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1850.

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-s Wiesbaden, 13. Juli.

Nassau's Abfall von der Nuèon.

Nassau fängt an eine große Bedeutung zu erlan- ' gen. Alle Blätter sind seit einigen Tagen voll von Nassau" oder richtiger dem baldigen Rücktritt Nassau's von der Union.

Ein Artikel in No. 158 derNass. Allg. Ztg.", überschrieben^Nassau und die Union", hat das Sig­nal zu den vielen Erörterungen der deutschen Blätter überNassaus Treue" gegeben. Dieser Artikel leistet im Betreff der Servilität und der hündischen Devotion wirklich das Unglaubliche. Im Eingang sagt der Ver­fasser:Auch wir glauben., daß antiunionistische Be­strebungen in Biebrich keinen ssruchtbaren Boden finden werden, und mit uns glaubt, hofft und erwartet dies auch die überwiegende Mehrzahl, wenn nicht die Gesammtheit der nassauischen Unterthanen." Nebenbei bemerkt ist es wirklich unerhört, wie der Bursche nach dem Ergebniß der Wahl für Erfurt mit frecher Stirne behaup­ten mag: die Gesammtheit der nassauischen Unterthanen sei für die Union, da es weltbekannt ist, daß in Nassau nur Nachtwächter, Polizeidiener, Förster und das Schreiberproletariat die ErfurterDeputirten" gewählt haben. Hier kommt es uns zunächst nur darauf an, zu konstatiren, daß der Verfasser des fraglichen Ar­tikels im Eingang hofft und erwartet, Nassau werde der Union treu bleiben. In diesem Eingang heißt cs unter Unterm nun weiter:Wir wissen, daß eine so plötzliche Gesinnungsänderung ganz der bisherigen Loy­alität unserer Regierung, dem persönlichen Charakter unseres Regenten widerspräche", und fernercs sind demnach unsere persönlichen, unsere bürgerlichen Frei­heiten, welche durch einen Rücktritt von der Union gefährdet würden.

Die Sache der Freiheit geht auch hier Hand in Hand mit der Sache der Einheit."

Nach diesem muß man natürlich denken, der Ver­fasser des fraglichen Artikels fei ein eingefleischter Go­thaer und werde einen Abfall von der Union auö tiefster Seele verabfcheueu, und als einen Abfall von der Sache der Freiheit wie Einheit'betrachten. Weit gefehlt!

Während der Artikclschrcibcr seinen Artikel macht, erhält er die OberposiamtSzeitung und findet darin einen Artikel von Berlin, worin zu lesen, die Sache der Union sei völlig aufgegeben. Der schmiegsame Politiker trägt sogleich den Thatsachen Rechnung und akkomodirt sich auf'ö schnellste. Er vergißt plötzlich bei diesem Ar» tikcl ter OberposiamtSzeitung, die telegraphischen Depeschen der Kölnischen Zeitung, und die deutsche Gesinnung der Herrn Radowitz und Manteuffel, und meint nach diesem einfachen Zeitungsartikel, der offenbar in Frank­furt fabrizirt wurde, müsse eS ganz gewiß mit der Union rein auS fein. Wir bewundern die heilige Simplizität der Logik, mit der dieser katzenbuckclndc gcsiunuugStreuc Held dievollendeten Thatsachen" sich zu produzircu versteht.

Auf einmal bläst nun der Wind stets in einem und demselben Artikel aus einer ganz andern Region.

Ja, heißt es jetzt Nassau i|i_ nicht für die Union verloren, aber die Union für Nassau!"

Fließt ihr Thränen! Hallet wieder Gefilde Nassau's von den Klagen der Unionisten in Nassau!

Verberge dich keuscher Mond hinter eine Wolke, damit du den Schmerz, de» unendlichen, unaussprech­lichen, der Gothaer, und vor allem des Führers der nassauischen Gothaer, des weiland Minister Hergen­hahn, nicht wahrnunmst!

Unser Artikelschreiber, der im Anfang ein einge­fleischter Gothaer war, weiß sich Gottlob, wie gesagt, zu fassen; er hemmt plötzlich das Weygeheul und schlägt --o Wunder über Wunder! der Gothaer Parthei ein Schnippchen; ja er macht sich, der Frevler, der arge Schalk, selbst über die Gothaer und die Union höchlich luftig. Der gute Mann tröstet sich. Wahr­haftig wir beneiden ihn um sein weites, weites Herz.

