„Dreiheit und lischt !u
Jig 23^« Wiesbaden. Donnerstag, 3 Oktober L8GL».
Di» ,Freie Zeitung" »rschrint, mit Ausnahme dcâ Montags, täglich in einem Bogen. — Der AdonnementSpretS beträgt o iertetiäjrig hier in Wiesbaden 1 R. 45 h„ au« wârtS durch die Post besagen mit verhältnismäßigem Aufschläge. - Inserat» werden bereitwillig ausgenommen an» sind bei der großen Berbrritung »er „grrtra Zettaag" ß^S von mW samcm Erfolge. — Die I iftrattonSgebühren betragen für die vierspaltige Prtttzeil« 3 Kreuzer.
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Einladung zum Abonnement auf die „Freie Zeitung"
für das vierte Quartal (1. Oktbr. bis Ende Decbr.) 1850.
Mit dem Anfang dieses Monats beginnt ein neues Abonnement auf die Freie Zeitung. Eine Partei, die es gut mit sich selber meint und beweisen will, daß sie Lebensfähigkeit und die freudige Zuversicht habe, die Zukunft gehöre ihr, hat in dem jetzigen Augeublick mehr als je die heilige Pflicht, ihre Presse zu unterstützen, zu heben und zu kräftigen. Die „Freie Zeitung" wird Alles aufbieten, um sich der Theilnahme ihrer Leser durch Tendenz und Haltung würdig zu beweisen und in der Erweiterung ihres Publikums eine Aufforderung zur Steigerung i^er Kräfte erkennen: sie wird, wie bisher, täglich in Leit- und Uebcrsichtöartikeln und in Gerichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Verhandlungen sowohl die nassauischen, wie die allgemeinen deutschen Angelegenheiten und Weltfragen beleuchten und erörtern; zugleich wird sie Sorge tragen, daß ihr von den politisch-wichtigsten Punkten des In- und Auslandes Coore- spondenzen zugehen. Die Nachrichten vom Niederrhein, aus Frankreich, Belgien und England bringt sie früher, als die Frankfurter Blätter, die übrigen in der Regel gleichzeitig. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und gediegenes Feuilleton für Belehrung und Unterhaltung geben. Es sind bereits Anordnungen zu einer Reihe von Origi- nalnovellen und von Charakteristiken aus der Geschichte und Literatur getroffen; auch werden die wichtigsten Novitäten in Literatur und Kunst besprochen werden
; Briefe über den Legitimisten-Kongreß.
Vierter Brief.
Die Legitimisten von 1815 bis 1830.
oo Wiesbaden, 3». Septbr. Nach einer längeren Unterbrechung, die Sie zu Güte halten werden, da sie ihren Grund nicht in einem Mangel an Arbeitslust, sondern in einem Ucberflnß an Arbeit hatte, nehmen wir den Faden der Betrachtungen der Schicksale der Legitimistenparthei wieder auf.
Wir fürchteten fast, unsere Erörterungen möchten durch ihre Länge den einen oder den andern Ihrer Leser ermüden; doch da Sie uns gerade recht dringend des Gegentheils versichern, so werden wir ohne überstürzende Hast dem Ende unserer Betrachtungen zueilen.
Wir haben heute über die Schicksale der Legitimisten zur Zeit, da sie die höchste Gewalt in Frankreich inne hatten, zu berichten; wir haben zu prüfen, ob sie sich des Besitzes dieser Herrschaft, von der sie das Blutbeil, die Gefangenschaft, das Eril, die Füssilade getrennt hatten, würdig zeigten?
Als die Legitimisten und die Bourbonen, die Götzenbilder der erster», nach Frankreich wiederkehrten, wußten sie nichts Eifrigeres zu thun, als alle Folgen der Revolution zu zerstören.
Die alten Adeligen, die Ultraroyalisten und die Geistlichen, welche den Thron umgaben und fortwährend mit Ungestüm auf die Belohnungen, welche sie durch ihre Anhänglichkeit in bösen Tagen verdient zu haben vermeinten, pochten, gefielen sich darin, die Errungenschaften einer Epoche, die neben manchem Erceß Frankreich unendlich viel Heil und Ruhm zugebracht hatte, aus der Wirklichkeit, ja aus dem Gedächtniß der Menschen zu vertilgen.
