Wiesbaden. Mittwoch 2. Oktober
„Dreiheit und Mrd^!u
Die «Freie Ze! u nq" erscheint, mit Äuâ»a»me M Montags, täglich in einem Bogen. - £n AdvnncmeiUSxrrio beträgt V iertrljâh rig hier in Wiesbaden I 9. 45 k„ Qu# wârtS durch die Post e-erogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. — Inserat, werden vercitwillig ausgenommen uns füio bei an großen Berdreitung der „Freien Zeitung" Kew von wir» sumem Erfolge. — Die I iserationSgcouhren betragen für die vierspaltige Petltzeüe 3 Ästuar.
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Nkomaneuthnm und (tzermanenthum.
„Majestät, daSV.Ik ist so still! Eâ petitionirt nicht mehr, eS unterschreibt keine Adressen mehr, es smd.t seine Deputationen mehr, es hält keine Versammlungen mehr, ja das Volk fingt nicht mehr. Majestät, rieseS Schweigen des Volks fängt an, mir unheimlich zu werden!*
Kardina l Mazarin zu Königin Marie von Meeicis.
X Ist es wahr, daß die Franzosen das reizbarste, ungouvcrnementalste Volk Europas sind? Frankreichs Freunde sowohl, wie seine Feinde haben dies so oft behauptet und nachgewiesen, daß es zuletzt alle Welt geglaubt hat. Trotz alledem wagen wir diesen Gemeinplatz bescheiden zu bezweifeln. Alle Romanen bewegen sich gern in Gegensätzen; daher die heftigen, leidenschaftlichen Parteigestaltungen in Italien sowohl, wie in Spanien und Fraiikreich, wo man entweder Bigotter oder Ketzer im Kirchlichen, Moderado oder Craltado, RevolutionS- oder Contrerevolutionsmann ist und sich nur in Zeiten vorübergehender Ermattung oder neuer Rüstung für den Kampf zum Jnste-Mileu versteht. Louis Philippes ganzer meisterhaften Gewandheit im Schaukelsystem bedurfte cs, um diesen Charakter der Nation auf eine längere Zeit zu schwächen, als es sonst landesüblich ist; und als das Maß der Geduld voll war, schlug ihm die Februarrevolution desto heftiger den Boden aus: auf die extreme dynastische Politik der Orleans antwortete die Nation qüt der Republik. Cm anderer Zug der Romanen ist die Zähigkeit dieses Um» schlagens aus einem Gegensatze in den andern. Die ganze italienische, portugiesische und spanische Geschichte der neueren Zeit ist ein ewiges Kobolzen aus der Höhe der Volksjouveränität in die Tiefen der Despotie und umgekehrt; die ganze neuere Entwicklung der Franzosen ist recht eigentlich eine Kette „unvorhergesehener Ereignisse". Aber wer diese Erscheinungen blos aus der Reizbarkeit herleiten will, der verwechselt die Wirkung mit der Ursache. Die Italiener, die Portugiesen, die Spanier und die Franzosen lassen sich mehr gefallen, als die ihrer Geduld wegen so gepriesenen oder getadelten Germanen: sie ertragen den härtesten Druck, nachdem sie jüngst erst wieder ms Joch gespannt waren, mit einer Passivität, die uns Deutsche so o;t in staunen setzt; nur ertragen sie es nicht | o lauge. Ein Ruck und sie sind wieder oben auf, um glühende Rache zu nehmen für Mishandlungen, die üe gestern noch mit Kaltblütigkeit ertrugen. Der Romane redet lebhaft und viel; so lange er deklamirt, ist er nicht gefährlich: sobald er schweigt, in sich geht, brütet, ist das Donnerwetter im Anzüge, der <Ji£ nahe. Die Engländer, diese gemessenen Leute, waren von jeher ungleich turbulenter, als die ihrer Turbulenz wegen verschrieenen Franzosen. Wer die Geschichte von der Eroberung durch die Normannen bis zur großen Rebellion und hinüber bis zu der jüngsten Heimsuchung Haynau's in der Berclay'schen Brauerei kennt, dem sagen wir
