„âeLhcrè und Recht!"
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Wiesba-cr?. Samstag 31. August
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Die ,.Frcic Zeitung" erscheint, mit LuSnadme deS â'tontagS, tujiiJ) in einem Vogen. — Der AoonnementSpreis betragt viertellâ^iq »te? in Wiesbaden I fl. 45 ft aUf< wärts durch die Post bezogen mit verdältwßmäßigem Äufschiage. — Zuserate werden bereitwillig ausgenommen und fiuv bei der großen Äerdreitung der „Freien Zeitung" stets von wirk, fantein Erfolge. — Die JnserationSgedühren betragen für die vierspaltige Petttzeile 3 Kreuzer.
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Das deutsche Ge ehrtenwesen.
„An ihren Fruchten sollt ihr sie erkennen!]"
X Leider ist es nur zu wahr, daß unsere gepriesenen Höbern und höchsten deutschen Bildungsanstalten so gänzlich hinter den Zeitbedürfnissen zurückgeblieben sind, daß ihre gründliche Umgestaltung eine wahre Riesenarbeit zu werden droht. Fast haben sie zum Volksbewußtsein eine Stellung, wie im Reformationszeitalter , wo auch viele der einst gefeierten Hochschulen verödeten, weil sie in scholastischem Wüste erstarrt waren, während andere sich durch Anschließen an die Zeitbewegung hoben und neue Brennpunkte einer lebensvolleren Bildung einen bewunderungswürdigen Aufschwung nahmen. Auch in unsern Tagen pocht eine neue Aera an die alten Tempelpforten der Weisheit; aber wo ertönt ein freudiges Herein aus dem Munde ihrer Priesters Ist kein Hutten da unter unserer streitbaren Jugend? Schlägt kein Luther die Thesen der neuen Weltordnung an die Thüren unserer Universitätskirchen? Ach es möchte wohl mancher den Hutten und den Luther spielen, doch — „Wasser thut's freilich nicht!" lind von der Mehrzahl unserer Professoren sagt das Volk nur zu wahr: „Je gelehrter, je verkehrter!" und hält sie eben deshalb für unverbesserlich. Unter diesen Buch- stabenmenschen hat sich eine aufgeblasene Erbweisheit gegen alle, welche keine Triennium absolvirt haben, kingenistct, welche mit dem mittelalterlichen Priesterhochmuthe gegen die Laien sich füglich meßen kann. Und neben diesem Gelehrtendünkel erblicken wir einen Kleinmuth gegen „Höhere" und „Obeie", wie er sonst gleichfalls nur in Kutte und Soutane vorzukommen pflegt. Sind das die Herolde des freien Geistes? Wein, es sind die Hüter am Grabe der gekreuzigten Wissenschaft, es sind die wohlbestallten Hirtenf, welche unsere hoffnungsvolle Jugend auf der dürren Haike ihrer Hirngespinnfte weiden und sie zurichten für die Fleischtöpfe des Staatsdienstes.
