„Freiheit und Neeht!"
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H l^rS» Wiesbaden. Sonntag 18. August 1850.
Dir „Fr cie Zeitung" erfHeint, mit Ausnahme deS Montags, täglich in einem rvogen. — Oer Abon»>m.i.<e,reiS beträgt vt . riitia^rig vier in WieSoaden 1 ff. 45 fr. aua. wärtö durch Vie Post bezogen mit vcrhältmßmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen uno ünv bei der großen 8 rebttttung her „Freien Zeitung« stets von wtri- sa uem Erfolge. — Die JnserattonSgebü-ren betragen für die vterspalttge PetltzeU» 3 Kreuzer.
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Sozialismus, Commu»»ismus und Aristokratenthum.
VI.
^ Nach der Julirevolution conzentrirte sich die qaiize Staatsgewalt mehr und mehr in den Händen der Börsenjuden- deren König Louis Philipp war. Diese Finanzaristokratie theilt mit dem eigentlichen Lumpenproletariate ganz und gar die Arbeitsscheu und die sittliche Verrottung. Wo sie herrscht, da kommt der industrielle Bürger, der arbeitende Proletarier nicht zum Vollge- „nsse seiner Arbeitsfrüchte. Dieselben wandern vielmehr zum großen Theile den müßigen Spekulanten zu, welche durch ihre Geldmacht die gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse beherrschen, welche durch Bör. senmanöver fremdes Geld in ihre Kasse zu bringen wissen. Der Mammon wurde mehr und mehr der Gott von Frankreich. Er verlieh Ansehen und Macht, Aemter und Würden; er maßte sich sogar eine Sünden vergebende Kraft an, — die im goldenen Gewände anf- trctcnden Verbrechen beanspruchten Unantastbarkeit. Der Arbeit entging der wohlverdiente Lohn, müßige Spe- kulatwn war das einträglichste Geschäft. Die sittliche Entrüstung des Volkes über diese Zustande war die tiefer liegende Ursache der F e b r u!a r r e v o l u ti o n des Jahres 1848.
Durch diefeARevolution gegen die „Corruptron" wurde die Finanzaristokratie auS ihrer den Staat und die Gesellschaft beherrschenden Stellung gesprengt, ihr königliches Haupt verjagt. Nun hatte die industrielle Bourgeoisie (das mit feinen Mitteln Fabriken u drgl. betreibende Bürgerthum) und das in» U d ustrielle Proletariat (die von ihrer Handarbeit ‘ lebenden Nichtbeßtzenden) Chancen, den Staat und die Gesellschaft ihren Interessen gemäß zu gestalten; — ^ eigentliche Lumpenproletariat wird wohl nie positiven Einfluß auf -die politischen und sozialen Verhältnisse gewinnen. Zunächst mußten dem Proletariat Eonzessionen gemacht werden, es hatte ja fast allein den Februarsieg errungen. Man machte Louis Blanc und den Arbeiter Albert zu Mitgliedern der provisorischen Regierung und errichtete nach dem Plane des Ersteren Nationalwerkstätten. In diesen sollte jedem Arbeiter Beschäftigung und Verdienst geboten werden, der dies auf dem Privatwege nicht finden könne, durch sie sollte „das Recht auf Arbeit" gesichert werden. Die Bourgeoisie schaute mit neidischen und argwöhnischen Blicken auf das Proletariat und seine Vertreter. Sie sah recht gut ein , daß nur auf der Straße und mit den Waffen dem Proletariate das im Februar Eroberte abgerungen werden könne. Theils die in der Sache liegende Unhaltbarkeit, theils die Absicht, das Proletariat zu reizen, führte zur Aufhebung der Nationalwerkstätten. Nun brach der furchtbare Junikampf aus, in welchem die Bourgeoisie siegte. Louis Blanc verlor in Frankreich
immer mehr Boden und Proud hon ist nun der Sozialist des Tages. Wir wollen die Ansichten dieser beiden Männer kurz zusammensteUen.
Louis Blanc findet den Grund alles gesellschaftlichen Uebels in der Concurrenz, Proudhon dagegen betrachtet Die Concurrenz als die Grundbedingung des gesellschaftlichen Lebens. In der Furcht des Louis Blanc vor der Concurrenz liegt das Bekenntniß, daß er frei sich entwickelnden und bewegenden Persönlichkeiten gegenüber unfähig sei, die soziale Frage zu lösen, daß er auf Grundlage der freien individuellen Bewegung die gesellschaftlichen Uebel nicht zu beseitigen wisse. Das Individuum muß nach Louis Blanc für die Sicherung der Eristenz auf seine Freiheit, d. h. auf sich selbst, verzichten. Statt die Auswüchse der Concurrenz zu beseitigen, hebt sie Louis Blanc geradezu aus, und vernichtet so zugleich alle die herrlichen Früchte, welche der freie Wettkampf der Kräfte hervorbringt. Er vernichtet in jeder Persönlichkeit alles das, die ganze Dumme von Arbeitskraft, die eben nur im Weltkampf der Kräfte sich entwickeln kann; er trägt dadurch die Unproduktivität in jedes Individuum hinein. Indem er die freie Bethätigung des Individuums aufhebt, entzieht er demselben auch alle die Mrüchte, die ans solcher Bethätigung erwachsen wären und stur aus ihr erwachsen können; er zerstört also das wahre, persönliche Eigenthum.
