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Freit Ztilung.

^âeèheLL und Recht!"

JYo 1^?^, Wiesbaden. Sonntag, 11. August 1850.

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Der Legitimismtts und der Sozialismus in Frankreich.

X Die Aufregung der überwiegenden Mehrzahl der Marseiller Bevölkerung mit dem Stadtrath an der Spitze, welche der französischen Negierung jetzt so sehr ungelegen kommt, ist ein wohl zu beachtendes Zeichen der Zeit. Es wirken hier mehre Elemente zugleich. Im Süden, wo man in politischer und wissenschaftli­cher Hinsicht noch so weit zurück ist, weil der verdum­mende Einfluß der Geistlichkeit dort noch ungebrochen blüht und durch Louis Philippe's Politik im Wachs­thum wenig gestört, unter dem jetzigen System aber geflissentlich befördert wurde, herrscht noch der felsen­feste Glaube an den Schutz der Quarantäneanstalten gegen die Cholera. Der Handelsminister Dumas, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, fand dieses südliche Vorurtheil lächerlich. Zugleich Bureaukrat, wie er ist, setzte er die widerspenstige Sanitätsintendantnr kopf­über ab, statt die Leute aufzuklären, und schickte einen Commissär. Darüber allgemeiner Unwille. Sofort mischte sich die klerikale Partei im Einverständnisse mit den Legitimistenführern ein. Die Mehrzahl der Bevölkerung, welche anticentralistisch ist und einen lang­jährigen Groll gegen den prädominirenden Norden hat, -wurde und wird immer eifriger von den Legitimisten bear­beitet. Man schürt gegen den Einfluß von Paris, als dem Hauptlager der sozialen Republik, und das Volk ist leider noch blind genug, die Präsidialregierung mit der Hauptstadt selbst zusammenzuwerfen. Der Hanvels- minister hat, da der Präsident Louis diese südlichen Antipathien sehr zu fürchten Ursache hat, wohl oder übel Conzessionen machen müssen; die Regierung wird dadurch noch mehr geschwächt und der Einfluß der Legitimisten gesteigert werden. Daß in Paris und über­haupt im Nordosten Frankreichs eine legitimistische Restauration keine Wurzel fassen wird, darüber ist kein Zweifel. Wohl aber wäre cs nicht undenkbar, daß die Legitimisten mit Benutzung des Autoritätsstandpunk­tes, auf dem sich die Massen im Süden noch in kirch­licher, wie theilweise auch in politischer Beziehung be­finden, einerseits, und mit Ausbeutung der Gegner der Centralisation andererseits, deren es in allen südlichen und südwestlichen Departements sehr viele gibt, es zu einem Brande trieben, zu einem Bürgerkriege, worin sich Frankreichs revolutionäre Kraft erschöpfen könnte, wie sich die spanische Nation auf Jahre iu solchen Kämpfen erschöpft hat. Man schmeichelt sich in legi- timistischen Kreisen mit einer Vendee im kolossalsten Maßstabe: das ist außer Zweifel.

Nur die Aufklärung kann solcher Gefahr zuvor­kommen ; denn cs bedarf nur der Belehrung der Mas­sen über ihr wahres Interesse, um contrerevolutionäre Bürgerkriege unmöglich zu machen. Daher der Eifer, den Legitimisten und Klerikale, deren Interessen hier, wie überall, Hand in Hand gehen, zur Verdumpfung der Massen entwickeln. Nur dumpfe Köpfe kann man zur größern Ehre Gottes fanatisiren und gegen die Revo­lution führen. Daher aber auch der Segen, den Pie sozialistische Propaganda über das Land verbreitet! Wer Proudhons Lehren kennt uud begreift, bei dem verliert der Zauber der Autorität der alten Kirche und des alten Staates seine Kraft; wer aufgeklärter Sozia­list ist, der mag Anticentralist bleiben, doch er wird Paris nicht hassen, weil esdas Babel der Revolu­tion" ist. Er wird dem centralistischen Unfug, der unter der jetzigen Republik herrscht, wie er unter Louis Philippe, Karl X.', Louis XVIII, Napoleon u. Robespierre herrschte, entgegenarbeiten; aber ihm sind andere Mittel geboten, als Bürgerkrieg und Pfaffenregiment. Der aufgeklärte Socialismus ist die einzige Macht, welche diesen straf­fen Centralismus heben kann, ohne Paris zu stürzen und den Süden gegen den Norden ins Feld zu trei­ben! Denn der aufgeklärte Socialismus ist nicht blos gegen die Zersplitterung der Nation in den mate­rielle» Dingen gerichtet; er ist nicht blos der Er­löser des armen Volkes, er ist zugleich der Versöhner zwischen Nord und Süd, zwischen Hauptstadt und Provinzen, weil er das Räthsel löst, wie Frankreich von dem jetzigen Centralismus, dem Erbe seiner absolutistischen Vergangenheit, befreit werden kann, ohne daß diejenige Centralisation zerstört wird, in der Frankreichs Macht dem Auslande gegenüber bauptsächlich beruht. Es ist diese in Deutschland bis­her noch zu wenig gewürdigte Seite kein unwesentlicher Grund, weßhalb der Sozialismus in seiner neuesten

Gestalt auch bei cheu Nationalpolitikern Frankreichs so rasche Fortschritte macht. Nicht blos Klassen­krieg oder Sozialismus; auch Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, Hauptstadt und Provinzen, oder Sozialismus! Nur zwischen ihnen bleibt der französischen Nation die Wahl, und sie wird sich, dafür spricht ihr praktischer Sinn, im Moment der Krisis lieber P r o u d h o n als demWun­derkind" in die Arme werfen.

