„Freiheit und Neeht!"
Jtv 210» Wieebaderr. Dsnnorst.rg, 3 September 1S5O.
Dt« »streit Ze-I »ug- rr.s.Uit, ittu uusujvUk drs MowagS, ta^U^ in einem Bogen. — Ler Avonnemcnwprela beträgt »l rl,i,a-r>g vier in WieSoaden I g. 45 fr au# wärtd durch ou- Post bezogen mit verbäliny-uä-tgem Auftch -ige. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen «.rdreltung der „Freien Zeitung" stets bo» tv.. - samem «Lrfoige. — vw Znserationsgebüyren betragen für die vierspaltige Petitzeilr 3 Kreuzer.
„Die Bundesversammlung hat förmlich im vollen Umfang ihre verfassungsmäßige i Thätigkeit angetrctèn."
X Die „Bundesvrrsamml'.mg" hat am 1. September tute Thätigkeit nicht beginne» wollen, weil es ein Sonntag war. Wem fällt dabei nicht der bekannte Spruch Christi auf die Pharisäer ein! Sie treten das Recht mit Füßen, doch sie heiligen den Sabbath, „sie seihen Mücken und verschlingen Kameele." Bon den 11 Stimmen, welche anwesend im engern Rathe waren, gehören die 9 Birilstimmen Oesterreich, Baiern, Sachsen, Hannover, Württemberg, Kurhessen, Großherzog- thum Hessen, dem liebenswürdigen Dänemark, unserm anten Freund von wegen Holstein und Lauenburg, und dem König von Holland wegen Luxemburg und Limburg; die Curialstimmen gehören dem allersonveräusten Hessen-Homburg und Lichtenstein. Auf die Thätigkeit - der Kommissionen sind wir gespannt. Ob bereits eine „schwarze Kommission" ernannt ist, wird Die Folge bald ! lehren; zunächst werden wir wohl das höchst erbauliche ' Schauspiel haben, daß der Reichsfeind im engern Rathe ! als Herzog von Holstein dem Könige von Dänemark die Bcfugniß ertheilt, in Holstein emzusallen und die deutschen Rebellen zu vernichten. Doch noch ganz : andere Ueberraschungen stehen uns bevor. Wie wird ; es mit der Rcvi ft o n der Bundesverfassung gehen? Ge- ’ hört diese Angelegenheit zu denjenigen vringenvsten Geschäften, für welche vorgestern Kommissionen ernannt wurden, oder zu den andern, welche dringend sind, aber darum desto weniger Eile haben? In der Eschenheimer Gasse befand sich früher ein Stück Möbel, vaö ganz vorzüglich viel gebraucht wurde — die betau nie , lange Bank, auf die z. B. Art. 13 der Bundesakte, wonach in allen deutschen Bundesstaaten ständische Ber- ; faffungen statt finden sollten, nicht länger als 33 Jahre : geschoben wurde. Ob dieses kostbare Möbel gerettet , worden ist, als der Bundestag, um mit Herrn von Blittersdorf zu reden, „unter's Wasser gelegt ward", muß sich bald zeigen. Oesterreich hat seine Ehre verpfändet, daß es nicht zum alten Bundestage zurück- kehren wollenes hat dies bei jeder Gelegenheit wiederholt und wirtraueii Schwarzenberg so viel Blick in die deutschen Verhältnisse zu, daß er merkt: im alten Gleise geht es nicht lange, im alten Gleije kommt der Bundestag, selbst wenn er „förmlich in volletn Umfange seine verfassungsmäßige Thätigkeit " angetreten hätte — was ihm jedoch kein Mensch glaubt — bald wieder au den Punkt, wo, wie man in Berlin zu sagen pflegt, die „Ochsen am Berge" stehen und „der Karren im Dreck sitzt." Und sollte selbst Der k. k. Staatskanzler es auf diese Gefahr hin wagen wollen, würde Herr von Rothschild dem Frieden trauen V Als 1840 Herr Thiers den Goliath spielte und alle Potentaten grim
