Fme Ztilung.
„âeiheit und èiecöt!"
â j^, Wiesbaden. Sonntag, a. August L8KO
Die „.(rtit Zeitung" erschitnk, mit AudnaDme des Montags, täglich in einem Bogen. — Lier Asonaemenwpr.is benagt v lerteliayrig Hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr^ aus. wärtS durch die Post bezogen mit ver-ältNiSmâßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen uno fino bei ver großen Äerdreitung der „Freien Zeitung" stets »on wirk, sainein Erfolge. — Die InserationSgedühren betragen für die vierspaltige Petttzettr 3 Kreuzer.
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Sozialismus, CommuuiSmus und Aristokratenthum.
VI.
^: Der Commitiitslnus ist so alt, wie das Elend der Masse». So oft eine Aristokratie recht drückend auf den untern Schichten der Gesellschaft lastete, erschienen falsche Propheten und predigten der unglücklichen Menge den Kommunismus, dieses Lügenepangelium der Freiheit. Klar und deutlich erkennbar tritt er zum erstenmale zur Zeit des Verfalles der römischen Weltherrschaft auf, in Folge des ungeheueren, Lander unb Provinzen aussaugcnden Lurus der Kaiser und der Aristokraten Roms. Spuren dieses Kommunismus finden wir in den ersten Christengemeinden, bei denen faktisch Gütergemeinschaft bestand. Dieser urchristliche Kommunismus scheint jedoch, wenigstens anfangs, ein Ausfluß der freien Nächstenliebe, nicht Folge äußerer, das Individuum bindender Satzungen gewesen zu sein. Die im Herzen lebendig gewordene Menschenliebe, nicht äußerer Zwang, scheint die für Armen- Krankenpflege re. angelegten Kassen so reichlich gefüllt zu haben. — Später aber, als der Geist der Liebe gewichen, als die ursprüngliche Aufopferungsfähigkeit erloschen war, hielt man gleichwohl die Form der Gütergemeinschaft fest, und nun erst zeigte sich der Kommunismus in seiner wahren Gestalt. Schon in der Apostelgeschichte finden wir eine Stelle (Apostelg. 5, 1—11), die sattsam beweist, daß die Gemeinden nun nicht mehr vom freien, sittlichen Geist der Liebe getragen waren, daß vielmehr Gewalt, Diktatur es war, was der allgemeinen Kasse den ganzen Besitz der Einzelnen zuführte. Die Entziehung des ganzen Besitzes hebt alle freie Sittlichkeit, hebt das Christenthum geradezu auf. Wem Alles genommen wird in Folge einer äußeren Maßregel, der kann ebensowenig das erhebende Gefühl in sich tragen, all sein Hab und Gut dem Allgemeinen geopfert zu haben, wie derjenige, der durch übermächtige Räuber vollständig ausgestohlen worden ist. Die Gegenwirkungen, die derartige Auswüchse hervorriefen, bereiteten dem urchristlichen Com- muniSmuS ein rasches Ende. Christus spricht offenbar dem Aristokratenthum das Verdammungsurtheil. Alle Menschen sind Söhne eines Vaters, sind Brüder, diese schöne Lehre steht in direktem Widerspruche mit dem Treiben der Aristokraten, die nur sich Menschenrechte zuerkennen und die übrigen Menschen als bloße Mittel zur Erreichung ihrer selbstischen Zwecke ansehen. Christus hat mit glühender Begeisterung den Grundsatz der Brüderlichkeit verkündet und die Erbitterung der herrschenden Gesellschaftsklassen hat ihm dafür den Tod am Kreuze bereitet. Die Aristokratie trug natürlich ihren Haß auf die Anhänger der Christuslehre über und diese strebten mit allem Eifer den Grundsatz der Brüderlichkeit zu verwirklichen. Der urchristliche Commu- nismus war ein Versuch hiezu — er mußte mißlingen. Daß reine, aufopfernde Liebe beständig alle Herzen
beseele, ist ein Verlangen, das man an die menschliche Natur nicht stellen kann und die Entziehung des ganzen Besitzes auf dein Wege der Gewalt ist eine Maßregel, welche die menschliche Persönlichkeit am empfindlichsten verletzt. Die Einzelinteressen s o zu verweben, den Einzelnen mit einer so organlsirten Gesellschaft zu umgeben, daß er sein Interesse gar nicht verfolgen kann, ohne das allgemeine Wohl zu fördern und daß ihm gleichwohl noch freier Spielraum bleibt, ferne Prt- vatwohlthätigkeit zu üben: OaS ist die soziale Aufgabe, so ist der Grundsatz der Brüderlichkeit zu verwirklichen, ohne die Menschennatur zu verletzen!
