„Freiheit und Recht!"
^§ 2AH k^ Wiesbaden. Samstag, 26. Oktober IS40.
Dir „Ar eie Zeitung" erscheint, mit UuSnabme deS Montags, täglich in einem Bogen. — Der Adonn«mentSpr-is betragt v ierteljährtg hier la WteSbadra 1 ff. 45 fr., aus. wärt» durch die Poft "«-„en mit verhäitnlßmävtgem Aufschlag». — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und Rub bei »er großen Arrdrettuog der „gteien Zeitung" ß»tS von »tri- samem Erfolge. — Die I lserationSgebüdren betragen für die bierfpaUtgt Pktttjetl» 3 «reu^er.
Die „ kurhessische Rebellion."
X Wir bitten unsers Leser, sich nicht über vorstehende Bezeichnung zu verwundern oder zu entsetzen; denn dieser diplomatische Kunstausdrück stammt gleich dem: „Reaktivirung des Bundestags" aus der Wiener Hofküche. Preußen, meinte die „Wiener Ztg." noch vor einigen Tagen, mache sich; es habe durch^bie Union einen anerkennenswerthen Beweis seiner Besserung gegeben, und so werde es denn bald wieder zu Gnaden ausgenommen werden. „Das erste Symptom faktischer Einigung", schreibt die „Wiener Z " weiter, „dürften wir an der gemeinsamen Behandlung der kurhessischen Rebellion erleben. Nach allen Vorgängen zu schließen, werden preußische und Bundestruppen Kurhessen von allen Seiten cerniren und des Kurfürsten also gestärkter Autorität es überlassen, reine Bahn in seinem Lande _zu machen, das Heer zu organisiren, Beamte zu entlassen und zu strafen. Daß in diesem Falle ein etwaiger Wechsel im kurhessischen Ministerium eine primäre Bedeutung nicht hat, ergibt sich von selbst." — Seitdem scheinen sich die Dinge allerdings wieder etwas anders gestaltet zu haben. 'Der König von Württemberg hat den Fehler begangen, aus der Schule zu schwatzen: in Frankfurt sowohl, wie in Bregenz hat er offen Propaganda für Herstellung des heiligen römischen Reichs gemacht und Stimmen für den Kaiser von Oesterreich als deutschen Kaiser pressen wollen. In Wien hat dies trefflich gemundet und es heißt, daß dem alten schwäbischen Romantiker dafür besondere Ehren zugedacht seien; in andern Kreisen dagegen ist man stutzig geworden, zumal in Hannover und Berlin, wo beide Könige nicht so viel Geschmack am Vasallenthum haben, als der Schwabenkönig. Der König von Baiern wurde in Bregenz gekirrt, weil dem Vernehmen nach der Nieter Vertrag zur Sprache kam. Oesterreich hat bekanntlich darin dem Baiern für Tyrol das ganze ehemalige Großherzogthum Frankfurt versprochen, ihm aber nur einen Theil zugespielt, weshalb es jetzt immer noch jährlich 100,000 Gulden Entschädigung zahlt. Es soll ein Wörtchen gefallen sein, wie Oesterreich sein Geld behalten und Baiern für seine alten Ansprüche und neuen Opfer das Fuldaische und Hanauische bekommen könnte, und es kann dies der Grund zu sein, weshalb König Mar so seelenvergnügt von Bregenz heim kam, wiè die Münchener Berichte meldeten.
Preußen ist bei diesen An- und Aussichten etwas stutzig geworden, und auch der Kurfürst scheint einige Bedenken bekommen zu haben.^ Jndeß^wurde am 21. Oktober in der Eschenheimergaffe eine Sitzung gehalten, welcher als Klubgast der Kurfürst in Person beiwohnte. Hier soll beschlossen worden sein, am Freitag den 25. October die Invasion Kurhessens durch die Baiern zu beginnen und zugleich an Preußen von Bundeswegen die Aufforderung ergehen zu lassen, sofort seine Truppen aus Baden und Hamburg zurückzuziehen.
