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Freiheit und Ueeht!"

â' 2^7* Wiesbaden. Sonntag, 6. Oktober 18$&.

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Briefe über den Legitimisten-Kongreß.

Fünfter B r l e f.

Heinrich, Herzog von Bordeaux, Graf von Chaindord.

(Schluß.)

vo Wiesbaden, 1. Oktober. Wir können die Be­trachtung der Person und Schicksale des Grafen von Chambord nicht verlassen, ohne einen Umstand berührt zu haben, auf welchen die Orleanisten (die franzö­sischen Republikaner haben, als sie sich ihrer Kö­nige wiederholt entledigten, nicht lange Untersuchungen darüber angestellt, ob diese Könige legitim oder lUegi- tim geboren seien!) die Illegitimität des Grafen zu gründen bemüht waren.

'Die Orleanisten haben nämlich wiederholt behaup­tet, der Graf von Chambord sei nicht ein Sohn des Herzogs von Berry, er sei kein eheliches Kind. Einmal sagten sie, der Graf sei zu spät geboren worden, als daß er noch das Kind seines angeblichen Vaters hätte sein können.

Das ist, da der Herzog von Berry am 14. Febr. 1820 gestorben und Heinrich am 29. September 1820 geboren ist, eine offenbare Lüge.

Außerdem haben aber auch die Orleanisten die Meinung zu verbreiten gesucht, der Graf von Cham­bord sei ein untergeschobenes Kind.

Ain 2. August 1830 brachte der Courrier francais, ein in Paris erscheinendes Blatt, welches dm Orleans ergeben war, folgenden Artikel:

Die Vorschläge des Herzogs von Mortemart in der Pairskammer zu Gunsten des Herzogs von Bor­deaux haben die Aufmerksamkeit wieder auf eine Frage gelenkt, welche jetzt frei untersucht und erörtert werden

Wir veröffentlichen für jetzt nur das erste Akten­stück, welches in den englischen Journalen der damali­gen Zeit erschien; dasselbe ist in Frankreich gedruckt worden.

Folgendes ist der Inhalt dieses Aktenstückes, wel­ches unter dem Titel:

Protestation des. Herzogs von Orleans im November 1820 in London erschien

,,Se. Königliche Hoheit erklärt, daß er durch Ge­genwärtiges förmlich gegen das vom 29. September datirte Protokoll protestirt, welches darzuthun sucht, daß das Charles Ferdinand Dieudonn« ge­nannte Kind, legitimer Sohn der Frau Herzogin von Berry sei. Der Herzog von Orleans wird zur rech­ten Zeit und am rechten Ort die Zeugen produziren, um zu beweisen, daß die Herzogin von Berry nach dem unglücklichen Tode ihres Gemahls nicht schwanger geworden ist, und er wird die Urheber der Machina. tion entlarven, deren Werkzeug die schwache Prinzessin geworden ist.

Einstweilen und bis der günstige Augenblick gekom­

Zur sozialen Reform.

i. i

X Wer der neuen Zeit angehören will, muß ihr in allen Lebensbeziehungcn gerecht werden.Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche!" Auch das Al­mosengeben, wie es noch immer auf den Kanzeln ge­predigt und von den Gottesmännern in Soutanen und Lutherröcken gehandhabt wird, ist der alten Schläuche einer, von denen Christus spricht, es ist eine jener mittel­alterlichen Ruinen, in der mehr Romantik, als gesunde Vernunft ist. Um rin bequemeres Stühlchen im Him- mel zu bekommen, setzt der Fromme in die Kirchen­lotterie und wirft sein Geld jur größern Ehre Gottes zum Fenster hinaus, so daß es meistens nur eini­gen Betbrüdern und Kaffeeschwestern zu Nutze kommt, doch am Wenigsten denen zu Theil wird, welche der Hülfe bedürfen, und noch weniger in der Weise, daß tS wirklich Abhülfe bringt. Zwar hatte der Polizei­staat dies auch schon längst gemerkt und deshalb das Betteln verboten, doch, wie gewöhnlich, so auch hier nach der alten Regel, daß eine Hand die andere wäscht. Die armen Handwerksbursche wurden gemaßregelt, doch die schwarzen Gesellen durchzogen Stadt und Land unbekümmert um den Thorpfahl:Das Betteln ist bei Strafe verboten!" Allerdings brachten die Vier­zigerjahre auch im Armenwesen manche heilsame Ver­besserung; aber bald kamen die ersten unreifen Ideen

men ist, diese Intrigue zu enthüllen, kann sich der Her­zog von Orleans es nicht versagen, die Aufmerksamkeit auf die phantastische Scene zu lenken, welche dem Pro- tocoll zufolge im Pavillon M a r sa n gespielt worden ist."

