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â ; Oi. Wiesbaden. Sonntag, 23. August L8KO

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Ueber das Derhält.riß der TTegènspektoreu zu den ChansseebezirksinspekLoren.

Von der Lahn. Wir versprachen bei Gelegen­heit der Besprechung des Wasser- und Straßenbaues in Nassau dem obengenannten Verhältniß, welches durch eine Verordnung geregelt ist, ein besonderes Kapitel zu widmen, was hiermit in der Kürze geschehen soll.

Die genannte Verordnung, welche noch aus der Blüthezeit der Bureaukratie datirt, ist ein Ausfluß jenes bureaukratischen Centralisations-Systems, welches die Verwaltungs Beamten mit dem Glorienschein der Unfehlbarkeit zu umgeben sich bemühte und dadurch nicht selten die wichtigsten Interessen dem Eigenthum oder der üblen Einsicht des Beamten zum Opfer brachte. Bevor wir zu einer Kritik derselben übergehen, wollen wir zuerst bemerken, daß das Herzogthum in 2 Chaussee- Bezirke eingetheilt ist, deren jedem ein Weginspektor mit einer Anzahl Accessisten vorsteht. Neben den Weg- inspektoren, deren Bezirke allerdings allzugroß sind, bestehen noch Bezirks-Inspektionen, welchen K.eisamt- leute, Justizamtleute, Neeepturbeamte und ähnliche Leute vorstehen und welchen die mehrerwähnte Verordnung zur Richtschnur dienen soll.Die Vollziehung der jährlichen Erigenz-Etats" so heißt cs in derselbenist im Allgemeinen Obliegen­heit der Bezirksinspektoren. Sie ordnen daher, sobald die Etats festgesetzt sind, die Arbeiten an, führen darüber eine ununterbrochene Aufsicht und sorgen da­für, daß die Ausführung zweck- und aceordsmäßig ge­schehe." (sic!)

Wenn wir wüßten, daß diejenigen Beamten, welche man zu Bezirks - Inspektoren stempelt, ein Dien sichen, das, nebenbei gesagt, einige hundert Gulden einträgt sich einem Eramen in dem Straßenbau zu unterziehen hätten, so würden wir uns weit weniger über eine solche Art, den Gehalt der Beamten zu vergrößern, wundern; da jedoch die meisten, um nicht zu sagen alle diese Beamte eingeständlich von Straßenbau eben­sowenig verstehen, wie jeder A,B,C-schüler, so ist es in der That sehr schwer zu begreifen, wie man solchen Männern tu diesem Fache die Ueberwa- chung der Ausführung einer Straße anvertrauen mag. Die nnverzeihlichstcu Fehler und schlechte Ausführun­gen sind eine nur allzu natürliche Folge.

Die Bezirks-Inspektoren sind dein Oberweg-In­spektor koordinirt und wenn gleich dieser in allen rein technischen Angelegenheiten -eine entscheidende Stimme hat, so steht ihnen doch umgekehrt in rein administra­tiven Sachen die Entscheidung zu; auch bleibt es ihnen unbenommen, wenn sie in technischen Gegenständen von der Ansicht des Weg-In­spektors abweichen, ihre Meinung der Her­zoglichen Landes-Regierung in einem zu­reichend motiv irten Antrag vorzu legen." Mit andern Worten gesagt, heißt dieses nichts ande­

res, als: die Weg-Inspektoren haben zwar in techni­schen Angelegenheiten eine entscheidende Stimme, aber nur in sofern, als ihre doch wohl gegründetere- Ansicht nicht der des Bezirks-Inspektors, d. h. des Kreis-, Justiz.- oder Reccpturbeamtcn entgegenstcht. Es ist dieses ein großartiges Armuthszeugniß, welches die Oberbehörde den Technikern ausstellt, indem sie annimmt, daß der Laie bessere Ansichten haben könne, als der Techniker, eine Unterstellung, welche mit Rück­sicht auf frühere Straßenanlagen wohl gerechtfertigt gewesen sein mag, -vermalen jedoch nicht mehr maß­gebend sein darf.

Daß das Verhältniß des Weginspektors zu dem Bezirksinspektor in der That kein coordinirtes sein kann, erhellet aus folgendem Satz:Außerdem handeln die Bezirkslilspektoren mit dem Weginspektor gemeinschaft­lich und coiitwUireH be^en Drenstführung in der Art, daß sie in Fällen, wo sie glauben, daß der­selbe von seiner Instruktion abweiche, ihn hierauf auf­merksam machen und der Herzog!. Landes-Regierung davon die Anzeige thun." Also der Amtmann, der absolut gar nichts von Technik versteht, controllirt den Techniker!

Die Wegewärter, welche vernünftigerweise ihre In­struktionen doch nur von einem Manne von Fach er­halten sollten, sind zunächst und ditekt dem Bezirksin­spektor untergeordnet, dem es allerdings bei schwerer Ahndung untersagt ist, sie zu Privatzwecken zu be­nutzen.

