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J£ 22Ö» Wiesbaden. Freitag. 20 September L^KO.
Die .grcie Zeitung« erscheint, mit ,'tuünahme deS MontagS, täglich in einem Bogen. - Der Adonnememsprüs beträgt »iertel jä jrig hier in Wiesbaden > fl. 45 fr. au«-- wäriS durch die Post bezogen mit verhältnißmäpigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und ün» bei der großen Verbreitung der „Freirn Zeitung« âetS von «M- samem Erfolge. — Die Z iserationSgebühren betragen für die vieespaltige Petitzeile 3 Kreuzer.
Ginladung zum Abonnement auf die „Freie Zeitung" für das vierte Quartal (L QkÄr. bis Ende Decbr.) 1850.
Mit Ende dieses Monats beginnt ein neues Abonnement auf die „Freie Zeitung. Eine Partei, die es gut mit sich selber meint und beweisen will,^ daß sie Lebensfähigkeit und die freudige Zuversicht habe, die Zukunft gehöre ihr, hat in dem jetzigen Augenblick mehr als je die heilige Pflicht, ihre Presse zu Unterstufen, zu heben und zu kräftigen. Die „Freie Zeitung" wird Alles aufbieten , um sich der Theilnahme ihrer Leser durch Tendenz und Haltung würdig zu beweisen und in der Erweiterung ihres Publikums eine Aufforderung zur Steigerung ihrer Kräfte erkennen: sie wird, wie bisher, täglich in Leit- und Ueberfichtsartikeln und in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Verhandlungen sowohl die nassauischen, wie die allgemeinen deutschen Angelegenheiten und Weltfragen beleuchten und erörtern; zugleich wird sie Sorge tragen, daß ihr von den politisch-wichtigsten Punkten des In- und Auslandes Corre- spondenzen zugehen. Die Nachrichten vom Niederrhein, aus Frankreich, Belgien und England bringt sie früher, als die Frankfurter Blätter, die übrigen in der Regel gleichzeitig. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und gediegenes Feuilleton für Belehrung und Unterhaltung geben. Es sind bereits Anordnungen zu einer Reihe von Origi nalnovellen und von Charakteristiken aus der Geschichte und Literatur getroffen; auch werden die wichtigsten Novitäten in Literatur und Kunst besprochen werden.
Frankreich und die Kronprätendenten.
X Welch ein Schauspiel bietet diese bonapartistische Präsidialregierung, welche sich republikanisch nennt und nur kraft' der Republik regiert und welche den Ruf: „Es lebe die Republik!" wie eine Beleidigung gegen die Würde des Präsidenten derselben Republik'verfolgt! Die Artillerie der Nationalgarde in Cherbourg ist durch telegraphische Depesche aufgelöst worden, weil sie „so frech" war, dem „Prinzen" Louis Napoleon zuzurufen: „Vivo la Rëpublique!“ Sollte man nicht fast versucht werden, bas Verfahren dieses Louis Ohnesorgen, dieses „Glücklichen", mit den Manövern des Lu'ftschiffcrs Poitvin zu vergleichen, der zuerst auf einem edlen. Roß in die Luft stieg, dann auf einem Esel und nun ankündigt, er werde nächstens aus einem Strauß gen Himmel fahren? Auch Louis Bonaparte hat sich, statt auf dem stolzen Rosse der Republik zu reiten, vom Pferde auf den Esel der bonapartistischen Kaisergelüste gesetzt und er wird, wenn - ihm dieser Staatsstreich wirklich gelingen sollte, gleich dem Vogel Strauß zuletzt den Kopf verstecken, um sich von den Lilienrittern die Federn ausrupfen oder, wie die Legitimisten sagen, „entschädigen" zu lassen. Es soll nämlich zwischen den Legitimisten und Orleamsten die Uebereinkunst bestehen, den Zwischenspieler, falls die royalistische Restauration gelänge, abzufinden: ob durch ein Duodez-Fürstenthum Mo laco oder durch eine Milliarde, sagt die Chronik nicht. Genug, es wird versichert, Louis Napoleon solle mit Zuckerbrot belohnt werden, wenn er das „brave Kind's spiele, sobald der Graf von Chambord zum König Heinrich V. ausge- rufeu und der Graf von Paris zum Dauphin und Thronerben ernannt werde. so ist es „im Rathe der Götter" beschlossen, doch wird man diesig Plane so lange als unbegründet von oxleanistischer Seite leugnen, bis man sich ihres Gelingens versichert hält. Für den andern Fall würde der Prinz von Joinville ernstlich als Präsidentschaftskandidat auftreten. Daß diese „Fusion" leicht zu der heillosesten Konfusion führen könnte, leuchtet auch den Legitimisten ein. Indeß, fromme Leute, wie sie sind, haben sie auch für diesen Fall bereits das rechte Bibelwort gefunden, indem sie sagen: wie die Kinder Israels erst durchs rothe Meer pilgern mußten, um ins gelobte Land zu kommen, so sei es vielleicht auch Gottes Wille, daß der rechtmäßige König von Frankreich in das Land seiner Väter einziehen solle durch die blutigen Tage der rothen Republik oder einer Militärdiktatur Changarniers. Die rothen Republikaner sind die Einzigen, welche über diese Bibelauslegung gottlos lachen. Denn sie meinen, sie seien vollkommen damit zufrieden, wenn ihnen eine Contrerevo- lution für die Lilien wieder die Revolution in die Hände spiele, da sie dann schon zeigen würden, daß sie aus der Geschichte mehr