„Freiheit und Recht!"
143. Wie^daden. Mittwocd i$K ^nm 1830.
—- - — -— ...... — ^- -..........—- ——----— - - - • ■ - .. . . . , ,. ... - - -
Die „zre»r Zeit u»g- erichcint, mit Lusnabme des ^o.ua.jJ, tag»» in *m<m Ssq««. Oer AdonnrmeiUSpke:s Detroit »itr:<:ia»ti i $.« in ^icaoaorn , K. 4J fr. au», wärtâ durch die Post Vezoaen mit verhältnismäßigem Aufschläge. — Jusecut« werden verelnvlllig unbenommen uns lind bei der großen Äerbrettung der „freien Zeitung" stets von wirk, sumem Erfolge. — Die Jnserntionögelmhren detragen für die vie-spultiqe Petitretle t streu jer
^f^Mg^MMiM/^.^^ f ni•gi.nUri HUGi^i-âEDE»--- V’.*.»■••ri.j*.r.*^oa«.'>£^^umti-asB^*.-Sita:ifJg.M^^ -7!" ^^^^Dii-i^rirrir«Ni
ELiüKdrrug MM Abonnement.
Mit dem Ende dieses Monats beginnt ein neues Abonnement, auf welches wir die Aufmerksamkeit der Volkspartei, und insbesondere derjenigen in Nassau, lenken wollen. Jetzt, da der demokratischen Partei zur Abwehr der auf sie gerichteten Angriffe und zur Verfechtung ihrer Grundsätze fast nur noch das einzige Mittel der Pi esse übrig geblieben, gebietet es geradezu die Pflicht der Selbsterhaltnng, daß die VolkSpartn die freie Presse, soviel es nur immer möglich ist, unterstützt, und zwar um so mehr, als auf der Seite der Gegner Alles aufgeboten wird, um die freisinnigen Blätter zu Grunde zu richten.
Wir können uns daher wohl der Hoffnung hingeben, daß die Demokraten unseres Landes, deren Vermögensverhältnisse es zulassen, die „Freie Zeitung" nicht bloß lesen, sondern durch Abonnement auch thatkräftig unterstützen werden. — Ganz besonders sollten die Demokraten, eye sie sich zur Bestellung von halben farblosen Neuigkeitsjournalen, oder gar von reaktionären Tagesblättern entschließen, erst auf die Anschaffung der demokratischen Zeitungen bedacht sein.
Die Verhandlungen der Landstände sowie des Schwurgerichts zu Wiesbaden werden so schnell wie möglich zur Kenntniß der Leser gebracht. Auch die Verhandlungen des Schwurgerichts zu Dillenburg werden wir von nun an ausführlicher mittheilen. Die Redaktion.
Der Preis der „Freien Zeitung" bleibt der bisherige. Bestellungen auf das mit dem 1. Juli beginnende dritte Quartal beliebe man hier in Wiesbaden in der H. W. Nitter'schen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern, zu machen. Die CrpeditivN.
Das Verbot des mittelrheiuischen Volksfestes.
tf Wiesbaden, 18. Juni.
In den Bekanntmachungen der Nummer 141 der „Nass. Allg. Zlg." finden wir heute folgendes Dekret des Herzog!. Kreisamts zu Wiesbaden:
„Da durch das auf den 7. und 8. Juli anberaumte Volksfest der Sänger-, Schützen- und Turnvereine des Mittelrheins ein Zusammenströmen unbekannter Auswärtiger dahier veranlaßt wird, und das niedergesetzte Fest-Comite, soviel auch Grund vorliegt, dessen guten Willen anzuerkennen, irgend eine Garantie für den ordnungsmäßigen und^gesetzlichcn Verlauf der Fest- feier zu geben nicht im Stande sein wird; auch die hiesige Polizeibehörde für die Aufrechthaltung der Ordnung nicht einstehen zu können erklärt, hat von unterzeichneter'Stelle, nach Maßgabe deS 8 28 bn zlumei^ »nerfftemmg des bestehenden ^ltMsrtchDim DerzogtHuin Nassau, aus Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse Wiesbadens als Kurort, das beabsichtigte Fest um^ wehr untersagt werden mü^en, als bei einer neulichen ähnlichen Versammlung auf dem Neroberg Gesetzwidrigkeiten in der That begangen worden sind. Wiesbaden, 15. Juni 1850 Herzogs. Nass. Kreisamt. Ferger."
Der § 29 der Grundrechte des Deutzen Volkes, welchem in pos. 1. 11 des Einführnngsgesetzes vom 27. December 1848 sofortige Geltung beigelegt wird und der zum Ueberftup noch unter § 28 der Zusammenstellung des bestehenden Staatsrechts im Herzogthum Nassau als ausdrücklich in Nassau geltendes Recht bezeichnet wird, lautet also:
„Die Deutschen-(in der Zusammenstellung: „die Staatsangehörigen") haben das Recht, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln; einer besondern Erlaubniß hierzu bedarf cs nicht. Volksversammlungen unter freiem Himmel können oei dringender Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit verboten werden." ~ .