Ein nicht minder auffallender Passus der genann­ten Verordnung ist der folgende:Der Bezirksmspek- tor man verstehe unter demselben immer einen Ver- waltungsbeamien soll bei der Aufnahme der Eri- genzetats zugegen sein und den Weginspektor hierbei mit seinen Erfahrungen C) und Lokalkennmiffen unter­stützen. (Wirklich?)

Bei abweichenden Ansichten sollen beide die Sache prüfen und wenn sie sich nicht vereinigen können, ein von Beiden zu unterschreibendes Protokoll abfassen, in welchem sie ihre beiderseitigen Ansichten niederlegen und welches der Bezirks-Inspeccor demnächst der Herz. Landes-Regierung mit Bericht einsendet!!!" Wer da weiß, daß früherhin und wohl auch jetzt noch, alle Entscheidungen der Regierung lediglich nach Maß­gabe der Berichte der betreffenden Beamten getroffen wurden, und daß sich in einem Berichte vieles ganz anders 'darstellen laßt, als es in Wirklichkeit ist, der wird leicht begreifen, daß in solchen Fällen immer der Techniker unterliegen muß, besonders bei der Art und Weise der Zusammensetzung des Bau-Collegiums.

Diese stete Abhängigkeit des Technikers von dem Verwaltungs-Beamten erstreckt sich auf des Ersteren ganze Wirksamkeit und ist eine natürliche Folge des vormärzlichen bureaukratischen Centralisations-Systems, welches selbst die Wissenschaft zu Gunsten seiner Herrsch­sucht bevormundet.

Würde man anstatt der sogenannten Bezirks-Jn-

speckoren dermalen 23 an der Zahl noch circa 5 bis 6 Weginspectorcn anstellen, so würde neben ei­ner, in jetziger Zeit durchaus nscht zu verachtenden Ersparung der Zustand unserer Straßen wohl ein bes­serer werden, insofern inan sich dazu verstehen wollte, dem Techniker die ihm gebührende miabhängige Stel­lung anzuweisen, ohne welche, selbst bei dem besten Willen und ausgebreitetsten Kenntnissen ein erfolgreiches Wirken nicht möglich ist.

Es kann unsere Absicht nicht sein, unsere Vorschläge hier des Weiteren auszuführen; wir beabsichtigten ledig­lich auf das Unzweckmäßige der dermatigen Organi­sation des Straßenbauwesens aufmerksam zu machen, obschon wir uns unter den obwaltenden Verhältnissen, wo man sich so rücksichtslos über die öffentliche Mei­nung hinwegsetzt, keinen Erfolg davon versprechen.

Der Friedenseongreß.

Frankfurt, 23. August. Die Neugier hat sich gesteigert, das zuschaucude Publikum wogt überaus leb­haft herbei. Der Congreß behält auch heute den quä­kerisch politischen Character. Der liebe Gott spielt eine Hauptrolle. Zuerst-wird, wie weiland die Flotten- beiträge, eine Reihe Schriften auf den Altar des Fric- dens gelegt. Georg Stacey, Sekretär, vertheilt seine Schrift überdie Unvereinbarkeit des Krieges und aller Gefechte mit den Lehren des Evangeliums." Die Schrift scheint nur für protestantische Pfarrer von In­teresse zu sein. Unter den andern Gaben nenne ich Laurents »Histoire du droit de gens et de relatièns internationales* und Redens neueste ^statistische Zuschrift über den Krieg.

Es handelte sich heute vorzüglich um die fielen» den H^ere, diesemPfahl im Fleische" der Völker, um mit dem Apostel Paulus zu reden. An Gemein­plätzen über dieses Thema fehlte es nicht. Hr.Hind­ley aus dem englischen Parlamente belegte mit stati­stischen Notizen, daß der Krieg stets der Völkerverder­ber gewesen und deshalb besten erste Ursache, die ste­henden Heere, abgeschafft werden müßten. Der hiesige Rabbiner Stein erhob sich, um in Bildern ans dem allen Testamente, untermischt mit Hebräisch,die Taube des Friedens aus der Arche des Gedan­kens vom glänzenden Ararat unserer Zeit fliegen zu lasten." Von der Geschmacklosigkeit des Mannes ab­gesehen, hatte er ziemlich vernünftige Gedanken über ein Feld, das ihm allerdings sehr fern liegt. Von dem Friedenscongreffe schloß er, werde einst gesagt:Er nahm dem Himmel den Blitz und den Tyrannen das Scepter!" Sie sehen, an Muth steht dieser Mann Gottes dem Edlen von Gagern nicht nach; aber alt- testamentarische Redeblumen thuns freilich noch nicht. Praktischer war die Bemerkung des Geistlichen Bul­lard aus Missouri, der unter Anderem darauf Hiir- wies:Wir haben ein Land, das größer ist als ganz Europa; wo sind unsere stehenden Heere ( Wenn wir

Ein Turnverein.

