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Freit Bll

Freiheit und ttechi,!^

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Wiesbaden. Samstag, 21. September

1850.

Die , greif 3f'f nng" «rschrtnt, mit Auânadme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr., au* ivârts durch die Po» oezsgen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserat« werden bereitwillig ausgenommen uno sind bei der großen Berbrettung derFreien Zeitung" strtâ von wir», samem Erfolge. Die Z iserationggedühren betragen für die vierspaltige Petttzetl» 3 Kreuzer.

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Zur innern Reform.

II. D r in B a u e r n st a n d e.

^^ Im Allgemeinen gilt Alles das aiul) vom Sauern« ssande, was wir vom Gewerbestande gesagt haben. Die Muttergeluste, den Sohn auf der Kanzel zu sehen, sind bekannt. Das aber dürfte nicht Jedermann bekannt sein, daß viele, sehr viele Bauernjungen in den-Wein­berg des Herrn geschickt werden, weil sie nicht im Stande sind, den Weinberg des Vaters zu bearbeiten. In Altbaiern z. B. sind die Landleute in diesem Punkte zum Erschrecken naiv. Man kann dort hören, daß eine Mutter sagt: Was sollen wir mit dem Jungen an­sangen? Für den Feldbau ist er zu schwach, für ein Gewerbe zu tappi'g, er muß halt fiudiren. Es könnte nun scheinen, als ob durch derartige Naivitäten der Bauernstand nur gereinigt und der Priesterstand rui- nirt und lächerlich gemacht würde. Allein man muß bedenken, daß derselbe als eine organisirte Macht dasteht, daß innerhalb derselben Stellen liegen, an wel­chen der Dumme als Hebel eingesetzt viel kräftiger und gefährlicher wirkt, als der Gescheite. Wenn es auch den Eltern keinen Heller kostet, wenn die Jungen im Priesterseminare ganz und gar erhalten werden, die Bauern müssen zuletzt doch die ganze Zeche bezahlen; das Söhnchen ißt doch von den Arbeitsfrüchten der Eltern, wenn diese es auch nicht sehen, und zwar nicht rs allein, sondern noch gar viele, viele Brüder im Herrn. Besinnt euch recht, ihr Landlente, sind nicht häufig eure Schüsseln und Felder so auffallend schnell leer geworden, daß ihr bedächtig umberschautet, daß es euch bedünken wollte, es müßten unsichtbare Mitesser da sein? Euere Ahnung hat euch nicht betrogen, eS ist wirklich so.

Von dem Gelde, das ihr als Steuern in die StaatS- fasse zahlt, wird ein beträchtlicher Theil der Bureau­kratie als Besoldung für eine Thätigkeit eingehändigt, die in der Regel euere Interessen ganz und gar außer Acht läßt. Seht ihr euch genöthigt, zum Be­trieb eurer Wirthschaft Geld aufzunehmen, so müßt ihr euch an fcttbesoldete Beamten wenden und das- elbe Geld wieder leihweise an euch bringen, das früher aus eueren Händen in die Staatskasse geflossen war. Für dieses Geld, das ursprünglich euer war, müßt ihr nun demjenigen, der bei dem Zurückfließen desselben von der Staatskasse zu euch die Zwischen­station bildete, Zinsen entrichten und ihm zugleich einen dem Darlehen entsprechenden Theil eures Besitzes als Eigenthum zuerkennen. Ihr aber müßt nach wie vor die Grundsteuer für alle Güter entrichten, so­wohl für diejenigen, die in Wahrheit »och euer sind, als auch für diejenigen, die in der That dem gehören, der euch eine ihrem Werthe gleichkommende Summe geliehen hat, da er sie ja täglich von eurem Besitzthum 'losreißen und an sich bringen kann, wenn ihr nicht im Stand seid, die dargeliehene Summe augenblicklich zurück­zuerstatten. Die Arbeitsfrüchte fließen demnach theils als Zins, theils als Steuer von euch weg, und Eigen­

thümer von so und so viel Aeckern sein, heißt in der Regel nichts Anderes, als die Erlaubniß haben, auf dieseu Feldern arbeiten zu dürfen.

