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Die Reise des Königs von Preußen nach Warschau.

X Die Reise des Königs von Preußen nach War­schau zum Selbstherrscher aller Reussen ist ein reiner Akt der Verzweiflung, so sehr sie auch mit den legi- mistischen Prinzipien Friedrich Wilhelms VI. und der Gerlach'schen Camarilla stimmen mag. Schon seit Monden gingen Gerüchte von Einladungen der könig­lichen Familie au den Schwager in St. Petersburg zu dessen Besuche in Berlin. Der projektirte feierliche Einzug des Königs in die Haupt­stadt, der ursprünglich auf den 26. September anberaumt war, sollte einige Tage vorhergehen und den Hof mit neuer Glorie umgeben. Gleichzeitig tauch­ten die früher so oft dagewesenen Andeutungen über einen Fürstenkongreß in Pillnitz, Töplitz oder Prag wieder aus. Was die Dunastien im Frühfahr 1848 gewollt und nicht zu Stande gebracht hatten, sollte im Herbst 1850 vollendet werden: mit dem fallenden Laube sollte die Revolution begraben und am Tage Allerseelen ihr das große Todtenamt gehalten werden. Da ward cs plötzlich wieder still vom Tri- umpfei'nzuge des Königs, vom Besuche des Czar und vom Kongresse der Fürsten. Noch einmal wurde Wil- lisen gegen die Dänen loSgelassen; er ward geschlagen, doch Herr von Radowitz hatte demonstrirt, daß er noch die Macht habe, einen Trumps auszuspielen. Indeß hatte er nach Wien die Vorschläge wegen^ derfreien Konferenzen abgehen und den Mainzer Spektakel ruhig cinschlafcn lassen. Setuvarzenberg blieb die Antwort schuldig, aber er operirte desto energischer durch Herrn Hassenpflug und den reactivirtenBundestag". Preußen that über den Kurfürsten empört und drohte mit Besetzung seiner Etappenstraßen, um fremde Julcrvcn- tionen zu hintertreiben ; baldzeitig legte sich |ein Un« ,lütten über den Kurfürchw so weit, daß cs zur Wahrung der monarchischen Autorität in Hessen dies und jenes verlauten ließ; die Staatsbehörde in Greifswalde erhielt einen Wink, den sie verstand und Herr von Radowitz schritt mit seiner Schrift über die Krisis in der Union vor, worin er zu verstehen gab, es sei mit dem Definitivum derselben gar nicht so ernst gemeint, man werde sich der Permanenzerklärung des Unwnsprovisoriums abfinde« lassen. N bcnbci reiste der Magier einmal nach Erfurt und cs gingen Gerüchte von der nahen Wiederemberüfung des dortigen Parlamentes, wie der preußischen Kammern. Und um endlich zu zeigen, daß Preußen den legitimen Interessen nichts vergeben, daß es nach wie vor antirevolutionär sei und nur nicht offen so contrerevolutionär, wie es durch eine sofortige Beschickung desBundestags" der Fall sein würde, auftreten könne, mischte es durch seinen frühern Unterstaatssekretär in Schwerin und durch seine Vertrauten in Dessau die Kartell so geschickt, daß die dortigen Verfassungen Bete wurden.Auch io sono pittore! rief Hr. v. Radowitz dem Fürsten Schwar­

zenberg freundlich zu,auch ich verstehe den Rummel 1"

Aber ließ Fürst Schwarzenberg sich durch dieses diplo­matische Feuerwerk a la chinoise aus seiner drohenden Position manöorieen - Jai Gezentheil, ein Schachzag folgte dem andern und sein Gegner hat jetzt mit noch Den letzten Zug die Reise des Königs nach Warschau, welche der bekannten Wimerreise des deutschen Kaisers Heinrich IV. nach Canossa zuP ipst Gregor VII nur zu ähn­lich sieht, wie denn überhaupt König Friedrich W lhel n IV. eine auffallende CharakterähnliHeitmit diesem Kaiser, und der Ezar Nikolaus 1. mit jenem Papste hat, der da­mals dasselbe Prinzip für das Mittelalter in sich ver­körpert hatte, wie der Selbstherrscher in St. Peters­burg für unsere Tage: das Prinzip der unbeschränkten Autorität von Gottes Guaven, vas damals m der Kirche dieselbe Weltherrschaft anstrebte, welche der straffe Absolutismus nach russischer Theorie jetzt im Staate verwirklichen will.

