Freit Leitung.
„âeiheit und Necht!"
M 2S2 Wiesbaden. Donnerstag, 24. Oktober I8Att
Dü „Ar eie Zeit ung« »scheint, mit Luüna-me deS MoatagS, täglich in einem Sogen. — Der aoonnemeniopt.io betragt v !»et«liâhetg »ler in Wiesbaden I R. 45 tr., abwärts durch die Poft oezngen mit verhältntßmäßtgrm Aufschläge. — Joserat« werden bereitwillig ausgenommen und Rn» bei »er großen LeedreUung »te „Rieten Zeitung" Rett von wir - famem Erfolge. — Die 3 iserattonSgebühren betragen für die vierspalttg« Petttzettr 3 Kreuzer.
Die russische Propaganda.
X In Warschau hält der Czar jetzt große Musterung über die Tausende, welche ihm zur Verfügung stehn, um die germanischen Verfassungen mit Pulver und Blei zu begnadigen. Nach Warschau eilen seine Vasallen, um Wasser und Erde als Tribut zu bringen. Ist vor ihm kein Entrinnen? Wohl ist der Kaiser von Rußland gewaltiger, als einst der große Perserkönig Xerres, und leider, leider fehlt den Deutschen noch sehr viel von hellenischer Aufopferung und Hingebung an die heilige Sache der Unabhängigkeit, Freiheit und Civilisation. Deutschland blutet aus tausend Wunden; Deutschland ist zerrissener als je. Verrathen und verkauft um schnöden Judaslohn, wie soll es das Abendland erretten, wie seine welterlösende Mission erfüllen? Und doch!---„Die Russen kommen!" erdröhnt es dumpf durch die Länder des Westens, „sie sind bereits die Herren und Meister in den Ostseelän- dern, wie an Oder und Spree, an der Donau und Theiß; bald werden sie auch an Rhein und Seine Gesetze diktiren, wie schon jetzt der „„Rubel auf Reisen"", es ist, der die Diplomatie regiert!" — Nicht wir allein, auch in Frankreich erheben sich die Warnerstimmen lauter und lauter. Viktor Hugo, der Bekampfer des Jesuitismus, ist auch der Vorkämpfer gegen den Moskowitismus. In einem Artikel über die russische Propaganda schildert er Rußlands jüngste Triumpfe mit folgenden ergreifeuden Worten:
„Die Kapitulation Görgey's zu VillagoS am 13. August 1849 vor den russischen Truppen hatte unberechenbare Folgen. Seit diesem Tage sind die Bedingungen des europäischen Gleichgewichtes, wie sie die Verträge von 1815 feststellen, gänzlich verändert. Als nach dem unglückseligen und denkwürdigen Tage der Marschall Paskewitsch dem Kaiser Nikolaus schrieb: „Ungarn liegt zu Füßen Eurer Majestät!" war es keineswegs Uebertreibung, sondern ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Denn nicht nur Ungarn lag zu den Füßen des Czaren: Oesterreich, das die Bezwingung der Ungarn nur der russischen Intervention verdankte, ward durch seinen Sieg besiegt.
„Mit Ungarn überlieferte Görgcy den Russen Oesterreich, Böhmen, Kroatien, Illyrien, die Lombardei. Von da an konnte der russische Panslavismus, durch die Besetzung der Moldau und Wallachei Herr der Donaumündungen, ungehindert an der Donau herauf dringen bis zu ihrer Quelle und den französischen Einfluß bis in die Schweiz bedrohen. Er konnte nach Belieben die Südslaven bearbeiten und sie in seinen Kreis ziehen. Allmächtig in Neapel, wo der König Ferdinand II. den Czar zum Vorbild und das kosa- kische System zum Ideal der Civisation genommen hat, wurde er auch allmächtig in Mailand und Venedig: er faßte Italien bei seinen zwei Enden.
Wir betonen diese Thatsache, weil sie entscheidend ist. Oesterreich ist nicht mehr das von Metternich zu-
Kurhessen seit dem Freiheitskriege geschildert von Karl Wilhelm Wippermann.
Erste, zweite, dritte Lieferung, staffel 185O.j
(Fvetseyung.)
In der unglücklichen Angelegenheit der Rotenburger Quart, wobei Hassenpflug einzig und allein dem Pri- v a t i n' t e r e ss e des R gctuen diente, erfolgte am 28. | Juni 1837 eine die ständische» Ansichten und Forderungen abweisende Erklärung. Am nämlichen Tage machte Hassen. ‘ pflüg Anzeige von einer für den 1. Juli beabsichtigten Vertagung. Bei verschiedenen Vorschlägen, die er noch machte, und wobei ihm die Stände möglichst entgegenkamen, ließ sich nicht verkennen, daß eine Aenderung in seinem ganzen Verhalten vor gegangen sei, daß er namens« lid) im Einklang mit den Ständen sich zeigen, einen Stützpunkt hierin suchen wollte. Er ve» kündete die Ver- tagung bis zum 3. October. Gleich darauf wollte ihn der Regent feine» Amtes als Minister des Innern ent- heben — er forderte und erhielt seine gänzliche Entlassung aus dem kurbessisihen Staatsdienste.