gelernt und weniger vergessen hätten, als alle Bourbonen älterer und jüngerer Linie zusammen! Frankreich will seine muthwillig herbeigeführte neue Umwälzung; es wird sich gegen jeden erheben, der vermessen diese Frage stellt. Das wissen die rothen Republikaner sehr genau. Nichts kann ihnen daher erwünschter kommen, als wenn sich die Sache diesmal umkehrt, so daß die Royalisten die heißen Kastanien aus dem Feuer holen und die Republikaner dieselben verspeisen, während früher mir zu oft diese sich die Finger verbrannten und der Monarchie die Löwenbeute überlassen mußten. Die französische Nation wird republikanisch bleiben, weil sie seit 1848 mit jedem Tage republikanischer wurde, die Frage ist nur die, ob sie auf dem Wege ruhiger Entwicklung die ganze Republik langsam erringen oder auf dem Schlachtfelde mit der Monarchie dieselbe im Sturm erobern soll? Der Socialismus arbeitet für erstere Lösung, der Noyalismus für letztere. Beide gehen
stolz und zuversichtlich ihren Gang. Ein Glück für die Nation, wenn beide Parteien erst in dem Momente auf einander stoßen, wo die sociale Reform die Ueberzeugung der kolossalen Majorität ist. Läßt die Contre- revolution dieser Entwicklung Zeit bis zum Jahre 1852, so wird Frankreich diese Krisis ohne Schmerzen bestehen und höchstens einige Scenen aus dem Straßburger und Boulogner bonapartistischen Possenspiele zu belachen haben. Louis Napoleon hat auf seinen beiden Reisen Erfahrungen gesammelt, die ihn weder klüger noch besser machen werden, obgleich sie ihn schweres Geld kosteten, doch die für die Freunde der Freiheit mit Golde nicht aufzuwiegcu sind. Könnte der Graf Chambord eine ähnliche Tour durch Frankreich machen, er würde noch bitterere Lehren mit sich nehmen; zum Glück kann die Nation die Erfahrungen, welche sie dabei sammeln würde, entbehren. Denn wohl gibt es noch Legiti- misten, aber keine Legitimität mehr im Herzen der Franzosen; es gibt noch eine Vendee, als geographischen Namen, doch im Jahre 1852 wird es keine „Vendeer" mehr geben, die Haut und Haar an eine Sache setzen, welche nicht mehr die ihrige ist. Schon jetzt sind die Legitimisten im Volke dünner gesäet, als die vorsündfluthlichen Mammuths in den Kreive- bergen der Auvergne. Der Legitimismus ist der großen Nation nur noch eine historische Merkwürdigkeit, einer kleinen Partei vielleicht noch ein Experiment; doch der Zeiger der Geschichte ist seit den Tagen merklich weiter gerückt, wo Karl X. 1830 ins Eril wanderte und sein böser Vetter ihm 1848 dahin folgte.
Hessen - Darmstadt stammverwandt.
X Allen Ernstes rüstet sich Herr von Dalwigk in Darmstadt, zum kurhesiischen Trauerspiele den zweiten Theil in Fraktur zu scheeiorn. In einer aus Rhein- Hessen Valuten, doch ganz den Darmstadter sliTblnets- stempel tragenden Korrespondenz in der „O.-P.-A.-Z." wird geschimpft, Day Die demokratischen Volksvertreter sich „als Conventsmitglieder im verjüngten Maßstabe gerieten" und dann gedroht: „Gestützt auf die öffentliche Meinung der weit überwiegenden Mehrzahl der gutgesinnten Bürger, auf Die kräftigste Unterstützung eines bewährten Beamtenftandeö, und auf die unwandelbare Treue der ihrem Geoßherzoge ergebenen Truppen, kann unsere Regierung, im Bewußtsein erfüllter Pflichten, ruhig alle diejenigen Maßregeln ergreifen, welche nothwendig erscheinen, Die Gesetzeskraft in unserm Lande dauernd wiederherzustellen, und wahrlich bei uns bedarf es keiner fremden Hilfe, um dies zu bewerkstelligen." Daß Die zweite Kammer Beschwerden wegen der vielen Verfassungsverletzungen erhoben und den Kurhessen ein Zustunniungsvotum zu prer Verfassungstreue gegeben hat, das ist „conventsmäßig" gehandelt! Daß Die Darmstädter Regierung mit der öffentlichen Meinung der „weit überwiegenden Mehrzahl der Gutgesinnten" prahlt, ist lächerlich, da bei allen Gelegenheiten, in welchen die öffentliche Meinung sich in Zahlen kund gab, die Gutgesinnten kaum ein Procent betrugen: sich aber auf etwa 34oo der Bevölkerung zu verlassen, ist mindestens sehr kühn! Doch ja, Herr von Dalwigk besitzt einen „bewährten Beamten- stand", der sich in den Märztagen so bewährte, daß er dem „gräßlichen Demagogen" Zitz Die Hand küßte und Hrn. du Thil wie einen Pestkranken kopfüber im Stiche ließ. Bleibt also „die unwandelbare Treue" der besäumen „Einsteher", und in der That, mit diesen kann Herr von Dalwigk Vieles wagen, obgleich es immer doch noch sehr gewagt sein dürfte, ohne fremde Hülfe das zu bewerkstelligen, was er Die „dauernde Wiederher- । stellnng der Gesetzeskraft" nennt. Sollte Herr von Dalwigk seine Märzerfahrnngen ganz und gar verles’ '
sen haben? Wir sind der Ansicht, daß bei einer so einstimmig ausgesprochenen öffentlichen Meinung, wie sie gerade unsere jüngsten Tage erlebten, jeder Minister, der Hassenpflug'sche Experimente wagt, das Schlimmste unternimmt, was dem monarchischen Prinzipe widerfahren kann.
