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Mit Zkitung.

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â' 222. Wiesbaden. Donnerstag, 19. September 1850.

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Ein neues Nnionsparlament.

X Die Aufregung der konservativ-konstitutionellen Partei in ganz Preußen wegen der kläglichen Hal­tung des Berliner Kabiuets gegenüber den österreichi­schen Rekognoszirungen, wie in Folge der kurhesfischen Verfassungsmanöver des sogenannten reaktivirten Bun­destages ist so im Steigen, daß eS der Kamarilla Angst wird und sie endlich merkt, es sei die höchste Zeit, das heraufziehende Gewitter zu beschwören. Hr. v. Man­teuffel hat nebenbei noch den besondern Zweck, daß er höchst ungern auf seiner achttägigen Rheinreise so schlechte Geschäfte machen möchte, wie sein Kollege von der Heydt in den östlichen Provinzen. Dazu kommt ferner der Umstand, daß König Friedrich Wilhelm sich durch eine Konzession an dieselbe Partei, welche ihm die goldene Brücke zur Winterrückkehr in die Haupt­stadt gebaut hat, einen freundlichen Empfang bereiten möchte. Endlich kann es Herrn von Radowiß schwer­lich entgangen sein, daß die kleineren Unionsstaaten das lebhafte Bedürfniß fühlen, sich nach der total mis- lungenen Hasscnpflug'scheu Provokationstaktik gegen den Verdacht zu sichern, als seien sie damit einverstanden und gleichfalls geneigt gewesen, den Konstitutionalis­mus zu beseitigen und zur Restauration der seinen Fürstensouveränität zu schreiten Die jüngsten Ereig­nisse in Kurhessen und die allgemeinen Sympathieen in sämmtlichen deutschen Gauen für das bedrohte Recht oer- hessischen Brüder haben die allerdings wohl zu beherzigende Lehre ertheilt, daß die Gefährdung der formellen konstitutio­nellen Märzerrungen schäften jetzt auch die besitzeudeBour- geoisie und die aufgeklärteren Beamten entschieden ins Feuer zu treiben im Stande ist. Es muß selbst der christlich-germanischen Partei einleuchten, daß diese Form schwer anzutasten ist und daß es daher gilt, dieselbe möglichst auszuhöhlen, und ihr so das Mark zu rauben, daß sie langsam hinwclke und ohne Früchte für das Volk und somit ohne Gefährdung für vie dynasti- scheu Sonderittteressen bleibe.

Dies sind die naheliegenden Gründe für die sonst allerdings merkwürdige Erscheinung, daß der König von Preußen, wie er es gegen die Deputation wegen seiner Rückkehr nach Berlin thar, sich plötzlich wieder daran erinnert, er sei ein konstitutioneller Fürst, und daß die preußische Regierung nun gar mit Andeutun­gen über eine nahe b ev o r st e h c n d e W i c d e r z u sa m- menberufung des Uuiou öp ar! aments nach Erfurt hervortritt. Die ministerielle Sonst. Corr, sprichtbeiläufig" von dieser WwLcrzufammenbcrufung und der Telegraph ist sogleich am Montagabend in Thätigkeit gesetzt worden, nur diesebeiläufige Notiz" nach Köln am Rhein und Düsseldorf zu befördern, wo Herr von Manteuffel gerade an demselben Abend ein­traf. Die Absicht dieses Telegraphenmanövers liegt auf der Hand; sie ist dasGuten Morgen" des reisenden Ministers, der ja die Stimmung der Rheinlande kennen lernen will, und ein schlechter Diplomat wäre,