Mit Rücksicht auf diesen letzten L>atz also ist das für den 7. und' 8. Juli angesagte Volksfest untersagt worden. Wir fragen uns erstaunt: wo aber um H>>n- melswillen ist die dringende Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit? Leben wir in einer Jeck der Revolution oder stecken wir bis über die Ohren in den Stricken und Netzen einer nie geahnten, nie für möglich gehaltenen Contrerevolutton? Ist das Jahr 1848 w'iedcrgckehrt, oder leben wir nicht vielmehr in dem zweiten Jahre der glorreichsten Reaktion, welche Europa noch je erblickt hat?
Sind sie wiedergekehrt die stürmischen, heftig bewegten Tage, an welchen unablässig in zahlreich besuchten Volksversammlungen Wünsche, Begehren, Forderungen an das Parlament, die Minister, die Stände, besprochen und angenommen wurden, oder find nicht vielmehr die harmlosen Schäfertage eingekehrt, welche die altgermanische Urgemüthlichkeit mit Eisen, Trinken, Singen und Tanzen zu schmücken und zu feiern sich anschickt?
Haben sich die Nassauer nicht im vorigen und in diesem Jahre durchweg als sehr wolerzogene und gesittete Bursche betragen? v _ .
Haben die Nassauer im Jahre 1849, dem Jahre des Todesröchelns der Revolution, etwas anders gethan, als den so unbefangenen und über alle Maßen sanftmüthigen und ausnehmend „gesetzlichen" Jdstelüer Cougreß beschickt? ,
Haben nicht auch die Bewohner der Kurstadt, ohne Ausnahme, Demokraten wie Wiegenmänner, seit zwei Jahren einen wahrhaft „bewunderungswürdigen" Sinn für Ruhe und Ordnung an den Tag gelegt, und ha
ben sie nicht damit ein Anrecht auf die Unterstellung des StaatS erworben: daß eher fürwahr seine Majestät: der weiße Monarch des Eismeers sich herab- laffen würde, mit ihrer Hoheit der erlauchten Dame: — der rothen Republik — Schmollis zu trinken, als daß in Wiesbaden je sich dringende Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit, drohend, Unglücksdreuend, Ververbenverkündend, — erheben würde?
Ja aber die „Auswärtigen"! und der unglückliche Umstand, daß das Festkomite, nach der Versicherung des Kreisamts zwar „guten Willen" hat, aber nicht im Stande ist, irgend eine Garantie für den ordnungsmäßigen uuD gesetzlichen Verlauf der Festfrier zu geben; und der weitere wichtige Umstand, daß die Polizeibehörde erklärt: für die Äufrechthaliung der Ordnung nicht einstehen zu können; und dann die Eigenschaft Wiesbadens als Kurort: mav vèuim mm vullu — ach und dann: die „tryuucye" neuliche Versammlung auf dem 'Neroberge, bei der in der That Gesetzwidrigkeiten begangen worden sind!!!
Das sind ja Gründe, „Motive" — wie Brombeeren so zahlreich! Rücken wir aber doch diesen Gründen etwas naher, und sehen wir ihnen einmal scharf ins Gesicht. Möglich, daß, wie die wächsernen Flügel des Jkarnö an der Sonne, auch die wächsernen „Motive" an unserer Beleuchtung zusammenschmelzen.
Also zuerst die „unbekannten" Auswärtigen! Die Bewohner des Mittelrheins, also Hessen, Frankfurter Nassauer: waren zu dem Feste eingelaven. Die Nassauer sind, wie wir bereits gesehen haben, ruhige, gesetzte Leute; die Hessen nicht minder und nun gar die Frankfurter! O diese Frankfurt — sie verdienen die Krone in allen ehrlichen Bürgertugenven, als da sind: erstens Ruhe; zweitens Ruhe; und drittens Ruhe!
Unbekannte Auswärtige! Was werden die im Sommer hier lebenden vielen „unbekannten" Kurgäste und Durchreisenden von „auswärts" dazu sagen: daß die nassauische Pol.zei in dem einfachen Umstand, daß „unbekannte Auswärtige" nach Wiesbaden strömen, nach § 28 dringende Gefahr für die öffentliche Ordnung iiild Sicherheit erblickt? Das Komite bietet ferner keine genügende Garantie für den gesetzlichen Verlauf des Festes. Das ist sehr merkwürdig. Das Festkomite hat nach den Versicherungen des Kreisamts guten Willen und in der That besteht auch das Komite seiner Mehrheit nach aus warmen Ordnungsmännern, aus Anhängern der ministeriellen Politik.
Sollte es nun, fragen wir, den Staatsbehörden ganz unbekannt geblieben sein, welch großen Einfluß auf das Volk die entschiedensten Anhänger des konstitutionellen Systcm's besitzen? Sollte man höheren Orts keine Ahnung davon gehabt haben, daß es nur beispielsweiie der Namen I. Port und Henoch bedarf, um alle Demokraten, alle verkappten Revolutionäre, alle die, welche im Antlitz das Lächeln, im Herzen aber kochenden Uumuth und Groll haben — weit, weit wegzuscheuchen?