Henriette Hr-rz, ihr Leben und ihre Erinnerungen. zFortseyiing.)-
Herz starb nach ein und zwanzigjähriger kinderloser Ehe, ohne seiner Frau ein irgend namhaftes Vermögen zu hinterlassen. Auf einen mäßigen Jahrgehalt aus der Wittwencasse angewiesen, setzte Henriette Herz gleichwohl die gewohnte Gastfreundschaft fort, so weit es die Umstände irgend gestatteten, und ihr HauS vereinigte nach wie vor einen der bedeutendsten geselligen Cirkel Berlins. Aber das Unglück von 1806 brach über Preußen herein, die Sünden der Machthaber wurden furchtbar heimgrsucht an dem Volke, die Unschuldigen mußten noch mehr leiden, als die Schuldigen, und Henriette Herz wurde durch die Einstellung der Zahlungen von Seite der Wittwencasse zu den empfindlichsten Entbehrungen verurtheilt. Schon war sie im Begriff die Stelle einer Erzieherin in Frankreich anzunehmen, so schwer ihrem enthusiastischen Patnotts. Mus ein solcher Entschluß auch wurde, als Wilhelm v. Humboldt von Rom aus dazwischentrat und ihr den peinlichen Schritt ersparte, dessen ihm mitgetheilte Absicht sein deutsches Gefühl schwer verletzt zu haben scheint. „ ,. .
Die Zeiten besserten sich, Preußen kam wieder auf die Füße zu stehen, Deutschland wurde wenigstens schein
nichts Neues. Macaulay erklärt sogar die Entwickelung Englands bis zu den Versuchen Karls I., sich ein stehendes Heer zu schaffen, daraus, daß sich das Volk stets ruhig auf sein ReoeUioSrecht verließ, sobald die Krone sich Uebergriffe erlaubte. Eben so turbulent waren die Flamender in den großen Städten Gent, Brügge, Antwerpen, Brüssel u. s. w.; nicht minder die deutschen Neichsstädter im Mittelalter, welche nicht viel Spaß verstanden, sobald ihre Privilegien in Frage standen. Erst seit der Reformation hat sich in den germanischen Stammen dieser leidige leidende Gehorsam ausgebildet, der seitdem Nationaltypus sowohl in Schweden und Dänemark, wie in Deutschland geworden zu sein schic ti. Aber es war eben nur Schein, wie die letzten Jahre gelehrt haben. Der Deutsche, zumal der Norddeutsche, besinnt sich länger; er grübelt und brütet Zahrzehnie, ja Jahrhunderte lang, bis er eine Idee ganz verbraucht, eine neue ganz in Saft und Blut umgrwandclt hat. So war es mit der Kirch- lichkeit, in welche er in Folge der Entwicklungen des 16. Jahrhunderts erst recht tief hineingerathen war. Im vorigen Zahrhuudertk ging die Revolution der Aufklärung vor sitz, ohne daß die Meyrzahl es sich deutlich bewußt war; die alte Ordnung der Dinge verlor nach und nach einen Fußbreit nach dem andern und die Gegenbestrevungen der Orthodoxie und des Pietismus hier, wie des llitranmttâuurë dort, mußten erst erfolgen. bis aller Welt klar wurde: die Kirchlichkeit sei aus den Fugen! Jetzt, wo dies öffentliches Geheimniß, hilft kein Schreien und Terrorisiren mehr: das Volk hat bereits den Fuß in ein neues Land gesetzt. Die Staatskirche, als monarchisches Institut, ist unrettbar; nur auf demokratischem Wege ist das Volk wieder religiös zu stimmen. D/ch diese Rcligiösi ât ist die alte Religion so wenig meh , wie der Protestantismus Papismus, die katholische Kirche Christenthum nach der Idee der Apostel war.