mige Gesichter schnitten, soll die Sybille in der 3»' dengage gejagt haben: „Was giebt'ö Krieg? Es giebt keinen Krieg — mein Sohn giebt kein Geld!" Sollte der Sohn verklagen Patriarchin dem unrevivirten Bunde trauen, sollte er der deutschen Contrerevolution einen so blinden Kredit verleihen, daß er mit ihr stehen und Bankerott zu machen entschlossen wäre? Wir halten den Mann mit dem Schlüssel Salomonis für viel zu vorsichtig und kosmopolitisch, alS daß er einen so echten christlich germanischen Dummen Streich machen konnte. Daß es wopl Ernst mit einer Berfassungsrevision ist, erhellt auch aus den Andeutungen Der „D. jtg. aua Böhmen", wornach der Kaiser von Oesterreich sich bei dem russischen Staatskanzler bereits in Ischl die allerhöchste Erlaubniß geholt hat, etwaige innere Reformen in der Bunvesakte vorzunehmen. Graf 'Resselrode soll dies zngcstanvcn haben, jeooch mit der Klausel, daß die äußeren Verhältnisse Deutschlands zu den übrigen Staaten dieselben bleiben. Der König von Holland und der König von Dänemark sollen al|O nach wie vor nutbeschließen über Deutschlands Wohl und Wehe. Aber „innere" Reform, was soll vaS heißen? Der Ezar will die strengste Restauration der Verträge von 1815! Wohlan denn, wenn Oesterreich wirklich Reformen vorschlägt, kann es Hessen-Homburg oder Liechtenstein, kann es Holland oder Dänemark zwingen, dazu ihr Ja zu geben, wenn sie Nein sagen wollen? Sie haben kraft des alten Bundesrechts die Besugniß, sich zu widersetzen und jede Veränderung altbundesrechtlich zu hintertreiben. Daß Die kleineren Staaten dazu benutzt werden können, sich auf allerhöchsten Befehl großartig störrisch zu zeigen, lehrt Die Geschichte der Ickten sayre, wo das al- lersouveränfte Hessen-Homblirg bekanntlich in fortwährender Rebellion gegen Relchsverweser und Parlament gelegen hat.
Es wäre also gar nichts Unmögliches, daß das Schwert, das Rußland seinem Alliieren Oesterreich in die Hand gedrückt hat, sich grave gegen Oesterreich selbst wendete, invem die kleinen Souveräne, sich auf das alte Bundesrecht steifend, jeden Replsionsversuch unmöglich machten. Denn Jemand zwingen wollen, etwas gegen das alte Bundesrecht zuzugeben, hieße den Czar, als Protektor des Jahres 1815, ins Gesicht schlagen. Wir haben bei dieser ganzen Betrachtung abgesehen von Preußen; doch wir brauchen diesen Namen wohl nur zu nennen, und jeder wird fühlen, vaß, wenn Oesterreich nicht ganz ohne Reformen an die „Reaktivirung des Bundestags" gehen kann, Preußen durchaus noch mehr thun muß. Norvdeutschlanv wird sich nun unv nimmermehr ohne ein Parlament in Frankfurt befriedigt fluten, und Preußens Regierung fühlt dies so tief, daß gerade in Der Furcht, eS mit der reichen Bourgeoisie für immer zu verderben, eine Hauptursache ihres langen Schwankens liegt. Man nehme Preußen aber diese konservative Bourgeoisie, so hat man ihm den Kredit und mit diesem Die Armee
gebrochen, so hat man cs auf Gnade und Ungnade der Revolution ausgeliefert.
