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Berlin, 25. Mai. Hier konsiSzirke man die Abend- post, weil sie folgenden Artikel enthielt:
Der KönigHmord, eine Krankheit der Mo- narckisten.
AIS Sülltief den Herzog von Berry ermordet hatte, rief Herr ©laufet Cyaussergies in der französischen Deplltkrtenkainmer: „Der Herr Herzog von Berry ist durch eine liberale Idee ermordet." Ihm und seinen Freunden gelang es denn auch, unterstützt durch solche Behauptungen und Anklagen, den liberalen Minister Decazes zu stürzen. Heute sucht man dieses konstitutionelle Komödienspiel in Preußen zu wiederholen. Ein Wahnsinniger soll den Borwand abgeben, um einen großen Schlag gegen die Demokratie zu führen. Zwar wagt nur bas Organ der zurückgeschlagenen Junkerherrlichkeit und Gottseligkeit, die Gewitter deutende Kreuzzeitung und in ihrem Gefolge die Löschblätter, die Demokraten als direkte Aufstachler des Sefeloge zu bezeichnen, dagegen donnert die olympische deutsche Reform gegen die Ideenlos, welche nothwendig zum Köttigsmorde führen müssen. Nach dieser Doktrin ist der König von Preußen nicht von einem Wahnsinnigen, sondern von einer demokratischen Idee getroffen worden.
Wir fühlen über diese Anschuldigung eben keine große Verwunderung. Die Gegenpartei war von jeher nicht im Stande, unsere Bestrebungen zu begreifen, und was sie daher nicht in ihre alten Kategorien hineinzwängen kann, das sucht sie zu verdächtigen und zu verfälschen. Das Wesen der wahren Demokratie ist allerdings entschieden antimonarchisch, aber eben deshalb ist ihr auch der Königsmord etwas durchaus antidemokratisches. Diese Demokratie ist hervorgegau- gen aus der Ueberzeugung von der dahiusinkcndcn Macht des Feudalstaates, also auch der Monarchie. Sie sieht daher in der Monarchie nichts Zufälliges, in dem System der Monarchen nicht Willkürliches. Deshalb glaubt sie auch nicht an die Allmacht der Monarchen. Sie weiß zu wohl, daß die Monarchen Vertreter gewisser Interessen, Vertreter der Uubehülfllichkeit eines Theils des Volkes im Selbstregieren sind. Thörichtes Beginnen daher, diese Vertreter statt bestimmter Interessen und Voraussetzungen bekämpfen zu wollen, noch thörichter aber und wahnsinniger, den Vertretern dieser Interessen und mit ihnen diesen Interessen durch Blut ein ihnen nützliches Märtyrerthuin zu verschaffen.
Deshalb sind die französischen Konigsmörder von Damiens bis auf Henri herab alle so recht gründlich mit ihrem Gegentheil behaftet, so recht mouarchistlsch gewesen. Sie wußten nichts anderes von den Fürsten, als daß sie gewaltige Götter seien, welche die arme Menschheit willkührlich nach ihrer Pfeiffe tanzen ließen, während doch die Bourbons und Louis Philipp sehr abhängige Vertreter bestimmter Richtungen waren. Unfähig, an die demokratische Selbftthätigkeit der Völker
zu glauben, suchten sie die ihnen feindliche Macht, den König, den erträumten Schreckensgott durch Macht zu beseitigen.
Solche Ideen erzeugen sich aber nothwendig auf dem Boden des patriarchalischen Monarchismus. Drei Jahrhunderte hat man dem Volke vorgepredigt, der König sei der höchste Inhaber des Gesetzes und der Gnade, das Recht ströme allein von ihm aus und er sei gewissermaßen ein Dalai Lama. Diese Lehre ist es, welche den gekränkten Rechtswahnsinn veranlaßt, in toller Verblendung sich an dem höchsten Repräsentanten des Rechtes zu halten. Solch Verbrechen wurzelt so recht im Monarchismus; in Amerika z B. wird man es kaum begreifen. Die Demokratie steht also sicher nicht an der Wiege solcher Attentate, wie das vom 22. Mai. Die Gottcsidec, für welche die N. Pr. Z. schwärmt, erzeugte indirekt Fanatiker wie Ravaillac, der Legitismus hat gegen Napoleon Dolche gewetzt u. s. w., und trotzdem will die Regie- gierunspreffe beiden Prinzipien wohl.
Durchforscht man aber schließlich die Annalen der Geschichte, so findet man den Mord Gustav 111. durch Ankarström, d. h. durch eine aristokratische Verschwörung, den Mord Paul 1. durch die Magnaten seines Reiches vollzogen. Hier hat man sicher der Demokratie keine intellektuelle Urheberschaft vorzuwerfen. Im Gegentheil, hier mordet die Partei, die von den Gottseligen der Deffauerstraße nicht allzu entfernt ist. — Der Despotismus, durch Meuchelmord gemäßigt, ist die Magna Charta des russischen Adels.