Thörigtes Beginnen verblendeter Knaben, die meinten, weil sie ihre zerschlagenen Wappenschilder zusammenflickten, würden sie in einer in Tausend Fetzen zertrümmerte Welt die feudale Organsitation der Gesellschaft im Mittelalter wieder ordnungsmäßig zusammensetzen; eitles Unternehmen kurzsichtiger Ignoranten, die glaub
ten, das schwere Rad der Weltgeschichte würde bei dem weichen Geflüster der Marquis, die des rauhen Trotzes ihrer Ahnen entwöhnt waren, würde bei den Beschwörungsformeln einer Geistlichkeit, deren früher nie auf die Dauer verletzte Autorität die Revolution im Koth geschleift hatte, inne halten; frevelhaftes Wagniß pri- vilegirter Kasten, von welchen zuerst der Satz: „Sie hatten nichts gelernt und nichts vergessen," gebraucht wurde, jener Satz, der so sehr auch heute von den bevorzugten Classen Deutschlands gebraucht werden kann!
Ludwig XVIII. suchte noch mit einer gewissen Rücksicht aufzutreten; er schob sich zwischen allen Partheien hindurch. Was erreichte er?
Er selbst konnte, ein hinfälliger Mann, der „am Ende der bitteren Wollust angelangt" war, ruhig in seinem Bette sterben; aber vor ihm starb durch den Dolch Louvels sein Neffe, der Herzog von Berry, und sein Bruder Carl hauchte in der Verbannung weit weg von den schönen Gauen Frankreichs seinen Geist aus.
Als Rachegeister umschwebten das Lager des am 16. September 1824 erblaßten Königs Ludwig die blutigen L-chatteir des Marschall Ney, des Fürsten von der Moskwa, und des Labedoyere, des Caffs, Berton, Caron, Saug6 und des unsterblichen jungen Bories und seinerUnglücksgenossen; und Frankreich mußte sich zürnend von dem Andenken des Mannes wenden:
der den^alten Adel wieher vorzugsweise begünstigt hatte;
der der Geistlichkeit Anmaßungen nachgesehen, welche die Nation nicht mehr zu ertragen vermochte;
der die Stiftung zahlreicher Klöster zugegeben, welche das arme Volk durch ihre erschlichenen Schenkungen aussaugten;
der die Jesuiten ins Reich hatte kommen lassen, welche alsbald sich sehr warm zu betten suchten und zahlreiche Seminare gründeten;
der die Schweizergarde, diese Beleidigung für den französischen Soldaten und diese rechte Hand der Tyrannei, wieder gebildet;
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der die Schulden des Landes zu einer erschreckenden Masse gesteigert;
der die Censur wieder^hergestellt;
der als Lakai des Congreffes von Verona, d. h. der absoluten Mächte des Ostens, den wankenden Thron Ferdinands VII. von Spanien, dieses Henkers im Purpurmantel, der von Satansgnadeu, aber nicht von Gottesgnaden war, und von welchem der gefeierte Sänger des Legitimismus, Chateaubriand, selbst sagte, „daß er von der Unerschrockenheit seines Kopfes zur Niederträchtigkeit seines Herzens herabgestiegen sei," befestigt, damit das Ungeheuer ferner Mord und Verrath spinnen könne;
der durch willkürliche Abänderungen die Mehrheit der Stimmen in der Kammer zu gewinnen suchte;
der ein die Würde der französischen Nation beleidigendes Abkommen mit dem Papste getroffen;
der, nachdem er von den Kosacken die französische Königskrone entgegengenoinmen, fortwährend ein Bundesgenosse, doch was sagen wir! — — nein, ein Dienernder Kosacken geblieben war.
Auf Ludwig XVIII. folgte sein Bruder, der Graf von Artois, Carl X. und unter ihm gelangte die feudale und religiöse, d. h. aber "die Legitimistenparthei zum Gipfel ihres Einflusses und beschleunigte damit nur ihren baldigen zähSn'^Sturz.