wenn er nicht einmal verstände, wie man sich solche Stimmungen nach Wunsch vordereren kann. Ohne indeß den Göthe'schen Spruch:Man merkt die Absicht und man wird verstimmt!" hier in Abrede stellen zu wol­len, erscheint uns dennoch jene Maßregel sehr wahr­scheinlich. Zwar kennen wir jeneNotiz" der C- C. ihrem Wortlaute nach noch nicht; indeß was könnte eine im Stillen konstitutionsfeindliche Regierung, die doch einmal den Schein des Gegentheils zu wahren hat, Klügeres unternehmen, als die ganze Verant­wortlichkeit für Schritte, die ihr bisher so viele Verlegenheiten bereitet und so einmüthigen Unwillen aller Volksparteien zugezogen haben, der konstitu­tionellen Partei in den Unionsstaaten zuzuschieben, damit sie später, wenn sie ihre geheimen Zwecke auf diesem Umwege erreicht, die Hände mit Unschuld wa­schen und sagen könnte:Ihr habt's ja so gewollt!"

Wird die konstitutionelle Partei, die für Erfurt ge­wählt hat, dieses ächte Danaergeschenk des Herrn von Radowitz acceptiren? Wird sie den Berechnungen des diplomatischen Jesuitismus entsprechen, wird sie der Reaktivirung desBundestags" für die Bewilligung einer blos berathenden und nicht beschließenden Volksvertretung in Frankfurt und mit Aufnahme der Kroaten und Panduren der österreichischen Gesammt- monarchie in den deutschen Bund, kurz, wird sie den Plänen Schwarzcubcrg's und Radowitz's ihre Zustim- mung geben und die ganze ungeheure Verantwortlich­keit für die daraus notywendig entspringenden schick- salsschwangern Folgen auf iyre Schultern nehmen?

Wir gestehen offen, daß wir nach den bisherigen Thaten oder vielmehr Unteren der Erfurter Partei fürchten, sie werde so verblendet sein, für das Linsen­gericht eines von vornherein zur Unfruchtbarkeit verur- theilten, blos berathenden Parlaments das Erstgeburts­recht der Nation, die Volkssouveräuität, hinzu- gebcn; wir gestehen zugleich Mr auch, daß wir hoffen, auch sie werde aus den Ereignissen der jüngsten Ver­gangenheit etwas gelernt und sich gemerkt haben, daß man mit besonnener Energie weiter kommt, als mit seiger Unentschlossenheit und mit klug sein sollenden, doch sich stets als höchst bornirt erweisenden Konzes­sionen gegen die dynastisch-absolutistischen Gelüste und brutalen Drohungen der gottesgnädigen Reaktion. Sollte die konstitutionelle Partei sich noch einmal in Erfurt misbrauchen lassen, sollte sie die heiligsten Rechte der Nation um taube Nüsse dahingeben, so möge sie bedenken, daß sie dadurch das Todesurtheil der konsti­tutionellen Form nach bisher üblichen Begriffen u.irer- schreiben, uns zugleich also einen Selbstmord an ihrer eigc-

neu Partei begehen würde. Beide Theile aber, die Re­gierungen, wie die Vertreter, wenn sie wieder in Erfurt zusammenkommen, mögen nie vergessen, daß die V o l k s s o u v e r a u i t ä t ein u n v e r äußerl i ch e ö Kleinod der Nation ist, über das nur die ganze Na­tion zu verfügen hat. Ohne eine aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene und auf der Basis der vollen