Schwerlich wurde das preußische Kabinet oder wurde es gar nicht oarum gefragt, nahm das unver­antwortliche Palastkabinet allein die Verantwortung auf fid) ? seine Zustimmung zu diesem auffallenden Schritte ertheilt haben, wenn es sich nicht in der äu­ßersten Verlegenheit befände. Denn das steht fest, diese Reise ist eine politische That von unberechenbaren - Folgen, wie sehr man sich auch bemühen wird, sie als > nichts, als gar nichts von Bedeutung hinzustellen. Man j braucht kein großer Prophet zu sein, um vorhersagen ' zu können, daß Preußen hau ant Abgrunde steht, nach- , dem es eine diplomatische Schlacht bei Jena nach der andern verloren hat. Schwarzenbergs sich immer küh- ! ner entfallende Combinationen gehen auf nichts Ge- ringeres, als auf Preußens gänzliche Abschwächung, um ; es mit gebundenen Handen in denBundestag" zurück­zuführen.

Preußen ist ein Parvenu unter den Großmächten; dle-Hohenzollern sind zwar toter als dieBuegerko- , nigSdynastie", aber sie haben sich nichts desto weniger ! nur durch revolutionäre Thaten, wie der siebenjährige ; Krieg, emporgebracht und im- Jahre 1848 und 1849 j eine sehr zweideutige Rolle gespielt. Die Habsburger betrachten sich im Stillen noch immer als die Schutz- ; Herren deS legitimen Prinzips in Deutschland und Die Erzherzogin Sophie müßte kein ehrgeiziges Weib sein, wenn sie für ihren Sohu nicht nach der alten deutschen Kaiserkrone strebte. DerBundestag" und die Wiener Verträge müssen reaktivirt werden, das ist das erste Opfer, welches das habsburgische Haus von allen ; deutschen Staaten verlangt; dann wird gelegentlich als . Spitze des reformieren Bundes die Kaiserhulvi- ; gung den Fürsten als zweites Opfer auferlegt werden. { Und wäre diese Gelegenheit so außer aller Gedenkbar- : ; fett? Sie liegt so nahe, daß Die nächsten Kon stelln- ' Honen vielleicht schon dieselbe in den Vordergrund schic- ; i ben. Sollte sich Herr von Radowitz darüber wirklich ! ; täuschend Fast möchte man sagen, sein ganzes Trei- j i ben habe nur Sinn, wenn man annähme, daß er i

