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Freie Zeitung.

Freiheit und Recht!"

â' ISO. Wiesbaden. Donnerstag, 1. August 1850.

DieAreu Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Äontags, tagUch in einem Bogen. Ler AdonnementSprew beträgt v »etteljâhrlg hier (ft Wiesbaden 1 fl. 45 !r aus- wârts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserat» werden bereitwillig ausgenommen und find sei der großen Berdrettung dergttitn Zeitung" stets von wirk, samem Erfolge. tu Inserationügebußren betragen für die vierspaltige Petttzetle 3 Kreuzer.

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Das Aufblühen der freien Gemeinden.

(Schluß)

â Freilich könnte man uns entgegenhalten, daß die Anzahl der bis jetzt entstandenen Gemeinden immer noch dem Tropfen im Meere glichen. Aber haben re­ligiöse Reformen nicht immer nur allmählig unter dem Volke Platz gegriffen? Glich nicht auch das Ur­christenthum dem Senfkörnlein oder jenem Tropfen im Meere? Und ist nicht schon eine einzige kleine Ge­meinde, wenn es ihr nur einmal gelungen ist, einen Rednerstuhl in ihrer Mitte zu errichten, ost der den» tralpunkt des Lichtes für eine ganze Gegend? Und wenn auch die Uebertritte zu der Gemeinde selbst in der jetzigen schweren Roth der Zeit und aus tau­senderlei Rücksichten anfangs nur selten und spärlich erfolgen, dringt nicht gleichwohl was ja doch dre Hauptsache ist das Licht der religiösen Aufklärung, von der einen kleinen Gemeinde ans, allmählig in alle Schichten des Volks?

Mit welchem Heißhunger das Volk die Reden der freien Prediger aufnimmt, davon haben wir uns schon zu Dutzendmalen hinlänglich überzeugt. Beweis genug, wie tief das Bedürfniß beim Volle wurzelt, seine Re­ligion in Einklang gesetzt zu sehen mit der das diu* wirken der Kirche längst überflügelnden freien Denk­weise, die es in seinen Schulen gewinnt. Der reli­giöse Zweifel, der Zweifel am alten Kirchenglaube», ist unter dem Volke längst vorhanden. Er würde zur- häßlichen Frivolität und Verachtung alles Heiligen aus­schlagen, wenn nicht auch für das Volk endlich die Resultate der neueren Wissenschaft flüssig gemacht und ihm der Kern der Religion gereicht würde statt der bisherigen Wunberschale, die es längst verachten lernte.

So hungrig nach irdischem Brod, und so abge­mattet durch Steuerlast und Arbeitsschweiß ist Gottlob! das Volk noch nicht, daß um des leeren Magens willen es gar nicht mehr Lust und Fähigkeit in sich verspürte, höheren Gedanken nachzuhängen und den Worten von Predigern zu folgen, die es zu einer ver­nünftigen Gott- und Weltanschauung und gerade durch diese zu eigner Ermanuung und zur Aufbesserung seiner irdischen Zustände hinzuleiten suchen

Wollten diese Prediger freilich dem armen Mann zumuthen, mit thuenüber abstrakte Sätze nachzudenken, die zu seiner Lebensstellung in gar keiner direkten Be­ziehung stehen", wie es in Rro. 169 heißt, dann frei­lich könnten wir cs ihm nicht verdenken, wenn er auch ihnen verdrießlich und mißmuthig den Rücken kehrte, als solche, die ihm abermals statt Brodes Stein bieten wollten. Aber so ist es ja auch nicht! Der Herr Eorresp. kann dieß nur von Hörensagen, vielleicht auch nur von âr vereinzelten Predigt hernehmen, die ihm vielleicht nicht praktisch genug erschienen haben mag. Denn das ist es ja gerade, was die Prediger der freien Gemeinden vom alten Priesterstande unterscheidet,

daß erstere die alte dualistische Weltanschauung gründ- mäßig zu zerstören suchen, die die Religion dem Volke immer nur als einen Baum erschienen ließ, dessen Früchte zupflücken nur und ausschließlich im jen» zeitigen Leben gestattet sein solle; daß sie deßhalb dem Volke in seinen Kirchen nicht vertröstende Anweisungen auf den Himmel auostellen, sondern daß sie den Cul­tus all der hohen, göttlichen Ideen begehen, die die heutige Menschheit bewegen; daß sie furchtlos Hand anlegen, die letzten und nothwendigen Consequenzen des Christenthumes, nachdem dieses alle Glaubenspha- sen durchlaufen, tm Leben zu verwirklichen. Und sind in diesem Streben die frei-christlichen Pre­diger auch nicht im Stande, dem Volke alsobald und unmittelbar irdisches Brod vorzuschneiden, so wird ihr Streben doch gewiß dazu beitragen, das Volk in die­jenige innerliche Verfassung zu setzen, aus der heraus cs ernstlich darauf bedacht sein wird, statt müßig die Hände in den Schooß zu legen und auf die himmli­schen Freuden zu warten, selbst Hand an zu legen an äußerliche Darstellung des Göttlichen in ihm, an Her­stellung eines gottes- und menschenwürdigen d. h. eures freien Lebens auf Erden.