Bedientenseelen bilden nur Bcdientenseelen! Unter den Händen dieser Schriftgelehrten und Pharisäer wird derDünkel permanent, die Verachtung gegen das „dumme Volk" zum Dogma, die Unfehlbarkeit zur fixen Idee. Wer eine oder mehre deutsche Universitäten besucht und noch so viel Selbstcrkenntniß, Achtung vor der Menschheit und praktischen Verstand gerettet hat, daß er einen unbefangenen Blick zurückwerfen kann in das, was ihm dort geboten wurde, und hinaus auf das, was das Leben von ihm fordert, wenn es menschlich und männlich durchlebt werden soll, wird er nicht tausend- und aber tausendmal über die ihm gestohlene kostbare Ju- geiidzeit und das viele nutzlos, wo nicht zu offenbarem Leibes- und Secleuverderben vergeudete Geld zu seufzen Veranlassung finden? Wie manchem begabten Manne ist es nur nach den unsäglichsten Anstrengungen und Opfern gelungen, sich nach und nach von dem doktrinären Gifte zu befreien, das seinem arglosen jun
gen Herzen dort eingeimpft wurde! Wie mancher konnte seinen Kopf nie ganz von der Gelehrtentonsur befreien, die ihm dort geschoren ward! Ein großer Theil unserer Bureaukratie führt deshalb ein so unerquickliches Leben und Wirken, weil ihr in den Jahren, wo der Mensch am Empfänglichsten für das Gute, wie für das Böse, für Menschenliebe, wie Volksverachtung ist, Theorien als unumstößliche politische und soziale Wahrheiten cingeprägt wurden, die jeder Unbefangene, jeder Nichtstudirte für reine Gelehrten- schruUen, oder für hohlen Doktrinärismus erklären und als unzeitgemäße, volksvcrderbliche Abstraktionen bekämpfen muß. Daher die vielen leidigen Beamten, die schlecht für das Landeswohl und nicht minder für die Regierung selber wirken, der sie nur zu oft unzuverlässige, unpraktische Werkzeuge sind, der sie durch unzeitigen Amtseifer und unverantwortliche Taktlosigkeiten fortwährend Schwierigkeiten bereiten und Gefahren heraufbeschwören. Ist es Thatsache, daß unsere Revolution vorzugsweise durch die Gelehrten verpfuscht wurde, so ist es nicht minder wahr, daß die Zöglinge dieser Hochschulen es vorzugsweise waren, welche die Revolution durch ihr unpraktisches, taktloses Wirken und hochfahrendes Benehmen gegen das unftu- dirte Volk heransbeschworen hatten und immer von Neuem heraufbeschwören werden, so lange sie bleiben, was sie waren, während die Völker sich mehr und mehr gegen dieses Maudarincuthum ereifern und erhitzen. Es ist häufig gefragt worden, weshalb der deutsche Adel seit Hutten's Zeiten eine für des Vaterlandes nationale und freiheitliche Entwickelung so untergeordnete, fast ganz passive und noch öfter verderbliche Rolle gespielt, warum er sich zum reinen Hofadel degradirt habe, während er doch sehr leicht eine großartige Rolle, gleich dem englischen, hätte spielen können? Die Antwort liegt sehr nahe: xs war keineswegs immer des deutschen Adels Faulheit und Bilvungsunfähigkeit, wie man so oft behauptet hat, im Gegentheil war es eine im Prinzipe nur zu lobende Achtung vor Geistesbildung, welche zu diesem Resultate führte. Denn, seit die Reformation ihren Zug durch die germanischen Länder begann, warf sich die Jugend des Adels auf die Gelehrsamkeit. Man wollte mit den römischen Patriciern , wie mit den alten Griechen wetteifern; man wollte dem Zeitgeiste huldigen. Aber der Geist des Doktrinarismus war bald so mächtig, daß er die V 0l ks t hü in Iiche Bildung erdrückte. Es wurden statt deutscher Männer von Herz und Sinn Memmen geschult, die drei Jahre lang sich in allen Lüsten ergingen sich entnervten und blasirten und die dann ihren Uebermuth gegen den Philister auf das „dumme Volk" übertrugen. Ohne Sonne in sich, drängten sie sich in den Sonnenschein der Gunst; ohne Halt in dem Volke, klammerten sie sich ängstlich an den Thron. Wer die Kultur- und Literaturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts kennt, wird diese Andeutungen nichts weniger als übertrieben finden. Das Gclehrtcnthnm saß so fest,
daß die Heroen unserer Aufklärung im vorigen Jah-- ^unbert wohl dagegen aukämpfen, doch es so wenig , brechen konnten, daß sie nur zu oft in späteren Jah- 1 ren demselben Uebel erlagen. Weder Göthe noch i Schiller machen hiervon eine Ausnahme; nur der I große Lessing und der gleich große Georg Forster blieben bei ihrem eminenten Wissen frisch und frei von : jenem Mandarinenthume.
