Fme Zkitung:
„Freiheit und Necht.!"
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* Wiesbaden, 12. Juli.
Eine Parakele aus der Geschichte Englands.
„Alles ist schon einmal da gewesen." Uriel Acosta, von Gutzkow.
Die Menschen, welche jetzt die Hände ringend ausrusen, „es ist Alles verloren; Alles umsonst!" und ihre eigeneTrâg- heit und Feigheit beschönigend weiter hinzusetzen: „Was sol- len wir noch ferner uns für die Freiheit anstrengen, da doch alle Bemühungen erfolglos sind?" — diese Menschen bekunden durch ihre Hoffnungslosigkeit und ihre Verzweiflung an jeglichem Erfolge zweierlei: einmal, daß sie keine Ahnung von der unbesiegbaren Allmacht der Wahrheit haben, oder daß sie wenigstens noch nicht die Wahrheit der Berechtigung der demokratischen Sache als eine solche tief und innig erfaßt haben; sodann daß ihnen die Geschichte der Entwicklung der Menschheit, sowie das Leben und Wachsen der Staaten und Völker ganz unbekannt sind.
Auf Frankreichs Geschichte wird häufig, täglich verwiesen, wenn der Satz bewiesen werden soll, daß man die Freiheit wohl fesseln, ja einsargen, aber niemals, niemals todten könne.
Das freie Jnselvolk der Briten hat aber gleichfalls in seiner Geschichte den Stern der Freiheit, welchen Absolutismus und Jesuitismus so oft zu verdunkeln suchten, immer wieder von Neuem aus der Nacht der Knechtschaft sich erheben sehen, bis er endlich die neidischen Mächte der Finsterniß für immer besiegt hatte, und in unangefochtener Glorie anregend, belebend seine Strahlen über die englische Staatsgesellschaft auSzu« gießen vermochte.
Das Jahrhundert, in welchem die Engländer die „Volkssouveränität" dem absoluten, gottbegnadeten Königthum gegenüber nach vielen Kämpfen endlich siegreich zur Geltung brachten, ist das siebenzehnte, und weil die französische Revolution erst gerade 100 Jahre nach dem Abschluß der englischen Revolution ausbrach, und weil England, das meerumfloffenc, in seiner inneren Entwickelung von den Geschicken des Continentö vcrhältnißmäßig wenig bedingt war, und auch selbst diese Geschicke wenig bis zur Mitte des löten Jahrhunderts bedingte: so geschah es und geschieht «s, daß die Lehren der englischen Revolution insbesondere dem deutschen Volke, soweit sie aus letzteres andwendbar sind, nur selten vorgehalten werden.
Ueber das sogenannte constituliouelle System, welches man richtiger das „englische" System nennen würde — vertrugen sich zuletzt die Volksparthei und die englische Kreuzritterparthel - ■ ein System, welches durchaus eine nationelle Färbung hat, das sich garnicht auf andere Länder übertragen läßt, weil letzteren die nothwendigen „geschichtlichen" Bedingungen zu dieser „englischen" Verfassung abgehen, und welches auch auf Deutschland aus unzähligen Gründen nie Anwendung finden wird, trotz der Parthei der modernen
Geusen, der Bettler von Gotha, und trotz ihrer Kaiser- pläne.
Der Kampf um die materiellen Freiheiten (petition of rights (1628), welche dem Unterhaus das unbedingte Besteuerungsrecht garantirte; die Habcaskoepus- Akte (1679), welche die persönliche Freiheit jedes Briten gegen willkürliche Verhaftung schützte; die dccla- ration of rights (1689), welche uneingeschränkte Re- defreiheiheit im Parlament feststellte), welchen die Engländer im 17ten Jahrhundert mit ihren Königen führten, ist aber ausnehmend belehrend, und sollte von der Presse der Volksparthei öfter berührt werden, als es bisher geschehen ist.
In unserem heutigen Artikel wollen wir den Lesern zunächst nur zeigen, wie in England der Absolutismus wieder 1663 wüthen, und namentlich gegen die Preßfreiheit wüthen konnte, nachdem das Parlament doch, welches von Jakob L, der 16u3 den englischen Thron bestieg, 2mal, und von Carl L, der 1625 seinem Vater folgte, 4mal ganz willkürlich aufgelöst worden war, nicht allein den Minister Buckingyam 1626 in Anklagestand versetzt, nicht allein den Minister Ltras- ford, der, wie der Erzbischof Laud, hingerichtet wurde, (1641) angeklagt, sondern auch den König Carl 1. 1619 wegen Hochverraths auf das Schaffst geschickt, und in demselben Jahre das Königthum für überflüssig erklärt hatte.
Carl 11. war 1660 durch den Verrâther General Monk aus der Verbannung wieder auf den Tyron der Stuarts geholt worden: allein dieser würdige Sohn seines Vaters zerfiel bald mit dem Parlament und gefiel sich in der widersinnigsten Tyrannei. Die Engländer mußten die Rückkehr ihrer Könige, der Stuarts, theuer büßen.
