„âeiheit und Recht!"
M ZE.
Wiesbaden. Donnerstag, 13 August
1830.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deâ Montags, taguch in einem Logen. Der AvonnementSpreiS betragt vierteitährtg hier in Wiesbaden 1 ff. 45 fr., aus» wärts durch die Post bezogen mit ver-ältiiißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen uno sind bei der großen Äerdreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die JnserattonSgedühren betragen für die vterspaltige Petttzetle 3 Kreuzer.
Freiheit, Einheit und Nationalität.
W Seitdem russische und österreichische Heere die ungarische Freiheit und Nationalität in brüderlicher Einheit bekämpft haben, wird wohl kein Vernünftiger mehr die Existenz des Fürstenbundes, die Solidarität der Dynastien bezweifeln. Die Fürsten konnten sich gegenseitig bekämpfen, so lange feder in seinem Lande sicher war, von seinem Volke nichts zu fürchten hatte. Als aber die Volker anfin- qen ihre Dynastien zu beunruhigen, da wurden die Fürsten auf einmal einig und warfen sich mit verein- tcV Kraft auf die revolutionären Elemente im Volk. Seitdem das „herzliche Einvernehmen" zwischen Fürst und Volk in den einzelnen Staaten mehr oder minder gestört ist, liegt den Fürsten alles daran, einen ^und eine Vereinigung aller revolutionären Völker m hintertreiben. „Dein Bund der Völker muß ein Bund der Fürsten vorangehen" so ließ sich Metternich .ms dem Aachener Congreß vernehmen. Erst beherrschte der einzelne Fürst sein Volk, wie der Vater seine un- enahrenen Kinder; jetzt ist schon ein B u n d der Fürsten, eine Association der Dynastien nothwendig, um die Bulker ikirderzuhaltem Die Nothwendigkeit des Fürstcn- blmdes ist ein Beweis für den Bruch, der der Macht der einzelnen Fürsten im eigenen Lande beigcbracht worden ist. Den Völkern in ihrer Vereinzelung ist dieser Fürstenbuild gewachsen, dem Bund der Völker aber vermag er nicht zu widerstehen.
Zum Selbstbewußtsein gereifte, von einem Prinzipe beherrschte Völker werden klar und deutlich erkennen, daß sie streng ausgeprägte Menschheitsindividuen sind, die sich gegenseitig ergänzen Was ein Volk an sich vermißt, wird es am andern in scharfer Alisprägung entdecken und beide gewinnen das, was ihnen fehlt, wenn sie sich innig verbinden. Wie herrlich ergänzt z. B. der französische Nationalcharakter' den deutschen.
Die Deutschen bilden das Vernunftvolk der Geschichte Ehe sie zum Handeln kommen, muß alles erst sorgfältig auf der Gedankenwaage abgewogen werden es fehlt ihnen daher die Frische, der Instinkt der That der in so hohem Grade dem französischen Volke eigen ist. Die Franzosen erobern rasch den Boden, geht cs aber ans Bepflanzen und Bebauen, dann zeigen sie sich bettelarm. Der Deutsche ist überreich an Material für den Bau der Zukunft, konnte aber den Bauplatz noch nicht erobern. Die Deutschen sind das Volk der Reformation. Sie haben für geistige und religiöse Befreiung wahre Riesenschlachten gekämpft und als Messias für alle Völker geblutet; die Franzosen liegen noch in den Ketten der religiösen Knechtschaft und konnten unter der Firma: „die Religion ist in Gefahr" sogar zur Vernichtung der römischen Republik verwendet werden. - Von Völkern, die alle das gleiche Prinzip beherrscht, hat jedes nur einen Theil der Eigenschaften und Kräfte in sich, die zur
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Reiche der Natur.
(Schluß.)
dS= In der Natur müssen alle Gewächse durch eigene Anstrengung dem Boden die Säfte abgcwinncn, welche zur Gestaltung ihrer Blüthen und Früchte erforderlich sind. Jeder Stamm trägt die Früchte seiner Anstrengung an sich selbst. Schmarotzerpflanzen beseitigt das Messer des Gärtners, damit die gesunden Stämme nicht vor der Zeit entkräftet werden und wenn es nöthig erscheint, den wilden Wuchs zu beschneiden und ein Pfropfreis aufzusetzen, dann verwächst dieses so vollständig mit dem mütterlichen Stamme, daß er es ist, der die edleren Früchte trägt. — PZie ganz anders tritt mm die m e u । cj)- liche Gesellschaft entgegen.
