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^ g^2. Wiesbaden. Samstag, 3. August 18ZÄ-.
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Der Zollverein, die Union und die deutsche Einheit.
X Ist es wahr, daß Oesterreich damit umgeht, den deutschen Zollverein zu sprengen; ist es wahr, daß die Lerhandlungen zu diesem Zwecke mit Baiern und Würtemberg bereits sehr bedeutend vorgeschritten finb? Ein Brief der Mainzer Zeitung aus Frankfurt behauptet es auf das Bestimmteste; die Frankfurter Blätter bezweiflen es eben so entschieden, und die neuesten Nachrichten aus Wien enthalten die angelegentlichste Verwahrung gegen einen solchen Plan, ja sie gehen sogar so weit, daß sie zu verstehen geben, grade das Wiener Kabinet sei es, welches den preußlfchen zum wirklich allgemeinen deutschen Zollverein erheben wolle, und welches grade jetzt damit umgehe, auch die nordwestdeutschen Negierungen zum Beitritt zu bewegen?
Was ist Wahrheit, was Spiegelfechterei in dieser für alle politischen Parteien so überaus wichtigen Frage V Zuerst muß es auffallen, daß jene Wiener Andeutungen Entschuldigungen nicht unähnlich sehen, und es ist ein alter Satz, daß qui s’excuse, s’accuse! Zweitens ist nicht zu verkennen, daß die Schwarzenbergische Depesche, auf welche das Wiener Neuigkeicübüreau hinweist, mehr einer Anklage gegen Preußen, als einem aufrichtigen Anerbieten zur Betheiligung an den schwebenden Verhandlungen über den Zollverein ähnlich sieht. Endlich drittens hat die Erfahrung der letzten Jahre oft genug gelehrt, daß Oesterreich bei den Fragen wegen deutscher Einigung in der Regel „Danaergeschenke" gemacht hat, durch welche die Verwicklungen nur vermehrt statt vereinfacht und sicherlich keiner Lösung im Sinne der Einheit und Freiheit entgegengeführt wurden. Das Fortbestehen des Zollvereins, alö Kern zu einem dereinstigen wirklichen b entstören Verein für Wahrung und Förderung des Handels und Gewerbes, ist aber eine so wichtige Lebensfrage sur das deutsche Volk, daß wir auf das, was darüber vergeht, nicht aufmerksam und gegen die Diplomatenkmffe nicht mißtrauisch genug sein können.
Nicht mißtrauisch genug, wir wiederholen eö, kon, nen wir gegen die angeblich guten Absichten sowohl Oesterreichs als Preußens sein; nicht oft genug können wir wiederholen, daß beide deutschen Großmächte die Politik befolgen: Erst komm' ich, dann komm' ich noch einmal, dann kommen die kleineren Fürsten, dann -- kommt erst das österreichische, preußische, das bairische u. s. w. u. s. w. Volk und dann.... Ob dann zuletzt auch noch die deutsche Nation als Nation und als deutsche komme, das eben ist die Frage, welche sowohl über den Fortbestand des Zollvereins in seiner jetzigen beschränkten, über dessen Erweiterung zu einem allgemeinen deutschen, oder aber über die gänzliche Zerrissenheit auch unserer materiellen Interessen entscheidet, wie sie entscheidend für die politische Einheit und Freiheit Deutschlands werden wird.
Die russischen Findlinge in Polen.
(Aus den Grenzboten.)
Gestatten Sie mir, Ihnen diesmal die innere Politik des Czarenreiches an einer geheimnißreichcn Stelle zu zeigen. Ich werde so viel als möglich vermeiden, in» discret zu sein. Verschmähen Sie es deßhalb nicht, mit mir vor daS Spital „Kindlein Jesus" in Warschau r zu treten, eine katholische, klösterliche Wohlthätigkestsanstalt, die an äußerer Großartigkeit und in Polen ein Seitcn- stück nicht hat. Das Hauptgebäude nimmt eine ganze Straßenseite ein und die Menge der Hintergebäude, welche sich auf dem der Anstalt zugehörigen ungeheuren Raume zwischen der Kreuz-, Masuren- und Gärtnerstraße befinden, bilden ein Ganzes, welches für sich mit mehr Recht den Namen einer Stadt in Anspruch nehmen könnte, als mancher Mittelpunkt eines Provinzialkreises.
Die Anstalt enthält außer dem KlostcrgWude und der Kirche ein Spital, eine Irrenanstalt für weibliche Geisteskranke und verschiedene andere wohlthätige Institute. Hier über das Findelhaus derselben.