So schloß der Zeitraum des Scheinconstitutivnaliömus, den man Hasscnpflngö Werk zu nennen hat. Der Verfasser stellt am Ende des Kapitels die cntgegeustchenden Urtheile zusammen, welche über Hassenpflug ergingen, und schließt es mit dem Citat, welches als Ausdruck der Volksstimme gelten kann: „Die Zahl derer,
rückgelaffene Oesterreich; es ist nicht mehr ein selbst- standsiches Reich, das ein eigenes System, eine eigene Politik hat. In der Wirklichkeit ist es nur noch eine Provinz des russischen Reiches. Die Hauptstadt von Oesterreich ist nicht mehr Wien, sondern St. Petersburg.
Oesterreich ist kein Eigenname mehr. Wenn auch der Fürst Schwarzenberg noch Noten unterzeichnet, so hat sie doch Herr v. Neffelrode diktirt.
„Dies gibt den Ereignissen, deren Schauspiel dermalen Deutschland ist, eine so außerordentliche Wichtigkeit. Man meldet, daß Oesterreich ein Offensiv- uuo Desensivbündniß mit den Königen von Balern, Hannover, Sachsen und Württemberg abgeschlossen hat. Also wird Rußland die Kabinette von München, Hannover, Dresden und Stuttgart dirigiren. Und wisset Ihr, wo Stuttgart liegt? — Es ist zwanzig Meilen von unserer Grenze!
„Rußland ist vor unseren Thoren!
„Berechnet seine erstaunlichen Fortschritte. Im Jahre 1848 betritt es die Donaufürstenthümer unter dem Vorwand, daß die dortige Bewegung es gefährdet; im Jahre 1849 überschwemmt es Oesterreich unter dem Vorwande, daß der ungarische Kampf es beunruhigt; im Jahre 1850 besetzt es vorerst moralisch oder diplomatisch Deutschland unter dem Vorwande, daß der Widerstand der Kasseler Bürger es störet, und in diesem Augenblick droht es bereits mit einem bewaffneten Einschreiten. Von Vorwand zu Vorwand gelangte es bis an den Rhein.
„Was thut Frankreich gegenüber diesem höchst be- denklichen Vordringen? - Was thut die französische Diplomatie gegenüber der russischen, die so geschickt, so leise, so bewunderungswürdig ihr Ziel verfolgt?
„In dieser für den französischen Einfluß und die europäische Civilisation so bedenklichen Lage hatte Frankreich zwei natürliche Verbündete: Preußen und England, deren Grundsätze und Interesse sie nothwendig zu einer Annäherung an uns führen.
„Nichts war leichter, als aus diesen zwei natürlichen Alliirten thatsächliche Verbündete zu machen. Dazu genügte, sie nicht unzufrieden, unwillig zu machen, in ihrer Entwickelung und in ihren Interessen sie nicht zu stören.
„Zwei diplomatische Fragen haben sich dargeboten: diè griechische Frage und die schtesw-holst. Angelegenheit In der griechischen Frage befand sich England in Streit mit Rußland, denn der Ezar stand hinter König Otto. In der Sache der Herzogthümer befand sich Preußen im Streit mit Rußland, denn der Czar steht hinter dem Dänenkönige.
„Was that Frankreich? In Schleswig opferte es Preußen an Rußland, in Griechenland opferte es ihm England. Es that das gerade Gegentheil von dem, was es thun mußte.
„Aus Wohldicnerei für Herr Nesselrode hat Lahitte in einer Sache, die nur Rußland anging, unseren
w c l ch e i h n a u frichtig zur ü cf w ü n scheu, k a n n unter einem Regen schirm spazieren gehen' *
Nachdem Hassenpflug geschieden war, bewegte alle Gemüther die Frage: ob mit ihm auch sein System, das Land zu regieren, gefallen sei. Es begann die Periode der Erdrückung der verfassungsmäßigen Ordnung, 1837 bis 1848.
Schomburg sprach beim Wiederbeginn der ständischen Sitzungen versöhnliche verständige Worte. An Hassen- pflugs Stelle als Minister des Innern war Hanssin getreten. Er zeigte sich sofort bei mehreren Anlässen den Landstänten unwillfäyk'g. während er in der Gesetzgebung wenig leistete, weshalb ihm jene ein gelegentlich in Anspruch genommenes indirektes Vertrauens Votum versagten. Aehnlich war es mit 6cm Verbalten des neuen Justizmin'sterS M-ckelbey. In den Verhandlungen mit ihm wurde es glaubhaft, daß der Beruf der Zeit zur Gesetzgebung noch nicht gekommen sei! Größer war die j in der Finanzverwaltung sich entfaltende Thätigkeit.