Nachdem der erste Versuch zur Lösung der sozialen Frage — denn als solchen müssen wir das Urchnsteu- thum auffassen — an der Unreife des Zeitbewußsieins gescheitert war, da bemächtigte sich der einzelnen Menschen ein Drang, die Gesellschaft zu fliehen, da wurden die Einöden und der Himmel bevölkert. Die Lebenden mit allen ihnen anklebenven Eigenschaften vermochten das Reich der Gleichheit und Brüderlichkeit nicht aufzurichteu, darum flohen sie die Gemeinschaft der Lebenden uno versenkten sich träumerisch in den Himmel; der Himmel aber ist das Reich der Gleichheit und der Brüderlichkeit für die Todten. Die P h a l a n st e r i e n F o u r i e r's, das Land I karren, das Cab et erträumte, die National- werkstätten des Louis Blanc sind neue Auflagen deö christlichen Himmels; nehmt dem Menschen, was jene Träumer und Denker bei Entwerfung ihrer Systeme vom vollen, menschlichen Individuum außer Acht gelassen haben, so ist er, als Mensch wenigstens, todt.
Lange hatte das herrschende Aristokratenthum die Christen wegen demokratischer und sozialer Tendenzen verfolgt, als Konstantin derSchlaue auf einmal die wichtige Entdeckung machte, daß die christliche Lehre, wie sie inzwischen geworden, ganz herrlich zu Staats- zwecken, nämlich zur Befestigung der Aristokratenherrschaft, verwendet werden könne. Das kritische U m h erblicken des kecken Heidenvolkes, das die Genießenden und Schwelgenden höchst unangenehm berührte, sollte ersetzt werden durch das Emporblicken gläubiger Christenschaaren, die in ihrem Verfunkenseiu ins Jenseits kein Auge haben für das Treiben der Herrfchen- den im Diesseits. Auch der große Christus genirte nicht mehr. Er, der in feiner rein menschlichen Gestalt in Millionen Herzen sein Ebenbild erzeugt hätte, war ja in Anerkennung .seiner hohen Verdienste um die Menschheit als Gott in den Himmel befördert und zur Rechten Gottes festgesetzt, er war ja bereits aus der Menschheit verwiesen. So -treibt die Aristokratie Kommunismus. Sie stempelt eine ganze Menschenklasse zu ihrem Arbeitsinstrument, enterbt sie aller Menschenrechte, verurteilt sie zu lebenslänglichem Entsagen; und der ihr verbündete Priester nennt diese Schandthat des gemeinsten Eigennutzes in heuchlerischen Phrasen Gottes ewige Ordnung und deutet mit fromm verdrehtem Auge nach oben,
als dem Lande, wo Ausgleichung und Vergeltung statt- finken werde.