Die Bureautralle aber lebt für euch, nämlich statt eurer. Wenn ihr euch die obengeschilverte Gelbbewegung recht lebhaft denkt, wird euch manches klar werden. Ihr werdet dann klar und deutlich ein« sehen, daß ihr gegen euch und eueren Stand arbeitet, wenn ihr das Beaintenheer durch eure Kinder so geflis­sentlich stärkt. Damit sind jedoch nur diejenigen Angestellten" gemeint, welche sich als willenlose Werk­zeuge einer gegen das Volksintereffe unablässig arbei­tenden Macht gebrauchen lassen. Ein Angestellter aber, der seine Stelle im Sinne der Volkswohlfahrt beglei­tet, ein Richter zum Beispiel der unerschrocken und unabhängig von jeder Gewalt Recht spricht, ist nicht mit Gold aufzuwiegen, ein solcher' ist der beste Beför­derer und Wahrer eurer Interessen. Solch einen An­gestellten laßt immerhin jeden eurer Söhne werden, der na« türliche Anlagen, Per inneren Beruf dafür hat. Da­mit er aber seine Stelle unerschrocken in diesem Sinne ausfüllen könne, laßt ihn erst dann in die Beamten­welt kintreten, wenn er gelernt hat, sich durch Hand­arbeit zu ernähren. Dann habt ihr wenigstens bas eurige gethan, ihn unabhängig zu stellen. Das Verlangen des Magens ist gebieterisch, aber der Mensch opfert iym erst dann seine Ueberzeugung, wenn er gar kein rebliches Mittel mehr aussinbig machen kann, jenes Verlangen zu stillen. Diejenigen eurer Kinder aber, welche für den genannten Beruf nicht ganz be­sondere Befähigung uno Vuft an den Tag legen, diese widmet theils eurem eigenen, theils dem Gewer- beftand. Wenn ihr eure Söyue so in die einzelnen Stande, je nach Befähigung, vertheilt, so habt ihr al- lenthalben Vertreter und Beförderer eurer Interessen, denn nie kann der Mensch seinen Ursprung ganz ver­leugnen. Die Schranken aber, welche zwischen scheu einzelnen Ständen aufgerichtet waren, und die Borur- thelle, welche damit Hand in Hand gingen, werden auf solche Weise mehr und mehr schwinden. Zugleich entgeht ihr durch eine zahlreiche E.nreihung eurer Söhne in andere Stände was jedoch mit der oben ange- Deuteten Vorsicht ausgeführt werden muß der Ge­fahr, den Grund und Boden dermaßen zu zersplittern, daß er keinem seiner Besitzer mehr eine eigentliche Macht sein kann. Alle Mittel der Ausbildung laßt aber auch denjenigen eurer Kinder angedeihen, welche in den Gew-rbestand übergehen oder in eurem Stande verbleiben. Den letzteren laßt namentlich die Na­turwissenschaften gründlich erlernen. Das hierauf verwendete Geld wird sich reichlich rentiren. Wer, ausgestaltet, mit diesen Kenntnissen, au den Ackerbau geht, wird dem Boden unendlich inehr abzugewinnen wissen, als ein Landmann, dem diese Bildung fehlt. Ferner müßt ihr auch bedenken, daß ihr dem Gängel­bande, der Vormundschaft anderer Stände, umsomehr entgeht, je mehr ihr Gebildete in eurer Mitte zählt.

Die Freiheit wird erst dann im Boden eures Stan­des festwurzeln und jedem von euch fruchtbringend wer­den, wenn ihr bie Apostel anderer Stände, wenn ihr Die von Außen euch zugeschickten Ammen und Vormün­der entbehren könnt.

Asstsenverhandlungcu zu Wiesbaden.

Zwölfter Prozeß.

Anklage gegen Georg Franz Pusch von Er­bach, Amts Eltville, wegen ausgezeichneten Diebstahls.

