J&* 217* Wiesbaden. Freit rg, 13 September L8K' .
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Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deâ Montags, täglich in einem Bogen. — Ler Adonnementsprets betragt vierteljährig hier in IZieSdaden l fl. 45 h„ au»- wärtö durch die Post bezogen mit verhälèntßmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen L.rdreitung der „Freien Zeitung" stets von rou -- hinein Erfolge. — Die ZuserationSgebiihren betragen für die vierspaltige Petitzetl» 3 Kreuzer.
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Der schleswig-holsteinische Kampf der letzte Ausläufer scherz, revolutionären Einheitsbestrebungen der deutschen Bourgeoisie.
Artikel I.
X. Von der Lahn, Anfangs Sept. Der Kampf der Schleswig-Holsteiner ist wesentlich ein nationaler Kampf, ein Kampf für die Einheit des deutschen Vaterlandes, von welchem man Schleswig-Holstein losreißen will. Die Einheit Deutschlands kann aber, wie die Demokraten der Bourgeoisie und den Doktrinärs gegenüber von Anfang an erkannt nnd ausgesprochen haben, nur durch die Freiheit errungen werden; denn die Freiheit ist ja nichts Anderes, als die Beseitigung der Hindernisse, welche der Einheit entgegegenstchen, oder die Macht, diese Hindernisse zu beseitigen. EinHichtstrahl dieser einfachen Logik scheint jetzt sogar in das Gothaer-Haupt des Gervinus gedrungen zu sein. Indessen dies ist, wie gesagt, nur ein vereinzelter Lichtstrahl, der in die Camera qbscura bw Gothaer gefallen ist. Der große Troß dieser Helden rennt blindlings in seinen Irrgängen fort und will Schleswig-Holstein retten ohne die Freiheit, kurz ohne die Demokratie und sogar gegen die Demokratie. — Diese Doktrinärs sind so ganz in ihre „kon- stitutionellen" Doktrinen verrannt, daß die entgegenstehenden Hindernisse für sie keine Hindernisse sind. Der König von Dänemark ist ihnen ein „unfreier" Monarch, der die Wünsche der Schleswig« Holsteiner gerne befriedigen möchte, wenn er nur könnte, den i man daher herzlich lieben muß. Der russische Czar ist ihnen ebenfalls ein Ehrfurcht gebietender Herr,, der es eigentlich auch mit Schleswig-Holstein wohl meint, dessen Beleidiger man daher mit Steckbriefen verfolgen muß. Die Könige selbst lassen sich natürlich durch diese verächtliche Kriecherei in ihren Plänen nicht im Mindesten stören, mit der einzigen Ausnahme, daß sie sich bisweilen die Mühe nicht ^verdrießen lassen, diesen Speichelleckern einige Fußtritte auszuthcilen. Womit soll man auch auf die unerbetenen zudringlichen Liebkosungen gewisser wegen ihrer Treue berühmter Thiere anders antworten, als mit Fußtritten? Die Ergebenheit und Treue gegen ihre Heirn wächst bekanntlich bei dieser Art von Geschöpfen mit der Menge der Stößels Nur noch ein paar Portionen dieses probaten Mittels, und unsere Heroen werden die Unterwerfung unter den Willen des „charmanten" Dänenkönigs als das „einzig Mögliche" den SchleSwig-Holsteinern anpreisen, und es mit Aufbietung ihres ganzen Professorenwitzes als ganz hübsch und schön varstellen! Das schleswig-holsteinische Volk aber wird sich dann auf immer von dieser Clique abwenden und seine Hoffnung auf diejenigen setzen, welche von seinen jetzigen Vormündern in die Kerker geworfen, ausgewiesen und mit Steckbriefen verfolgt werden.