Die weltliche Aristokratie hatte cs jedoch bald zu bereuen, daß sie die Kirche zur Staatsbienerm gemacht. Die Verwalter des Himmels dachten zunächst an sich selbst und machten sich mittelst ihres Himmels zu Herrn der Erde. Die vom Glaubenswahne berauschte und . entzündete Menge war zugleich eine furchtbare Waffe gegen die Wenigen, welche das unwürdige Treiben durchschauten, den Betrug erkannten. Ritterliche Helden lockte das Pfaffenthum als eine ihm gefährliche Macht ins heilige Land, damit das Grab des Erlösers zugleich ihr Grab werde. So jagte die Kirche mit allen niedern Leidenschaften äußerem Glanze, weltlicher Macht nach. Im Mittelalter, zur Zeit Gregors VII., war^oaS Ziel erreicht, sie hatte sich aus ihrer dienenden Stellung zur Beherrscherin des Staates, ja der Welt ausgeschwungen.
Das Mittelalter war die Zeit der Sonderrechte, der streng durchgeführten Gesellschafts- Gliederung in Stände. Gegtliwe und Ritter waren Herren des Grundbesitzes, von welchem alle politische und sociale Rechte abhingeu. Die Geistlichen waren die alleinigen Inhaber des Geistes, der Wissenschaften, die Ritter dagegen die Inhaber der Körperkraft und der Körpergewandtheit, wie sie zur Führung der damaligen Schlachten, die sich immer in einzelne Zweikämpfe auf- lösten, erforderlich waren. Beide bevorzugte Stände genossen ihre Privilegien auf Kosten des Bauern- stanves, der den Boden zu bebauen, der Geistliche und Ritter durch seine Arbeit zu ernähren hatte. Von den Früchten seiner Arbeit verblieb ihm nur so viel, als nöthig war, um ihn arbeitsfähig zu erhalten; ja er ermangelte oft des zur Lebensfristung unbedingt Nothwendigen, während Ritter und Geistliche auf Burgen und in Klösteru sich den raffinirtesten Genüssen Hingaben, recht eigentlich vom Schweiß und Blut des armen Bauern schwelg e«. Der Bauer war mit Leib und Seele den herrschenden Ständen preisgegeben: sein Leib war Sklave des Ritters, seine Seele Sklave des Priesters.
Der stolze Bau des Mittelalters mit seinen streng geschiedenen Kasten, mit seinem Kaiser, als Spitze des weltlichen Regimentes, mit seinem weltbeyerrschcnden Papstthum — dieser stolze Bau, der eine Ewigkeit zu dauern schien, trug in sich den Keim des Toves, erlag dem allgewaltigen Geiste, der alles Starre auöhöhlc und auflöst.
Die mächtigeren Ritter hatten sich allmählig zu Fürsten gemacht. Jede Verlegenheit des Reiches, dessen Vasallen sie dem Gesetze gemäß waren, beuteten sie zu ihrem Privatvortheil, zur Vergrößerung ihrer Macht aus; so wurde das Reich durch schnöde Verfassungsverletzungen mehr und mehr seiner Majestät entkleidet; so bildete sich eine aristokratische Mittel- macht, (zwischen Kaiser und niederem Adel) deren zunehmende Stärke die Eristenz der ReichseinheU immer mehr bedrohte.
Der französische Fenilletouroman.