Daß nach der Versicherung des Kreisamts, „die hiesige Polizeibehörde erklärt für die Aufrechthaltung der Ordnung nicht einstehen zu können," — ist eine sehr ernste und wichtige Erklärung, welche wir nie von der Polizeibehörde erwartet hätten, welche wir nie an der Stelle der „Polizeibehörde" abgegeben haben würden. Die Consequenzen dieser Erklärung sind ebenso einfach als bedeutungsvoll.
Das Fest ist auch untersagt worden, aus Rücksicht auf die „besonderen Verhältnisse" Wiesbadens als Kurort. Nun wir sollten meinen gerade mit Rücksicht auf diese besonderen Verhältnisse hätte das Fest erlaubt werden sollen. Das Fest wäre natürlich dem Vortheile
der Bürger Wiesbadens nur höchst entsprechend ge« wesen; viele unbekannte Auswärtige und viele Söhne Naffovia's würden hierher geströmt sein, und den ohm« dieß anwesenden Gästen würde das projectirte Fest eine höchst willkommene Unterhaltung gewährt haben.
Wir eilen zum letzten und Hauptmotiv, welches als schweres Geschütz am Ende des Reskripts aufge« fahren ist und welches bei den „unbefangenen" Spießbürgern und den herrlich blühenden Gesellschaften der Kaffee- und Thee schlürfenden Stadtbasen, gewiß die gehörige Wirkung hervorbringen wird.
Am zweiten Pfingsttage machten auf dem Holzhacker- Häuschru einige Mitglieder des hier bestehenden Arbei« terbilvuugs-Vereius den Vorschlag zu einer am folgenden Sonntag (26. Mai) auszuführenden Parthie nach dem Neroberg. Der Vorschlag fand Beifall, und eS wurden sofort einige Leute ernannt, welche die Parthie ^iKj^'inr.7 p»Mk^/t«>», frUffrfri» 9fm Arft—»W—„ w v iv pul vyIC zu der insbesondere die Mitglieder des ArbeiterbildungS« vereint eingelaven wurden, wirklich statt. Die Leute tranken, sangen und waren froh. Einige hielten auch Reden; namentlich auch Schapper und Carstens. Das war freilich eine schlimme Sache; denn heutzutage sollte nach der Meinung der Rückschrittsparthei eigentlich'Niemand reden, als 1) Wrangel, und die gleich ihm mit Redekraft geschmückten Generale ; 2) die Geistlichen; 3) die StaatSprokrrratoren.
Worin aber die „Gesetzwidrigkeiten" bestehen sollen, wissen wir nicht.
Wir haben unS sorgfältig erkundigt, und von keinen Gesetzwidrigkeiten gehört. Eine Untersuchung ist freilich eingeleitet worden: aber man sagte uns, diese Untersuchung sei bis jetzt ohne Erfolg geblieben, und es sei noch Niemand bestraft worden^
Kluge Leute wußten aber das harmlose Fest der Proletarier vom 28. Mai sofort sehr gut anfzufassen.
In der Woche, welche nach dem 26. Mai folgte, steckten die alten Basen der Stadt, die abgelebten Gentlemen, einige bekannten Bavewirthe und die fade und süßlich schwatzenden Bummler der hohen^ Aristokratie und der etwas weniger hohen Bourgeoisie und einige schnüffellnde Hundenaturen die Köpfe zusammen und sprachen anfangs leise, dann aber immer, lauter und lauter — wie folgt:
„Weich' ein schrecklicher Mensch der Schapper ist! haben Sie schon gehört, was die gefährlichen Menschen am Sonntag auf dem Neroberg getrieben haben. Rothe Kappen haben sie getragen — und und — o es ist schrecklich, — eö will nicht über die Lippen, — die Guillotine haben sie hoch leben lassen. Ach! Ach! was wird das mit unserer armen Stadt noch geben. Wäre der Schapper nur fort! Kann man denn gegen diesen und den ArbeiterbildungSvcr- ein gar nicht einschreiten! Wie wird es aber auf dein Neroberg erst am 7. Juli hergehen ! Denke» Sie die vielen fremden Menschen; der Gesang dec sie benebelt: o es wird am 7. Juli einen Aufstand, ei« Revolution in Wiesbaden geben."
So sprachen die Schnüffler. Die ehrlichen Leute lächelten über die blödsinnige Furcht dec alten Kinder; die „Pfiffigen", die da handeln können, handelten; das Festkomite aber bekam eine Gänsehaut vor Schrecken. Dieser Schrecken drang ihm die Erklärung ab, welch« in Nro. 128 dieser Blätter zu lesen ist, und deren Abgabe, wie wir sicher wissen, einige der Unterzeichneten schon sehr bereut haben.
In dieser Erklärung heißt es: das Festkomite verrvahre sich ausdrücklich dagegen, daß das Fest vom 26. Mai un d das projektirte vom 7. und 8. Juli auch nur entfernt mit einander in Verbindung standen; und «§