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Freie Zeitung.

Freiheit und Recht!"

M 178. Wiesbaden. Dienstag, 30. Juli 1850.

Diestreik Zeitung" erscheint, mit Luânz-me d.S -Mentagd, täglich in einem Bogen. Der AbonnementSpreiS beträgt v iertcliä-rig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr_ aU(j. wärts durch die Post bezogen mit verhäitntßmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Äcrdreitnag derFreien Zeitung" stets »on wirk» samem Erfolge. Die InserattonSgedühren betragen für die vierspaltige Petttzeile 3 Kreuzer.

Sozialismus, Communismus und Aristo- kratenthnm.

II.

^:Die soziale Frage kann nicht mit einem Federstriche gelöst werden; die Erscheinungsformen des sozialen Staates werden nur allmählig geboren; jede einzelne trägt die Keime vieler anderen in sich. Ob die neue Welt sich gewaltsam oder in friedlicher Entfaltung an die Stelle der alten setzen wird, hängt davon ab, ob man den jungen Lebenskeimen, wo sie sich zeigen, den Schutt aus dem Wege räumt, 00er ihnen denselben geflissentlich in den Weg wirft. Soziale Revolution, soziale Reform: zwischen beiden haben die Inhaber der Staatsgewalt, haben die herrschenden Gesellschafts­klassen zu wählen; der soziale Staat selbst ist unver­meidlich, er ist der Staat der Zukunft. Als we­sentliche Bestandtheile eines sozial eingerichteten Staats, ans deren lebendigem Schooße eine Menge neuer Le­bensformen hervorwachsen werden, bezeichnen wir zu­nächst allgemeines Stimmrecht und freien, all­gemeinen Unterricht. Beide Institutionen hängen anfs Innigste zusammen. Wenn der Aristokrat sagt: Weil zur Volksvertretung Bildung gehört und diese in unserer Gesellschaft durchgängig vom Gelde abhän­gig ist, deßhalb müssen auch die Wahlen an einen Census gebunden sein, so räumt er damit ein, daß mit Einführung des freien, allgemeinen Unterrichtes nichts mehr vorhanden wäre, was für den Census spräche und darum führt er eben den freien, allgemei­nen Unterricht in seinem Staate nicht ein. Schon durch die Schule muß Pöbel und bevorzugte Klasse geschaffen, muß das Fundament gelegt wer­den für die Ausbeutung der einen Klasse durch die andere. Ein Theil der Jugend lernt in der Schule vorherrschend das, was zum Niederhalten, zum Be­herrsche» jMJLJUiimL-^diiM^

Theil der Jugend wird das beigebracht, was zum Er- dulden und Gehorchen erforderlich ist. Der soziale Staat hat eine Schule, welche in allgemein mensch­licher Weise die Kräfte weckt, die Individualität un­gebrochen zur Erscheinung bringt. Diese, allenthalben nach dem gleichen Prinzipe eingerichtete Schule muß von Allen besucht werden;' erst, wenn die ^ndlvldu- alität so scharf hervortritt, daß sie sich mit Entschie­denheit einer bestimmten Berufsgattung zuneigt, ver­lasse der Schüler die allgemeine Volksschule und trete in eine, seiner Berufsgattung entsprechende Fach­schule über, der spätere Jurist in eine Juristenschule, der künftige Gewerbsman» in eine Gewerbeschule. Die Kosten für Lehrerbesoldungen und Lehrapparate trägt der Staat, die besonderen Kosten, welche das Anschaffen von Büchern 2c. verursacht, übernimmt die Familie, im Falle ihrer Unfähigkeit die Gemeinde, und sollte sich auch diese außer Stand fühlen, so ist es Sache des Staates, helfend einzugreifen. Nach unserer gegenwärtigen Einrichtung muß der arme Mann dazu

Major von Szell.

^Fortsetzung.)

Hier erregte der Commandeur, in seinem reich mit Gold verzierten blauen Attila und zu Pferde hoch über seine Umgebung hervorragend, zunächst die Aufmerksam­keit der Cuirassiere, und mehrere derselben drangen mit hochgeschwungenem Pallasch auf ihn ein. Zwar waif sein kräftiger Arm den ersten, der ihm nahe kam, durch einen gewaltigen Säbelhieb vom Pferde, verwundet einen zweiten, auch noch einen dritten, aber zugleich waren die Pallaschhiebe hageldicht auf seinen K)pf nieder gefallen; ein Hieb traf die Zügelhand und marbte ihm einige Fingecglicder raubend, die Führung seines Pferdes un­möglich. Dennoch schwang er zur weiteren Vertheidigung gegen den zahllos überlegenen Feind, den Säbel, da traf ein neuer Hieb auch seinen rechten Arm, dicht unter dem Ellenbogen und beinahe zu gleicher Zeit ein anderer die Finger der rechten Hand, der der Säbel entglitten war.

Aber noch immer saß er aufrecht zu Pferde, ent­schlossen, sich eher in Stücke hauen zu lassen, wie um sein Leben zu bitten. Da hörte er, wie einer der Cm- rassiere wüthend rief :

* Und der Hund fällt noch immer nicht!"

