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Wiesbaden. Donnerstag, 6. Juni

Freiherr und Neeht!^

1S5O.

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Die Gegenwart im Spiegel der Nergan- genheit. '

Ein Beitrag zur preuß. Rcchtsgeschichte.

Um unsre Gegenwart zu verstehen, muß man sich mit dein Studium der Restaurationsperiode beschäfti­gen: man muß namentlich auf die Zeit zurückgehen, in welcher die Erinnerung Kotzebue's, und der Mord­anfall auf den Präsidenten Jbell von einer antiuatio- »alen, weil in russischem Interesse handelnden, und freiheitsfeindlichen Partei ausgebeutet wurde, um al­len ans die heiligsten Verheißungen gestützten Ansprü­chen des Volks ein Ende zu machen und diejenigen Männer, deren Einfluß auf die Entwickelung unsers Staatslebens man fürchtete, aus die Seite zu bringen. In diesem Studium begriffen, stoßen wir auf folgende Stelle in Dr. Karl Hagen'sGeschichte der neuesten Zeit" (Pag. 211 it. f.).

Um die Mitte des Juli 1819 begann denn der Sturm! Sofort wurden die Turnplätze geschloffen, Jahn wie ein Verbrecher in Berlin arretirt (man riß ihn schonungslos. von seinem sterbenden Kinde) und nach Spandau, später nach Cüstrin abgeführt, viele Studenten verhaftet und ihre Papiere mit Beschlag be­legt, ebenso der Hauptmann von Pl oewe, der wegen seiner liberalen Gesinnungen verdächtig war, endlich dem Professor Schleiermacher das Ehrenwort ab­genommen, die Hauptstadt nicht zu verlassen. Nicht genug: nun wurden Gensdarmen verkleidet unter der Anführung von Polizei-Coinmiffarien von Berlin aus an den Rhein gesendet: wie Diebe brache» sie des Nachts in die Wohnungen der drei Bonner Prosiffo- ren Arndt und der beiden Brüder Welcker ein, verhafteten sie und bemächtigten sich ihrer sämnMichen Papiere. Um dieselbe Zeit widerfuhr dasselbe Schicksal dem Adjunkt des Staatsprokurators Mühlensels, bekannt wegen seiner patriotischen Gesinnungen, in Köln, und dem Dr. Ludwig Polenius in Elberfeld, welcher daselbst eine Zeitung redigirte. Auch Goer­res sollte festgenommen^Mrvrw, v>uf-*w w vwug. Negierung schon von früherher, besonders aber wegen seiner neuerdings erschienenen SchriftDeutschland und die Revolution", erbittert war. Goerres merkte aber die Absicht und entzog sich der Verhaftung durch die Flucht nach Frankreich. Vergebens waren die Pro- tcstationen jener angeklagten Männer und des akade­mischen Senats in Bonn wider ein so unerhörtes Ver­fahren; man war entschlossen, sich über alle Gesetze hinwegzusetzen. Unb um einigermaßen gerechtfertigt zu sein, wegen der vorgenommen Maßregeln erklärte die Preußische StaatS-Zeitung *) schon unter dem 20. Juli 1819:

Man besitze vollständige Beweise über demago­gische und hochverätherische Umtriebe; man habe

*) Wie heute die R. Pr. Zeitung, Schlesische Zeitung und Deutsche 9Lform.

Göthe's Faust auf dem Theater ju Wiesbaden.

«- Wiesbaden, 5. Juni.

Nach Ablauf der Ferien, ist das Theater zu Wies­baden am verflossenen Sonntag wieder mit Göthe'S Faust eröffnet worden. Wir wollen diese Eröffnung als eine Garantie dafür anschen, daß die neu geschaffene Theater- kommifsion sich bestreben werde, die Reihe der vorzu- führenden Stücke in würdiger Weise festzustellen, und wünschen nur, daß die Commission, falls sie sich die Aufgabe sitzen sollte, ächte Kunstwerke zur Darstellung zu bringen, für ihr Vorhaben nicht unübersteigliche Hin­dernisse in der GeschmackSverdorbenheit und Indifferenz des Hiesige», Publikums finden möchte.

Was die Aufführung des Göthe'schen Faust selbst anlangt, so müssen wir vor allem bekennen, daß wir mit keineswegs großen Erwartungen den Tempel der Kunst betraten. Wir kenne», z», gut die Schwierigkeiten, welche sich einer total befriedigenden Darstellung des Faust auf der Bühne stets entgegen stellen werden, und wir wissen, daß der beste Schauspieler ein Gedicht, wel­ches in seiner ganzen Anlage nichts weniger als drama­tisch im strengen Sinne ist, selbst durch das gelungenste Spiel eben nicht zu einem Drama machen kann

Was die Rolle des Faust betrifft, welche Hr. Ner- üng übernommen, so lag es dann doch in den Grenzen

selbst die Eentwürfe der dem deutschen Vaterlande zugedachten republikanischeu Verfassung in Beschlag genommen; auch ergäben die Arten, daß an vielen Orten Vereine zur Vorbereitung dieser verderblichen Grundsätze beständen; daß Freiheits-Apostel unter mancherlei Vorwänden in Deutschland umherzögen, um durch Schrift und Wort den Samen der Unzu­friedenheit zu verbreiten, und daß sie wirklich ihre Entwürfe durch offene Gewalt, ja durch Fürsten - und Bürgermord auszuführen gedächten."