Es ist daher nichts als die Unsicherheit und Unwissenheit der Regierungspartei, welche sie zu arm fei i» gen Denunziationen gegen die Demokratie verleitet. Das angsterfüllte Polizeigewissen mit kurzem Verstände, wagt es aus Verzweiflung, seinem Gegensatz wohl oder übel eine Privattollheit alö Wechsilbalg unterzuschieben. Früher mordeten liberale Ideen, heute demokratische. Unfähig, letztere zu begreifen, bleiben sie bei dem fanatischen Geschrei: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt."
Die' radikale Demokratie aber, überzeugt, daß man wohl eine Person, aber kein Prinzip nieoerschießen kann — ein frommer Glaube der Gegenpartei — ist zu klug, um einen Caesar aufs Paravebett zu heben. Brutus und Cassius waren eben Aristokraten, und beide starben, indem sie wußten, ihre alte Welt mit sich ins Grab zu nehmen. Unsere Demokratie aber ist noch jung und die patriarchalische Monarchie alt, sehr alt!
Die russische Armee.
Die russische Armee besteht aus folgenden Korps: 1) Kaiserliche Garve , 2) Grenadiere, 3) sechs KorpS Lime, 4) zwei Reservelinienkorps, 5—8) die Korps vom Kaukasus, von Orenburg, Sibirien, Finnland, 9) die Dragoner, 10) zwei RezervekavaUeriekorps, 11) die irregulären Kosacken. — 1) Die kaiserliche
Garde zählt 12 Regimenter Infanterie, ebensoviel Kavallerie und eine Artilleriedivision. Die Infanterie- regimenter bestehen auö 3 KciegsbataiUonen (komplet zu 1000 Mann) und ein Depotbataillon; im Ganzen zu 36,000, und wenn man 7 einzelne Bataillons, die unter verschiedenen Namen ihr gleichfalls angehören, hinzuzählt, aus 41,000 Mann. Die Gardekavallerie, gleichfalls 12 Regimenter, ist mit Hinzurechnung einiger Schwadronen Tscherkeffen und Kosacken etwa 12,000 Mann stark. Die Artillerie der Garde besteht aus 15 Kriegsbatterien (mit je 8 Geschützen) und 4 Depot- batterien, zusammen 120 Kanonen, die ohne wesentliche Erhöhung des Personals (4000 Mann ) auf 160 gebracht werden können. Alles in Allem hat die Garde somit eine Stärke von circa 60,000 Mann. 2) Das Grcnadierkorps hat rücksichtlich der Infanterie und Artillerie die Stärke und Organisation der entsprechenden Waffengattungen der Garde, statt der 3 Divisionen (a 4 Regimenter) der Gardekavallerie dagegen nur eine von 4 Regimentern leichter Reiterei, im Ganzen etwa 5000 Pferde. 3) Die 6 Linienarmeekorps enthalten jedes 12 Regimenter Infanterie (6 Brigaden in 3 Divisionen), 4 Regimenter Kavallerie (2 Brigaden in 1 Division) , und Artillerie wie die Garde. Die Gesammtstärke der Linieninfanterie beträgt 288,000 Mann, der Kavallerie 30,000; die Zahl der Feuerschlünde 720. 4) Die zwei Reserve! inienkorps sind aus den Depotkompagnien und Eskadrons der oben genannten Korps sowie einiger später zu erwähnenden zusammengesetzt; sie nehmen zugleich die Soldaten auf, die nach vollendeter 15jähriger Dienstzeit noch 5 Jahre unter den Fahnen zu bleiben haben, bevor sie ihren definitiven Abschied erhalten. Sie bilden 3 Divisionen, sind aber durch Ks ganze Reich vertheilt und für den auswärtigen Krieg nicht unmittelbar in Anschlag zu bringen. 50,000 Mann nebst entsprechender Reiterei mobil zu machen, würde 4—6 Monate kosten.
Die Korps 5—8 sind lokalisirt und an Ort und Stelle unentbehriich. Die Truppen im Kaukasus sind ungefähr 70-80,000, die in Orenburg 25-30,000, in Sibirien 20-25,000, in Finnland 15—20,000 Mann stark. 9) Das Dragonerkorps besteht aus 8 Regimentern, jedes von 8 Schwadronen Dragoner, 2 Schwadronen Lanziers und 1 Schwadron Depot, wozu noch eine Division reitende Artillerie kommt. Disponibel möchten nur etwa 10,000 Mann sein. 10) Die zwei Kavalleriereservekorps enthalten gleichfalls jedes 8 Regimenter von 6 Kriegs- und 3 Depotschwadronen mit einem disponiblen Effektiv von etwa 900 Pferden, und eine Division reitender Artillerie, zusammen etwa 14,000 Pferde und 64 Geschütze. 11) Die Territo- rialmilizen (Kosacken) bilden 162 Regimenter verschiedener Stärke, von denen für den auswärtigen Krieg aber nicht über 25,000 Pferde disponibel sein würden. Sie haben 12 Batterien reitende Artillerie mit 96 Kanonen, wovon für die 25,000 etwa 24 abgegeben werden könnten. — Den Rest der bewaffneten Macht
Rückblicke und Erlebnisse von Franz Raveaur.