Die Politik füllt noch nicht den ganzen inneren Menschen aus. Die Politik beschäftigt ihn mit tau­senderlei sich zertheilenden praktischen Fragen. Es muß auch einen Ort geben, und das Herz des deut­schen Volkes wird ewig darnach verlangen, der Die geistige Grundlage alles seines Thuns und Hau­dels und Strebens ist, der FeuSr'heerv, aus dem es seine sittliche Wärme und Begeisterung zieht. Und dieses ist nicht der Kochheerv, sondern die freie Ge- meinve. Hier gilt immer und ewig das Christuswort, das da nicht lautet: Brod wird euch frei ma­chen; sondern:die Wahrheit wird euch frei machen."

Es hieße den Charakter des deutschen Volkes ver­kennen, wenn man es immer nur zu politischen Re­formen anhalten wollte, ohne der Reformation zil gedenken. In ersterem ist es ewig Stümper gewesen; die Weltgeschichte hat ihm vor allen anderen Völ­kern die letztere als Hauptmission übertragen. Es wird seine Mission erfüllen und Frankreich damit den schuldigen Dank abstatte», das ihm dafür seine Re­volutionen muß machen oder wenigstens muß machen helfen.

Nicht Mangel an Bedürfniß unter dem Volke, auch nicht das Kirchen vermögen, das ja ohnehin für das Volk ein todtes Kapital ist, wenn es nicht in sei­nem Geist und Sinne verwendet wird, tragen die Schuld daran, daß bis jetzt nur noch so wenige Ge­meinden im Herzogthume entstanden sind. Denn wollte das Volk aus Furcht, seinen Antheil am Kirchengute zu verlieren, sich vom Bilden freier Gemeinden ab­halten lassen, so gliche es einem Gaste im Wirths- Hause, der eine schlechte Mahlzeit bis zum letzten Bro­

cken verschlingt, wenn sie ihm auch noch so wenig schmeckt, bloß weil er sie einmal bezahlt hat. So dümM ist aber unser Volk nicht. Es wird sich nach seinem Appetit, selbst wenn ihm ein Gröschlein oben- drein auch noch so sauer ankommt, lieber einen andern Bissen zu verschaffen suchen. Und mit dem schlechten Wirthe wird es später schon abrechnen, wenn die Zeit kommt!

Rem, es fehlt nur an Arbeitern im Weinberge des Herrn, an Männern wie Uhlich, Wislicenus, Baltzer ,c., die dem Bedürfnisse des Volks entgegen- fommen, alle materiellen Rücksichten bei Seite setzen und freie Gemeinden gründen. Sie fehlen noch. Aber wie dem auch sei, an ein Scheitern der schon be­stehenden Gemeinden ist nicht zu denken! Sie bestehen fort, als nützliches und als nothwendiges Vorbild, Dem die Kirche überhaupt entge- geuzustreben hat, und als Wink für die, die die Leitung des Kirchenregimentcs in Händen haben, als bedcutung.vollen Wink für sie, was allein das Volk unter der versprochenen kirchlichen u. religiösen Freiheit verstanden wissen will.

Assisenverhandluttgen zu Wiesbaden.

Elfter Prozeß.

Anklage gegen den gewesenen Lehrer Christian D e i s - ncr von Rauenthal, den Taglöhner Sebastian Meth 2r. von Neudorf, den Taglöhner Johann Joseph Frank von Rauenthal, den Taglöhner Jo­hann Münch von da, den gewesenen Lehrer An ton Horn von Dahlheim, den gewesene» Lehrer Jo Han» Wilhelm Schmidt von Neudorf, den Taglöhner und Soldaten An ton Jäger von Rauenthâl, den Schneider Adam Ernst von da, den Buchbinder- Jacob Deisner von da, wegen Meineids und Verleitung zum Meineide.

$ Wiesbaden, 30. Juli. Präsident: Herr Hoss gerichtsrath Trepka; Staatsanwalt: Herr Staats- prokurator-Substitut Flach; Vertheidiger: die Herren Prokuratoren v. Arnoldi und Leisler jun.

Die Anklage ist dahin gerichtet, daß

1. in der wegen Preßvergehens, Fälschung und Be­trugs gegen Johann Wilhelm Schmidt geführten Untersuchung:

I) Christian Deisner und Sebastian Meth 2r am 2. April 1849 als Zellgen nach abgelegtem Zeu- genkid bei dem H. Stadtpolizeiaintc dahier wissentlich falsch ausgesagt haben, sie hätten Ende des Monats April 1848 gesehen, daß Wilh. Schmidt aus Neu­dorf, Sohn res Angeklagten Joh. Wilh. Schmidt von da, einen Aufsatz über die Versetzung des Lehrers Horn von Frauenstein, unterzeichnet:WilhelmSchauß, Lehrer zu Biebrich" geschrieben und demnächst in Die

Bericht

über die bisherige Wirksamkeit des Nassauischen Kunstvereins, in der Generalversammlung des Ver­eins am 26. Juli 1850, vorgetragen von dem zeitigen Director Hofrath Leyendecker.