(Schluß)

Das Bibon Iche Haus in Erbach ist nur zeit­weise von seinem Eigenthümer bewohnt, da derselbe in der Regel Den Winter in Mainz zuzubrmg.n pflegt. Am 16. Februar l. J. war es unbewohnt. Am 17. Februar bemerkte ein Dienstmädchen aus der 'Nachbar­schaft , daß im Hofe allerlei Küchengeräthe zerstreut lag. Nach näherem Forschen ergab sich, daß eine Lehmwand durchbrochen, im Hause selbst viele Thüren gesprengt und sonstige verschlossene Räume gewaltsam geöffnet und eine große Anzahl von Gegenständen aller Art gestohlen waren. Es wurde gleich Anzeige gemacht und Herr B > bvn durch einen Expressen von dem Vorfälle in Kemiluiß gesetzt. Dieser kam dann auch sehr bald mit seiner Familie, die entwendeten Sachen wurden ver­zeichnet, Den Dieben aber konnte man nicht auf Die Spur kommen. Einige Tage später bemerkten einige Erbacher, Lenke Die nach Mainz fuhren, daß sich auf demselben ed)iff auch Pusch befand, Der einen großen Sack bei |im führte, in welchem Einige etwas Vier­eckiges bemerkt huben wollen. In Mam; sahen zn- fallig zwei Erbacher Mädchen, wie Pusch im Moni des Kaufmann Löfer eine Pendeluhr und eine Bettdecke verkaufen wollte. Er gab Dort vor, in Geldverlegenheiten zu sein, lieber, als er Die Sachen -nw-Pfanvp.ius tmiyj-r-_umllfaj-ux_.fi e verkaufen. L ö | e r ließ oie Uhr vom Uhrmacher Notterman n untcFs suchen, der sie für nicht besonders werthvoll hielt. AuS dein Kauf wurde daher nichts. Die Beschreibung Vieser Uhr stimmt mit der Beschreibung der Bestohle­nen vollkommen überein. Die Mädchen erzählten es zu Hause, waS sie gesehen hatten und da Alles von dem Diebstähle sprach, so erhob sich gleich Der Ver­dacht auf P il sch, der auch sofort in Untersuchung ge­zogen wurde. Zwischen Schlerstein und Biebrich wurde er arretirt. Bei Biebrich warf er etwas in Den Rhein; was es war, konnte nicht ermittelt werden, er sagt, es sei Käse gewesen. Bei Vornahme Der Haussuchung fand sich nun eine große Anzahl der ge­stohlenen Effekten, vieles Weißzeug war in porzellai- nene Gefäße versteckt, hinter dem Rauchfange in der Küche fand man eine werthvolle Lichtscheere, man fand einen mit dem NamenBibon" gezeichneten Malter­sack re. und Alles, was gefunden wurde, wird von den Bestohlenen als Eigenthnm anerkannt. Das Werth- vollste wurde indessen nicht wiedergefunden. Die Frau

Zwei Republikaner von Carl Seifte.

(3m Verlage von Meidlnger zu Frankfurt a. M.)

tFortsetzung.)

=$=Borne Deutet namentlich auf Rußland, Oester­reich und Preußen hin: hätte er etwa gelogen? Die bezahlten Kabinetsrezensenten hohulackten damals über solche tollen Ficberbilber; doch ich frage heute noch ein­mal: hat Borne übertrieben? Thatsachen, welche feit 1834 in die Weltgeschichte mit Blut eingeschrieben sind, liefern den Gegenbeweis. Um sich aus ihrer fürch­terlichen Lage zu retten, räth Börne Den Völkern, sich zu vereinigen.Es ist unglaublich," schreibt er,was man durch eine beharrliche und allgemeine Assoziation, selbst der kleinsten Kräfte, für eine große Macht bilden kann. Kürzlich (1832) wurden den englischen Ministern, welche für die Reformbill gestimmt, von ei nem Theile der Stadt London große goldene Becher als Zeichen des Dänkes überreicht. Jeter der Beitragenden hatte nur eineu Penny gegeben. Aber es waren 300,000. Wenn unter den dreißig Millionen Deutschen nur 6 Millionen Zeder nur eine Minute lang Muth hätte und so lange hat ihn selbst ein Haase, Der, von Hunden verfolgt, sich zuweilen auf die Hinterfüße setzt! so hätten die 6 Millionen Helten zusammengerechnet Muth auf 12 Jahre, und reichte Der auch nicht hin, Den Senator Miltenberg und den Herrn von Guerike einzuschüchtern, so würde