Und während nun durch diese keck hingeworfenen Behauptungen die preußische Regierung das Publikum mit Schrecken erfüllte, versäumte sie nicht, die übrigen Cabinette von Deutschland auszufordern, ein gleiches Verfahren anzuwenden. Sie bezeichnete wohl auch sel­ber die Individuen, welche die betreffenden Regierun­gen festnehmen sollten: und so erfolgten denn Schlag auf Schlag Verhaftungen in Sachsen, Nassau, beiden Hessen, Baden, Würtemberg, Baiern: selbst tu Oe­sterreich hielt man es für nöthig, sich den Anschein zu geben, als sei man hochverätherischen Umtrieben auf der Spur, ihn deshalb Verhaftungen vorzuneh- men.

Aber alles war ein blinder Lärm! Die süddeutschen Regierungen sahen dies zuerst ein und entließen daher bald den größten Theil der Angeschulvigten und selbst Preußen, von wo doch der Verschwörungslärm ausge­gangen war, mußte thcilweise diesem Beispiele folgen. Obschon die Regierung fast alle bestehenden Ge­setze verletzte, obschon sie die Angeschulbig- t e n ihren eigentlichen Richter», e n t z v g (so sollten die am Rl-eine vorhandenen gesetzlich vor die Ge- schwvrnengerichte kommen), obschon sie vielmehr besondere Commissionen für diese Sachen »lederscyte und diesen noch als zweite Instanz eine Miuisterial-Cvmmissivn beifügte, deren Mitglied der Anstifter b«effr Verfolgungen yr. v. Ka npy war, so Ivar es doch unmögüch, die Angeklagten auch nur eines Scheines von Hochverrath zu überführen: Die Bonner Professoren mußten daher gleich frcigeqeben inerven : ofnhfg___ jmI^- Äapn^ wurde» weder das urnjn( des Gerichts polizeilich in Gewahrsam gehalten. Day die Regierung recht gut wußte, wie wenig Grund ihre Behauptung von dem Dasein revolutionärer Umtriebe habe, geht aus einem Rundschreiben an die Cabinette Europas hervor, in welchem sie erklärte, daß die Ver­haftungen, nicht eigentlich wegen wirklich existirender Tendenz des HochverratHS, sondern nur aus Vorsicht vorgenommen seien. Und später, im Jahre 1824, gestand die preußische Staatszeitung selber zu, damals, 1819, hätten eigentlich noch gar keine staatsgcfährÜchen Um­triebe eristirt. Nichts destoweniger aller brachte die StaatS- zeilung beständig angebliche Auszüge aus Actenstücken, welche das Dasein von revolutionäre», Tendenzen beweisen sollten. Zur Charakteristik dieser Perfidie diene folgen- deS Pröbchen. Unter den Papieren Arndts befanden sich auch Bemerkungen deS Königs von Preußen über einen Entwurf zur Errichtung der Landwehr, welchen

der Möglichkeit, dieselbe besser aufzufassen und durchzu- führen, als solches von Hrn. Mersing geschehen ist. Faust ist ein Philosoph und zwar ein rechterWeiS- Heitsfreund"; Hr. Mersing machte aber in den ersten Abtheilungen einenGelehrten" auS ihm.

Faust wird and), als er sich in das Getümmel deS Lebens wirft, nicht zu einem Stutzer, einem Galan: er bleibt Gretchen gegenüber, die er so unaussprechlich ü(bt, weil er erst spät und als durchgebildeter Mann liebt, derselbe frühere nach Wahrheit und Erkenntniß lechzende Faust, der bei seinen Büchern, und Arznei- büchse», keine Ahnung davon hatte, welche tiefe Erkennt- 1 niß ihm das frische Leben, die hellstrahlende Wirk­lichkeit aufschließen werde.

Hr. Nerking sprach ost so, daß man ihm anhöre», mußte, er habe auswendig gelernt, d. h. er deklamirte. Das Drama muß aber so von dem Schauspieler ausge­nommen werden, daß sich der Hörer während der Dar­stellung, des ursprünglichen Schöpfers des Gedichts, des Dichters gar nicht mehr erinnert.

Manche Stetten wurden in höchst störender Weise von Hrn. Nerking ganz falsch betont. So legte er in dem ausgezeichneten Monolog, der beginnt:

Erhabener Geist, Du gabst, gabst mir alles.