Gegen das Ende heißt es: die Union sei ja nach Hannovers und Sachsens Abfall doch nur ein Uniönchen" gewesen; die beiden Hessen seien ja zu­rückgetreten, und da fei Nassau nur alsAußenwerk" der Union zu betrachten (Oev Verfasser scheint frei­lich nicht zu wissen, daß Nassau vom Mausethurm bei Biugen bis Mandeln im. Amie Dillenburg an Preußen und außerdem denKreis Wetzlar grenzt), mau müsse sich dabei beruhigen das Gute gewünscht, erstrebt zu haben vut desint vires tarnen eét laudanda vo- luntas" (Sollte auch die Kraft fehlen, so ist doch der gute Wille zu loben"); der wirksamsteTrost- grund" sei aber darin zu suchen, daß nach dem Vor­gang mit dem Zuschnitt der deutschen Grundrechte nach der preußischen Schablone,dem nächsten Erfurter Par­lament wol eine ähnliche Vorlage gemacht worden wäre, welche es als wünschenswerth vargestellt haben würde, die neuesten Verordnungen Preußens im In­teresse der gleichartigen gemeinsamen Gesetzgebung auch in die übrigen lluivusstaaten einzuführen."

Mit großem Pathos ruft unser Eulenspiegel aus: Um den Preis der neuen preußischen Preßorvounau- zcn wäre die Union und führte sie auch zur gänzlichen Einheit Deutschlands zu theuer erkauft."

Im Eingang sieht also der arge Schalk: durch das Verbleiben bei der Union, die Freiheit wie die Einheit gewahrt, und am Ende sinder er, die Freiheit könne in und durch die Union todtgeschlagen werden j und tröstet sich deshalb und trocknet seine Thränen

schling der Civilliste Seitens des Herrn von Wintzin­gerode, das Verbot des mittelrheinischen Volksfestes, die Ausweisung Carl L>chappcr'ö, die Ausweisung des deutsch .-katholischen Predigers Rieger, die Peu- sivnirungder.Abgeordneten Wenkenbach und Raht, die Absetzung des Abgeordneten Müller II. der Leh­rer Rühl und Mann, die Suspendirung des Pro­rektors Rosset zu rechtfertigen.

Diedi. A. Ztg." gilt in aller Welt als Organ der nassauischen Regierung: nur die prüde Nachbarin wird immer roth, und geifert selbst mitunter, wenn man ein­fach unterstellt, sie stehe in einem gewissen Verhältniß zu dem Ministerium. Schon Herr Riehl hat sich mit wenig Witz und viel Behagen" fortwährend in dem Kreis herumgedreht: er sei ein unabhängiger Mann, er schreibe nur nach seiner Gesinnung, und er sei von Haus aus ganz liberal, und auch daS Blatt, dem er vorstehe, sei em unabhängiges Blatt.

Alle Welt wurde nicht überzeugt: im Jnnland wie im Ausland gilt die Nachbarin als Rcgierungsvrgan und, so wurde denn auch dem oben von uns zerpflückten Ar­tikel die Ehre zu Theil, von vielen deutschen Blättern beachtet zu werden, weil sie in ihm und gewiß sehr richtig daS Glöcklein Horten, das in die We t hinaus läute: Nassau sei bald für die Union todt.

über Nassau's Abfall.

Der Artikel schließt mit der Nodomontade:der wirksamste Trost sei uns, daß wir auf eine solche Höhe konstitutioneller Freiheiten gehoben wurden, die es uns gestattet, auf unsere Nachbarstaaten mit Stolz und in­nerer Befriedigung zu blicken."

Statt mit dieser Phrase am Ende loszuplatzcn, hatte der Herr Verfasser besser daran gethan: vom konstitutionellen Standpunkt aus, die einseitige Fest-

DasFr. I." nennt dieN. A. Ztg." einhalb- offizielles Blatt;" dieO. P. Ä. Ztg." sagt, der fragliche ^Artikel .scheine einoffiziöser" zu sein; diedeutsche Zeitung" sagt gar, dieN. A. Z." stehe in genauen B dz l e h il ngen zum Ministerium. Cin *** Correspondcut derN. A. Ztg.", früher, wie man sagte das Zeichen des.alten Adam, der die Ohmischen Lügen verherrlichte, ist nun entrüstet in Rro. 159 derR. A. Ztg." über diese Verdächtigun­gen und sagt:Herr Riehl habe schon wieder­holt erklärt, dieM A. Ztg." sei nur insoweit ein offizielles Blatt, als der amtliche Theil derselben, welcher nur die ihr von der Ministerial - Can^ei zum Abdruck mitgetheilten Verordnungen, Verfügun­gen und Dienftnachrichten enthält, der nichtamtliche Theil stehe aber mit der Regierung in keinerlei Be­ziehung. Auch unter der neuen Redaktion habe sich dieß Verhältniß nicht geändert."

Die Redaktion derR. A. Ztg." setzt zu dem Ar­tikel des Herrn #% hinzu:Eine nähere Erörterung über unseregenauen Beziehungen" zum Ministe­rium und über unserehalboffizielle" Stellung halten wir für überflüssig."

Das ist ganz vernünftig von der Redaktion der

N. A. Ztg." gesprochen; denn über längst 1 und unzweifelhafte Dinge liebt es nur Herr

mit der Tiefe einesPluto Zachariae" zu verbreiten.

bekannte, ' ** sich

Hut der .Schärfe eines

Da Herr so gern schreibt, so mag er übri­gens einmal auf folgende Interpellation der , Fr. " die bereits in Nr. 65 d. J. gedruckt wurde, aber bis heute noch nicht von bedMachbarin berücksichtigt wurde,

Robert Peel.

