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-Freiherr und tur^

^6 JAK. Wiesbaden. Samstag, 5. Oktober i^^o.

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Briefe über den Legitimisten-Kongrèß.

Fünfter Brief.*)

Heinrich, Herzog von Bordeaux, Graf von Chamvord.

oo Wiesbaden, 1. Okcbr. Seit der Thronbestei­gung LouiS Pyilipps fallen die BegriffeLegitimist" undRoyalist" nicht mehr zusammen.

Auch Louis Philipp war ein König (roi) aber ein nach dem alten Staatsrecht der französischen Mo­narchie nicht zum Throne berufener, ein illegitimer.

Louis Philipp war zwar auch ein Nachkomme Hugo Capets und ein Nachkomme Heinrich des IV., also ein Bourbon: allein nach dem genannten Staats­recht können die Enkel Philipps von Orleans, des Sohnes Ludwigs XIII., nicht eher zum Besitze desThro- nes gelangen, bisFeine Enkel Ludwig desXIV. mehr vorhanden sind.

Heinrich von Chambord ist aber ein unmittelbarer Nachkomme Ludwigs XIV., und so ist er nach den monarchischen Grundgesetzen vor Louis Philipp und vor dessen Söhnen und Enkeln zur Besteigung des Thrones berufen.

Die Royalisten der Nestauration, die alten Adligen und die Geistlich N, die Herren, welche die fette Milliarde sich zu Gemüthe geführt haben, welche sie noch eines Tages wieder werden herausgeben .müssen, diese Royalisten alten Schlags, sind mit wenigen Ausnahmen ins Lager der Legitimisten seit 1830 übeegegangcn, d. h., sie sind Anhänger Heinrich's von Bordeaux, Heuriquiuquisten.

Die reichen Kaufleute und Fabrikanten von Paris, Rouen, Bordeaux, Lyon, Toulon, Toulouse, Marseille, Brest, Nantes, Orleans u. s- w., sowie der Genchtü- adel und die Helden der Börse, Vie Banquiers und Händ­ler mit Staatseffekten, drücken ein Auge über die vor­zeitige Berufung der Orleans zu, und hangen den leytcrn an, hauptsächlich, weil sie von der Wiedererncuerung der Herrschaft der alten Legitimistenparlhei Gefahr für den ersten Rang des Geldadels, sowie für ihre Frivolität in Glaubenssachen, ihren VoltairiaiüsmuS befürchten.

Nicht also der Charakter der Prinzen aus dem Hause Orleans und derjenige des Grafen von Chambord ist es, welches die dermaligen französischenR vyalisten bestimmt, der Clare munter oder Frohsdorfer Monarchie Treue zu geloben : sondern nichts weiter, als das reine materielle Interesse, der Geldbeutel.

Gleichwohl möchte cs jetzt an der 3eit sein, daß wir auf die P e r f v ii l i ch k e i t desjenigen Prätendenten, welcher

*) 3m vierten Briefe find folgende Druckfehler zu berichtigen:

1) in No. 234: Col. 1 Sv. 1 Zeile 4 v. it. stattin einer in tausend Fetzen zertrümmerten Welt"eine zertrümmerte Welt." Col. 1 Sp. 3 Z. 15 v. o. muß hinterAbänderun­gen"der Verfassung" eingeschaltet worden.

2) in No. 235: Col. 1 Sp. 1 Zeile 28 u. 29 stattChan- telavre und Montebelo"Chantelauze und Montbel."

im August diesen Jahres im Hotel Düringer, das sich dadurch einen, ewig unvergänglichen Namen in der Gc» schichte erobern wird, seinen Hof aufschlug, etwas näher tingehen, ehe wir die Geschicke der Legitimisten bis zum Jahre 1848 weiter verfolgen. Der Graf von Cham- bord, Herzog von Bordeaux, der auf den Thron von Frankreich und Navarra sich Rechnung macht, ist in der Nacht vom 28. auf den 29. September 1820 in Paris geboren. Seine Mutter, Marie Caroline, ist eine neapolitanische Prinzessin und eine Schwester der Königin Christine von Spanien, der Gemahlin Ferdinand's VII. j Sein Vater ist der Herzog von Berry, der am 14. Februar 1820 von dem Dolche LouvelS auf der Schwelle der Oper köstlich getroffen wurde, sodaß der Graf von Chambord bei seiner Geburt bereits vater­los war.

Ludwig XVI., der enthauptet, ist, wie Ludwig XV11L, der zweimal verbannt wurde, ein Großoheim des Grafen von Chambord; Carl X., der dreimal erilirt wurde, ist der Großvater des letztern.

Der Herzog von Angoulème , der zugleich mit Carl X. auf sein Thronfolgerecht zu Gunsten Hein­richs V. Verzicht leistete, ist der Oheim des Grafen von Chambord.

Verwandte männlichen Geschlechts von väterlicher Seite leben dem Grafen keine mehr; seit einigen Jah­ren ist er vermählt mit einer modenefischen Prin­zessin; seine Eye war bisher kinderlos und wird eS, wie man sagt, auch ferner bleiben.