Warum ich bat."

den Ton aufgabst", während er auf alles liegen muß. tzkach diesem ersten Fehler war eine richtige Auffassung

G ne i se n a u ausgearbeitet. Letzterer hatte dieselben Arndt früher mitgetheilt , welcher sie sich abgeschrieven. Diese Bemerkungen ganz aphoristisch an den Rand des Ent­wurfs hingeschrieben, enthielten unter andern auch die Worte: Ein paar Executionen (nämlich von den Franzose« an der preußischen Landwehr vollzogen) und die Sache hat ein Ende, Alles wird sich bald zerstreuen.Wenn ein Prediger erschossen sein wird (nämlich von den Fran­zosen) hat die Sache ein Ende." Daraus machte die preuß. Staatszeitling die Notiz, welche dadmch, daß sie zwischen einige revolutionäre Aeußerungen h-neingestellt worden, erst ihre Bedeutung erlangten." Der Professor A.... äußerte:

Ein paar Erecutionen und die Sache hat ein Ende.

Wenn ein Prediger erschossen sein wird, hat die Sache ein Ende."

Offenbar hatte die Reaktionspartei die Absicht, ge­rade solche in der öffentlichen Meinung hochgestellte Männer, wie einen Jahn, Arndt, Carl Welcker in einen Hochverrathsprozeß zu verwickeln, in der Hoff­nung dadurch der Freiheitsrichtung überhaupt den furcht- barsten Stoß zu versetzen; jüngere Männer, Stu­denten, welche sich wohl schon durch de» Charakter der Jugend zu Aeußerungen Hinreißen lassen, nützten ihr wenig oder gar nichts. Da man nun aber bald einsah, daß das Verbrechen des Hochv errat hes in der gewöhnlichen Bedeutung der Wortes diesen Män­nern nicht bewiesen werden konnte, so gab die Regierung durch Herrn von Kamptz, in dessen Jahr­büchern von Gesetzgebung und Rechtspflege, eine neue Definition vonHochver rath. Hierwurde ausgeführt,

daß auch durch bloße Theorien, die, wenn sie all« mählig Wurzel faßten, die bestehende Verfassangs« und Staatëform aani ober tkp,l»«-.'e. ^-^^- --. graben oder auflösen könnten: 1) wenn sie Andern mitgetheilt oder verbreitet; 2) wenn sie öffentlich oder geheim ins Leben gerufen werden, Hochver­rath begangen werde."

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auch ohne gewaltsame oder sonstige gesetzwidrige Handlung, und eben so auch ohne alle Rücksicht auf die Gefährlichkeit oder Zweckmäßigkeit, die mit­telbare oder unmittelbare Wirksamkeit der Mittel für die ganze oder theilweise Aenderung bestehender Verfaffungseinrichtungen, das Verbrechen des Hoch­verraths begangen werden könne."

Es wurde hinzugesetzt:

daß sich eines mindestens versteckten Hochver« raths schuldig mache, wer es versucht, solche Theo­rien, mittelbar und versteckter Weise allmählig in die Verfassung des Staates einzuführen un­gleichsau, einzuschwärze» und diese nach und nach jenen Theorien gemäß umzuformen."

Demnach war auch jede konstitutionelle Gesin­nung zum Hochverrath gestempelt.

Nun aber wollte man, so lange daS Eisen noch

dieses ganzen Monvlog's unmöglich. Der Gegensatz von geben" istverkaufen"vertauschen" u. s. w. und wollte nun etwa Faust mit deingabst" anbeuten, ec habe alle Gunst von d r Gottheit umsonst erhalten und nicht gegen baare Bezahlung?

Die Rolle des Mephistopheles war Hrn. Weile h> beck zugefatten.

Wir wissen, wie schwer die Darstellung deS Mephi­stopheles, d. h. der Personifikation einer Idee, Und da­zu der Idee der Verneinung ist und schlagen hoch an, den Fleiß und die Mühe, welche Hr. Weilen deck offenbar auf die Erfassung seiner Rolle verwandt hatte. In einigen Scene», gefiel und Hr. Weilenbeck auch ganz gut. So bei seinem Erscheinen als Schokastikus, bei seinem Gespräch mit dem Auskunft verlangende» Schüler.

Zwei Punkte haben wir jedoch an der Darstellung des Mephistopheles von Herm Wei len deck auSzu- seyen.

Zuerst milffât wir bemerken, daß Herr Weile nbeck an manche», Stetten sich für einen Teufel viel zu viel alterirte, in die Hitze bringen ließ. Nichts lächerlicher, als ein zorniger Teufel, der gewiß über den ausgespro­chenen Verdacht eines, harmlosen Mädchens nicht außer sich gerathei, darf.

Zweitens dünkte uns z» verschiedenen Male» da«