In ihr erblicken wir zwei Menschcuklasseu. Die eine ist der aufwärtsstrebenden, das Licht des G. isteS suchenden Menscheunatur fast gänzlich beraubt, sie ist mit allen ihren Organen zur Erde hinabgebeugt, um dem rauhen Boden die Säfte abzugewinnen; — die andere Clage wurzelt gleich einem Heere von Schmarotzerpflanzen in der ersteren und läßt dieser nur so viel nährende Safte zurück, als zum Weiterarbeiten unbedingt nothwendig ist. Bilden sich Hic und da in den obern Schichten herrlich prangende Blüthen, |o vcriäugnen sie htcn Um sprang, so wenden sie sich mit vornehmem Eckel ab von
Verwirklichung des Prinzipes erforderlich sind. Das Volk hat wahres Nationalbewußtsein, das klar und deutlich erkennt, was ihm zur Verwirklichung seines Prinzipes fehlt und zugl eich weiß, wo das Fehlende sich vorfinvet, die Vereinigung mit welchen Völkern zur Erreichung des Zweckes erforderlich ist. Wahres Nationalbewußtsein führt schnurgerade zum Völkerbund. Wer Ursache hat, den Völkerbund zu fürchten, der wird auch die Entwicklung des Nationalbewußtseins zu verhindern suchen. Noch ehe die Völker zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen sind, ist es sehr leicht, gerade diejenigen gegen einander zu Hetzen, welche naturgemäß zusammengehören, welche den Beruf haben, sich zu ergänzen. Die Einheit des Princips erkennen sie nicht, so lange es ihnen noch am klaren Bewußtsein fehlt und die Verschiedenheiten werden von den Feinden der Völker benützt, in einem Volke den Haß gegen das andere anzuschüen. Diesen blinden Haß, der gerade zur Verminderung der bewußten Nationalentwicklung geschürt worden ist, nennen dann diejenigen, die ihn hervorgerufen haben, „Natio- nalgefühl." Der Theil hält sich in seiner Blindheit für das Ganze, er erkennt daher im andern Theil nicht das ihn Ergänzende, sondern das ihm Entgegengesetzte, er zieht ihn daher nicht an, er verbindet sich nicht mit ihm, er bekämpft ihn vielmehr als Feind. So wirkt das falsche von den Feinden der Völker absichtlich hervor- gerufene und sorgfältig unterhaltene Nationalgefühl. Sind aber die Völker in Folge ihrer gegenseitigen Kämpfe zum Bewußtsein gekommen, dann werden sich diejenigen schnell zusammenfinden, die im innersten Wesen gleich sind, zugleich wird sich aber auch Herausstellen, daß das eine dieser Völker immer gerade das hat, was dem andern fehlt, sie werden sich daher verbinden, und so ein Ganzes bilden, das von einem Principe beherrscht ist und zugleich alle Mittel zur Verwirklichung und Befestigung dieses Principes in sich trägt. Ein Völkerbund kann nur geschlossen werden durch Völker, die ihrer Individualität sich, klar und deutlich bewußt sind, die wissen, was sie sind und was ihnen fehlt. Mit unbewußten, unentwickelten Völkern können die Dynastien ihre Zwecke ganz herrlich erreichen, wenn sie das falsche Nationalgefühl zu erwecken wissen. Im blinden Hasse kämpfen dann Völker gegen einander, die bei hellem Bewußtsein sich als Theile eines Ganzen erkennen und vereinigen mürben. Bei derartigen Nationalkämpfen führen die Volksfeinde das Schauspiel auf: ein Volk recht eigentlich in und gegen sich selbstwüthen zu lassen. Nur dieEinheit ist berechtigt, die aus der Freiheit hervorgeht. Aus der Freiheit aber entwickelt sich erst die Individualität der Völker und dann der Völkerbund. Wer uns die Freiheit beeinträchtigt, der hindert uns auch an der freien Entwicklung der Nationalität, der hindert auch die wahre, berechtigte Einheit. Nur derjenige kämpft in Wahrheit für die Nationalität, der die Hindernisse
den unteren Schichten, denen sie doch ihr Dasein verdanken. An andern Stellen sammeln sich die Lebenssäfte in solchem Uebermaße an, baß eine Fäulnis; entsteht, die auch allmâhlig in die unteren Schichten hinabsickert. Die Arbeiter sind lediglich die Stämme, welche dem rauhen Boden den Nahruugssaft abzugewinnen und dann zuzuführen haben den b vorzugten Ständen, welche sich mit ihren Saugwerkzeugen nach allen Seiten hin in den Körper des Proletariats einzueanken wußten. Das Proletariat hat schon mehrere Male bedeutende Anstrengungen gemacht, die aussaugend n Classen abzuschütteln und sie auf den gleichen Boden der persönlichen Arbeit zu stellen: die alte Gesellschaftseinrichtung fand aber immer ihren Retter. Sie wird indeß um so eher zu Grunde gehen, je öfter sie sich in solcher Weise retten läßt. —
Die Natur ist nicht so erschaffen worden, wie wir sie jetzt erblicken , — der Schöpfer hat nur die Fähigkeit in sie gelegt, das werden zu können, was sie jetzt ist, und sie ist so geworden durch eine Reihe der furchtbarsten Revolutionen, von denen die Reste umergegangener Geschlechter Zeugniß geben. Das Feuer , das wir j ht im Weine schlürfen, von welchem die heißen nrt Heilkraft geschwängerten Quellen Kunde geben, und welches uns im Winter unsere Kelter erwärmt; — dieses jetzt |0 gemüthliche Feuer hat einst als entfesselte Naturkraft getobt, hier Berge aufgebläht, dort alles Lebende in wilder Gährung dem Abgrunde zugeführt. —
zu bewältigen sucht, die sich der Freiheit entgegenstem- men. — Wenn daher die Gothaer Professoren jede nationale Bewegung, an der sich Demokraten bètheili- gen, für verunreinigt für entheiligt halten, wenn sie die den Völkerbund proclamirende Demokratie bekämpfen, angeblich, um die Nationalität zu retten, so beweist dies nur, daß diese gelehrten Herren durch das viele Studiren ihren unbefangenen Blick verloren, ihren gesunden Menschenverstand eingebüßt haben.
