten und ConstitutioneUeu entschieden ^ussprechen ; denn Wasser mit Feuer kann sich in der Politik nicht mischen. Eben so entschieden rathen wir von Verstärkung der Mittel­männer durch Entgegenkommen ab: sie werden sich bei uns nicht behaglich, wir bei ihnen uns niemals hei­misch fühlen.

Jede Konzession, welche die Demokratie ihren Fein­den machen würde, wäre ein Verrath; jede, welche sie ihren zweideutigen Freunden zugestände, eine unverzeih­liche Dummheit. Die Demokratie kann keine Kon­zessionen machen, ohne ihre Jungfräulichkeit, ihre Rein­heit zu verletzen, ihre Gegenwart zu beflecken, ihre Zu­kunft zu vernichten. Die Contrerevolution hat unsere Reihen gesäubert, hüten wir uns, das alte Uebel nicht durch eine Hinterthür wieder einzulaffen!

Aber sind wir denn so schroff, daß mit uns nicht zu reden, so stachlich, daß mit uns nicht umzugehen ist? Wir sind stolz darauf, daß wir mit dazu gewirkt haben, die D molratie aus dem Sumpfe emporzuar- beiten, ihrem Auftreten Form, ihren Prinzipien Klar­heit zu geben; wir hassen es, dem Volke zu schmeicheln, wie wir den verachten, der sich gegen besseres Wissen und Gewissen vor dem goldenen Kalbe des Altherge­brachten, ^es hohlen, denben Popanz, Etikette genannt, in den Staub wirst. Freie Männer in gebildeten Formen, in gewandten Manieren wollen wir. Unser Ideal ist, daß jeder Demokrat, ob reich oder arm, bas sei, was die Engländer einen Gentleman, die Griechen einenguten und schönen Mann", und was wir einen Ehrenmann von Herz und Kopf und Bil­dung nennen. Und wir behaupten sogar, daß dieses Ideal der modernen wahren Männlichkeit gar nicht ohne demokratische Durchbildung zu erreichen sei; wir hoffen, daß trotz alledem und alledem die Zeit kommen werde, wo man mehr von vornehmem Pöbel als vomgemei­nen Mann" reve. Denn nicht die Aristokratie, nein die Demokratie hat den Geist und die Talente auf ih­rer Seite.

Nicht Haß gegen Bildung oder Form ist es daher, was uns treibt, gegen die gemischte Ehe zwischen Demokratie und Konstttutionaliomus zu reden; es ist die innere prinzipielle Verschiedenheit. Aber wie es Demo­kraten giebt, die mehr Bourgeois, als Bürger sind, so gibt es umgekehrt Constitutionelle, welche zur Demokratie nur noch nicht durchgedrungen waren, theils aus spe­ziellen over persönlichen Gründen, theils aber auch, weil sie es für Gewissenspflicht hielten, mit der kon­stitutionellen Politik so lange zu gehen, als dieselbe Greise die Züge des edeln Flußgottes Nereus, Sohn des gewaltigen Neptuns, erkannte.

Daß ich auf eine würdige Wese die alte Gottheit begrüßte, liebe Leser, können Sie sich wohl denken. Aber das werden Sie sich nicht vorstellen, daß ich den göttlichen Alderman auf Austern und Champagner im nahe gelegenen Europäischen Hofe worin einige Jahre früher eine bediademte Seegöttin, die Königin Viktoria von Brittania abgestiegen war unterthä- nigst einzuladen, mich erdreistete. Nereus lächelte huld- samlich und sprach:Seitdem es so traurig auf dem festen Lande aussieht, daß sich der Mensch, das Eben­bild der Gottheit glücklicher Weise ist es nur selten gut getroffen gegenseitig zerfleischt und erwürgt, setze ich keinen Fuß mehr auf das Ufer. Ja, wäre ich kein Gott, ich müßte in beständiger Furcht schweben, das bittre Todesloos eines Trützschler und anderer freiheitsglühender Märtyrer bei Euch zu theilen. Brechen wir davon ab!" Ich konnte der Gottheit nur beipflichten; denn in demselben Augenblick wälzte der Rhein, wie ein unabsehbares langes Purpurband, es war aber ein Streif von wirklichem Blut, welches bei Mannheim seinen Ursprung hatte und sich erst weit unterhalb Mainz aus den Blicken verlor, an uns vorrüber es war der Tag der Einnahme der N h e i n s ch a n ze.