Wie maßlos die Willkür unter diesem Carl II. bald nach seiner Thronbesteigung herrschte, und wie gründlich er insbesondere die Preßfreiheit und ihre Vertreter maßregeln ließ, geht namentlich aus folgender Stelle, weiche wir dem Werke von Knight Hunt „Beiträge zur Geschichte der Zeitungen uno der Preßfreiheit, London 1850" entnehmen, hervor.
„Die Sterukammer war für immer abgeschafft und Old Bailey war der Gerichtshof für die Sünder gegen die Preßgesetze. Das neue Statur bemächtigte sich bald einiger Opfer, und am Tydurner Tyore versammelte sich das Volk einen aufsässigen Drucker hinrichten zu sehen. Auf erhaltenen heimlichen Befehl rüstete sich der Censor L'Estrange in einer Octobernacht 1663 verbotene Druckschriften zu suchen. Er hatte Helfershelfer, und zu seiner Unterstützung namentlich Vier, Dickinson, Mabb, Wickham und Story. Diese wurden nach Mitternacht geweckt und sollten sich auf L'Estrange's Geheiß nach dem Kleidermarkt begeben. Hier hatte sich Milton versteckt als er „Schllin- mes im Schilde geführt," und hier wohnte jetzt ein anderer heterodorer Denker, der Buchdrucker John Twyn, teffen Presse der Behörde als eine der Vec-
; breitcriuneu verbotener Gedanken bezeichnet worden war. Später im Zeugenverhöre sagte Wickham aus, daß er Hrn. L'Estrange in der Naye von Twya's Hause getroffen, daß sie mindestens eine halbe Stunde geklopft, ehe man teilen geöffnet, daß sie gehorcht, und deutlich das Wegwerfen von Papieren, sowie beim Hinaufgeheu oben ein Gerassel gehört hätte». Nachdem der unglückliche Hausbesitzer die Thör geöffnet war Wickham an die hintere, ein Anderer an die vordere Thür gestellt worden, die Ucbrigen waren aussuchen gegangen. Man hatte sich sehr bemüht die anstößigen Bogen zu vernichten; der Satz war zusammen und ein Theil der Druckbogen in das Nachbarhaus geworfen, dennoch aber genug gefunden worden die Anklage zu begründen. Twyu's Lehrling mußte gegen seinen Herrn Zeugniß adlegen, und die Richter waren mit beut die Krone vertretenden Sergeant Morton sehr bald einverstanden, daß Twyn's Verbrechen Hochverrath sei. Das strafbare Buch wiederholte den in unserm Gemeinwesen oft ausgesprochenen Grundsatz: „Die Vollstreckung eines Urtheils, und die Handhabung ver^Gerechtigkeit sind ebenso gut Sache des Volks als der Obrigkeit, und verkehrt die Obrigkeit das Urtheil, jo ist das Volk durch göttliches Ge,etz verpflicht tet es ohne sie und an ihr zu vollstrecken." In seiner Vertheidigung räumte Twyn ein, daß er die Bogen gedruckt; der Gegenstand sei ihm zwar mutpiß, aber in keiner Weise verletzend vorgekommeu; das Mann- skript habe ihm das Dienstmädcheu eines gewissen Calvert gebracht, und er für den Druck 40 Schillinge erhalten. Außerdem führte er zu seiner Entschuldigung an, daß er arm sei, und die deinigen mit seiner Hände Arbeit ernähren müsse. Solche Eutschul- j digungen galten Nichts, und die Geschwornen fanden ihn für schuldig. Nach diesem furchtbaren Ausspruche
I sagte Twyn: „Ich bitte demüthig um Gnade; ich I bin ein armer Manu mit drei kleinen Kinder; habe ! auch nie ein Wort davon gelesen." „Ich will Euch I sagen was Ihr thun müßt," erwiderte der Oberrich- . ter, au welche» tie Bitte ergangen war; „bittet Die- I jenigen um Gnade die sie gewähren können, das heißt I Gott und denKönig." „So bitte ich Euch in tief» ; ster Demuth Sr. Majestät Gnade zu ermitteln," flehte der verurthcilte Drucker. „Bindet ihn, Henker," war die einzige Antwort des Oberrichters, welcher nun daS Urtheil fällte. Es macht das Blut, gerinnen dieses Urtheil in den Akten zu lesen. „Aus innerster Ueberzeugung sage ich," begann der fuchsschwänzende Ober- richter, „daß wir meines Erachtens unter einem so gnädigen und guten Königs" — wohl zu merken, Karl 11. — „das höchste Glück auf Erden genießen. Deßhalb verdient Ihr, Twyn, der in der Bosheit Eures Herzens ihn so verleumdet, keinerlei Gnade." Nach einigen weitern Loyalitatsversicherungeu, und nach der Erklärung daß es hohe Zeit sei ein Erem- pel zu statüiicu, um Diejenigeu zu schrecke» die einen Kömgsmold nicht scheuen würde», cutschiev der Rich.