Dies Alles wohl erwogen, ergiebt sich, daß man reformiren will, weil man muß, doch baß man nicht kann, wie man will, weil man im rechte» Augenblicke nicht wollte, wie man konnte. Es ergiebt sich, daß die deutsche Revolution in demselben Stadium steht, wie die Reformation im Jahre 1414 auf dem kostnitzer Konzil. Wie damals alle Welt die dringendste Nothwendigkeit der Verbesserung an Haupt und Gliedern derKirche fühlte, doch wie damals das Haupt keinen Ernst mit der Reform machte, weil cs sich sonst zuerst selber Der Kirche hätte zu Füßen legen müssen; wie damals im Gegentheil erst die Unverbesserlichkeit der autokratischen Spitze der Kirche und zugleich die Unmöglichkeit, zu reformiren ohne zu revolutioniren, sich recht tief in Aller Herzen einprägte, so wirv eö auch mit Dem Bundestage gehen. Die Dynastien können diese Assekuranz- gesellschaft gegen alle ihrer Souveränität drohenden Gefahren nicht entbehren; sie dürfen zu keinen durchgreifenden Reformen ihre Zustimmung ertheilen, ohne ihre Sanderinteressen zu gefährden; die Bocker aoer müssen Reformen im G iste der neuen Zen durchseht» , wenn sie nicht moralisch und materiell z «gleich an Den B tbchkab gerate n wollen. Folglich wird es einen älMch, n Verlauf, wie von 1414 bis 1517 geben: Die Spitzen werden sich immer scharfer zuspiycn, Die Glieder immer breiter entfalten, bis die Stunde schlägt, wo cs heißt: biegen oder brechen! Das Ende von Der Entwicklung des 15. Jahrhunderts war, daß 'Rorbdeutschlaud und die kräftigsten Länder des Süd- westtns in derKirche das mv »archischc Prinzip abwarfen und das demokratische, wonach jeder Laie Priester ist, zum Siege führten; co kann nicht fehlen, daß auch die politische Neformalion zu densrlbn Resultaten gelange, ja es ist dies so klar und gewiß, vaß es den Staat.cküiistl ru der Cviitrercvolutio» ohne Zweifel nicht minder bekannt ist, alo aiider» vernünftigen Leuten. Nur darin scheinen sie sich zn tâusch n, daß sie glauben, bis zu jenem Wendepunkt könne gleichfalls noch ein Jahrhn teert vergehen; nur Darin scheinen sic wieder in Den alten Wahn verfallen zu sein, daß sie deuken wie der alte Kaiser Franz: »Mich und Den Metternich hält'S noch aus!" Es ist eine fürchterliche Politik, die Politik mit dem Motto: „Apres nous le déluge!“ Aber die deutschen Dynastien haben diese Politik geführt von 1815 bis 1848, wo der gute Geiiius des monarchischen Prinzips noch zu rechter Slunve an die Pforten Der Residenzen pochte, seinen Warnruf erhob und die Dynastien durch Nachgeben, durch Eingehen auf Die Nevolutionsnothwendigkeit rettete. Wenn jetzt Alles wieder restaurirt wird, so wird auch Die alte Verblendung auf Der einen und der alte Haß auf der andern Seite restaurirt; aber wird, wenn Der Hahn wieder kräht, die Monarchic noch einmal einen Judas Mathv finden, Der Die Revolution verkauft um eine Staats- rathsbesolvung, und einen Petrus Gagern, der
^D i e Hugenotten.