doch der Bundestag dieser imposanten Macht nicht widerstehen können!" - - Wer denkt bei diesem Minu- tenmulh Der 6 Millionen Deutschen nicht unwillkührlich ; an das Vorparlament in Frankfurt, als es im März den Bundestag zu Tode ängstigte, doch dabei in kaum eben so viel Wochen das Muthcapital von 12 Jahren vergeudete!

Arbeiten sei jetzt nicht blos Sache des Schrift­stellers, sondern des Bürgers," hatte Borne geäußert, als er im Spätjahre 1830 sich von Frankfurt aufmachte. Sein Plan ging auf Gründung einer Quartalschrift, welche aus einer zwischen ihm und Heine wirklich zu führenden Cvrrcspondenz bestehen sollte. Damals zögerte Heine, und als Börne im nächsten Herbste mit neuer Liebe jenes Planes gedachte, klagte er,daß er bei Heine, den er übrigens wenig sehe, nichts von Dem Eifer gefunden, den er ihm zugetraut habe." Da es ihm aber Bedürfniß war, seine Erlebnisse und Bemer­kungen zu Papier zu bringen, so hatte er vom ersten Tage seiner Reise nach Paris an regelmäßig seiner Frenndin geschrieben. Als nun Der Verleger Campe, dem er noch einige Bogen Manuskript schuldig war, einen neuen Band daraus gemacht zu sehen wünschte, entschloß Börne sich, zur Ergänzung seines Sodener Tagebuchs das Bemerkenswertheste aus seinen Briefen an Frau Wohl zu veröffentlichen. Die Freundin, welche um die Auswahl gebeten worden, fand des Anziehenden so mancherlei, daß der Verfasser, selber darüber erstaunt,

mit seinem Verleger über eine Separatherausgabe der Pariser Briefe", zur Umgehung Der Censur, in Unter­handlung trat. Im Sommer 1831 weilte Börne in Baden-Baden. Ueberall merkte er Fallen und Fußangeln fürdie jungen Füchse der Demogagic"; überall sah er die politische Romantik im Flor; überall traf er Dummheiten und Renommistereien, wie 1815 bis 21. Er hielt es für Bürgerpflicht, mit seinen Erfahrungen hervvrzutreten. So kamen Die ersten beiden Bände in's Publikum, Die eben deßhalb viel absichtsloser und heiterer 1 sind, als Die vier andern, in dein» ihm die kolossalen

Alb: rnhciten seiner lieben Leser und Rezensenten oft das Blut zu Kopfe trieben.B ö r n e ist toll gewor­den!" riefen Die Einen.Er ist von Na:ur schwach, aber fürchtet es zu scheinen!" flüsterten Die Andern. Ihn verdroß indeß dies Alles ungleich weniger, als ihn die bittere Erfahrung schmerzte, daß seine Landsleute, die so laut um Preßfreiheit schrien, noch nicht einmal die Stnfe erreicht hatten. Die ganze, ungeschminkte Wahrheit mit lachendem Munde hören zu können. Da­zu kam, daß man ihn von allen Seiten vor Der Heim­kehr warnte. Hielt man ihn denn für feig? ES auf einen Prozeß ankommen lassend, wovon er vor Geschwor­nen ohnehin Erfolg für die Anregung im Volke hoffte, kam er zu Pfingsten 1832 zum Hambacher Feste. Zum ersten Male sah Börne in Deutschland wirklich poli­tisches Volksleben. Vergnügt warf er sich in den Strom, ließ sich gehen, hörte es gern, wem Patrioten betheuerten,