Robert Peel.
(Westd. Ztg.)
Köln, 8. Juli. Der plötzliche unerwartete Verlust ei»eS so bedeutenden Staatsmannes, wie Robert Peel, eines Mannes, her mit ebenso tiefer Intelligenz, als unerschütterlicher, zumal in unseren Zeilen seltener Pro- bität, die Geschicke Englauds in die Bahn gebracht hat, auf welcher die welthistorische Aufgabe dieses Landes in nicht allzuferner Zeit ihre Lösung finden muß, — ein solches Ereignis; trifft mit um so größerer Gewalt die öffentliche Meinung, als diese kaum erst von der großen Parlamentvdebattc über die auswärtige Politik in die lebhafteste Aufregung versetzt worden ist. Alle Parteien wenden sich mit fast ängstlicher Hast der Betrachtung der Frage zu, welche Folgen sich an den Tod Robert Peel's knüpfen werden, da alle darüber einverstanden sind, daß zumeist seine Persönlichkeit es gewesen ist, welche seit seinem Rücktritt von den Geschäften die Krise fern gehalten hat, der die Nation unvermeidlich ent» gegengehl. Diese Krise, die sociale Revolution, hinauszuschieben, ist die Lebensaufgabe des großen Konservateurs gewesen) der, wie er selber erklärte, kein RettungSmitiel gegen das drohende Vcrhängniß wußte und aus Palriv- tismus revolutionär wurde, indem er das Interesse seiner Klasse dem Wohle des Vaterlündes. d. h. dem Herrschend gewordenen Interesse der Bourgeoisie zum Opfer brachte.
Sein Tod muß daher das Ende des „Stillstandismus"', der in Leu letzten vier Jahre» auf England gelastet hat, wesentlich beschleunigen helfen, zumal .da immer unab- weislicher die Einsicht sich aufdrängt, daß sich mehr und mehr alle äußere und innere Bedingungen erfüllen, unter welchen das englische Volk den Enlschcidungskampf über seine Zukunft zu führen gezwungen ist.
Wir lassen über diese Frage von der größten europäischen Bedeutung den „Nothern Star" als das Organ derjenigen Partei sprechen, welche allein im Stande ist, ohne Haß und ohne Vorliebe ein vorurchcilsfrcies Urtheil zu fällen.
„Nie gab cs einen Staatsmann, dessen Verlust so aufrichtig und tief von alle» Klassen und allen Parteien empfunden wurde. Wir glauben, daß die große Masse des Volkes, die an politischen Kämpfen keinen thätigen Antheil nimmt, auf den Verstorbenen, wie auf die rechte Hand des Landes blickte. Bei jeder Verlegenheit, bei jeder großen Krise, waren sofort die Augen aller Parteien auf Sir Robert Peel als den Mann gerichtet, der die Schwierigkeit zu lösen und das Staatsschiff sicher durch alle Gefahre» hinburchziiführen verstehe. Seine lange Erfahrung im Geschäftsleben hatte ihm eine vollständige Kenntniß der Verwaltung in allen ihren Bezügen gegeben, während seine politische Laufbahn den Beweis geliefert halte, daß er, wie kein Anderer fähig war, mit der Zeit zu gehen und die für den Staatsmenn
schwierigste Aufgabe, die Ve> Mittelung der Neuerung mit der Erhaltung des Bestehentcn, zu lösen. Sir Robert war kein schöpferisches Genie, aber Niemand verstand cs besser neue Prinzipien ins Leben zu führen, und zugleich die bestehenden Interessen möglichst zu schonen, die ,Krise, wenn sie zu ihrer Höhe gestiegen war, zu beschwören und den drohenden Ausbruch zu vermeiden. Die Ueberzeugung von dieser besonderen Eigen, thnmlichkeit seines Charakters führte dahin, baß man ihn allgemein als den Grundanker des Staates be- trachteie.
Ungleich so vielen unserer öffentlichen Charaktere, welche als Nefvrmakvren ihre Laufbahn beginnen und als Reaclionäre ihre Laufbahn schließen, war Sir Roberts Leben ein beständiger Fortschritt in Bildung, liberalen Ideen und entsprechender Liberalität der politischen Entwürfe. Er war unter den Einflüssen des TorismuS und des hoch kirchlichen Glaubens ausgewachsen und vertheidigte Jahre lang eifrig und ergeben die blinden, bigotten und intoleranten Lehrsätze einer Partei, wiche die Massen nur dazu geschaffen glaubte, ihre Sclaven und Leibeigenen zu sein. Bei dieser Auffassung der Dinge widersetzte er sich mit unzweifelhafter Gewissenhaftigkeit jedem Verschlage von liberalem Charakter oder liberaler leidens, mochte er unsere Crimin. lgeseygebung, nufer politisches und religiöses oder unser ökonomisches System betreffen; aber sonderbar! dennoch hat er der Reihe nach seinen Namen mit den größten Reformen verknüpft, durch