Ein Preßprozeß der Freien Zeitung.

o=o Wiesbaden, 9. August.

Am 1. August des verflossenen Jahres erschien in der No. 181 derFreien Zeitung" unter dem Zeichen Q Diez" folgender Artikel:

«0 Diez, 25. Juli. Der Leibhaftige in den Mauern von Diez! Erschrecken Sie nicht: Das Unglaubliche ist wahr. Wir haben ihn gesehen und gehört, gesehen seine schreckcnerregende Gestalt, gehört seine donnerahnlichbrau- sende Stimme, seiner Kehle nuehernDcn Ton, anstimmeud Hallelujah und Triumphgesang über die Werke dec Gott­losen. Ferne Dich Jerusalem, Dein König ziehet ein auf einer Eselin, bringe lhm Loblieder dar und streue ibm Palmen!

Und es war ein Mann-, der da war erfüllet vom Geiste des Herrn, und sprach: ich will werden ein Pre­diger des Volk-', und ihm verkündigen des Höchsten Ruhm, und vorbereiten seine Seelen zum Himmel. Und er ging nach Tübingen, und stucirte Gottesgelahrtheit. Und er vernahm die Lehren von Männern, wie Baur, und Zeller, und Schwegler, und Vischer, und vernahm allda, daß Christus gewesen sei ein Mensch, wie jeder andere Mensch, und daß es gäbe keine Wun­der, und daß die menschliche Vernunfl höher zu stellen. Denn der Glaube. Und er glaubte das Alles, und ward ein Ungläubiger. E6 schmerzte ihn aber tief des Volkes Unwissenheit. Und er faßte den Entschluß, vorher noch zu gehen nach Halle, und dort zu höre» die Feinde der Tübinger Ungläubigen. Und er ging nach Halle u. hörte die Feinde der Tübinger Ungläubigen. Und es schlugen an sein Ohr Die Worte der Männer, Die Da lehrten in Leo-Hengste nb e r g' scher Manier, und vertheidigten den altpreußischen Symbolglau- bcn, und die Wunder. Und sie predigten in grimmigem Haß gegen Die sogenannten Ungläubigen, und die Deusch- katholiken und Die Pfarrer der freien Gemeinden, und Die Llchtfreundc, unv sic waren arge Feinte Der Ver­nunft. Und sie vertheidigten auch die absolute Mo­narchie Friedrich Wilhelms des Vierten, und sagten, das Volk sei geboren, zum Leiden und Gehorchen: denn sie waren »»gestellt Durch den berüchtigten Preu­ßischen Kultusminister Eichhorn. Und wie er dieses hörete, Da überkam ihn ein seltsam Geriesel, und er fühlete an seinem Körper Die neue Taufe DeS Herrn, und er warf von sich Den alten Unglauben, und wurde ein vorsnndflnthlicher Gläubiger, nnv blieS aus in seinem Innern das Licht der Vernunft, und hängte sich, daß er nicht fiele, an die Lehren der Haller Pro­fessoren. Und er dachte und sprach: ich will eröffnen einen Kreuzzug gegen die Gotteslästerer, und dem Volke vortragen Cie Fackel des Glaubens, und sein Herz er« wärmen mit himmlischem Feuer, und ans seiner Brust verbannen alle Sinnenlust und seine Seele vorbereiten zum ewigen Leben; und ich will es lehren sich unter­werfen unter Die Fürsten und Die Diener DeS Herrn, und seinen Säckel öffnen für Die Gotteskasten unv Al­mosen. Und er ging nach Wiesbaden und ließ sich prüfen im Christenthum , und da man sahe , daß er in Halle gewesen, so freute man sich darob, und nahm ihn gerne; und beschloß, ihn auszu senden gen Diez, allwo die Ungläubigen hausten, daß er heilete das Volk von feiner Verworfenheit, und es wiever brächte unter Die Diener des Herrn. Und er kam gen Diez, und sahe Die große Verworfenheit, und hörete singen das Hcckcrliev. Und eS überkam ihn eine große Be- irübniß, unv er schrieb an seinen Obern also: Macht mich zum Lehrer, vaß ich ein impfe Den Schulknabcn Glauben und Gehorsam, und sie abwendig mache vom Hecker; "Denn das Volk ist so verdorben, daß man anfangen muß von unten cs wieder zu heilen. Und sie gaben ihm weitere 400 fl., und machten ihn zum ReaUehrer; und er fing an von unten, zu heilen das Volk von seiner Verdorbenheit. Und Die Schnlknaben brachten mit nach Hause rothe Striemen auf ihren Rücken, und erzählten, daß er mitgcbracht habe eine