Absichtlich ließ er sich jetzt vom Pferde gleiten, auf dem er sich bei seinen zahlreichen Wunden er hatte allein auf den Kopf sieben Hiebe bekommen kaum noch zu erhalten vermochte, und sank nieder auf die Erde.

beitragen, die Kinder der Reichen studiren zu lassen, er selbst kann für seine Kinder von jenen Schulen, die Staatsanstalten sind^ in Folge seiner Dürftigkeit keinen Gebrauch machen, die kümmerliche Ausbildung, die seinen Kindern an einer Gemeindeschule zu Theil wird, muß er besonders bezahlen, und die Kenntnisse und Fertigkeiten, welche Jene auch auf seine Kosten sich anstudirten, haben für ihn und seine Schicksalsgenossen keinerlei wohlthätige Folgen; da die Ausstudirteu in den Dienst der herrschenden Gesellschaftselemente sich begeben müssen, und die Wissenschaft als eine dem Le­ben entfremdete Doktrin ihnen beigebracht wurde. Nur der freie, allgemeine Unterricht ist das Mittel, die Wissenschaft von ihren doktrinären Auswüchsen und Verzerrungen zu heilen. Die deutsche Geistesbildung trägt in sich die Bildung der Welt, aber sie ist nicht volkstümlich, sie hat daher auch nicht den ge­staltenden und veredelnden Einfluß auf die Zustände, auf das Leben, den sie als Eigenthum der Nation haben würde. Noch länger in ihrer unwahren Tren­nung vom Volk und seiner Anschauung verharrend, könnte sie nur ertreme, von Vernunft und Geschichte losgerissene Verzerrungen hervorbringen. Es ist hohe Zeit, daß der Geist unserer Bildung wieder in die alte Mutter, die Erde des Volkes, sich einsenke, auf daß er sich urkräftig verjünge.

Wahrhaft lächerlich ist der Einwurf, daß freier, allgemeiner Unterricht zum Communismus führe, die Mannichfaltigkeit der Berufe aufhebe u. s. w. Eben in der einen Volksschule entwickelt sich die Besonder­heit und Eigenthümlichkeit jedes einzelnen Schülers in ebenso natürlicher Weise, wie sich im Lichte der glei­chen Sonne jede Pflanze als da s entfaltet, was sie ist. Es wird beissreiem, allgemeinen Unterricht Schneider und Ge­lehrte, Bauern und Wirthe noch ebensogut geben, wie jetzt, nur mit dem Unterschiede, daß jeder seine Stelle mitLust und vortrat. Die Arbeit wird keine Last mehr sein, sondern eine Lust, weil ihr Eigenthümliches zur Eigenthüm­lichkeit des Individuums paßt. Durch freien, allge­meinen Unterricht werden alle Arbeitskräfte der Gesell­schaft geweckt'und jedem Individuum die Stelle be­zeichnet, an der es, seiner Eigenthümlichkeit gemäß, mit Erfolg wirken kann; das allgemeine Stimmrecht ist das Mittel, um den gebildeten Volksgeist, das geklärte Volksbewußtsein mit aller Reinheit und Treue im Gesetze auszuprägen.

Nach welchen Grundsätzen soll der sociale Staat in den Besitz der Mittel kommen, die zur Erfüllung seiner Pflichten erforderlich sind? Es versteht sich von selbst, daß er Denen, die nur so viel Einkommen ha­ben, als zur Fristung des Lebeus unbedingt nöthig ist, nichts abverlangen werde; das allgemeine Leben darf nicht vom Blute, vom Lebenssaft des Einzelnen, zehren. Wen aber die Gesellschaft in die Lage ge­bracht hat, mehr verdienen zu können, als zur Er­

Einer der Cuirassiere zog das Pistol aus dem Halfter und schoß nach ihm. Die Kugel flog dicht neben feiner Stirn in den Boden und bespritzte sein ganzes Gesicht mit Erde. Die kaiserlichen Reiter machten sich nun über ihn her, ihn anszuplündernn , schnitten ihm mit den Pallaschen den Attila auf, nahmen ihm Uhr, Börse, Brieftasche, ließen ihm aber die Kleider, weil diese über und über mit Blut getränkt und dadurch unbrauchbar waren. So blieb er für todt liegen.

Dennoch hatte der Major von Szèll wunderbarer Weise, des ungeheuren Blutverlustes ungeachtet, die Be­sinnung nicht verloren, was wohl zum größten Theil daher kommen mochte, daß die Blutung bald gehemmt wurde, indem bei der großen Kälte das Blut in den Wunden gefror. Ein Urständ, der ohne Zweifel wesent- lieb dazu beitrug, die Rettung des so schwer verwundeten Helden möglich zn machen.

Einige Zeit hatte er so dagelegen, die Cuirassiere hatten sich größtenteils zur Verfolgung der Ungarn ent­fernt, und nur wenige waren noch zur Fortsetzung der Plünderung zurückgeblieben, da hörte er sich leise anrufen:

Herr Oberstwachtmeister leben Sie »och?"