Da ich wußte, daß Nereus die unsterbliche Gabe der Wahrsagung besaß, so bat ich ihn, mir den dun-

möglich schien, und weil sie sich zur Demokratie nicht hingezogen fühlten, so lange diese noch in der Form losigkeit oder Forcirtheit ihrer Flegeljahre auftrat. Stille Demokraten möchten wir diese Männer nennen, unter denen wir viele kennen, deren Aengst- lichkeit oder Langsamkeit in der politischen Entwicklung wir nicht preisen, aber doch so gut begreifen, baß wir ihnen nicht gram sein können. Dies sind diejenigen, welche sich nach den neuesten Thaten des Konstitutio« nalismus, wie nach den furchtbaren Uebergriffen der Reaktion endlich zu überzeugen beginnen, daß nur durch die Demokratie des Volkes Heil und des Vaterlandes Zukunft zu retten ist, durch jene Demokratie, welche immer gereifter, immer klarer, immer ernster ihre Pfade wandelt und sich ihrer hohen, heiligen Mission in den Tagen der Trübsal und Verfolgung so einge­denk, als würdig zeigt. Solche Männer stellen an unsere Partei keine Forderungen, die ihr eine Schande wären; solche Männer kommen nicht, um konstitutionell zu bleiben , um die übertünchten Gräber zu spielen, wie es in der Bibel heißt: solche Männer sind mit ihren Erfahrungen, ihrem Entwicklungsgänge, ihrer Bildung, ihrem redlichen Streben eine wirkliche Bereicherung der Demokratie und deßhalb rufen wir ihnen von Herzen ein Willkommen in unserer Mitte zu.

Es kommt jetzt die Zeit und sie ist schon da, wo sich alle edleren, besseren Volkskräfte wieder zusammen- schmiegen, wo sich alle kräftigen Naturen in die Reihen derer einreihen, welche ohne Furcht und Tadel ihr Panier stets kühn und treu emporgehalten haben. Daher bitten und beschwören wir unsere Freunde, zu vergeben und zu vergessen, was sich vergeben läßt; doch darnach zu trachten, daß sich nicht wieder ein Gemisch hetero­genster Elemente, wie in dem ersten Märrraunve ge- stalte, sondern eine Durchdringung Aller mit dem hei­ligen Ernst und der Treue, welche die Prinzipien der Demokratie erfordern. Prüfet Alle unv die Guten nehmet freudig auf, doch vor allem Halben, Schlechten, Gemeinen und Unsittlichen bewahret euch, wie vor euren gefährlichsten Feinden!

DaS politische Chaos.

X Seit dem Schluffe unserer letzten Nummer ist uns ein Berg von Zeitungcu zugegangen, in denen diplomatische Rathlosigkeit und Absichtlichkeit, die Sucht.der Korrespon­denten, pikante Nachrichten zu geben, und die Struw- welpetereien mancher Redaktionen einander in die Hände gearbeitet haben, um die Köpfe der Leser mit Truppen- marsch-, Kabinets-, Kriegs- und Frievensgerüchten zu verwirren. Es wäre besser gewesen, offen zu gesteben: Wir sind so klug, wie du lieber Leser!" DeS vielen Geredes kurzer Sinn ist, daß nicht eher etwas Entschei­dendes geschehen wird, als bis die Parole aus War­schau eingetroffen ist. Dazu bedarf es aber erst der Konferenzen mit Schwarzenderg, der nebst oem Saue

kein Vorhang, der über Deutschlands Zukunft schwebte, auf einige Momente zu lüften, und er schlug es mir in der That nicht ab. Das Schauspiel aber, welches sich vor mir entrollte, war so schrecklicher Art, daß ich aus Respekt vor dem hohen Asperge, oder vor etwas noch Höherem es nicht wage, die Haare meiner ver­ehrten Leser durch solche Enthüllungen auch sich ein- porftränben zu machen. Ich schöpfte Athem, wie Schil­lers Taucher, als er den Seeschlangen, Hayen, Riesen- polypm, Wasserdrachen und anderen Meerungeheuern glücklich entronnen, wieder das rosige Licht des Tag^ einsog.

Ich verließ das Feld der großen Politik und ging auf die Onodezstaatsweisheit über. Ich befragte Ne­reus über die Zukunft unseres damals noch versam­melten Parlaments. Da sprach er:Matthy und Bassermann werden ihrem Schicksale nicht entgehen Ersterer wird die Deutsche Zeitung vollends zu Grunde richten und zuletzt froh sein, wenn er noch eine Ver­sorgung als Reichspokizeidiener erhält, Letzterer wird sich wieder gänzlich auf dm Tuch- und Buchhandel, wie früher, werfen.

Gagern wird eine Zeit lang in Berlin heilig ge­sprochen werden, später Fußtritte bekommen und die Gothaer Würste in sehr Übeln Geruch bringen, und zuletzt noch ein Werk über die Kartoffelkrankheit in Monsheim herauSgeben. Soiron wird den Abfall her Niederlande nach seinen eigenen Quellen beschreiben.