Dem Rechte ans Arbeit hat Louis Blanc das Recht der Arbeit geopfert. — Ganz anders Proudhon. Dieser will alle Arbeitskräfte geweckt, alle Individuen concurrenzfähig gemacht und jedem Arbeiter die volle Frucht seiner Arbeit gesichert wissen. Nicht das Geld, nur die persönliche Arbeit soll seinem Prinzipe gemäß Besitz erzeugende und Besitz erhaltende Kraft haben. Dem Arbeiter soll der vollgültige Lohn werden und wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Der Zins ist es aber, der das Kapital, als solches, zu einer Besitz erzeugenden Macht stempelt, und Nichtarbeitenden die Früchte fremder Arbeit zuführt. Der Schwerpunkt von Proudhon's System ist daher die Aufhebung des Kupitalzinfes. Dieses Ziel sucht er zu erreichen durch das Anlegen einer Nationalbank, durch das Regeln der Kredftverhâlttilffe nach demokra- tisch-sozialistischen Grundsätzen. Nicht die Menge schon vorhandenen Eigenthums, der Gehalt des Individuums als sittliches und arbeitendes Wesen soll Basis des Kredits sein. — — Frankreichs Mobiliar und Immobiliarbesitz beträgt ungefähr 140 Milliarden, so daß also, bei gleichmäßiger Vertheilung 4200 Fr. auf jeden Kopf kämen. — Dieses ganze Vermögen ist aber in den Händen von 6 Millionen Menschen und 30 Millionen sind völlig besitzlos. Die jährliche Production beträgt 10—11 Milliarden, also durchschnittlich 300 Franken auf den Kopf. In Wirklichkeit gibt cs aber 8 Millionen Franzosen, die jährlich nur 45 -75 Fr., 13 Millionen, die 90—120 und 10 Millionen,
die 195—300 Fr. jährlich einnehmen. Unter diesen mehr oder weniger Armen stecken aber die 10 Millionen Arbeiter, die ganz allein durch Ackerbau und Gewerb- thätigkeit jene 10—11 Milliarden produciren. Man fragt sich dabcr billig, wo bleibt denn eigentlich der Hauptertrag? Er geht in die Hände von 4—5 Millionen Müßiggängern oder unproduktiven Arbeitern, oarunter 1 Million Eigenthümer und Kapitalisten, 800,000 Soldaten, Seeleute, Zollbeamte rc., 500,000 Bediente, Agenten, unnütze Mäckler und Glücksritter, 3 Millionen Bettler, Unvermögende, Gefangene rc. (NB. Wir sprechen von Frankreich!) Die genannten Massen, die selbst nichts pro- duziren, verschlingen 6 Milliarden, die ihnen als Steuer, als sogenannter Kapitalzins re. zugeführt werden; es verbleiben also den übrigen 31 Millionen nur 4 Milliarden, so daß jeder der 10 Millionen productiver Arbeiter, dem durchschnittlich 1000 Fr. jährliche Einnahme zukommen sollte, in Wirklichkeit nur 129 Fr. erhält. Die Rente oder der Kapitalzins zerstört also in der grassesten Weise das persönliche Eigen thums- recht; Rente und Kapitalzins in ihren verschiedenen Formen entführen fort und fort den größten Theil der Arbeitsfrucht ihren rechtmäßigen Besitzern, den Produzenten, und legen sie in die Hände nichtarbeitender Individuen. Dats man sich demnach wundern, daß sich in den letzten 50 Jahren die Armuth verdoppelt hat? Senfen wir uns alle Müßiggänger und alle Diejenigen, welche unnütze, fruchtlose Arbeit verrichten, auf einmal in Produzenten verwandelt und nimmt man den Ertrag der Einzelarbeit per Tag zu 3 Fr. an, so würde sich die jährliche Produktion" um wettere 10 Milliarden steigern und es käme durchschnittlich auf einen Franzosen ein jährliches Einkommen von 555 Fr. Da aber Rente und Kapitalzins auf den Verkaufspreis der Produkte geschlagen, diesen verdreifachen, so würde die Aufhebung von Rente und Ka- pitalzins Alles dreimal billiger machen. Um 2775 Fr. könnte dann die Familie ebenso viele Produkte kaufen, wie jetzt um 8325 Franken.
Deutsch»«« K.
* Wiesbaden, 17. August. Die Nass. Allg. Ztg. befindet sich in großer Noth. Zwar heißt eS: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand! Doch die Nass. Allg. scheint noch keinen rcscrirenden von einem polemisirenden Artikel unterscheiden zu können. Wir wollen uns ihrer für diesmal erbarmen und kurz und bündig auf ihre Anfragen antworten. Die Tendenz unserer Artikel über die Ankunft und den hiesigen Aufenthalt „deS hohen Reisenden aus FrohSdolf" war keine andere, als zu referiern und zu beleuchten, was die politische W.lt darüber urtheile und welche Chancen die in
Deutscher Carneval*).