Einen Aufschwung schien das Nniversitätswesen in dm I ersten Decennien des jetzigen Jahrhunderts nehmen zu 1 wollen; doch man fiel aus einem Ertreme ins andere i und deßhalb bald wieder desto tiefer ins alte Unwesen ; zurück. Es entwickelte sich die gefühlsschwelgerische, 1 doch desto geistlosere Romantik, ein Phrasenthum hohl L und stolz, eine politische Donquiroterie, die gegen 1 Windmühlen focht, doch mit dem wirklichen Feind schmollirte. So entfaltete sich die Jugend mit breiter Brust und kleinem Hirn, mit „bärbeißigen" Manieren und „hündischem Schweifwedeln"; kurz es bildeten sich 1 die Helden der Paulskirche: deren Repräsmtanten Heinrich von Gagern, Jahn und Arndt sind. — Und als : das Verschwören ohne Sinn und Verstand, das „Pauken" ; und Biersaufen ausgetobt war, entfaltete sich jene Blüthe ' des doktrinären Constitutionalismus, die w r in Dahl- ; mann, den Beselern und Gervinus zu bestaunen so oft traurige Gelegenheit hatten. In den dreißiger Jahren politistrte man auf der Hochschule liberal, man erging sich in Theorien, nach den gegebenen Verhältnissen, â la Dahlmann; man schimpfte auf Börne â la Ger- vinns; man machte kleine Emeuten â la Göttinger Sieben, und Verschwörungchen, wie in Heidelberg unv Weinheim; aber man blieb vor Thronen und Bureaukratie stehen. Man redete vom todten Bundestage und begrub ihn nicht; mm baute ein Parlament und befestigte es nicht; man machte Verfassungen und verwirklichte sie nicht; man theoretifirte und doktrinirte, man vereinbarte und gebahrte sich so bodenlos bornirt. bis der raffinirte Absolutismus in Gestalt der Herren von Radowitz und Schmerling sagen durfte: „Nun genug der Possen!"
Das ist der Segen unseres Gelehrtenthums, wie es war und ist und leider bleiben wird, bis die Demo- ' kratie Herkules genug geworden ist, um diesen Augiasstall zu reinigen. Aber noch ist Dieser alte Kastengeist so stark, daß es ein schweres Stück Arbeit geben wird, wobei — fürchten wir — dann im Zorne mit dem Schlechten auch manches Gute zertreten werden wird. Die Fortschritte des neuen Geistes find in der jungen Generation seit den letzten Jahren überaus erfreulich: es verbinden sich Kraft mit Anstand, Freimuth mit Bescheidenheit, Wissen mit Gemüth, Bildung mit praktischem Sinne, Feecheitsliebe mit Ausdauer und Besonnenheit immer inniger. Es ist eine Freude, das junge Deutschland sich so entfalten zu sehen! Nur auf den Hochschulen will dieser Geist nicht gedeihen. Das frivole Treiben des geschniegelten Wüstlings tritt uns nur zu oft entgegen.
Zwei Nepnb ! ikaner von Carl Bölsche.
(5m Verlage Von Meidinger zu Frankfurt a. M.)
(Fortsetzung.)