Und so ist es! Wie im Allgemeinen die Einheit
Deutschlands nur durch die Demokratie hergestellt werden kann, so kann insbesondere auch Schleswig-Holstein nur durch die Demokratie zu seinem Rechte kommen. Wer also ein Herz für jenes brave, von allen Seiten verrathene Volk an unsern Nordmarken hat und Mitgefühl mit dessen traurigem Loose in seiner Brust trägt, der unterstütze die Sache der Demokratie; denn wer sein Geld für die Zwecke der Demokratie hingibt, der unterstützt damit zugleich die Sache Schleswigs-Holsteins, dessen Schicksal von dem der Demokratie nicht mehr getrennt werden kann. Hätten diejenigen Demokraten, welche jetzt, einem unklaren Gefühle des Mitleids folgend, ihre Geldbeiträge Schleswig-Holsteins Statthalterschaft senden und sie dadurch vielleicht noch in den Stand setzen helfen, ihr verrätherisches Spiel noch um soviel länger fortzusetzen, — hätten sie mit diesen Geldmitteln nur ein einziges demokratisches Blatt in Preussen, hätten sie nur die eine „Westdeutsche Zeitung" vom Untergang gerettet, wahrlich sie hätten der Sache Schleswig-Holsteins mehr genützt! Und irren nicht edle Verbannte, welche für Vie Sache der Demokratie Alles geopfert haben, im Ausland umher, mit Hunger und Mühsal kämpfend? Hier ist das Feld, wo mit Geldsammlungen Etwas ausgerichtet werden kann, während solche kleine Summen, auch abgesehen von allen andern Verhältnissen, schon an und für sich bei Führung eines Krieges von gar keinem Gewichte sind. Und wer einen einzigen edlen Kämpfer des Volkes in der Verbannung vor Kleinmuth und Untergang bewahrt und durch seine Unterstützungen für die Zukunft erhalt, der wirkt für unsere verrufenen Brüder im Norden mehr, als wenn er den VUrathern derselben Tausende von Thalern in die Hände fließen läßt. Denn solche entschiedene, jedes Opfers fähige Demokraten, wie jetzt viele in der Verbannung leben, wachsen nicht an den Hecken, wie die- Brombeeren! Es wird vie Zeit kommen, wo man sie sehr nöthig haben wird. Und erst wenn diese Zeit herannaht, dann kommt auch die Zeit Schleswig-Holsteins. Denn, wir wiederholen es, die Zukunft dieses Landes und die Zukunft der Demokratie sind fortan unzertrennlich verbunden.
Schleswigs-Holsteins letzte Stunde.
X Die Landesversammlung der überelbischen Hex- zogthumer ist am Mittag den 9. September im Kieler Schlosse eröffnet worden: sie wird entscheiden, ob die Herzogthümer unter den Händen von Dummköpfen und Verräthern zu Grunde gehen oder mit Ehren kämpfen und fallen sollen. Die letzte Stunde hat geschlagen. Schon soll laut der Köln. Ztg. „der österreichische Verrath" der Zustimmung des „„Bundestags"" gewiß sein. Berichterstatter der Commission, welche in Frankfurt für die schleswig-holsteinische Angelegenheit medergesetzt wurde, ist der sächsische Bevollmächtigte, Herr von Nostitz, dec die Ansichten seiner
Patrone in Dresden in seinem Berichte zu Grund legen wird. _ Beide Parteien sollen nach Herrn von Nostitz's Ansicht ihre Sache nicht ansfechten, sondern sich der Diplomatie unterwerfen, so jedoch, daß bei der definitiven Regulirung die Herzogthümer nicht gehört werden. Als formelle, aber rein illusorische Concessionen an die öffentliche Meinung soll vie sogenannte „schleswig-holsteinische Negierung" erhalten, und sollen die Bundesrechte von 1848 gewahrt werden. „Aber jene „Regierung" soll nichts als eine Kanzlei, Verwaltungsbehörde und Abtheilung im dänischen Ministerium des Innern sein, und was, die Bundesrechte nach Unterzeichnung de^ Londoner 'Protokolls bedeuten, ist sattsam bekannt! Noch mehr: früher wollte man die dänische Armee aus Schleswig zurückgezogen, vie schleswig« holsteinische auf vas Bundeskontingent redncirt wissen; jetzt soll Dänemark seine Truppen in Schleswig nur vermin Dern, so daß Alles aus einseitige Auflösung ver schleswig-holsteinischen Armee hinauslauft. Endlich wollen die Frankfurter Bunves- reaktivirer in den Herzogthümer» den Status quo ante ohne Anerkennung ver Rechte Herstellen. — Das sind die saubern Plane, die man nun allervings in .allerlei schöne Redensarten einzuhüllen nicht ermangeln wird.