DaSJournal de Paris", welches bekannt­lich -yn konsidentielles Blatt ist, verkündete die be­vorstehende Niederkunft in folgenden Ausdrücken:

Personen, welche die Ehre haben, der Prinzessin zu nahen, versichern uns, daß die Niederkunft in- nerhatb des 20. und 28. September stattfinde» wird."

Was ging am 28. in den Gemächern der Herzo­gin vor?

In der Nacht vom 28. zum 29. lag um 2 Uhr Morgens das ganze Haus in Schlaf, und die Lichter- waren ausgelöscht; um halb 3 Uhr rief die Herzogin; aber die Dame Bathaire, ihre erste Kammerfrau schlief; die Dame Lemaire, ihre Wärterin war ab­wesend, und Herr De.neur, ihr Accoucher^war ent­kleidet.

Nun wechselte die Scene: die Dame Bourgeois zündete eine Kerze an, und alle Personen, welche.in's Zimmer kamen, sahen ein Kind, welches^, noch nicht vom Schooße seiner Mutter losgelöst war.

Aber welche Lage hatte das Kind?

Der Arzt Baron erklärte, das Kind habe auf der Mutter gelegen und sei auch nicht von ihr losge­löst gewesen.

Der Chirurgus Bougon erklärte, das Kind habe auf der Mutter gelegen und sei mit derselben noch durch die Nabelschnur verknüpft gewesen.

Die beiden ärztlichen Personen wissen wie wichtig es ist, nicht näher anzugeben, jwie das Kind auf der Mutter lag.

Die Frau Herzogin v"" Reggâo gibt folgende Erklärung:

Ich wurde auf der Stelle benachrichtigt, daß Ihre königliche Hoheit Geburtsschmerzen fühle; ich eilte au­genblicklich zu ihr und sah, als ich ins Zimmer trat, das Kind auf dem Bette und noch nicht von der Mutter abgelöset."

Man bemerke, was derAccoucheur HerrDeneur beobachtete, der um halb drei benachrichtigt wurde, daß die Herzogin Geburtsschmerzen fühle nnd augen­blicklich herbeieilte, ohne sich nur die Zeit zu nehmen, sich völlig anzukleiden; er fand sie im Bette und hörte das Kind schreien.

Man bemerke, was Frau von Gon tat aus­sagt, welche um halb drei benachrichtigt wurde, daß die Herzogin Geburtsschmerzen fühle, welche augen­blicklich herbcieilte und das Kind schreien hörte.

Man bemerke, was Herr Franque, Garde du Corps Monsieur's sah, der an der Thüre Ihrer kö­niglichen Hoheit Wache stand und der Erste war, der durch eine Dame, die ihn einzutreten bat, von den Ereignissen in Kenntniß gesetzt wurde. Man bemerke, was Herr Lain« sah, der als Nationalgardist an

der noch ungegohrenen Reformidecn in die noch unreifem Köpfen herüber aus Frankreich; der dümmste Commu- nismüS ward Sozialismus getauft, die Vernunft mit der Unvernunft in einen Topf geworfen und nun tra­ten die Schriftgelehrten und Pharisäer von Neuem auf, um dem Volke zuzurufen:Seht, das ist euer Heiland ! Kreuziget ihn!" Das Volk, dessen scharfer Instinkt nie lange zu überlisten ist, wurde im ersten Augenblick stutzig und mancher wohlmeinende, aber unklare Alte schüttelte den Kopf und ließ sich zum zweiten Male von den Wun- dereliriren der Volksbeglücker nach dem früheren System berücken. Aber warum lasen denn dieWeisen" nur den Unsinn der neuen Ideen auf? Etwa blos, um den tiefen Sinn, der ihnen nicht in den Kram paßte, zu verdächtigen? Ach, es giebt Mensche», welche aus der heiligen Schrift nur das gelernt haben, worin jene glänzten, gegen welche Christus so ost zu Felde zog! Ihnen freilich konnte es nicht lange verborgen bleiben, daß die neuen Ideen über Armenpflege weniger auf dieEhre Gottes" und derGottesmänner" abziele, als auf die Ehre des armen .Mannes und daß es darauf abgesehen sei, aus dieserschlechten Welt", welche sie nun fast zwei Jahrtausende auS- gebeutet haben, ohne sie zu einer bessern Welt zu ge­stalten, ein Stück Himmel zu machen, zwar keinen Konzertsaal, wo ewig Hallellujah gesungen und gefaullenzt wird, sondern ein Asyl der Arbeitslustigen und in ihrer Mühe Seligen, welche die Ehre Gottes

der Thüre des Pavillon's Marsan Wache stand, der durch eine Dame aufgefordert hinaufzukommen, in daS Zimmer der Prinzessin eingeführt wurde, wo erst Hr Deneur und andere Personen waren, und welcher im Augenblick seines Eintritts bemerkte, daß die Wanduhr 2 Uhr 35 Minuten zeige.