Interessantes Geschwornenverdiet.
Vor nicht langer Zeit drängte sich in London vor den Thüren des Gerichtshofes von Old Bailey eine große Menschenmenge, die außerordentlich begierig war, in den Gerichtssal zu dringen, wo gerade eine Assisen-Sitzung stattfand. Der größte Theil des Publikums mußte aber, da der Saal schon überfüllt war, auf der Straße das Ende der Gerichtsverhandlung erwarten.
Um 10 Uhr nahm der Lord Oberrichter Tindal seinen Sitz ein. Der Angeklagte wurde hereingeführt, die allgemeine Theilnahme empfing ihn. Die beiden Anwälte, die ihren Beistand angeboten hatten, drückten ihm herzlich die Hand, und selbst der Kronanwalt benutzte diesen Augenblick, um ihm einige Worte des Trostes und der Ermuthigung zuzuflüstern und ihm zugleich zu bemerken, daß, wenn er nicht auf der gewöhnlichen Bank der Angeklagten sitzen wolle, er die Freiheit habe, sich neben seinen Vertheiger zu setzen. Darauf begann die Verhandlung.
Richter: Ihr Name, Alter Beruf?
Angeklagter: Georg Hammund, 41 Jahre alt, Portraitmaler-
Richter: Sie wissen, wessen Sie angeklagt sind; man beschuldigt Sie, einen Seiltänzer, Namens James Baldwin, mit Vorbedacht um's Leben gebracht zu haben. Bekennen Sie sich schuldig oder nicht?
Angeklagter: Es ist wahr, ich habe ihn getödtet.
Was das preußische Kabinet in der Hamburger Sache thun will, ist noch völlig unbekannt; daß wegen der Besatzung in Baden die Verhandlungen zwischen Berlin und Karlsruhe außerordentlich lebhaft sind, ist Thatsache; eben so, daß die österreichische Partei am badischen Hofe seit der Bregenzer Konferenz endlich vollkommen obenauf gekommen ist und „Preußens Bemühungen, die daraus wahrscheinlich unmittelbar be- vorstehenden Ereignisse abzuwenden, vergeblich sein dürften", wie die „Nat.-Ztg." meint. Sollte der Großherzog von Baven wirklich von Preußen abfaUen, so hat der König von Württemberg bereits in Bregenz seinem kaiserlichen Lehnsherrn zugerufen, er werde auf Kommando sogleich marschiren lassen. Durch ein militärisches Zusammenwirken Oesterreichs durch das vorarl- bergische Korps, Baierns und Württembergs und möglicher Weise Hessen -Darmstaots, das ja durchaus in den Händen des Bundestages ist, wurden die Preußen in Baden vollkommen abgeschnitten. Es bleibt deshalb bemerkenswertb, daß der „Köln. Ztg." auS dem Ba- denschen mit Bestimmtheit geschrieben wird, schon in den nächsten Tagen würden 10,000 Preußen aus Baden den Rückzug antreten. Soll dies ein blos strategischer oder zugleich ein politischer Rückzug sein?
Aus der plötzlichen kriegerischen Sprache der „Oestr. Corr." und der „ReichSzcitung", welche am 22. „vehemente Artikel gegen Preußen bringen", wie eine telegraphische Depesche meldet, ferner aus der Mobilmachung zweier neuen Armeekorps läßt sich schließen, daß Preussen nach Wien eine Note geschickt haben muß, die dem Uebermuthe Schwarzenbergs misfiel. Dazu kommt, daß wir aus Berliner Berichten erfahren, Preußen erwarte jetzt nichts mehr von einem großen Fürsteucon gresse, wozu Sachsen die Initiative ergriffen habe; es denke nicht mehr daran, weil es auf einem europäischen Fürstenkongresse „eine sehr vereinsamte Rolle spielen würde."
Dies ist die Situation, so weit sie sich aus den uns bis diesen Morgen vorliegenden Berichten kombiniren läßt. Was blieb dem Berliner Kabinet also übrig? Entweder Alles ruhig über sich ergehen zu lassen ober durch eine That zu zeigen, daß „sich selbst der Wurm im Staube noch krümmt, wenn er zertreten werden soll."