Deutfchl«»-.
Wiesbaden, 13. August. Die Nass. Allgem. Ztg. meldet: „Gestern Vormittag hat der Ministerpräsident i v. Wintzingerode Sr. Kön. Hoheit dem Herzog von Bordeaux einen Besuch abgestattet."
// Wiesbaden, 14. August. Die Dampfer und Lokomotive bringen uns jetzt täglich eine große Anzahl französischer Legitimisten, welche dem als Graf Chambord dahier weilenden Herzog von Bordeaux ihre Huldigungen darbringen. Außer den bekannten Kori- phäen der legitimistischen Partei enthalten die Fremdenblätter auch die Namen mancher von dem Auslande bisher iguorirtcn legitimiftischer Größen, welche, den Herzogstitel führend, mit dem ungehörigen Prädikat „Durchlaucht" versehen werden. — Gestern nahmen die Diners und größeren Soireen bei dem Herzog von Bordeaux ihren Anfang; der Soiree wohnten Hundert und einige siebenzig Personen bei. Eine improvifirte aus mächtigen Blechinstrumenten bestehende Hauskapelle, deren Mitglieder von den Oberpyrenäen gekommen zu sein scheinen, war in der Platanen-Alb e der Rheinstraße aufgestellt, und trug ältere französische Nationalstücke, darunter der Favorit-Pastoral Heinrich IV., vor. Zu den eingeladenen Gästen gehörte auch der frühere Stadtpolizeibeamte, nunmehrige Rechnungskammerrath Schweikart, so viel bekannt, der einzige der hiesigen Würdenträger, dem solche Auszeichnung zu Theil ward. Bei dieser Einladung mögen jedoch weniger die politischen Gesinnungen, als die Sprachenkunde des Herrn Schweikart Berücksichtigung gefunden haben. Bekanntlich wurde im Jahr 1848 in unserer Abgeort- netenkammer, gelegenheitlich der Fortversehung des hie- sigen Kurhaus-Commiffariats durch Herrn Schweikart, von einem der einflußreichsten Kammermitgliedcr die Erklärung abgegeben: daß Herr Schweikart zu jener Stelle vermöge seiner Linguistik in hohem Grade befähigt erscheine, da nur wenig nassauische Staatsdiener die französische Sprache so gründlich erlernt hätten und in freier Rede jene feine diplomatische Gewandtheit zeigten, wie er. Da sich bekanntlich die nassauischen Landtagsverhandlungen, im Anslande mehr als im Julande, einer großen Verbreitung zu erfreuen haben, folglich auch nach Frohsdorff — der gewöhnlichen Residenz des Herzogs von Bordeaur — gelangen, so erhielt derselbe auf diesem offiziellen Wege' von jener
Die Schullehrer und Maires in Frankreich.
* Wie steht es mit der Revolutionskraft in Frankreichs Die Antwort ist wichtig im jetzigen Momente. Wir glauben, es steht gut, was auch geschehen möge. Wir denken an Proudhons wachsenden Einfluß und an die französischen Lehre und Bürgermeister! Die Lehrer hat das Elysee zu Hunderten abgesetzt und die Maires haben ein ehernes Gesetz erhalten. Doch was ist die Folget Ein Korrespondent der „Mainz. Ztg." schreibt darüber: „Der Schullehrer ist ein wesentlich populärer Mann, ein Mann des Volkes in jeder Beziehung. Er bildet ganze Generationen, er ist der Ausdruck der Stimmung der Alten, und der Schöpfer der Stimmung der Jungen. Er ist zugleich socialer Theoretiker und praktischer Proletarier. Durch seine arme gedrückte Stellung wesentlich an den Gehorsam gewiesen an die Ehrerbietung vor dem Pfarrherrn, an die Kriecherei vor den Ortsmagnaten, bedarf es sicher bei ihm der mächtigsten UeberzeugungSgründe, des hellsten Lichtes von Damaskus, bis er offener Revolutionär wird. Der französische Schulmeister hat obendrein nicht die formale Bildung, deren sich ein deutscher Kollege durch- schnittlich erfreut; in katholischen Ländern ist er bis jetzt ^weniger gewesen, als ein Appendix zur Kirche, ein Famulns, Küster Sr. Hochwürden. So in jeder Beziehung zum Typus des Volkes geschaffen, wird der