Ferner erfahren wir durch ein anbei cs gut unterrichtetes Blatt, den „Magdeburger Cor.", daß in Berlin eine russisch-englische 'Note cingetrvffen ist, worin beite Kabmete an die preußische Regierung vas Ansinnen widei» holen, Viß Preußen tie Pacificirung der Herzogthümer mit Waffengewalt ausführen müsse. „Die Nvrc erklärt zwar in mildem Tone, die alr. tjm’uDen Mächte seien sich wohl bewußt, daß sie nur tie Form des Wunsches und Ver Vorstellung g gen Preußen gebrauchen könnten; sic fügen aber hinzu, van wenn Preußen sich nicht im Stande sehen sollte, die gewünschte bewaffnete Intervention und Pacificaliou der Herzogthümer durchzuführcn, die Machte Rußland und England Du selbe übernehmen müßten. Zugleich wird auch ver näwstc Schritt, den sie thun wollen, bezeichnet: sie erklären nämlich, daß im Falle preußischer Weigerung eine vereinigte ruf. sisch-englische Flotte zunächst den Kieler Hafen blofiren würde, welcher Operation sich dann die weiteren Maßregeln anschließen s vI l tc n/
Auch die „O.-P.-A.-Z." bestätigt, daß Rußland und England mit der Blokade des Kieler Hafens sofort nach Preußens Weigerung vorschreiten würden.— Es fragt sich nun, was wird Preußen und was wird die Statthalterschaft thun? Beide müßten nicht sein, was sie bisher waren: vie leibhaftige blasse Furcht, wenn sie nicht nach wie vor lavirten. Preußen wird sich winden und drehen wie ein Wurm; die Statthalterschaft wird Ach und Weh sch eien, und dann werden beide, zum weißen Czar aufblickend, sprechen: „Herr, dein Wille geschehe!" — Aber die Landesversamm- lung? Aus Rücksicht auf sic soll die Statthalterschaft
Zwei Nepublikaner
von Carl Bölsche.
(3m Verlage von Meidinger zu Frankfurt a. M.) (Fortsetzung.)