Preußen hat das Letztere gethan, es hat Kur- Hessen, doch nein, es hat seine kurhessischen Etap- penstraßen»besetzt. Es war am 23. Morgens 9 Uhr, als das Wetzlarer Corps, nachdem in der Nacht fünf Estafetten angekommen, aufbrach (das 13. und 17. Infanterieregiment mit Ulanen und Artillerie) um in Kurhessen einzurücken und wie es hieß, über Lollar direkt mit der Eisenbahn nach Kassel (?) befördert zu werden. Aus Gießen wird gemeldet, daß am 23. dort 3000 Mann Preußen durchzogen, um sich über die Etappenstraße (Grünberg, Alsfeld u. s. w.) durch's Fuldaische bis Wacha auf der Rhön auszudehnen. Abends war in Folge neuer Nachrückungen Gießen nebst
Es ist ein Unglück, das ich betraure; aber in meinem ; Herzen kann ich mich nicht schuldig finden.
Richter: Da Sie die Wahrheit der Thatsache zugestehen und nur die Schuld an derselben bestreiten, so setzen Sie sich! Ihre Mitbürger, Ihres Gleichen, sollen Sie richten. Gott nehme Sie in seinen Schutz!
Darauf las der Greffier den Anklageact. Der älteste Anwalt, der Namens der Grafschaft die Anklage unterstützen mußte, sprach sich in einigen Worten darüber aus, daß vielleicht niemals ein Angeklagter mehr Mitleid verdient habe, als dieser. Darauf forderte er aber, mit Verweisung auf die Gnade der Krone, Verurthei- lung, damit die ganze Welt sehe, daß Niemanden in irgend einem Falle erlaubt sei, sein eigener Richter zu sein.
Auf die Frage des Richters, ob der Angeklagte noch etwas vorzutragen habe, erklärte dieser, daß er sich gedrungen fühle, den ganzen Zusammenhang zu i erzählen:
„Es ist nun 3 Jahre her, als ich mein damals i kaum vierjähriges Töchterchen verlor, das einzige Pfand der Erinnerungen an eine Theure, die damals schon bei Gott war. Ich verlor es, das will sagen, ich sah es nicht sterben, wie seine Mutter, nein, es verschwand, es ward gestohlen. Es war ein so liebes, artiges Kind und ich besaß auf der Welt Niemanden weiter, der mich liebte. Meine Herren, was ich gelitten habe, will ich nichtbeschreiben, Sie würden mich doch nicht verstehen können. Ich habe für öffentliche An- |
Ningegtnd voll Preußen; Bonin lag in der Stadt. Ferner wird aus Fulda vom 23. gemeldet, daß ein preußisches Korps bei Buttlar, dem letzten Weimarischen Grenzorte, staub. Das Einrücke i der Baiern war in oer Eschenheimer Gasse auf den 25. festgesetzt, oic Preußen tauten den Bundestruppen also um 24 Stunden zuvor.
Was jetzt? Zunächst haben wir nur eine Besetzung der Etapvenorte, also zwar eine Spat , die aber als politischer Akt jede Minute abgeschwächt und rückgängig gemacht werden kann. Herr von Radowitz nannte die kurhessische Frage den Kern der deutschen Frage: wird er die harte Nuß jetzt aufbeißen und den Kern befreien oder wird er wieder einmal Unionchens spielen? — Diesmal kostet das Spiel nicht blos viel Gelb, es könnte Preußen mehr, es könnte ihm Schlesien, ja vielleicht seine Eristenz kosten. Die nächste Zukunft wird lehren, ob Radowitz ein besserer Diplomatengeneral als Willisen ist, oder ob mit Schleswig-Holstein und Kurhessen auch Preußen zerrissen und zu Grunde gerichtet werden soll. Wenn die Demokratie so unsägliches Elend über ein Land, ja über das gesammte Deutschland gebracht hätte, um es zu retten, wie würde man über Verrath und Ruchlosigkeit geschrieen haben; was sagen unsere „guten Freunde" jetzt, wo Deutschland an den Abgrund eines Bruderkriegs geführt wird, um es zu verderben?