Man bemerke, was der Arzt Baron sah, der um 2 Uhr 35 Minuten eintrat, und der Chirurgus Bou­gon, der einige Augenblicke später kam.

Man bemerke, was der Marschall Suchet sah, der auf Befehl des Königs im Pavillon der Flora wohnte, und auf die erste Nachricht, daß Ihre könig­liche Hoheit Geburtsschmerzen fühle, sich eiligst in ihr Zimmer begab, aber erst um 2 Uhr 35 Minuten hier ankam und herbeigerufen wurde, um der Durchschneid dung der Nabelschnur beizuwohnen.

Man bemerke, was der Marschall von Coigny gesehen haben muß, der auf Befehl deS Königs in den Tuilerieen wohnte, der nach erfolgter Geburt herbeigerufen wurde, aber erst einige Minuten nach Durchschneidung der Nabelschnur anlangte.

Man bemerke, was alle Personen beobachteten, welche von halb drei Uhr bis zur Durchschneidung der Nabelschnur, die einige Minuten nach zwei dreiviertel Uhr erfolgte, eingeführt wurden.

Wo waren aber die Verwandten der Prinzessin, während dieser Scene, die wenigstens zwanzig Minu­ten dauerte?

Warum überließen sie dieselbe so lange Zeit den Händen fremder Personen, Schildwachen und Mili­tärs jeden Rangs?

Ist nicht dieses affektirte Verlassen der voll­ständigste Beweis eines groben und offenbaren Be­trugs ?

Ist es nicht augenscheinlich, daß sie, nachdem sie die Scene arrangirt hatten, sich um halb drei Uhr zurückzogen und in einem benachbarten Zimmer den Augenblick erwarteten, wo sie in Scene treten und die ihnen aufgegebenen Rollen spielen konnten?

Hat man in der That je erlebt, daß wenn eine Frau, welcher Classe sie auch angehören möchte, nie- berkommen sollte, die Lichter NachtS ausgelöscht wurden, daß die ihr beigegebenen Frauen eingeschlafen waren, daß die, welche speziell mit ihrer Bewachung beauftragt war, sich entfernt hatte, daß ihr Accoucheur sich ent­fernt hatte, und daß ihre Familie, die unter demselben Dache wohnte, zwanzig Minuten lang kein Lebenszeichen von sich gab?

Seine königliche Hoheit der Herzog von Orleans ist überzeugt, daß die französische Nation und alle Souverain's in Europa die gefährlichen Folgen eines so frechen und den Prinzipien der erblichen und legiti­men Monarchie so sehr zuwiderlaufenden Betrugs füh­len werden.

Schon sind Frankreich und Europa Opfer der Usur­pation Bonaparte's geworden.

Sicherlich würde die neue Usurpation eines angeb-

in der Göttlichwerdung seines Ebenbildes, in der Er­lösung des Menschengeschlechts durch Menschen that er­blicken.

Um dieses Himmelreich auf Erden zu begründen, sind die Mobilgarden des Pharisaerthums, jene Lumpen- prol klarier, deren Dichten und Trachten darauf gerich­tet ist, zu erndten, wo sie nicht gesäet haben, die schlechtesten Ansiedler; um diese neue Welt zu ko- lonisiren, ist die Theorie des heiligen Crispinus allerdings nicht am Orte, eine Theorie, nach welcher ein Theil des Volkes bestohlen wird, um dem andern unter die Arme zu greifen. Denn nach ter neuen HeilSlehrc, die jedoch auch die echte alte ist, sind alle Menschen Brüder und folglich auch die Reichen wie die Armen Volk, es sei denn, daß sie ihre eigene Mutter verleugnen und handeln. wie der Bruder deS verlornen SohneS im Evan­gelium. Um riefen Himmel zu gründen, der keinen Mcn- schen, der Men sch ist, ausschließt, mW kein measit heits- heitswürdiges Interesse beeinträchtigt, wollen wir nicht betteln, noch rauben, nicht lügen, noch trügen, noch thei­len, sondern allen mittheilen, Alle theilhaftig machen, an dem, was der gesunde Menschenverstand gebietet, der gute Wille anbietet und wozu die Menschheitsverorü« derung jeden drängt, der ein warmcS Herz im Busen trägt. Nicht um Geschenke i|t eS zu thun, sondern um Beihülfe für die Selbsthülfe des armen Mannes, um Unterstützung in der Selbsterlösung; und wie wir jedem Arbeiter seinen Lohn verheißen, so jcum Opfer sein