Als üb mich zum ersten Male, bei meiner ersten Reise durch Polen, in dieselbe führen ließ, befand sich diese Anstalt noch in ihren alten Verhältnissen. Sie stand unter der Dircctivn der Peiesterschaft der Krenzkirche, ernährte noch nicht 300 kleine Findlinge, wurde durch ein geistliches Bureau verwaltet, und die barm- I
Der Fortbestand des jetzigen Zollvereins war durch das Zustandekommen der preußischen Union mit den bei jenem Zollvereine bethciligten Staaten bedingt. In dem Momente, wo die politische Union nicht mepr alle dort betheiligten Länder umfaßte, war seine Eristeuz gefährdet. Die Erweiterung der alten Mauthschrauken über jene Länder hinaus, welche früher noch nicht zu demselben gehörten, war durch das Dreikönigsbündniß angebahnt. In dem Augenblicke, wo sich dw Könige zurückzogen, war durch Hannavcrs Rücktritt jene Erweiterung bis zur Nordsee nicht allein im Keime erstickt, sondern durch Würtembergs und Baierns antipreußische Politik sogar die einfache Existenz der alten Zolle, mgung in ihrem Lebensnerve angegriffen. Dem: darüber macht sich doch wohl jetzt Niemand mehr Illusionen, daß eine aufrichtige Verbindung zur wirksamen Erreichung materieller Zwecke unter Staaten, welche in politischer Beziehung verschiedene oder wohl gar entgegengesetzte Bahnen verfolgen, auf die Dauer ein reines Ding der Unmöglichkeit, oder, wenn dennoch, nur ein Prokrustesbett ist, auf welchem der Stärkere die eingefangenen schwächeren Theilnehmer nach seinem Belieben verkürzt.
Grade dieser prinzipielle Grund ist es aber, in welchem die Gefahr entweder für die materielle oder- geistige Wohlfahrt der Völker, wo nicht für beide zugleich liegt! Oesterreichs Staatsmänner wissen sehr wohl, was sie thun: sie sind vollkommen darüber einig, daß der preußische Zollverein als wirksames Institut mit der Union steht und fällt. Sie wollen diese Union um keinen Preis, weil sie Preußens Hegemonie in den deutschen Verhältnissen nicht zugeben dürfen, ohne ihre dynastischen und spezifischen Interessen Preis zu geben. Um der Union auch den letzten materiellen Halt zu rauben, drängen sie sich an den Zollverein. Freilich versichern sie, daß sie incht gc^rn Demselben seiner Idee nach sind; freilich betheuern sie, daß sie noch keineswegs einen süddeutschen Verein zu gründen thätig seien. Denn dieser Fall refervirt sich von selbst für die Wendung, daß es ihnen mißlingen sollte, die Union und mit ihr den Zollverein im preußischen Sinne zu vernichten oder doch so zu stellen, daß er eines langsamen Todes verbleichen muß. „Wir sind es," rufen die österreichischen Staatsmänner den deutschen Diplomaten groß und klein zu, „wir sind es, welche Preußen fortwährend Avancen machen für einen allgemeinen Zollverein; wir sind es, welche die nordwestdeutscheu Nefrackairs in denselben hinein zu schmeicheln oder im Nothfall hineinzptreiben Macht und Willen haben; wir sind es, welche zu diesem allgemeinen Nationalinstitut die Schlüsselgewalt besitzen; wir sind es, welche die Zerrissenheit Deutschlands durch eure Uuivnsprojekte so wenig, wie durch euren Separatzollverein besiegeln lassen werden; wir sind die Großdeutschen, wir die Machthaber, denen allein es gegeben ist, alle deutschen Staaten und Stämme unter einen Hut zu bringen; deßhalb kommen wir euch jetzt zur Gründung dieses merkantilen
herzigen Schwestern hatten sehr ausgedehnte Rechte in Betreff der Verwendung des Vermögens. Das Vermögen der Anstalt war ein fast unermeßliches. Das Grundcapital , Hervorgequolleu unter den Stufen des österreichischen Kaiserthrones, hatte sich nicht verhundert- sondern vertausendfacht. Zumeist hatte die Unsittlichkeit der Vornehmen dies bewirkt. Die freundliche alte barm- herzige Schwester, welcher ich mich, bevor ich die Schwelle des zweiten Tbores überschreiten durfte, verstellen mußte und durch eine umständliche Legitimation und den polnischen Handkuß zu Gnaden emp ahl, versicherte mich, mit mehr Plaudcrhäftigkeit als Zartgefühl, daß oftmals die Anstalt durch ein einziges Kind, um viele Tausende von Gulden bereichert worden sei. So sei in demselben Jahre, in welchem sie ihr Gelübde abgelegt habe, von einem Ungenannten ein kleiner Knabe, in einer Schachtel wohlverwahrt eingeschickt worden, unter dessen Bettchen sich 60,000 Gulden und ein Schreiben befunden habe, nach welchem das Findelhaus die Hälfte für sich, die Hälfte für den Knaben bewahren solle, jedoch nur unter der Bedingung, daß er sich mit dieser Summe in die Wojewodschaft Pvdlachien ankaufe. Den Knaben zu zeichnen, hatte der Einsender ausdrücklich verboten, dagegen eifrig geboten, | ihn nicht zu verwechseln. Dem ähnlich, erzählte die alte Dame, sei von dem Grafen P. der Anstalt ein Kind ' mit einem Geschenk von 3000 Ducaten, von einem । Herrn aus Niederpolen ein kleines, fünf Tage altes j Mädchen mit einem Geschenk von 12,000 Gulden, von