Als die Nachricht von der Aufhebung des hannoverschen Staatsgrundgesetzes einlief, drückte die Stände- versammlung, ohne daß eine widerstrebende Stimme laut wurde, die Zuversicht aus: es werde die Regie- . rung, so viel an ihr liege, zur Erhaltung des bisherigen verfassungsmäßigen Zustandes im Königreich Han- i nover mitwirken. Sie machte sodann Anerbietungen, welche den Wiedergewinn der Brüder Grimm für Kurhessen bezweckten. Hanstein wollte einen Ucbergriff
Gesandten von London abberufen. Für Rußland, seinen natürlichen Feind, hat Frankreich mit England, seinen natürlichen Verbündeten, beinahe einen Krieg angefangen!
„So handelte unsere Diplomatie!
„Eine sehr ernste Gefahr bedroht den Westen. Wir haben nur zwei Alliirte. Her Lahitte weiß nichts Ei- ligeres, als uns mit dem einen zu überwerfen »mb den anderen zu verstimmen.
„Herrn Lahitte verdanken wir es, daß in dieser Stunde Rußland in Europa allmächtig ist.
„Seit vierzig Jahren wurde das europäische Gleichgewicht gänzlich verrückt. Bor vierzig Jahren bedrohte Frankreich den Continent mit einer Alleinherrschaft wie heute Rußland. Was Napoleon nach den preußisch.» und österreichischen Feldzügen im Jahre 1808 zu Erfurt war, das ist heute der Czar Nikolaus.
„Im Jahre 1808 erstreckte sich die Herrschaft Napoleons bis an die Weichsel. Heute herrschet der Czar bis an deu Rhein. Das ist die Ebbe und Fluch.
„Eine weitere Ähnlichkeit kommt uns in den Sinn.
„Deutschland hat im Jahre 1813 und 1814 das erste Signal zur Erhebung gegen Napoleon gegeben. Wer weiß, ob die Ereignisse in Hessen nicht ein Fingerzeig Gottes, nicht im Rathe der Vorsehung beschlossen, prädestinirt sind? Wer weiß, ob der Ruf, der von Kassel ausging, ungehört bleiben wird? Werweiß, ob heute nicht Deutschland auserkoren ist, Europa von dem russischen Eroberer zu befreien, wie im Jahre 1814 von dem französischen? —
„Lasset uns hoffen und harren.--
„Die Hoffnung, daß Deutschland der Retter der Freiheit Europas werden könne, ruht freilich auf sehr schwachen Füßen. Sein Volk ist nach,ck»rzeui.FrtiheitS- traumè überwältigt, seine Diplomaten sind Automaten in Rußlands Händen, seine Politik wird in Petersburg entworfen und seine Fürsten verehren Rußlands Herrscher als ihren Hort.
„Dennoch hoffen auch wir."
Assisenverhandlnngen zu Dillenburg.
p Dillenburg, 19.October. (Anklage gegen Chausseewärter Aumüller von Kirburg, A. Marienberg, wegen Dienstvergehen.) In der heutigen Sitzung, in welcher von Preusche» als Präsident, Gieße als Staatsanwalt und Schenck als Vertheidiger fungirt, wurde die Anklage gegen Chaussee- wärter Aumüller von Kirburg, Amts Marienberg, wegen Dienstvergehen verhandelt. Der Angeklagte, ein Mann von 60 Jahren, mit einer zahlreichen Familie und in so ärmlichen Verhältnissen, daß seine Kinder betteln gehen, war geständig, in den Jahren 1846/49 von 9 Personen, welche Arbeitsstrafen zu verbüße» hatten, Geld genommen, die Arbeit angeblich selbst verrichtet und dann angegeben zu haben, daß die Strafe
darin finden, und wies dieselben ab. Das Zollgeirtz veranlaßte Vcryandlungen, bei welchen das Steueibc- willigungsrecht in Frage kam, und Die Stände sich mehrmals schwankend zeigten." Sie hielten ihre eigenen Beschlüsse gegen das Ministerium so wenig mehr- fest, daß zuletzt nur nöch Schwarzenberg und Wippermann gegen ein so ungrundsätzliches Nachgeben kämpften. Dieselbe Haltlosigkeit zeigte sich auch bei ander-r Gegenständen! Ueber die abermals in Anregung gebrachte gleichmäßige Besteuerung des Grunbcigentyums vermochten sich die Stände weder untereinander, noch mit der Regierung zu einigen. Wahrhaft bewährte sich nur eine Finanzoperation, die, von den Ständen angeregt, durch Motz, owohl er ihr anfänglich abgeneigt war, zur Msfâbrung gebracht wurde: die Herabsetzung des Zinsfußes für die seit dem Jahre 1831 geschaffene Staatsschuld auf 3% Prozent.
Ein besonderer Unstern waltete über den Budget- Verhandlungen. Sie begannen damit, daß Motz „mit großer Vollständigkeit und unbegränzter Offenheit" eine alle Zweige des Staatshaushaltes umfassende Nachweisung wegen Verwendung des StaatSeinkominens ans den Jahren 1831 biS 1836 vorlegte. Bald aber folgten eifersüchtige Bestreitungen und Beschränkungen deS ständischen Prüiungsrechtes und Beinühens, ebenem unter hochfahrenden und verletzenden Aeußerungen. Die Stândeversammlung gab zuletzt fast alle Opposition auf! Bei der Ermittlung des StaatsbedarfeS für die