Die Germanen haben die Eigenthümlichkeit, daß sie nicht eher zum Andern schreiten, als bis es ihnen im Geiste bereits so zum Innersten geworden, daß der frühere Zustand längst in ihnen überwunden ist, obwohl er äußerlich noch feststeht. Dann reißt ihnen die Geduld und sie schreiten zur Radikalkur. So haben sie es in der Theologie gemacht, so in der Philosophie und Poesie und so werden sie es in der Politik gleichfalls machen.
Sind dies die Chäraktcreigenheiteu der Romanen und Germanen, so verrechnen sich doch sehr häufig diejenigen, welche in unfern Tagen noch einseitig nach diesen Prämissen Schlüsse ziehen. Denn es ist seit 1789 etwas erfolgt, das noch ungleich mehr in Betracht kommt: je mehr die französische Revolution eine europäische wurde, desto mehr wirkte sie ausgleichend nicht blos auf die Prinzipien, sondern zugleich auf die Charaktereigenheiten der Nationen. Die Romanen wurden mit jedem Jahre ernster, tiefer, philosophischer, die Germanen leichter, kecker, thateulustiger. Die ger
bar hergestellt, und in Berlin kamen große und kleine Dinge von Neuem in das gewohnte Geleis. Bald darauf verlor Henriette Herz ihre alte Mutter, mit deren Tod der einzige Grund wegfiel, welcher sie seit Jahren von dem förmlichen liebertritt zur christlichen Kirche abgehalten hatte, der sie , im Geist und Sinn ihres vertrauten Freundes Schleiermacher, der Ueberzeugung nach längst angehörte. Nach Erfüllung dieser Gewiffenspflicht unternahm sie eine Reise nach Italien, wo sie einige Jahre zubrachte, und sich in der deutschen Künstlerwelt in Rom ebenso heimisch machte, wie sie es in dem Berliner salonleben war. Nach der Hkimath zurückgekehrt, lebte sie, von einem stets sich ergänzenden und verjüngenden Kreise von Freunden und geistig begabten Männern umgeben, bis in das höchste Alter ein Leben, welches man treffend mit dem Leben der Madame Recamier in der Abbaye am Bois verglichen hat, heiter, theilnemend, wohlthätig, und glücklich auch darin, daß der zur rechten Stunde sich einstellende Tod ihr die Geschicke des Jahres 1848 ersparte, die ihr, zumal bei der warmen Anhänglichkeit an die königliche Familie, zu welcher sie in mehrfachen Beziehungen gestanden hatte, die schmerzlichsten Wunden geschlagen haben würden.
Unser Buch nun enthält eine Reihe kleiner Aufsätze aus der Feder der Frau Herz, in welchen dieselbe Schilderungen von Persönlichkeiten und Zustände aus den verschiedensten Zeiten ihres langen und reichen
manische Melancholie ging in Frankreich als Romantik, die romanische Cholerik in Deutschland als moderne Kritik, als Iunghegelthum, als Radikalismus in Kirche und Staat auf; das Umschlagen der Romanen zeigte sich 1848 und 1849 in Deutschland kolossaler noch als in Frankreich, Frankreichs Dulden auffallender als je in einem christlich-germanischen Staate. Die Franzosen sind- seit dem Februar 1848 wahrlich scharf in der Geduld geprüft worden und sie haben das Eramen bestanden zur Verzweiflung aller Royalisten, welche auf Putsche spekulirten. Die Geldaristokratie mit ihrer feigen Grausamkeit, der Präsident mit seinen hirnlosen Herausforderungen , die Legitimisten mit ihren offenen Verschwörungen gegen den Staat, was haben sie bewirkt? Frankreich bleibt ruhig! Die Nation arbeitet, um Geld zu verdienen, als sei das ganze Land ein großes Werkhaus; die Köpfe grübeln und brüten über den Problemen des Sozialismus