Hochverehrte Herrn und werthe Kunstfreunde!

Wir schließen heute das dritte Vereinsjahr unserer Gesellschaft. Blicken wir auf das Triennium ihres Be- stehens und ihres Wirkens zurück, so gewähren wir ein zwar langsames, aber sicheres Wachsthum, sowohl ihrer Wirksamkeit, welche nach den Statuten in Der Belebung des Kunstsinnes und der Vermit­telung der Künstler und ihrer Werke mit dem Publikum besteht, als auch in Hinsicht auf die Zahl ihrer Mitglieder. Am Schlüsse des ersten JahreS be. stand unsere Gesellschaft aus 112 Mitgliedern, zu Ende des zweiten, der Kunst sehr ungünstigen Jahres, auS 108, und heute am Schlüsse deö dritten, zählen wir 131 Mit­glieder. Es sind nämlich 12 Mitglieder ausgetreten (darunter 4 durch Auswanderung); neu eingetreten sind dagegen 35, sodaß unsere Gesellschaft gegenwärtig auS 100 hiesigen und 31 answärtigen Mitgliedern besteht. Durch Aktientausche sind zwei Vereine, der Frankfurter Kunstverein und der Verein für Kunst und Literatur in Mainz, sowie dagegen unsere Gesellschaft Mitglied der genannten Vereine geworden.

Auch im vergangenen Jahre erfreute sich der Verein Der Anerkennung und deS Zutrauens der Künstler, wie Der Kunstfreunde. AlS eine Frucht dieses Ver­trauens betrachten wir nicht nur Den Zutritt von 35 neuen Mitgliedern, sondern auch die zur letzten WeihnachtSver- loosung eingesandten Werke blos Nassaus eher Künst­ler, bei welchen man einen sehr erfreulichen Fortschritt wahrnehmen konnte. DieS setzte uns hinwieder in Den Stand, von den eingesaiitten Kunstwerken 20 anzukaufen für Die Summe von fl. 211; 17 wurden sogleich verlorst und 3 für die heute statt findende JahreSver- loosung ausbewahrt.

Hat nun so, während eines dreijährigen Bestehens, unsere Gesellschaft, Die erste und einzige für bildende Kunst in Nassau, den Beweis ihres Bedürfnisses und ihrer Lebensfähigkeit geliefert, p hielt cS Der Vorstand für Pflicht, weitere Schritte zur Erreichung unseres Zieles zu thun. In einer Vorstellung an Herzvgl. StaatS- ministerium vom Januar d. I. baten wir um Unter­stützung, Der von Der Gesellschaft angestreblen Zwecke auS Staatsmitteln, deren sich auch andere Nas­sauische Vereine, Die ähnliche Zwecke verfolgen, erfreuen. Wir fügten den Wunsch hinzu, unS Die im Hcrzvgthuin vorhandenen Gegenstände Der bildenden Kunst zur Be­wahrung, Erhaltung und zur Vermittelung ihrer Kennt­niß und ihres Verständnisses anzuvertrauen, namentlich durch Überweisung einer passenden Lokalität für Die

zweckmäßige Aufstellung der auf daS ungeeignetste mit Dem naturhistorifchen Museum vereinigten kleinen Gemäl­deversammlung. Eine jährliche Unterstützung von fl. 500 würde unS in den Stand setzen, jene Sammlung als Gruiidfstock einer .Nassauischen Gallerieâ allmâh- lig zu vergrößern und zugleich die nassauischen Künstler zu beschäftigen, sowie keimende Talente zu unterstützen und zu erm intern, überhaupt daS Interesse für die Kunst, als eines bedeutenben BildungömomentS im All­gemeinen zu beleben und zu fördern.

Ebeisso würden wir gerne die Sorge für Erhal­tung der nicht unbedeudenden in unserem Lande zer­streuten architektonische» und monumentalen Baukunstwerke übernehmen. Eine weitere Ueberwei- sung von jährlich 500 fl. zu diesen Zwecken würde schon erfreuliche Resultate gestatten und manches herr­liche architektonische Kunstwerk vor dem gänzlichen Untergang retten. Nach unseren dort weiter aus- geführten Vorschlägen würden ohne Beschwerung des Staatsbüdgets unsere Wlinsche vollständig realisirt werden können. Es ist unck zwar auf unsere Vorstel­lung noch keine Resolution zugekommen; jedoch hegen wir gegründete Hoffnung, daß man höheren Orts geneigt ist, unsere Bitten zu erfüllen. Alsdann werden wir uns auch nicht Mehr in die traurige Noth­wendigkeit versetzt sehen, junge vielversprechende künstlerische Talente unseres Landes, -die sich