& Mit dem 1. August erscheint der Stempel wieder auf den französischen Journalen, noch dazu in ft hier ganzen antirepublikanischen Gestalt, da man sich mit Zeitmangel zur Anfertigung neuer Stempel entschuldigen und deßhalb ruhig zu dem alten greifen will. Der Constitu- tionncl sagt am Schluffe der „Genevieve" dem Feuilleton- ! vornan für immer Lebewohl. Aber aus den goldenen ; Tagen des .Ewigen Juden" hängt dem Blatte noch ein Bleigewicht an, ein Vertrag mit Eugen S n e, der auf noch volle vier Jahre lautet. Der Consiituliomicl will nun keinen Roman von Eugen Sue mehr bringen und es mit Verschiebung des Reancey' scheu Amendements, worin für die Eigenthümer des Blattes eine „circonstance de force majeure“ liege, auf eine grichtliche Entscheidung ankommen lassen. Vielleicht also, daß der Consti- lutivnncl vier Jahre lang Sue'sche Romane „par autorité de Justice“ seinen Abonnenten liefern wird. Die,, Presse" verspricht ihren Abonnenten, sie habe das Räthsel gelost, ihren Lesern ihr Blatt, bei Zahlung von 40 Frc. jährlich, gratis zu liefern! Diese Lösung soll dem Ver- nebmen nach darin bestehen, daß sie ihr Formal von 54 Dccimetres, auf 48 verkleinern und jevc Woche drei Supplemente von 24 Centimetres liefern will. In diesen Supplementen, in welchem Artikel über Literatur, Philosophie, Socialismus n. s. w. geliefert werden, wäre
den Abnehmern für seine 40 Frc. überflüssig Waare geliefert, so daß er das Blatt umsonst bekäme. Das Siccle will dem Feuilletourvman treu bleiben, doch nur alle zwei Tage ein Feuilleton, welches das doppelte Material enthalten soll, geben. Andere Journale wollen den Preis erhöhen, doch für den Aufschlag Bücherprämicn und dergleichen liefern. Die Noth ist im ersten Augenblick groß, doch hofft der journalistische Industrialismus, auch tiefe Klippe bald mit Glück umschiffen zu können.
Das Goldland und die Goldmacher.
^ Nicht blos in Californien werden die neuentdeckten Reichthümer von edlen Metallen auSgebeutet; auch in der alten Welt haben spekulative Köpfe sich dadurch Goldgruben eröffnet. In den französischen und belgischen Blättern prangen in diesem Sommer neben den Riefcn- annoneen der Kurhauspächter in Homburg, Aachen und Spaa, neben denen Wiesbaden nur eine höchst bescheidene Rolle spielt (ob auS Sparsamkeit oder Bescheidenheit — oder anö Selbstgefühl — wage ich nicht zuentscheiden) die stattlichen Annoncen von califor- nische Gesellschaften, welche zum Theil einen Rculm von 1% Fuß Breite und % Fuß Höhe einnehmen. Am meisten scheint sich'S die Gesellschaft „La Fortune“ kosten zu lassen, welche im Faubourg Poissonniere zu
PariS ihren Siy hat, ein Bctricbcapit.il von 300,000 Fr. in Aclicn zu 10 und 50 Fr. sucht und zu Zeichnungen auffordert. In der Ankündigung wird das goldlustige Publikum belchrt, daß der Golddistrikt in Kalifornien mindestens so groß wie Frankreich ist, daß „La Fortune“ bereits vier neue Maschinen besitze, von denen jede die Kraft von 100 Männern habe Diese Maschinen geben — (so versichern die Chefs von „La Fortune“!) — wenn sie arbeiten, jede täglich 2 Kit. Gold zum Werthe von 600 Fr., alle vier also täglich für 24,000 Fr., und in einem Jahre (zu acht Arbeitsmonaten gerechnet) 5,760,000 Frc. Nach dieser Berechnung, ^nâmlich wenn sie sich bewahrheitet !) würce jede Actie von 10 Fr. jährlich 80 Fr. Dividende eintragen! „Obgleich diese Resultate außerordentlich scheinen," heißt es in der Annonce weiter, „so ist doch nicht an ihrer Richtigkeit zu zweifeln, weil diese sich auf offizielle Berichte stützt; übrigens liefert der Eifer, womit die Actien der califor- nischen Gesellschaften in England gesucht sind, den besten Beweis, um auch den Ungläubigsten zu überzeugen! So werden die Actien der Gesellschaft Cast-Wheel-Rose von 50 Pfv Strl. oder 1250 Fr. an der Londoner Börse mit 15,000 Fr. gekauft, die der Gesellschaft S»d- Caradan von 5 Pfd. Strl. oder 125 Fr. mit 3950 Fr., die der Gesellschaft Great Consols, von 25 Fr. mit 3275 Fr. Ferner machen wir darauf aufmerksam, dass Arbeiter, welche vor anderthalb Jahren nach Californien gingen, nach Frankreich zurückgekehrt sind, manche mit