von Anfang an nach diesem Ziele hin operirte. Dem Könige von Preußen kann unmöglich unbekannt sein, was alle Welt weiß, daß Schwarzenberg nur der Ham­mer , derBundestag" nur der Amboß der hab-sbur- gischen^Triumpfe ijt, doch daß in St. Petersburg der Schmied wohnt, Der die Pfeile sch nieset. G'aubt Frie­drich Wilhelm IV. den Ezar, Der sich Den preußi­schen Vergrößerungögelüstrn so ungnädig, den öfter» reichischèn so yold crimes, uinftiminen zu können? Sehr wahrscheinlich, vaß er dies hofft; doch wird der Czar von seinem Prinzipe abgehen? Jedenfalls wird Preus­sens Regierung vollständig mit dem Konstitutionalis- mus brechen müssen und höchstensbis zur gänzlichen Vernichtung der Revolution" die Erlaubniß erhalten, das konstitutionelle Blinvetuhspiel fortzuspielen; denn der Ezar darf dem Prinzipe ernstlich nichts vergeben. Aber wird es dem Könige gelingen, die Erlaubniß zum Beibeyalten der Union zu erwirken? Vielleicht, viel­leicht auch nicht; aber was dann? Herr von Rads­witz scheint mit ] eine ft Hausmitteln am Ende, Schwar­zenberg mit jedem Tage mehr Vergnügen an dem Wett­laufe zu bekommen. Die letzte Falke des großen Ma­giers waren diefreien Konferenzen". Schwarzenberg hat eine Zeit lang geschiviegen, um Preußen in Sicher­heit zu wiegen, ihm Gelegenheit zu neuen Ehrenret- tungsbetyeukrungen zu geben, und in der Zwischenzeit neue Minen zu legen. Die Ablehnung derfreien Konferenzen" ist erfolgt, nachdem amBundestage" Die Bombe geplatzt und Hannover und Bayern nicht nur zu. Intervention in Kurhessen aufgefordert, son­dern sogar zu der weitern Konzeglon bewogen sein sollen, dieseBunvrshülfe" unentgeltlich zu leisten, al)O auf Kosten ihrer Staatsangehörigen und mit Deist Blute ihrer Söhne. Sollte sichviese Nachricht bestätigen un d sie klingt deshalb nicht uuwahrscheinls h, weil sie durchaus in die KombiMionen der habsburgischen Po­litik pâßt, wenn diese eine große werden Unk Erfotgr haben soll so kann es an Konflikten mit den Stän­den weder in München noch Hvnnover fehlen.

Hierdurch würde Schwarzenberg erreichen, fdaß er denBund" noch fühlbarer machte, und die Verfassung^ wirren von Kurhessen in zwei weitere Vdnoer^ spielte, in denen Interventionen nöthig würden. Uebnnähme Preußen diese Erekntionen, so stände eS imBundes­tage", verweigerte es sie, so würden Oesterrcicher cm- rücken und Preußen vollends auf den Isolirungsichemcl setzen Natürlich kann Schwarzenberg sokühne Grinc" Nicht ohne Die Zustimmung des Czarrn nno der Zu­sicherung russischer Truppen für die k. k. Kronlande wagen, falls letztere nöthig würden, wenn Oesterreich feine Heeressäulen insReich" vorschöbe.

Schwerlich wird Schwarzenberg bei diesen Cobina­tionen vom Czar im Stiche gelassen merden, weil sie ganz mit Dem russischen Interesse Hand in Hand gehen. Denn gäbe eine bessere Gelegenheit, mit der Läh­mung des ConftitutionaliSinuS in Den kleineren Staaten zugleich die Ausführung des Londoner Protokolls zu

Türkische Gerechtigkeitspflege in Damaskus.

Beyrut, Ende Augusts. (AugSb. Allg. Ztg.) Wenn man billigerweise anerfennen muß, daß Sultan At-El- Medschid und sein gegenwärtiges Ministerum alles mög= liche thun , um daS kürksswe Reich allmählich in die Reihe Dir cioilssirten Staaten zu erheben;*fo ist andrer­seits nicht weniger die traurige Bemerkung wahr, daß solche kaiserliche Absichten von den Provinzial-Gouver­neurs um so minder geachtet werden, je mehr dieselben sich von Konstantinopel entfernt befinden.