Er schlug die Augen auf und erblickte einen Feld­webel und einen Corporal von seinem Bataillon, die zwar beide ebenfalls verwundet waren, aber bei der Flucht auf die sie sannen, ihren tapfern Commandeur dennoch wo möglich retten wollten.

Ja!" antwortete er ihnen matt.

haltung des Lebens unbedingt nöthig ist, der hat die Verpflichtung, einen Theil des Ueberschusses der Ge­sellschaft zur Verfügung zu stellen. Ist etwa 300 fl. das steuerfreie Einkommen, hat A 400 fl., ß auch 400 fl, C aber 500 fl. Einkommen, so hat A 100 fl., B auch 100 fl. C aber 200 fl. zu versteuern. Da sich C in der Lage befindet außer dem absolut Noth­wendigen so viel zn verdienen, wie die Personen A und B zusammen, so ist die Gesellschaft jedenfalls be­rechtigt, dem 6 mehr abzuverlangen, als A und B zusammen genommen. C als einzelne Person hat ja von der Gesellschaft denselben Gewinn, wie die zwei Personen A und B in Vereinigung, und der eine, dem ich dasselbe zuwende, wie zweien zusammen, ist einer jedenfalls mehr verpflichtet, wie die zwei an­dern zusammen genommen. Wenn also die 100 fl. des A und B mit 1 fl. besteuert sind, so müssen die 200 fl. des C mit mehr als 2 fl. besteuert werde». Wenn A von seinem einzigen 100 Ueber* schuß 1 fl. entbehren kann, so kann C von dem 2ten 100 jedenfalls mehr als 1 fl. gebe». Für sein erstes 100 zahlt er I fl. wie A und B auch; es ist aber jedenfalls billig, daß er die Begünstigung, noch wei­tere 100 fl. verdienen zu können, mit mehr als 1 fl. der Gesellschaft bezahle. Denn 200 fl. lleberfchuß sind in einer Hand eine bedeutende Kraft, sind für eine Persönlichkeit eine Quelle größerer Genüsse, als in ihrer Verteilung auf zwei Personen. So lernen wir als die Form, welche allein dem Gesetze der Bil­ligkeit entspricht, die progressive Einkommen­steuer kennen.

Die progressive Einkommensteuer ist keine Besteue­rung des Fleißes, wie ihre Feinde behaupten; der soziale Staat verlangt von jedem Menschen Fleiß, zwingt Jeden, fleißig zu sein, aber der Fleiß des einen trägt größere, der des andern geringere Früchte und kann, hat er der Gesellschaft bansen. ........

Je mehr das Einkommen das durchaus Nothwen­dige bereits übersteigt, desto mehr ist der Einzelne im Stande, einen weiteren Zuwachs an Einkommen der Gesellschaft zu Gute kommen zu lassen. Der Staat aber, in welchem progressive Einkommensteuer einge- geführt ist, verlangt nie den ganzen Zuwachs, zu welch großer Summe er auch hiuzutreten möge, er verlangt nur für eine bestimmte Größe des Zuwachses um so mehr, je größer die Summe bereits ist, zu der sich der neue Zuwachs gesellt. Wer darüber, daß er in Folge seiner Lage dem Allgemeinen recht viel zu­wenden kann, nicht die reinste Freude empfindet, für den ist die progressive Einkommensteuer eine heilsame Zucht, ein Mittel, ihm allmählig eine edlere An­schauung beizubringen. Wenn die Geldaristokraten be­haupten, die progressive Einkommensteuer vernichte beim Reichen die Wonne des freiwilligen Beglückens und ' beim Armen die Gefühle der Dankbarkeit, so ist das I gerade so, wie wenn früher Jemand gesagt hätte: die

Sie dürfen den Hunden nicht in die Hände fallen", sagten die Braven. Strengen Sie sich an, so viel Sie vermögen. Stützen Sie sich auf uns. Zwei Schritte von hier ist ein Graben, und haben wir den nur erst erreicht, dann sind wir so gut wie gerettet.

Halb führten, halb zogen sie ihn in den Graben, der sie den Augen der mit Plünderung eifrig beschäftigten Cuirassiere entzog. Gebückt gingen sie darin weiter, kamen nach etwa 200 Schritten an ein Gehölz und waren nun in Sicherheit. Aber es war auch die höchste Zeit, denn die Anstrengung hatte den Major so erschöpft, daß er zusammcnbrach. Nach kurzer Ruhe erholte er sich indeß so weit, daß er gestützt auf seine beiden Cameradeu, doch weiter gehen konnte. So erreichte er einsamen, von dem Schlachtfelde etwa eine halbe Stunde entfernten Pachthof. Weiter aber konnte er nicht ge­bracht melden, denn die Besimmng verließ ihn, das Wundfieber fing an sich einzustellen, und man fand, daß er zu schwach sei, um zu Wagen nach dem nahen Co- morn gebracht zu werden, wohin der Feldwebel und der Corporal sich wendeten.

Die braven Landleute nahmen sich des verwundeten Kämpfers für die Freiheit liebreich an, reinigten seine Wunden, und verbannten sie kunstlos mit Charpie und und kaltem Wasser.

(Fortsetzung folgt.)