-ff Gleich der religiösen Seite in Börne's Charakter wurde auch seine Vermittlerrolle zwischen deutscher und französischer Nation von den kleinen Geistern verkannt, von burschenschaftlichem Unverstand als Verrath am Vaterlande verlästert. Mit klarem Prophenblick schaute Börne aus dem Gewirre seiner Zeit mitten hinein in die Geschichte unserer jüngsten Erhebung, und der literarische und politische Pöbel behandelte ven Seher, wie eben Dummheit und Rohheit Propheten zu behandeln pflegen. Gervinus, der am 1. März ausrief: „Jubeln Sie nicht, meine Herren, über die Aufrichtung der Republik in Frankreich, trauern Sie vielmehr, denn die ganze Geschichte ist uns nun verpfuscht", ein Mensch, den die doktri- nârrische Selbstbornirung und Selbstvergötterung zu der Jammergestalt! gemacht hat, als welche! wir ihn in den letzten großartig bewegten Jahren bemitleiden mußten, derselbe Mensch wagte es, in seiner Literaturgeschichte Börne als eines Mannes zu erwähnen, „der dem deutschen Vaterlande ein Flecken ist." Die Zeit hat gerichtet zwischen dem großen Börne und seinen kleinen Feinden. Wir lassen zum Schluß einige Stellen aus „den beiden Republikanern" folgen, welche das oben Gesagte weiter ausführen:
„Wie öde und leer, wie kleinlich und kläglich crfrbcint uns vas Meiste, was vor 1848 m deutscher Sprache über Politik geschrieben wurde. Wie armselig zumal sind die Gegenschriften und Recensionen, die Börne's „Pariser Briefe" hervorriefen. Ganz anders bei diesen Geniebliyen! „Wie wahr, wie frappant, wie großartig!" , möchten wir fast auf jever Seite ausrufen. Wer sie : nicht gelesen, hat nichts gelesen; wer sie vor Jahren las, kennt sie nur halb. Jetzt, jetzt erst ist der Augenblick gekommen, wo sie das rechte Licht haben. Freilich haben sich manche Angaben als falsch, manche Ansichten als irrig erwiesen; freilich war Börne nicht immer gut unterrichtet. Aber hat cS denn jemals einen Sehenden gegeben, Ver vie Sonne leugnete, weil cs Sonncnflcckc gibt? Oder ist Christi tiefe Moral unb erhabene Prophetie durch die Zeitirrthüincr und Widersprüche der Evangelisten gefährdet? Oder ist der Apostel Paulus ein Sykophant, weil er demokratischer und universeller als der beschränkte Altliberale Petrus, der Heinrich von Gagern der Urkirche, war? Börne's „Pariser Briefe" sind Gelegenhkitöschriften, wie die Pavlinischcn Briefe. Wer kann verlangen, daß ihre Wurzeln überall rein von der Erde erscheinen, in der sie gewachsen sind? Börne bewahrt hier, wie keiner seiner Zeit, den Dichter und Denker, den Volkstribun und Propheten zugleich. Er geißelt nicht blos die für heilig und unverletzlich geltenden Vornrtheile, er reißt nicht blos nieder, er zürnt nicht blos, nein, ,er verkündet zugleich daS Künftige, weil er
dessen innere Nothwendigkcil erkennt» Er ist positiver, als irgend einer von dciicii, vie ihm „sein ewiges Ver^ einen' vorwerfen. Ach,j hätte Las deutsche Volk damals ohne Brille die Verkündigungen und Warnungen gelesen, die sein großer Apostel der Freibeu ihm zurief, fürwahr es würde sich im Frühling 1848 andere Vertrauensmänner auserkoren, einen an dem Weg cingeschlagen und and. re R'suliate erreicht haben! Ein Leichtes wäre cs, mit Hunderten von Stellen zu belegen, wie klar und richtig B ö rne unsere Entwickelungen und Verwickelungen voraus charaktcrisirte. Es ist, als lauschten wir den Erfahrungen eines Zeitgenossen, nicht den Ideen eines Mannes, über dessen Grabe schon dreizehn Lenze blühten. Allerdings wird Börne oft paradox in seinen Aueßerungcn; allerdings ist er leicht miszuverstehen. Doch ist ein Satz, den ein Weiser in ein Paradoxon, in ein Râths.l hüllt, darum eine Dummheit, weil viele seiner Leser noch nicht klug genug sind, den Kern von der Schale zu unterscheiden? Um zum Nachdenken, zum Disputirm zu reizen, ja zu zwingen, haben geistreiche Volkslehrer von jeher in ähnlicher Weise gesprochen, den Spott der Thören nicht achtend. Als Christus vom Abbrcchcn des Tempels und Dem Wiederaufbaues! in dreien Tagen redete, lachten die Pharisäer und Schriftgelehrt.n in Jerusalem. — Daß einem Weisen fliglich weniger, als dcn notorischen Dummköpfen seiner Lästerer, eine Albernheit zuzuteauen sei, es liegt so nahe ua. wird doch so häufig übersehen!" (Fortsetzung folgt.)