und der Demokratie bis zu ihren letzten Konsequenzen: warum sollen sie sich übereilen? Die Demokratie hat Zeit, ihre Feinde dagegen haben Eile. Je gelassener sie, desto mehr überstürzen sichvie Royalisten. Der Legitimismus ist überwunden, wie seine Zerfahrenheit und bas allgemeine Gelächter über das Manifest Barthelemy beweist; der Orleaniomus ist überwunden: Beweis die Kälte bei Louis Philippes Tode; der Bonapartismus ist überwunden: Beweis LouiS Bonapartes letzte Reise und das jüngste Manifest; der Communismus ist überwunden: Beweis Prou.hons ; stets wachsendes Ansehn! Frankreichs Ruhe ist seiner Feinde Verderben, das ist klar; denn diese Kälte ist keine Erstarrung, keine Ermattung: sie ist Kraft und Fülle. Zur Zeit ist Frankreichs Ruhe zwar zugleich die Verzweiflung der geknechteten Nachbarvölker in Ost, Südost und Südwest; aber die Contrerevolutiou muß sich erst ganz enthüllen und die letzte Maske abwerfen; der Absolutismus muß erst so weit fommen, daß er die Frage stellt: „Europa tosackisch oder republikanisch^ Dann wird Frankreich die Antwort nicht schi-ldig bleiben, denn alsdann ist keine Fürstencoalition wie gegen die erste Republik mehr in Deutschland haltbar. Frankreich, Spanien und Italien, England, Deutschland, Ungarn und Polen, sie werden einstimmig aus- rnfen: „Die Knute für unsere Feinde, die Freiheit für ganz Europa, für die ganze Welt!"
D e « t s db I a M >.
* Wiesbaden, 1. Oktober. (Legitimisten- u m triebe.) In Frohsdorf, wo es „bei Hofe" wieder von Legitimisten wimmelt, wird ein Prinz des Hauses Orleans zu Konferenzen mit dem Herzog von Bor- deanr erwartet. Je mehr die Legitimisten in Frankreich an Boden verlieren, desto freundschaftlicher reichen sie den Orleans die Hand entgegen, um sie --- mit in den Abgrund zu ziehen. Der Legitimismus hat allerdings noch eine Mission: die Monarchie in Frankreich mehr und mehr unmöglich zu machen und den Völkern
Lebens ausgezeichnet hat. In diesen Aufsätzen, obgleich in einem sehr späten Lebensalter geschrieben, spiegelt sich eine Unmittelbarkeit der Auffassung wieder, durch welche wir ein mannichfaltiges Material zur Beurtheilung der größtentheils historischen Charaktere und Verhältnisse gewinnen die uns vorgeführt werden, und welche uns eine größere Ausführlichkeit der einzelnen Skizzen auf das lebhafteste vermissen läßt. Frau Herz beobachtet mit wohlwollendem Auge, aber darum nicht minder scharf, und wenn sie nachsichtig ist in ihrem Urtheile, so wird sie doch niemals unwahr. Ein liebevolles Gemüth neben einem klaren Verstände, eine ungewöhnliche Geistesbildung, verbunden mit Anspruä - losigkeit und ächt weiblichem Sinn, werkthätige Menschenliebe und eine Höhe sittlicher Würde bei völliger Freiheit von Unduldsamkeit und Ziererei — das sind die Hauptzüge des Bildes, welches uns unwillkürlich auS dem Buche der Frau Herz entgegentritt, und dessen Aehnlichkeit uns im voraus durch glaubwürdigste Zeugnisse bestätigt worden ist.
Aeußerst lehrreich sind zunächst die Schilderungen aus ihren Kinderjahren, werthwolle Beiträge zur @nf» tur- und Sittengeschichte einer fast verschollenen Zeit, die man eigentlich niemals recht gekannt hat, so unermeßlich wichtig sie auch als Entwicklungsperiode für uns war. Freilich, alle Welt weiß von dem alten Fritz, seinen Siegen und seinen Niederlagen, die Hof-, StaatS- und Kriegsgeschichte seiner RegierungSzeit ist