Deutfehissh.
□ Limburg, 18. Sept. Von einem furchtbaren Unglücke habe ich Ihnen zu berichten. Gestern Morgen nämlich zwischen 11 uud 12 Uhr brach in dem eine Stunde von hier entfernten Dorfe Elz Feuer ans, welches bis gestern Abend 10 Uhr noch nicht voll ständig gelöscht war. Wohl an 50 Gebände liegen in Asche; hochgefüllte Scheunen wurden ein Raub der Flammen und Vielen ist auch Nichts geblieben als das nackte Leben. Auch spricht man vom Verluste mehrer Menschenleben. Es hat sich bei diesem Brande wiederum so recht Die Unzweckmäßigkeit und Unvollkommenheit unserer Löschordnung gezeigt und ich bin fest überzeugt, bei einem nur einigermaßen otyaniiuhti Löschwesen wäre der Verlust an Gebäuden und Mobilien lange nicht so bedeutend geworden. Möge Die Regierung, aufgefordert durch die beiden großen Brand- unglücke dieses Sommers, von Kirberg und Elz, endlich dein so lange vernachlässigten Gegenstände der Schaffung einer tüchtigen Löschordnung endlich einmal ihre Aufmerksamkeit schenken!
XX Limburg, 17. Sept. Wir haben nun das erste nassauische Volksfest zu Oranienstein gefeiert und man darf sagen, daß Der Eindruck im Ganzen ein großartiger und befriedigender war. Das Volk hat gezeigt, daß es sich selber achtet und freudig dem Gesetze des Rechten und Schönen folgt, ohne' durch äußere Maßregeln dazu veranlaßt zu sein. Es hat an den genannten Festtagen auch nicht die geringste Unordnung stattgefunden, obgleich die Menschenmassen sehr bedeutend waren, indem an dem erstenFesttage etwa!0,000, am zweiten aber über 15,000 Menschen an den Feierlichkeiten Theil nahmen. Am Vorabend des Festes ertönten Böllerschüsse auf Dem Festplatze, und im deutschen Hause zu Limburg wuroen die Ehrengäste aus Frankfurt empfangen, Der Abgeordnete des National- vereins für deutsche Arbeit in der Person des 0r. Schirges und der bekannte Statistiker Rheden, welchen das Cen- tralkomite als Beirath für die volkSw-rthschaftlichen Verhandlungen eingeladen. Am ersten Festmorgen bewegte sich ein großartiger Festzug, welper neben den Gesang-, Turn- und Schüßenvei einen 750 Bergleute in ihrer Bergmannstracht in sich schloß, von Limburg nach Diez, wo er von dem Festzuge ans der untern Lahn- gegeno begrüßt und durch Oie; geleitet iWoe, welches mit seinen vielen Guirlanden, Kränzen und wehenden Fahnen einen sehr freundlichen Anblick gewährte. ^Böllerschüsse und feierliches Glockengeläute ' ertönte bei dem Durchgang des riesigen Festzugs durch die Stadt. Der große Festplatz war bald mit Menschen angefüllt. Den Morgen ward die Grü idung des nassauischen Vereins für vaterländische Arbeit und Bildung vorgenommen, nachdem der Vorsitzende des C.Mtr.ilkom'te's, Prokurator Verflassen, in der Festrede die hohe Bedeutung gediegener Volksfeste für Volkswohl uno Volkserziehung entwickelt hatte. Dr. Schirges wies auf die W.chtig- keit der volkSwirthschaftlichen Interessen hin und Rheden brachte zu den Statuten des Vereins einen Ver- besserungsantrag, welcher mit Beifall ausgenommen und in dieselben eingefügt wurde. Den Nachmittag begannen die Wettkäinpfe der Gesangvereine, Turner und Schützen. Am Abend war großer Bcrgmannsaufzug, bei welcher Gelegenheit Rheden, der selbst aus einer ächt bergmännischen Familie stammt, eine herzliche, mit Begeisterung angenommene Ansprache an die Berg-