:W Ich habe diese Oper im Jahre 1844 in Müii- chcu und neulich, als Frau Anschütz gastirte, in Wiesbaden gehört. Der Vorstellung in München hat König Ludwig bis zum Ende beigewohnt und sehr häufig applauvirt; bei Der Aufführung in Wiesbaden war Graf Cha in bord zugegen mit seiner geistlichen Ca- marilla, entfernte sich aber ganz still gegen das Ende deS 4ten Aktes. Jene erste Vorstellung war Theater- spiel, Die letztere dagegen war Leben, sie hatte daS Ueberwältigende der Wahrheit, der W i r k l i ch k e i t. Die Vorgänge Der letzten Jahre haben uns erst das rechte Verständniß dieser großen Oper eröffnet. Früher konnte man das Kunstwerk anstaunen, jetzt reißt uns Die Natur, die in dieser Dichtung waltet, zur Bewunderung hin. Früher entzückte und erschütterte uns Diese Welt der Töne; jetzt machen wir die überraschende Entdeckung, daß diese musikalische Schöpfung Die wirkliche Welt darsteUe, das Menschenleben, wie es ist, wenn die Macht der Gewohnheit gebrochen und Die Leidenschaften und Gefühle in ihrer ursprünglichen Kraft und Fülle einherbrausen, wenn die starre Eisdecke gewichen ist und der frische lebendige Strom wieder erscheinen kann. Alle Menschengattungen, wie sie in großartig bewegter Zeit aufzutreten pflegen, erblicken wir in den Hugenotten. Valentinens Vater hängt mit fanatischer Gluth am Alten, Der Gatte ter Valen
tine repräsentiert die solide Gewöhnlichkeit, Marcell ist Der personisizirte felsenfeste Glaube, Valentine das ab» .fohlte Weib, nur gehorchend Der heiligen Macht der Liebe und Raoul schwankt unaufhörlich umher zwischen „Liebe" und „Glaube". — — Es ist eine alte Sage, daß Der Herr in Gestalt einer Fenersänle vor Den Kindern Israels einhergezogen sei, sie zu geleiten durch Die Wüste Arabiens. Das aber ist Wahrheit, daß Gott als Die Fenersänle Der Liebe sich eingesenkt hat in des Weibes Herz, es zu führen durch die Wüsten des Lebens. Jedes edle Weib nährt in sich diese reine Lie- besflammt, wie Die Vestalin Die Flamme des Altares, und was es in Den Bereich seines Herzens zieht, wird vom Feuer des Zornes verzehret oder durch die Flamme der Liebe geläutert und verklärt, je nachdem Der Gehalt gemein oder edel ist. Was aber diese Feuerprobe bestanden hat, das wohnt ewig im Herzen des Weibes — keine Macht Der Erde vermag eö zu verdrängen. So ist Valentine. Die Liebe ist ihr Glaube, ihr Natur- und Sittengesetz. Die Liebe ist Die Macht, mit Der sie alle Bande, — von der blinden Natur und von Gewohnheitsmenschen geknüpft - zei reißt. Dem Gott der Liebe opfert sie die Götter der Menschen und Marcell, der „ Laie ", segnet Den Bunv der freien Liebe. Welcher Contrast zwischen Dieser Scene und derjenigen, in welcher Die Priester Die Verschwörung gegen Die Hugenotten seihen und weihen, jene Priester, welche Christum nicht nur pro forma in der Messe, son
dern in That und Wahrheit opfern, so oft sie ihm begegnen im Leben. Nicht nur die Schrecken der Bartholomäusnacht, ^auch alle Gräuel unserer Zeit, in welcher das Pfaffenthum im Bunde mit der weltlichen Reaktion die Freiheit bekämpft, in welcher es Priester gibt, die die Standrechtskugel segnen — alle Gräuel dieser Zeit schlagen an unser Ohr, wir finden sie vor- gcbildkt in der Musik dieser Scene. — Wenn aber im fünften Akte Marcell seine Glaubenshymne anstimmt, Dann wird uns klar, daß Liebe und reine Begeisterung mächtiger sind, als Eigennutz unv finsterer Fanatismus. Die ganze Kraft jener fanatischen Verschwörung verpufft in einzelnen Gewehrsalven; die Macht der Liebe unv des Glauben's aber, Die uns in Valentine und Marcell entgegentritt, verbürgt den Sieg der guten Sache, verbürgt eine Zukunft, in der nicht mehr frommer Betrug und blinveS Herkommen, sondern freie sittliche Liebe alle Verhältnisse und Zustände beherrschen und durchdringen werden.
Sind wir nicht mitten in der Tragödie unserer Tage, wenn die Hugenotten dem todtbringenden Feuerrohre ihr Glaubensliev ciitgegensetzen? Glauben wir nicht unsere Märtyrer vor Augen zu haben, sie, die Angesichts der Standrechtskugel ihren Idealen ein Lebehoch bringen? Und wenn der Vater der Valentine herbeistürzt und unter den auf seinen Befehl Niederge- schossenen seine Tochter findet; wird dabei nicht manche Geschichte der letzten Jahre in uns lebendig, von Bä-