^: Das Benehmen Carrels allen Unreinheiten und Geheimtreibereien gegenüber, zusammengehalten mit seinem Auftreten zur Zeit äußerer Niederlagen liefert uns erst das treue Bild seines Charakters. Carrels Freiheitslicbe wurzelte ganz und gar in den Tiefen seines Wesens, sie sog ihre Nahrung unmittelbar aus dem Blute seines Herzens. Aeußere Strömungen vermochten daher nie seinem Handeln jene Ruhe in der Leidenschaft, jenes schöne Maß zu nehmen, die viel mächtiger wirken und ergreifen, als Zügellosigkeit und fanatische Uebertreibung. Immer war er der unerschütterlich starke Fels, — mochten die Wogen von der Fluth ihm zugetrieben oder durch die Ebbe von ihm weggescheucht werden; niemals verlor er sich in der allgemeinen Strömung. In seiner ganzen Größe lernen wir ihn kennen in der Zeit der Reaction, welche auf die obengeschilderten Aufstände folgte. Bölsche schildert ihn in dieser Situation folgendermaßen:
„Eine aus Den ergebensten Anhängern und blindesten Werkzeugen des „Systems" zusammengesetzte Kammer sollte also über die Republikaner das „Vae victis!“ sprechen. Dazu kamen die rasfinirtesten Mißhand- lungen der Untersuchungshaft, Vorfälle so schcus lieber
Art, daß sie jedes thcilmhmcnde Gemüth empörten. Die Parteien lernten seit Robccpierre's Tagen zum ersten Male wieder, was tödlicher Haß sei. Durch einen Staatsstreich war die „Tribüne" bereits unterdrückt; über dem „National" bi^g das Damoklesschwert. Carr el hatte die Exaltirtcn gewarnt: sein Rath war nicht besorgt worden; er hätte bedauern, doch sich in einer Sache neutral verhalten können, die persönlich nicht die seifige war und deren Verfechtung nach der Niederlage ihn in Die gleiche Gefahr verflechten mußte. Doch kleinliche Bedenken waren seine Sache nicht, wo eS den Prinzipien der Demokratie und der Vertheidigung Wehrloser gegen die Tücke einer übermüthigen Gewalt galt. Schon saßen vier der Geranten des „National", darunter Carre l selbst, im Kerker. Dennoch ging das Blatt einen kühneren Schritt als je zuvor. In ter Nummer vom 10. December brachte der „National" über die richterliche Kompetenz der Pairs einen Artikel, der ein zweischneidiges Schwert war. Nachdem auf Die Grünte, wodurch sieb Die Pairskammer bewogen fühlen mußte, sich hinsichtlich der Aprilgefangenen für incompetent zu erklären, hingedeutet, und ihr dabei der an Ney verübte Justizmord als warnendes Exempel vorgehalten worden, hieß cs weiter: „Nein, in den Augen der ewigen Gerechtigkeit, der Nachwelt und nach dem Zeugnisse ihres eigenen Gewissens sind Die alten Senatoren und altersschwachen Marschälle Bonaparte's, die Ge- neralprokuratoren, die unter der Restauration Geadelten,
die drei oder vi-r Generationen von Ministern, welche dem Hasse und Der Verachtung erlegen und mit unserm Blute befleckt sind, nicht kompetent; nein, alte diese knechtischen Elemente, welche Durch einig" Notablitâten des Königthums vom 7. August aufgefrischt sind, haben den Beruf nicht, über Männer zu richten, welche sich im ■ Anklagezustände befinden, weil sie Die Konsequenzen der 1 Julncvolutivn haben verwirklichen wollen." Schließlich ; ward über den Commissionsbcncht, Der von Portalis, : dem ehemaligen Minister Der Reaction unter Karl X
verrührte, „der Ekel ausgesprochen, den jeder rechtliche Mann oder gebildete Geist beim Lesen dieses Aelenstückes empfinden müssen." — Bei diesem Artikel, Der Derber, als es sonst Die Art des stets m Der Form gemessenen 1 „Nat onal" war, knirschten Die Getroffenen. Die Pairs-
kammer bis*(oft auf Segur's Antrag, den Gerant Rouen vor Die Schranken zu laden. Dieser suchte Die Erlaubniß nach, sich von seinem im Kerker sitzenden Freunde Car re l vertheidigen zu lassen. Am 15. December erschienen beide vor der Pairskammer. Rouen (von dem der „National" nicht zu bemerken unterließ, daß derselbe unter der Restauration einen seiner jetzigen Richter, Den gewesenen Siegelbewahrer Barthe, in den Bund des Karbonarismus ausgenommen, wobei dieser Dem Königthum ewigen Haß in seine Hand geschworen habe!) sprach nur wenige Worte, welche sehr gemäßigt gehalten waren. Hierauf erhob sich Carrcl als Vertheidiger. Sein Gesicht verrieth Die ganze Empörtheit seines Gemüthes, seine Haltung