Knute, und daß er damit züchtige die Jungen, die daS Heckerlied sängen. Und wenn das Volk des Sonntags in die Kirche ging, so staunte es, ob der Worte dieses Predigers, und dachte bei sich: wie will er doch auS- toben in der Kirche seine Leidenschaften gegen die De­mokraten und Volksversammlungen? Er aber sprach von nichts, als von den Höllenstrafen, die da träfen die tief im Sündenpfuhl Steckenden; man konnte aber merken, daß er damit ineinete viele Bewohner/von Diez. Und das Volk wurde zornig und nannte ihn einen Mucker. Und es beschloß, wegznbleiben aus der Kirche, wann er predigte, oder nur hineinzugehen, um seine Lachlust zu befriedigen an dieser Posaune des Herrn. Wann aber ein Prediger einer freien Ge­meinde herankam, so lief cs schaarenweise nicht in die Kirche, wohl aber auf den freien Platz, wo eine Laub- und Blumenbekränzte Kanzel errichtet war, und wo de^ Himmel war ein Baldachin, und die Berge seine Säulen, und wo ihm entgegentönte das wahre Wort Christi, trostbringend seinem Herzen, und ölträu­felnd in seine Wunden. Da aber der Lärm über Je­nen zu groß wurde, so beschloß der Kirchenregent ihn auszufchickeu gegen Haiger. Und er kam nach Haiger. Und als die von Haiger hörten, was sich mit ihm begeben, so beschloßen sie, ihre Simme gegen ihn zu erheben, noch bevor sie ihn vernommen von ihrer Kanzel. Da er aber die Gesinnung der von Haiger erfuhr, so ging er nach Wiesbaden, und redete seine Oberen an und sprach: der Beelzebub ist gefahren in Haiger, daß ich diese Heerde nicht mehr bekehren kann; schickt mich wieder nach Diez, dieweil ich mich sehne nach den Fleischtöpfen Ägyptens." Und sie schickten ihn nach Diez, und er wieder aus den Fleischtöp­fen Ägyptens, und die Schuljungen kamen wieder heim mit regenbogenfarbenen Striemen, und die Kirche erdröhnte wieder von dem Zorne des heiligen Man­nes. Und die kaum konsirinirten Knaben erhoben beim Unterrichte im Katechismus laut ihre,' Stimme gegen ihn. Und er beschwerte sich vor dem Gericht, und sie wurden gestraft mit etwelche,, Tagen Gefängniß. Er aber donnerte von der Kanzel zum Volke, daß die Kinder, die kaum am Altare Treue geschworen dem Herrn, nach Hause käinen in die Sündenhöhlen ihrer Eltern, und dort verderbt würden durch deren ver­giftete Herzen. Und die Eltern sprachen: was schicken wir unsere Kinder zu ihm in die Kirche, daß sie in's Stockhaus kommen? Wir wollen ihnen Die Kirche ver­bieten, und selbst wegbleiben, und warten, bis wieder ein Prediger einer freien Gemeind kömmt; zu dem wollen wir gehen, wir und das ganze Haus, und wollen an dem Tage unsere Thüre verschließen. Das kommt aber davon, daß der Leibhaftige gefahren ist in die Stadt. Und das Volk wird ungläubiger von Tag zu Tag, denn sie verleiten ihm seinen Glauben, und es wird noch so weit kommen, daß es an nichts mehr glaubt, als an die Macht seiner Vernunft und seiner Fäuste."

Zum näheren Verständniß dieses Aufsatzes bemer­ken wir Folgendes: Caplan Künstler, geboren zu Biebrich und erzogen auf dem Gymnasium zu Weil­burg, erhielt seine Ausbildung als evangelischer Theo­log auf der Universität Tübingen. Von der Univer­sität, wo er, wie schon auf dem Gymnasium, mit gro­ßer Energie den Studien sich hingegeben hatte, zurück­gekehrt, zeichnete er sich vor vielen seiner Kollegen so­wohl durch Kenntnisse als eine unbefangene Auffassung deS Christenthums aus. Die klaren Entwicklungen des wackern Professors Baur in Tübingen, welcher die christliche Lehre im Gegensatz so vieler faden räsoni- render Ignoranten und fanatisirter Phantasten gerade deßhalb so würdig und erhaben auffaßt, weil er es historisch an der Hand der Geschichte zu begreifen strebt, hatten in dem strebsamen Geiste einen sehr em­pfänglichen Boden gefunden.

Kurz Künstler war, als er in das engere Vater­ländchen heimkèhrte, ein entschiedener Anhänger der Tübinger Schule, M. er huldigte der Richtung in der theologischen Wissenschaft, welche, wenn es unS hier erlaubt ist, einen parlamentarischen Ausdruck zu gebrauchen, am weitesten nachlinks" geht.

Auffallend mußte daher sein, als Künstler, der nie in Halle, wohl^aber, irren wir nicht, in Bonn studirt hat, von dem Seminarium in Herborn in das praktische Leben übergehend, sich auf einmal als ein radikaler Orthodorer auswies, welcher, mit außeror­dentlichem Eifer den strenggläubsgen Evangelismus der