Die äußere Erscheinung des Grafen ist gefällig und einnehmend. Er hat einen wohlgebauten Körpcruuy unverkennbar die bekannten bourbonischen Züge, nament­lich die historische Nase der Bourbons. In seinen Manieren' und im Umgang ist er leutselig und ge« wiunend.

Ein Hinken an dem einen Fuße, eine Folge eines Unfalls in der Nähe Wiens, thut der Grazie seiner Bewegungen in etwas Eintrag.

Sicher ist der Graf in den Grundsätzen eines strenggläubigen Katholizismus, und denjenigen des ancien régime erzogen.

So lange er in Wiesbaden weilte, versäumte er keinen Morgen den Besuch der Messe und. er soll es entschieden abgelehnt haben, ein Concert zu unterstützen, dessen Ertrag beim Aufbau der abgebrannten evange­lischen Kirche zu Wiesbaden verwendet werden sollte.

Die Geschichtschreiber berichten, Ludwig XVIII. habe, sitzend auf einem Lehnstuhle, als sein Gesicht schon von der Blässe des herrannahenden Todes überzogen wor­den sei, den damals noch nicht 4 Jahre alten Herzog von Bordeaux zu sich herautreten lasten und, das Haupt des Kindes segnend, gesagt:

Möge mein Bruder mit der Krone die­ses Kindes schonend umgehen!"

Der Bruder Lubwig'ö erinnerte sich nicht dieser Ermahnung eines Sterbenden: mit frevelhaftem Leicht­sinn hatte er bereits nach einigen Jahren die Krone

dieses Kindes preißgegeben. Unsere Leser sehen, daß der Graf von Chambord gleich bei seinem Eintritt in'S Leben von herben Geschicken verfolgt ward.

Seinen Barer büßte er durch einen Dolchstoß ein, noch ehe er das Licht der Welt erblickt, und durch die Schuld seines Großvaters verlor er Frankreichs Krone, als er noch nicht in das Wie Lebensjahr einjetreteu war.

Als am 29ten Juli die aus Paris geschlagenen Truppen des Königs muthlos, erschöpft und hungrig in St. Cloud ankamen, speiste der junge Prinz gerade zu Mittag.

Während der^Tisch abgeräumt wurde, faßte d.r Prinz mehrere Schüsseln, hob sie mit großer Mühe über seinen Kopf, und befahl, sie an die hungrigen Soldaten zu verteilen.

Das machte dem Kleinen ausnehmenden Spaß und er war an jenem Tage sehr ausgelassen. Der prophe­tische Geist des Kindes schien eS mit Freude hinzuneh­men , daß ihm an jenem Tage ein Thron verloren ge­gangen, dessen Besitz seine Familie soviel Blut und Thränen gekostet hatte. Von den Küsten Frankreichs entfernte sich das Kind aber nur mit lautem Wider­streben.

Der Herr v. Damas nahm den jungen Prinzen, als er fortwährend sich heftig weigerte, abzureisen, end­lich In seine Arme^unv,trug ihn auf das zur Abfahrt fertige Schiff. ' . . .

In der Verbannung folgte der junge Heinrich |ei* nein Großvater erst nach Holy-Rood, und als der letztre sich nach den Staaten des Kaisers von Oestreich wandte, auch dahin.

In diesen Staaten wuchs er heran, erhielt er die ganz auf die Prinzipien einesunvergänglichen" Gottesgnadenthums gegründete Erziehung und verweilte er auch, einzelne kleinere Ausflüge nach nichtösteerei- chischen Staaten natürlich abgerechnet, ununterbrochen nach dem Tode seines Großvaters, und seines Oheims des Herzogs von Angoulëme. (Schluß folgt.)

Die innere Entscheidung.

X Die Lehren der Völker sind das Schicksal der Fürsten! Was die deutschen Fürsten aus der Re­volution des Jahres 1848 gelernt^ haben, zeigen die Thaten der Jahre 49 und 50. Wenn die heimgesuchten Völker aus diesen inhaltschweren Erfahrungen nichiS lernten, so wären sie unverbesserlich. Doch sie lernen täg­lich und stündlich, was christlich-germanische Constitu­tionen zu bedeuten haben, und wenn die Stunde des politischen Examens schlägt, so werden sie, deß sind wir trotz so vieler trüben Erscheinungen gewiß, die Prüfung mit Glanz bestehen. Wohl nie herrschte in der öffentlichen Meinung eine imposantere Einmüthig-

Henriette Herz, ihr Leben und ihre Erinnerungen.

(Fortsetzung und Schluß.)