65 geht der Carneval zu Grab — der Saal erglänzt von tausend
Lichtern ,
Durch öde Gassen schleicht die Nacht — drin wagt ein Weltmeer von Gesichtern.
ES pfeift der Wind, es tanzt der Schnee — es klagt das Horn, ' 1 es tönen Geigen —
Nimm deine Maske, Harlekin, und tanze nach den letzte» Reigen!
ES ist vorbei — die Mitternacht hallt mahnend von der ThurmeS- zinne;
Der Taumel flieht, die Lust verrauscht, der Aschermittwoch kühlt die Sinne.
Ob einer Welt von Sonnenschein zieht daS Gewölk der Fasten- wochen,
Bis aus dem Grau der Passion der Ostermorgen angebrochen.
Auch du, .mein Volt, hast dich berauscht in einem kurzen Carnevale ,
Bei buntqefârbter Lampen Schein erglänzten deine Ideale; Das Maskenspiel der großen Herrn mit seinen tauschenden Gestalten
Hast du daS gläubig fromme Kind, für schöne Wirklichkeit gehalten. x_..
*) Die Verfasserin, Clise Ludwig, ein entschieden poetisches Talent, starb am 7. August in ihrer Vaterstadt Augsburg rm neunzehnten Lebensjahre. Ihre letzse Handlung war eine schöne, poetische That — sterbend bestimmte sie teil Ertrag ihrer Dichtungen den für Schleswig-Holstein kämpfende» Brüdern. Das obige Gedicht theilt Ke „AuSgb. Allg. Ztg." als Probe »> t.
Die Posse ward so gut^gespielt, das täuschte selbst erprobte Seher;
Trug doch der Fürst ein Bürgerkleid, die Purpurtoga der Plebejer ! Es sprach der Knecht von Menschenrecht, es schien der Herr sein Wort zu halten: —
„Glück aufk, Glück auf! die goldne Zeit wird wieder auf der Erde walten!"
ES ist vorbei — die Maske fiel, der Aschermittwoch ist gekommen'; Das^letzte Flâmmlein stirbt dahin, das bleich und spärlich noch geglommen:
Der letzte Geigenton verhallt als Scheidegruß dem Maskeuschwatte;
Der letzte bunte Harlekin entschlüpft aus der geleerten Halle;
Es ist vorbei — du stehst allein, und denkst vergangner schöner Stunden,
Auf deiner Stirn ein Aschenkreuz, in deiner Brust geheime Wunden —
Doch ob den Sternen thront ein Gott, ein Richter mit gerechter
Wage —
Geduld: nach jeder Fastenzeit, mein Volk, erscheinen Ostertage!
Geschichte der Waldenser.
(Von Ferd. Bender.)
^ Der Verfasser der „Fragmente aus dem Orient", schlechtweg „der Fragmentist" genannt, Ph. I. Fa l l me- rayer, läßt nach längerem Schweigen seinen geistreichen Redefluß in der „Angsb. Allg. Ztg." einmal wieder strömen. Nachdem er die Rekactwn deS genannten Blattes mit gewohntem Humor gegeißelt hat, schreibt er eine Anzeige der Bcndcr'schcn OJejmuW der Waldenser, die
in Ulm bei P. L. Adam erschienen ist und auf die mit warmen Worten die deutsche Leserwelt aufmerksam gemacht zu haben, ein neues Verdienst des „Fragmen- tisten" ist.
I „Wer immer glauben könnte," schreibt Fatlmeraper
1 mit bitterer Ironie auf die politischen und fird^idicn Zu.
stände Europas, „zu glücklichem Erdenleben reiche ein tugendhafter Wandel hin, und strenge Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten genüge, um von der Staatsgewalt Milde, Schonung und Gerechtigkeit zu erkaufen, wird nach Durchlesung der Bcnder'scheu Schrift über die Schicksale der Waldense -Gemeinden traurig, wo nicht ganz verzweifelnd an der Möglichkeit irdischen Glückes, seinem Irrthum entsagen. In den wilden, unangebauten Waldthâleru zu beiden Seiten der Cottischen Alpen, zwischen Piemont und der französischen Provinz Dauphine, hatten sich durch alle Stürme und fanatischen Wuthaus- biüche des Mittelalters still, arm und unbeachtet zahlreiche Christengemeinden erhalten, die in reichem Maße alle Tugenden mit allen im Evangelium angerathenen sittlichen und bürgerlichen Eigenschaften besaßen und nur eines Fehlers schä dig waren, sie hatten keinen Priesterstand, keine katholische Messe, und kümmerten sich nicht um Dogmciistrcit und Gewalt des römischen Pontifex. Sie lieferten den thatsächliche» Beweis, daß man ohne Beistand der herrschenden Kirche und mit Hülse der Bibel, allein die Welt und das Böse überwinden, ein guter Bürger, ein »echtlicher Mensch und rin gehorsamer, nützlicher Unter»