(AuS her „Deutschen Monatschrist" von Kolatschek.)
Die Rheinische Deputation in den Tagen des 17., 18. und 19. März 1848 in Berlin.
(Fortsetzung.)
Wir mochten ungefähr eine halbe Stunde beisammen gewesen sein, als uns die Nachricht wurde: man finge schon in verschiedenen Straßen an Barrikaden zu bauen. Unter den Linden sahen wir, wie ein Stabsoffizier vom Gardc-Dragonerregimcnt, welcher nach dem Schlosse zuritt, unter wüthendendem Geschrei vom Volke verfolgt wurde. Er schwang seinen Säbel links nub rechts in der Luft und hatte seine Sporen dem Pferde tief in die Flanken gesetzt. Nur der Schnelligkeit seines Pferdes hatte er sein Leben zu verdanken. Ein Offizierbursche zu Pferde wurde mit Steinwürfen empfangen, und gegen unserm Gasthofe über, am Hotel de Rome, fing man auch an eine Barikade zu bauen. Es wurden einige der schwersten Bretter, womit in Berlin die Rinnsteine bedeckt sind, quer über einander gelegt, dann hieb man mit gewaltigen Schlägen die schweren Cisenstangen los, welche die Grenzsteine verbinden, die sich unter den Linden befinden, und wo dieses nicht gelingen wollte, riß man Eisenstangen sammt Steinen aus der Erde. Nichts
desto weniger wollte diese Barrikade nicht gelingen, viele der Mitbauer sahen auch das Unnütze einer Barrikade ein, die nur einen Theil der Straße schloß und von allen Seiten umgangen werden konnte. Aber wie erfindungsreich der Mensch in Zeiten der Gefahr ist zeigte uns ein Knabe, welcher ein Tönnchen auf den Schultern trug. Er blieb ruhig an der Barrikade stehen, als ein Detachement Garde-Dragoner gegen dieselbe vorrückte; — die Dragoner mochten ungefähr zwei Pferdelängen vor der Barrikade angekommen sein, als der junge Mann sein Tönnchen von den Schultern nahm und es mit aller Kraftanstrengung den Pferden vor die Füße warf; die Dragoner wichen sogleich nach links und rechts zurück, weil jenes Tönnchen mit zerbrochenen Flaschen angefüllt gewesen war, und die Glasscherben die Pferde durch Eintreten in den Huf augenblicklich lahm gemacht haben würden. Ein wenig später erschien Infanterie, welche die verlassene Barrikade mit außerordentlicher Mühe und Anstrengung wieder wegräumte. Desto mehr Barrikaden stiegen aber nicht weit von unserm Gasthof in den umliegenden Straßen, namentlich in der Friedrichstraße, empor. Nachdem das Militär die Straße unter den Linden vom Schlosse bis zum Brandeuburgcrthor pignctt- weife besetzt hatte, rückten einzelne Detachements in die Nebenstraßen vor: allein kaum dort angelangt, sahen wir Kavallerie ungeordnet wieder zurückkommen. Einzelne Schüsse folgten, sodann ganze Salven und das zeitweise Zurückkommcn von Infanterie aus den Neben-
straßen ließ uns ahnen, daß die Barrikaden gut vertheidigt seien. Das Kleingewehrfeucr, untermischt mit ganzen Salven, verbreitete sich immer mehr über die verschiedenen Stadtheile. Bald sollten wir auch Kanonendonner dazwischen vernehmen; es gab Augenblicke, in denen man glaubte, der Kampf habe sich über ganz Berlin erstreckt. Man konnte nicht mehr unterscheiden, nach welcher Gegend hin er am heftigsten wüthete. Kleingewehrfeuer , ganze Salven, Geschützdonner , beständiges Sturmläuten, dazwischen ein furchtbares Geschrei und dann zuweilen wieder minutenlange Pausen wechselten miteinander ab. Gegen Abend wurde der Kampf immer erbitterter und hartnäckiger. Man hörte nichts mehr als beständigen Kanonendonner und Flintenschüsse, der Himmel röthete sich plötzlich, um diesen Kampf noch schrecklicher zu machen; mehrere Fabrikgebäude waren in Flammen aufgegangen. Die Truppen, welche unter den Linden aufgestellt waren, beobachteten dort Todtenstille. Gegen acht Uhr Abends besuchte uns Herr v. Vincke, welcher von Bodelschwingh einen Ruf nach Berlin erhalten hatte. Er glaubte es sei an der Zeit, daß die rheinische Deputation sich ins Schloß begebe, um den König zu bewegen, dem unnützen Blutvergießen Einhalt zu thun ; er erzählte uns eine Scene, welcher er bei Ankunft in seiner Wohnung beigewohnt hatte, die allerdings bewies, daß die Soldaten auch dann ihre Gewehre abfeuerten, wenn keine Ursache dazu vorlag; er glaubte, daß man dem Könige die Garantie geben könne, daß