In die Kategorie dieser letzter» gehören par exeellence von jeher die Gouverneure deS PaschalikS von DamaScuS; und wenn selbst manchmal zufällig ein Pascha nach dieser heiligen Stadt kam mit etwas ver- nünfligen und gemäßigten Ansichten, so .stand cS nicht lange an, daß ihn seine Umgebung von DamaScener Effendis zu den gewöhnlichen despotischen, rechtlosen, fanatischen und selbst brutalen Handlungen hinriß. ES wäre hierüber in der kurzen Periode, seitdem Ibrahim Pascha Syrien verließ, vieles anzuführcn: wir begnügen uns aber ein ganz frisches Factum zu berichten, welches jüngst unter der Regierung von Said-Pascha in Damaskus stattgefunden der als ächter Alttürke und Stock-Fana­tiker natürlich fein wahres Palladium in DamaScuS ge­funden , und deshalb auch, was blitiDeti Haß und grobe Verachtung gegen Franken, Christen und Juden nnbo

langt, alle seine wenig rnhmwürdigen Vorgänger glor­reich übertroffen hat, während er sich um Die sonstigen wirklichen Lerwaltungsaugclcgeuhciten nicht im geringsten bekümmerte.

.In Den ersten Tagen dieses Monats schlich sich ein Mohammedaner um Mitternacht in ein jüdisches Haus um zu stehlen, und wurde auf frischer That ertappt. Der Hausinhaber und einige Nachbarn ergriffen den Dieb eben alS er sich mit verschiedene» Effecte» von ungefähr 10,000 Piastern im Werth entfernen wollte, uüd schick­ten sich an, denselben Der Localbehörde zu überliefern, als gerade eine Patrouille vmbciging. Der Dieb, als er sich so in der Falle sah, kam, um sich Herauszuziehe», auf Den Gedanken, die Patrouille unter großem Geschrei und allen möglichen Verwünschungen und Betheucrnvgen um Hülfe a zurustn , vorgcbend, daß die Juden ihn in ihr Haus gelockt um ihn, als Mohammedaner, zu er- morccn. Nack) dieser Erklärung, die natürlich als unbe­streitbar angenommen, führte man Die bestohlenen Juden als Schuldige ins Serail, während der Dieb bloß alS Ankläger dieselben begleitete.

Im Regierungsgebäude vor dem Kiaja Fakto­tum Said- Pascha's, der seines Herrn vollkommen würdig ist angelangt, wurde dem Dich, als Klä­ger und Mohammedaner, das erste Wort ertheilt, und derselbe wiederholte die oben erwähnte Angabe, die ohne die geringste Untersuchung als begründet von dem Kiaja ausgenommen wurde, während die Juden

kaum angehört, auch nicht ihre Bitte berücksichtigt wurde wegen Durchsuchung Der Taschen des Diebes, in welchen sich noch einiger Fraucnschmuckj, dessen sich zu entledigen er keine Zeit mehr gehabt, vorgcfundeu hatte. *) Dem Mohammedaner wurde, weil im Fa­stenmonat Ramadan, aufs Wort geglaubt, und ohne ihn zu untersuchen oder zu eraminiren, ließ man ihn frei mit Den gestohlenen Effekten fortgchen, ohne scr- ncr weiter zu gedenken.

Eine andere Behandlung wurde dagegen den ein­geführten Juden zu Theil. Das erste was Der Kiaja befahl, war eine tüchtige Bastonnade auf die Füße derselben, theils um sie zum Geständniß des an­geblichen Mordversuchs zu bringen, oder, weil dieser Grund doch auf etwas gar zu erbärmlichen Anzeichen ruhte, sie wenigstens exemplarisch für die Kühnheit zu bestrafen, einen Mohammedaner im heiligen Fastenmo­nat des Diebstahls beschuldigt zu haben. Unter diesen Juden befanden sich ein preußischer Unterthan Namens Abraham Romano, der bestohlene Hauseigenthümer, und zwei Rajahs oder türkische Unterthanen, welche erster» auf^Hülferuf als Nachbarn beigestanden, um den Dieb zu ergreifen. Als es zum Prügeln kam, be­rief sich genannter Romano auf seine Eigenschaft als

*) Nach mehreren Tagen fand man wirklich, auf dem Bazae zum Verkauf auSgeboten, von diesen gestohlenen Effekten, unter andern auch eine silberne Uhr Romano'S.