Mittags. Die preußischen Truppenzüge sind wirklich wohl doch nicht so schlimm gemeint; sie scheinen blos zu bedeuten: „Auf Ehre, da will ich docb einmal sehen, wer mir was thun wird, wenn — ich keinem was thue!" — Hier die Belege! Ein Artikel „vom Main" in der „Augsburg. Postztg." spricht von einem Ultimatum, welches Preußen gestellt worden sei; ob von Oesterreich allein, oder in Verbindung mit andern deutschen Mächten, wird nicht gesagt. Ueber den Inhalt der Note wird Folgendes mitgethe.lt: „Sie erklärt es als einen Casus belli, wenn ein einziges preussisches Corps ohne Befehl des Bundestags die kurhessische Grenze überschreitet". Die „N. Münch. Ztg " bringt in einem gleichfalls vom Main datirten Artikel folgende Herausforderung: „Wie ich von gntuuter- richteter Hand vernehme, hat Se. k. Hoheit der Kurfürst von Hessen an alle deutschen Souveraine du Schreiben in Betreff der jetzigen Wirren im Kurstaate ergehen lassen, in welchem er die Lage der Dinge und die hohe Gefährdung des mmarchiichen Prinzips darlegt, wenn diesem anarchischen (?) Zustande nicht durch kräftiges Zusammenwirken von allen Seiten rasch ein Ziel gesetzt würde. Von Seite der Bundesversammlung ist energisches Einschreiten beschlossen, und dürften in den nächsten Tagen schon Bundestruppen in Kurhessen einrücken. Allerdings glaubt man, daß dann anch preußische Truppen einrücken werden, aber gewiß nur, um mit den andern deutschen Truppen im gleichen Sinne zusammenzuwirken, nicht um in Con- flikt mit denselben zu treten Preußen wird wohl zu- sehen, ehe es ein solches Wagniß beginnt, das ibn.
noncen, für fruchtlose Nachforschungen Alles ausgegeben, was ich besaß. Hausgerath, Gemälde, Alles habe ich verkauft, drei Jahre lang durchwanderte ich allein zu Fuß alle Städte, ja alle, selbst die kleinsten Dörfer der drei Königreiche, überall suchte ich mein Kind, ohne es zu finden. Sobald ich durch Portraitmaleu etwas Geld verdient hatte, kehrte ich damit nach London zurück, um auf's Neue Anzeigen in die Tagesblätter rücken zu lassen. Endlich den 12. April, an einem Freitage, kam ich über den Smithfieldmarkt. Mitten auf dem Platz gab ein Trupp Seiltänzer Vorstellungen. Ein Kino stand, die Füße in der Luft, mit dem Kopfe auf einer Art Hellebarde, die rundum gedreht wurde. Ein Strahl aus der Seele seiner Mutter muß in diesem Augenblick in die meine gedrungen sein, daß ich es in diesem Zustande erkannte — --es war mein armes Kind. Seine Mutter würde hingeflogen sein, um es an sich zu schließen; ich-- nein, ich warf mich auf den Anführer, ich weiß nicht, wie es kam, ich bin sonst so guthmüthig bis zur Schwachheit, ich packte ihn bei seiner Seiltänzerjacke, hob ihn hoch in die Luft, schleuderte ihn einigemal gegen den Boden — kurz, ich tödtete ihn. Nachher war ich zornig gegen mich selbst, daß ich so strenge gewesen jwar, aber jin j dem Augenblicke schrie ich vor Wuth, daß ich^ihn nur e i n Mal hatte tobten können.
Richter: Aber das sind keine christlichen Gesinnungen, obschon sie erklärlich sind. Sie würden um Ihres eigenen Besten willen, besser daran gethan haben, die-
r