(Schluß.) I

Ein solcher Mann kann den Schauplatz, auf dem ' er eine so bedeutende Rolle gespielt hat, nicht verlassen, ohne in der Stellung der Parteien und in dem Gange der öffentlichen Angelegenheiten eine große und folgen­reiche Veränderung hcrbcizuführen. Seit der letzten Re­form Pecl's und seinem darauf folgenden Rücktritt von der Regierung sind die Parteien gewissermaßen gelähmt gewesen. Sir Robert und seine Anhänger hielten die Wage der Macht in ihren Händen und benutzten sie, den Status quo aufrecht zu erhalten. Sie waren nicht gewillt ihre ehemaligen Bundesgenossen zur Macht ge­langen zu lassen, um die Handelspolitik zu ändern, welche sie selber ins Leben geführt hatten; ebensowenig waren sie Willens, die Whigs zu unterstützen , wenn diese geignet gewesen wären, wahrhaft liberale Maßregeln in Vorschlag zu bringen. Daß dieser ungenügende Zu­stand der Dinge in der einen oder andern Weise sich ändern muß, kann nicht bezweifelt werden. Die Nation kann nicht länger die Politik des Stillstandisnius und der Nichtsthuerei dulden, welche die Verwaltung der Whigs in den letzten Jahren charakterisirt hat. Sir Robert'ö Tod hat einen Wechsel beschleunigt. Diejenigen von seiner Partei, welche sich durch persönliche Anhäng­lichkeit abhalten ließen, der Partei, der sie eigentlich am

gehören, sich anzuschließen, werden jeyt zu den Konser­vativen übergehen. Diejenigen, welche entschiedene Hin- | neigung zu dem sehr gemäßigten Liberalismus haben, ' den die Whigs vertreten, werden mit den Ministeriellen gemeinschaftliche Sache machen und als Preis für ihren Beitritt ihren Antheil an den Broden und Fischen er« halten. Die Partei der Prellten ist tobt mit ihrem Haupte. Wir werden demnach zu dem natürlicheren Stande der Dinge zurückkommen; die Parteien werden entschiede» auseinander gehen. Die ungesunde Stockung, welche in den letzten Jahren die englische Pvltik bezeichnet hat, wird einer lebendigen Aktion Platz machen. Es ist mög­lich, daß in dem Kampfe, der nun folgt, eine cntschie- deac Reaktion sich einstellt. Die Torypartci ist mächtig und kann sich eine hinlängliche Majorität sichern, um die Geschäfte zu übernehmen. Aber das würde schließ­lich die Sache dee Volksfreiheit nur fordern. Die Na- tion wird sich zu ernster, energischer Thäthigkeit erheben und ernste und energische Männer finden, die ihre Ueber­zeugungen zum Ausdruck bringen Reformen verlangen, deren Nothwendigkeit gefühlt wird und die nicht länger vorcnthalten werden können. Laue Freunde und Leute von zweideutigem Charakter werden tütschiedciien und aufrichtigen Männern Platz machen müssen; die Spiegel­fechterei kann nicht mehr von langer Dauer .sein. Die Whigs, die jetzt ihrer besten und mächtigsten Unterstüyung beraubt sind, müssen nothgezwungcn die eine oder andere Richtung einschlagen. Sie haben sich gegenüber eilte

Partei, welche ihnen an Zahl überlegen ist. Sie haben I auf ihrer Seite des Hauses achtzig Männer, die sie zwar ! im Allgemeinen unterstützen, die aber zu einer weit libe- i raleren Politik verpflichtet sind. Wenn diese Partei jetzt ihre Pflicht gegen das Land erfüllt, so zwingt sie Lord John Russel die geleistete Unterstützung dadurch zurück- zuzahlen, daß sic wenigstens das ganze Maß von Par­lamentsreform zugesteht, welches Sir Josua Balmsley und seine Freude befürworten. ParlamentSreform ist die erste große Frage, welche Erledigung verlangt. Die Massen, welche jetzt jedes Antheils beraubt sind, müssen ihren gebührenden und rechtmäßigen Einfluß auf die Gesetzgebung haben, wozu ihre Zahl, ihre Bildung und ihre ökonomische Bedeutung ihnen so gerechte Ansprüche geben. Während wir also den tiefen und allgemeinm Kummer theilen , welchen der plötzliche Verlust eines großen Mannes über das ganze Land gebracht, während wir die ganze Größe der Lücke fühlen, welche sein Hin­gang augenblicklich verursacht, wo sein reifes umfassen, des Urtheil so sehr vermißt werden wird müssen w r nnö dennoch zu dem Glauben bekennen, daß sein Tod dem Lande eine Wohlthat bereiten wird, indem er der englischen Politik eine gesundere Haltung widergibt, der UcbergangSperiode, welche wir durchgemacht haben, ein Ende setzt und die Parteien in ihre wahre Stellung zu einander bringt. Der Stillstand muß dem Fortschritt Play machen."