Nationalvereins entgegen, sobald ihr euch mit uns über die politische Einigung vereinbart!" —
Aber welches ist die erste Bedingung zu dieser Vereinbarung? Will Oesterreich eine allgemeine deutsche Nationalversammlung? Dann müßte es die deutsche Revolution wollen, die es nicht will. Oder will es die Erfurter Augustinerkirche beschicken? Dann müßte es ein Freund von halben Maßregeln sein, was es seit der Wiener Oktoberrevolution durchaus nicht mehr ist. Was verlangt es denn? Die Restauration des alten Bundestages; nichts mehr, noch minder! Aber die preußischen Diplomaten, so befreundet sonst mit der europäischen Contrerevolution, fürchten, daß diese nackte Wiederausscharrnng einer Leiche, über deren unzweifelhaftes Ableben die Herren in der Eschenheimer Gasse am 12. Juli 1848 eigenhändig ein Protokoll unterfertigt und veröffentlicht haben, zu bedenklichen Händeln führen möchte; sie beabsichtigen daher ein Ding, das etwas Anderes, wenn auch nichts Besseres ist, wobei aber für Preußen etwas abfällt, ein Stückchen Hegemonie. Aber dieser Gewinn für das Haus Hohen- zollern wäre grade ein eben so großer Verlust für das Haus Habsburg! Noch mehr: die österreichischen Staats- Mutter wissen so gut, wie die preußischen, daß das Alte in seiner völligen -Abgenutztheit allerdings nicht stichhaltig sein würde. Sie wollen daher etwas thun, wobei sie für die österreichische Politik nichts anfgeben, wobei für die materiellen Interessen aller Deutschreoeuden aber ein Namhaftes gewonnen werden könnte: sie wollen Deutschlands neue politische Knechtung durch die Begünstigung der deutschen Handelsinteresfen möglich, erträglich, dauerhaft machen! So betrachten sie den allgemeinen Zollverein mitallmäligem Eintritt Oestereichs. Dies ist das Linsengericht, um welches Oesterreich die Hegemonie über Deutschland wieder erkaufen möchte. Deutschland sollso mit Preußen und Hannover u. s. w., kurz mit Groß und Klein nach und nach in Oesterreich aufgehen, wie Polen in Rußland aufgegaugen ist.
Wir behaupten nicht, daß tin Wiener Eavinet dies Alles bereits für die nächsten Tage beschlossene Sache sei; aber wir glauben für denjenigen, der in die jetzige politische Situation einen unbefangenen Blick werfen kann, genug gesagt zu haben, um zu zeigen, daß Oesterreich |o handeln m u ß, wenn es seine specifische Politik zum Siege führen will, und daß es mit Klugheit und Geduld sein Ziel erreichen wird, wenn Preußen s^o fortfährt, ihm in die Hände zu arbeiten. Vene Btänner, welche bei dein Gange der preußischen Politik betheiligt sind, haben Alles gethan, was jene norddeutsche Großmacht zur Ohnmacht, das alte östcr- reichljche System wieder zu Kräften bringen mußte: wäre es da nicht seltsam, wenn die Schüler Metternichs nicht 1850 thun sollten, was ihrem Meister 1815 so merkmürdig gelang? Auch damals hatte Preußen glänzende Eyanren. Durch aufrichtiges energisches Eingehen auf die demokratischen Ideen', welche in den sogenannten Befreiungskriegen dem Volke die viel be.
einem Herrn aus der Wvjeuwdschäft Augustow ein Knabe mit einem Geschenk von 6000 Thalern preußischen Gepräges aus der Zeit Friedrichs des Großen übergeben worden. Das Register so freigebiger Väter unglücklicher Kinder, welches die gewandte Lippe der gefälligen Schwester der Barmherzigkeit mir auffchluq, war ziemlich lang. Aber sie bezeichnete als Li feranten des Findelhauses nur Herren, ;fte schonte aus Parteisinn ihr Geschlecht; denn der Apotheker dieser Anstalt wußte eine sehr große Zahl von vornehmen Damen zu nennen, welche für die Zwecke der Anstalt gesorgt hatten. Unter ihnen nannte die Chroniquc scandaleuse des Hauses eine Dame, welche einen d rd) ganz Polen, ja durch Europa berühmten und am russischen Hof beliebten Namen trug.
Ueberhuupt schien mir, daß die Findelanstalt ver- hältnißmäßig zumeist von den vornehmen Ständen benutzt wurde, und das lag vielleicht weniger in der stärkeren Sittenlosigkeit, als in der größeren Bereitwilligkeit mit welcher die Anstalt sich ihnen anfthat. Denn natürlich mußte es dieser lieber sein, eine Dame brachte Zuwachs , welche im Stande war, aus ihrem Strickbeutel einige Tausend Gulden zu schütteln, als daß ein armes Wesen kam, welches nicht mehr, als das gesetzliche Mini- minum von 45 Gulden besaß, oder sich wohl gar ohne irgend eine Zahlung davon zu stehlen versuchte.
(Fortsetzung folgt.)