^: Es handelte sich darum, einen Turnverein zu gründen. Im engeren Kreise wurden die Statuten be­rathen. Nachdem allerlei über den Zweck und die Be­deutung beclamirt worden war, erhob sich Albert, ein stämmiger Arbeiter, in dessen Gesicht der Ausdruck des blauen Auges die bärtige Wildheit Lügen strafte, und ließ sich also vernehmen: .Auch ich sehe den Turnverein als eine Schule für das soziale und politische Leben an, finde aber das Mittel hiezu nicht in der Phrase, sondern in der That. Der Verein darf sich nicht damit begnügen, seinen Mitgliedern die Gelegenheit verschafft zu haben, sich Kräfte anturnen zu können, er muß zugleich lehren, welcher Gebrauch ,von diesen Kräften zu machen sei, er muß seinen Mitgliedern Halt und Richtung für's ganze Leben zu gißen suchen. Wenn er dies versäumt, so kann sich's ereignen, daß mancher junge Mensch sich eine breite Brust hcrbeiturnt um recht viel Pla) für Orden zu

en. Unser Verein soll Vorbereitung für's spätere en werden, er kann dies aber nur dann sein, wenn selbst durch und durch Leben ist. Auch Poesie soll er Vereinsleben athmen, auch Feste dürfen nicht en; aber es soll dies nicht künstlich herbcigczogcn den, es soll sich natürlich aus dem Sein und sen des Vereins ergeben. Hört nun meinen, in lige Punkte zusammcngedrângtcn Vorschlag:

1) Jedes Mitglied liefert am Schluffe des i Quartals ein Erzeugniß seiner eigenen Kraft an ! den Verein ab, das Produkt muß jedoch leicht zu verwerthen sein. Wer in Folge der Eigenthüm­lichkeit seines Geschäftes einen solchen Gegenstand nicht herzustellen vermag, vereinigt sich mit An- deren zu einer gemeinsamen Arbeit.

2) Die so entstehenden Produkte werden öffent­lich ausgestellt und verloost.

3) Eine Commission, in die nach und nach alle Mitglieder des Vereins kommen müssen, hat die Aufgabe, die Familien und einzelnen Persön­lichkeiten ausfindig zu machen, für deren Noth oder augenblickliche Verlegenheit die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit keinerlei Sibi)ulfe oder Linderung gewährt.

4) Diesen Persönlichkeiten und Familien wer­den nach sorgfältiger Prüfung des Commisfions- berichtet die durch die Verloosung der Vereius- produkte gewonnenen Geldmittel in der zartesten Weise zugewiesen.

Der Mensch, fuhr Albert fort, dessen Arbeitskräfte im Dienste eines Andern stehen, dessen Arbeitsfrüchte von diesem Anderen aufgczehrt werden, der ist ein Sklave. In jedem Menschen lebt ein Thier und ein Gott. Wer nur arbeitet, um essen, trinken und sei lasen zu können, der ist ein Sklave des Thieres in ihm, wer aber einen

Theil seiner Arbeitsfrüchte dem Allgemeinen zuwendet, der dient, der opfert dem in ihm lebenden und webenden Gort. Wir wollen das ganze Leben unseres Vereins einen solchen Gottesdienft sein fassen, wir Ivoilcn durch aissoxfcrnde Liebe unterer Arbeitskraft die wbre, göttliche Weihe geben; das meine Brüder sei unsere Poesie.

Die vorgcschlagcncn Commissionen werden ein heil­sames Mittck sein, unsern Turnern die Wunden des Geseilschaflskörpers vor Augen, die Schmerzen der Un­glücklichen zu Herzen zu führen. Was aber auch das Auge sehen und das Herz fühlen möge, es werde nicht als verzehrender Gram eiugeschlvssen in die schweigende Brust, es belebe und bewege vielmehr den männ­lichen Arm, es werde H ü l fe, es iwrOe T hat. Die gemeinsamen Arbeiten werben unsern jungen Leuten die Vortheile und Wirkimgcn gewerblicher Assozi a« ti oncn klar und deutlich machen; die Ausstellungen werden dem tüchtigen Arbeiter Ancrkennnng verschaffen. Ist das nicht ein ganz anderes Leben, als wenn die jungen Leute springen, trinken und deklamiren ohne Ziel und Bewußtsein? TLird nicht ein solcher Verein die Achtung aller rechtlichen Leute sich erobern? Aber auch an Freude und Lust »oll es nicht fehle»; wenn die Produkte unseres Fleißes ausgestellt werden und wenn wir vernehmen, was ans dem Erlös geworben, welchen Wunden unser geb mein lindernder Balsam wurde das, meine Freunde, seien unsere Festtage"