Volkssouveränität begründeten freien konstituiren- den Nationalversammlung ist an eine gründ­liche Schlichtung der deutschen Frage nicht zu denken. Will die konstitutionelle Partei, sobald sie zum zweiten Male nach Erfurt berufen wird, sich nicht wieder in die Tretmühle spannen und zum schmählichsten Nichts­thun und Alleslkiven verurtheilen lassn, will sic ihre Ehre durch eine That wahren, so hat sie nichts mehr noch weniger zu beschließen, als Laß kraft der Volkssouveränität und in Anbetracht, daß das Vaterland in drohcnder Gefahr, unver­züglich die zweite constituirende deutsche Na> tioualversammlung ein berufen und zu dem Zwecke binnen der kürzesten Frist die allge­meinen Wahlen zu diesem Parlamente ausgeschrieben werden. Was darüber ist, ist vom Uebel! Wenn sie diese That vollbracht, so hat sie zwar nichts als ihre Pflicht und Schuldigkeit gethan, doch sie hat sich dadurch in der Achtung der Völker restaurirt, si hat ras viele Unheil, das sie, weil sie geschehen ließ, mit voll­brachte, gesühnt, sie hat den ersten, unerläßlichen Schritt zur deutscheu Einheit und Freiheit vollbracht, der ihr obliegt, indem sie co der, Demokratie möglich machte, wieder mit ihr Hand in Hand zur Auferweckung Deutschlands zu gehen. Dann erst, wenn sie so den Makel der Feigheit und Gesinnnngslosigürit von sich abgewaschen hat, wenn sie der Volkssou veräni- tat die Ehre, Lac ihr gebührt und in wirklich coni- : tutioaellen Ländern in That und Wahrheit stets kgeg bei, I ward, erwiesen hat, erst dann kann die demo ratische Partei mit ihr handlen, diese Partei, ohne deren Mit- i Wirkung oas haben die Erfurter Wahlen bewiesen ; nichts Großes zuvollbringen ist, weil sie die Pein zipien der Neuzeit vertritt, und in der Gegenwart bereits jene imposante Majorität hat, welche der vol­len Volkssouveränität in That und Wahrheit den S.cg sichert.

Zur innern Reform.

Jede durchgreifende Reform hat zwei Seiten: I) Die Umgestaltung der äußern Verhältnisse und Zu­stände, 2) die gründliche Verbesserung des eigenen In­nern. Jene haben Unrecht, welche das Heil der Welt nur in der Reinigung und Besserung der Einzel- Persönlichkeit finden, aber auch Dlcjcuigcn sind auf falschem Wege, welche lediglich eine Umgestaltung der äußeren Verhältnisse erstreben uno die Innen­welt inzihrem Sein beharren lassen, die E i n $ e 1 perfön* llchkeit mit allen ihr anklebenden Eigen­schaften zur souveränen Macht stempeln wollen. "Der Einzelne ist mehr oder weniger ein Produkt, ein Er­zeugniß der ihn umgebenden Zustände und greift wie­derum in die Gestaltung der äußeren Verhältnisse mehr oder weniger ein. Pflicht jedes Einzelnen ist cs da­her, an der Reform des eigenen Innern und an der Verbesserung der äußern Zustände gleichzeitig zu

Zwei Republikaner

von Carl Bölsche.

(Im Verlage von Meidinger zu Frankfurt a. M.) (Fortsetzung.)

^MVon der preußischen Constitution, deren un­fehlbares Herannahen er aus der allerhöchsten Angst prophezeit, meint er:Es wird ein Spaß sein, ihre Gesichter zu sehen, wenn sie in den sauren Apfel beißen: aber was wird das auch für eine allerliebste Con­stitution werden!" Die Preußen wissen davon ein Lied zu singen! Es ließe sich eine Philosophie der Geschichte der Gegenwart aus diesen Briefen zusammenstellen, schla­gender, als eine. Doch ich wollte hier nur durch einige Beispiele meine Auffassung von Börne's Sehergröße beilegen. Genug also von der deutschen Politik! Nur über seine Vorhersagung der Februarrevolution sei mir gestattet noch auf einige bedeutsame Geuieblche hinzn- beuten.Wie merkwürdig!" ruft er bereits zu Anfang November 1830 aus. Diese Jnlir gierung, die kaum aus dem Ei gekrochen und noch ganz dottrig ist, kräht schon wie ein alter Hahn und thut fest und stolz wie ein unbestrittener Hofkönig! Die Majorität der Kanmier unterstützt sie nicht blos in ihren unbedachten Schritten, sondern sie verleitet sic noch dazu. Das sind die Guts­besitzer, die reichen Bankiers, die Krämer, die sich mit einem vornehmen Namen die Jndustricellen nennen. Diefe Menschen, die fünfzehn Jahre lang gegen jede Aristo­kratie gekämpft, kaum haben sie gesiegt, noch haben sie ihren Schweiß nicht abgetrocknet und schon wollen sie