Carl X. hatte viele gute, insbesondere sogenannte noble Eigenschaften; er war fest in der Freundschaft, eingedenk seiner Versprechen in Privatsacheu, unv in Allem ein Edelmann in gutem Sinne.
Allein ihm ging alle Begabung zum Regieren ab; er hatte Jugendsünden abzubüßen und war dadurch ein gefügiges Werkzeug der Geistlichkeit; er hielt sehr viel auf die Hofetiquette (man erzählt sich, daß in der Nacht des 29. Juli 1830, in „der bekanntlich die Krone Carls und seiner Nachkommenschaft schon am Rande des Abgrundes rollte, der Herzog von Montemart, welcher die Zurücknahme der Ordonnanzen vom 25. Juli betrieb , nur mit der größten, unsäglichsten Mühe Eintritt in das königliche Schlafzimmer, in welches ^ie Gardes du Corps ihn unter keiner Bedingung zulassen
Dem Andenken des Oberschulraths Dr. Philipp Krebs in Weilburg,
gestorben 25. September 1850.
In dem Reiche freier Geister Dem Verdienste seinen Kranz! Auch der Schule würd'ger Meister Strahlet dort im Ruhmesglanz.
Deckt die Erd' auch seine Hülle,
Ewig wirkt des Geistes Kraft, Der, wie Himmelolichies Fülle, Leben, Segen, Wonne schafft.
Aus der Schule engen Räumen
Hat er Körner ausgestreut,
Die für alle Zeiten keimen, Deren Saat die Menschen freut.
In der Erde fernste Zonen Dringt des Lehrers bildend Wort. Die an Weltmeers Gränze wohnen, Pflanzen Meisters Lehre fort.
Wer in Latiums Gefilden Sich ergötzt am Römersang, Und an Hellas Kunstgebilden Und der Sprache Zauberklang,
Wird's tem ekeln Meister danken, Daß er ihm den Weg gezeigt, Der aus engen Lebcussehranken Zu des Aelherö Höhen steigt.
Und so lange noch die Alten, Wirkend ans der Jugend Geist, In der Bildung Sphäre walten , Wo man Schönes pflegt und prcißt, Wird man unsers Meisters denken, Der zum Musentempel führt, Ihm des Herzens Opfer schenken, Das dem wârd'gen Mann gebührt.
Ruhe sanft, du ird'sche Hülle, Die den thät'gen Geist umgab! Abcndlüftebcn wehet stille Ueber unsers Freundes Grab! Deinem Geiste Himmelsfrieden, Mann der Schule, hochverehrt! Heil dem Schulmann, der hienieden Sich so treu, wie Du, bewährt.
Weilburg, den 1. Oktober 1850.
J. M.
Henriette Herz, ihr Leben und ihre Erinnerungen. (Fortsetzung.)
Frau Herz läßt wenigstens einige Streiflichter auf die Berliner Zustände fallen, wie sie im siebenten und achten Jahrzehnt, des vorigen Jahrhunderts waren. Dabei bekommen wir zwar der Hauptsache nach ziemlich trostlose Dinge zu sehen, Bilvungsmangel , Armuth, Unge- selligkeit, Beschränktheit jeder Art; indessen ist doch wenigstens ein erfreulicher Zug in dem Gemälde: die erwachende Theilnahme am literarischen Leben, der neugeborene Wissensdrang, das „Streben nach Bildung", zu welchem man sich damals mit der größten Unbefangenheit bekannte, während es heutzutage, wie Frau Herz sehr richtig bemerkt, beinahe lächerlich sei» würde, ein solches Streben auszusprechen. Natürlich, jedermann will und muß von vornherein als bereits gebildet gelten. Zu den eifrigsten Trägern jenes Bildungsstrebens zählten die wohlhabenderen jüdischen Familien Berlins, und vorzugsweise die weiblichen Glieder derselben, die wohl »ach demselben Gesetz, welches den verachteten und bedrückten Stamm Israels überall zum rastlosen Gelderwerb trieb, zur Bereicherung ihres Geistes und zur Erweiterung ihres Jdeenkreises angespornt wurden. Hier wie dort blieb der Erfolg nicht aus. Während die Männer sich die bügerliche Bedeutung, die ihnen das Gesetz versagte,