Frau v. Staël erscheint auch unter der Feder von Henriette Herz als die unbekannte Figur. Die Persön­lichkeit dieser Frau muß mit einer merkwürdigen Schärfe ausgeprägt gewesen sein, da alle Welt, da Deutsche und Franzosen, Männer und Frauen, die alteFrau Rath­unddas Kind" sic immer mit denselben Augen sahen, da alle dieselbe nicht nur mit den nämlichen Umrissen, sondern auch mit den nämlichen Details zeichnen. Frau v. Staèl wünschte sich Schlegel zum Reisegesellschaftcr und zum Lehrer für ihre Kinder, ihre ersten Vorschläge aber wurden (mit Berufung auf die gemeinschaftlich mit Schleiermacher unternommene Uebcrseyung des Plato ab­gelehnt. Sie brachte indessen bald in Erfahrung, daß eS weniger der griechische Philosoph, als die schönen Augen einer Schwester Tiecks, Frau Bernhardi, waren, welche Schlegel an Berlin fesselten, und nun hatte ihre Neugier keine Ruhe, bis Frau Herz sich dazu verstand, jene Dame ihrer Musterung zu unterwerfen. Um den Wunsch der Frau v. Staël möglichst zu maökiren, wurde eine größere Gesellschaft eingelaten. Da Frau Bernhardi ebensowenig französisch, als Frau v. Staël deutsch verstand, so hatte die letztere erklärt, daß es ihr schon genug sei, die erstere sprechen zu sehen, aber kaum hatte dieselbe den Mund geöffnet, als Frau v. Staël sich mit der lebhaften Frage

quest-ce quelle dit? an Schlegel wandte. Dieselbe Scene miet erholte sich, so oft Frau Bernhardi ein Wo t sagte, und theils diese Jndlvc.ctivn, theils die nvlhgc- drungene Untreue mancher Ueberscyungen Schlegels, führten bald eine Art von Spannung in der Gesellschaft herbei, welche nicht nur das kleine Geheimniß der Frau von Staël preisgab und Frau Bernhardi in Verlegenheit brachte, sondern auch die übrigen Gäste in einen pein­lichen Conflikt mil ihrer schwer beherrschten Lachlust ge­setzt haben würde, wenn die Wirthin dem ganzen Han- del nicht durch einen, im rechten Augenblick angebrachten Gewaltstieich ein Ende gemacht hätte.

Schiller, so zurückhaltend er sich sonst in seinen llr. theilen zeigt, äußerte unverholen seine Abneigung gegen Frau v. Staël, deren geistigen Eigenscha-ten er übrigens Gerechtigkeit wiederfahren ließ. Sie hatte in Jena in einem Hause gewohnt, welches wegen eines Spuks ver­rufen war, von dem sich indessen während ihrer Anwesenheit nicht das G ringste merken ließ. Schiller fand das gan- in der Ordnung,denn, sagte er, hätte selber ein Ge­selle Satans mit der zu schaffen haben mögen?"

Höchst ergötzlich ist unter den Erinnerungen auS Rom die Erzählung einer kleinen Komödie, welche die Brüder Riepenhausen mit Oelenschläger ^ufführten. Sie wußten dem über alle Maßen furchtsamen dänischen Dichter weiß zu machen, daß nach sichern Anzeichen ein Erdbeben unmittelbar bcvvrstehc, und daß die sicherste Zuflucht in solchem Fall irgend ein hoher Baum fei.

Oelenschläger, bestürzt über diese Mittheiluiig, saß ganz tiefsinnig da, als einer der beiden Spaßvögel unvermerkt mit dem Bein den Tisch in die Höhe hob und wieder fallen ließ, so daß die Flaschen klirrten und ter Wein aus den Gläsern überfloß. Entsetzt fuhr Oelenschläger zum Hause hinaus und in Den Garten, wo er mit über­menschlicher Anstrengung sein wohlbeleibtes Ich auf einer Pi nie in Sicherheit zu bringen suchte, und nur mit vieler Mühe gelang es endlich, den Sänger Der 9iou= landSrecken so weit zu beruhigen, daß er sich dazu ver­stand sich der Erde wieder anpivert anen.

Eine andere Mystification half Frau Herz selbst während des römischen Carnevals an einem Deule.r ausüben, welcher die insularische Roheit so weit gen.» ben hatte, daß er einen Wurf mit Confetti mit einem Stockstreich beantwortet Man steckte ihm andern Tags einen Zettel zu, in welchem Jein Leben wegen der gestrigen Beleidigung einer Dame für bedroht ausgegeben wurde, und im Nu war er spurlos verschwunden. Als ein wahres Musterbild englischer Ungeschliffenheit aber erscheint ein Sohn Walter Scotts, welcher an Frau Herz empfoh­len war, und dessen grundsätzlich flegelhaftes Gebapren der väterlichen Erziehungdie geringst mögliche Ehre machte.

Als eine der angenehmsten und liebeuswiirdigsten Persönlichkeiten, mit denen sie in Rom in Berührung kam, schildert Frau Herz die des Kronprinzen Ludwick von Baiern. Ein lebhafter deutscher Sinn, Einfach­heit, Anspruchlosigkeit, reger Wohlthätigkeitstrieb wa«