für sich s.lbst eine neu.' Aristokratie bilden: eine Geld- aristvkraiie, einen Glücksritter stand. Wehe den verblendete., Thoren, wenn ihr Bestreben g liugt, wehe ihnen , wenn der Himmel nicht gnädig ist, ehe sie ihr Ziel k,reichen! Die Ariftokratie des Adels und der Geistlichkeit war doch nur ein Princip, ein Glaube; man konnte sie bekämpfen, ohne Den Edelleuten uno den Geist­lichen in ihrer sinnlichen Lebenssphäre wehe zu thun. Wäre dieses in der französischen Aceolution Loch geschehen, so war dieses nur Mittel, nicht Zweck, es war eine zwar schwer zu vermeideiide, doch keineswegs nothwendige Folge LeS Kampfes. Werten aber Vorrechte an den Besitz ge­bunden, so wird das französische Vs:k, dessen höchste Leidenschaft Die Gleichheit ist, früher oder später daS zu erschüttern suchen, worauf Die neue Aristokratie be­gründet worden den Besitz, und dieses wird zu Gütcrvertheilung, zur Plünderung und zu Gräueln füh­ren, gegen welche die der früheren Revolutionen nur Scherz und Spiel werden gewesen sein!" Das fran­zösische Volk muß diese neue Geldaristokratie stürzen. Daß es im Februar zu großmüthig war, noch nicht zum Aeußersten gu schreiten. Hat die Lähmung jener Volks­erhebung hcrbeigeführt; doch daß dasselbe Volk fühlt, wie es nur durch Den Sozialismus vor den Gräueln einer communistischen Revolution sich schützen könne, lehren die Ricseufortschritte, welche Pcoudhon's Lehre unter allen Vorurtheilsfreien in Frankreich seit 1848 macht.Der fürchterliche Krieg der Armen gegen die Reichen," .warnt Börne im Hinblick auf joen Lyoner

Arbeiterntlfstand am 1. Dezember 1834,der mir so klar vor Aug n steht, als lebten wir schon mitten darin, könnte vermieden, die Ruhe der -Welt konnte gesichert werden; aber alle Regierungen sind rerciut bemüht, das Verderben herbei zu führen. Wenn die Staatsmäniicr zitiern vor einem liebel, meinen sic, sie hätten das Ihrige gethan. Die armOn Leute in Frankreich haben in der Kammer keine Stellvertreter. Die neueste feanzösischc Constitution (von 1830) hat Die alte Tho.hcü, die alte Ungerechtigkeit, Die alte erbärmliche Philisterpolilik bei­behalten , das Wahlrecht an den Besitz gcbiiaden und die Besitzlosen auch ehren los g macht. Die Rcformbill m England hat auch nur den Z istauL der Mutelelasseu verbessert und das Heloteuverhältiuß LeS ned.rcn Volks von N nein befestigt. Im Parlament, wie in der De- putirl nkammer sitzen nur reiche G itsbesiyer, die RenticrS »nid Fabrikanten, die nur ihren eigenen Loriheil ver* stehen, welcher Lem der Arbeitsleute gerade entgegen steht. Die glaubärtige Staatswciüheit, vor Alter kindifch ge­worden, geifert gegen den Wunsch der Besseren und Einsichtsvolleren, daß man auch Die niedern Stände an der Volksrepäscnlation möge Theil nehmen lassen. Sie sagen, MenschlN, Die nichts zu verlieren haben, könnten an dem allgemeinen Wohle Der Menschheit nie aufrichtig Antheil nehmen; jeder Intrigant könne ihre Stimme erschlei­chen oder erkaufen. So sprcchen sie, um das Gegentheil von dem zu sage», was sie veiiken. Weil es unter Denar mcnLcute n m ehr ehrliche gi b t, a l s u u t er den reichen, weil sie fester, als die andern