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123» Wiesbaden. Mittwoch, 20 Mai S^^O.

4.K jr c i e Zeitung" erscheint, mit .iusnaome des lltviila.jS, täglich in einem Äugen. Der AounnementSKreiS detcagi v lerielju-rig Pier ut Wiesbaden l fi. tr aus­wärts durch die Post bezogen mit verhâltmßmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig uufzenommeu uns find bei der großen Äerdreitung derFreien Zeitung" stets vou will- famem Erfolge. Die JnferationSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeilk 3 Kreuzer.

Victor Huqo's Rede gegen die Reform des Wahlgesetzes.

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Welch ein Zuwachs an Würde und folglich an Sittlichkeit für das Individuum! Welche Genugthuung und folglich welche Befriedigung! Seht den Arbeiter, der zur Abstimmung geht. Mit der trüben Stirn des gedrückten Proletariers tritt er herein; mit dem Blick des Souverains geht er fort. (Beifall links. Mur­ren rechts.)

Und was will nun Dies Alles heißen? ES ist das Ende des Handstreichs, der brutalen Gewalt, das Ende der Emeute; es ist das Ende der rohen Kraft, der Anfang der sittlichen Macht. (Bewegung.) Es ist, wenn ich meine eigenen Worte wiederholen darf, das Recht der Insurrektion abgeschafft durch das Recht der Wahl. (Sensation.)

Wohlan denn, ihr Gesetzgeber, von der Vorsehung bestimmt, den Abgrund zu schließen und nicht zu oft. neu, die ihr gesandt seid zn befestigen, nicht zu erschüt­tern ; Repräsentanten ihr des großen Volkes, das stets an der Spitze des Fortschritts stand; Männer der Ver- nunft und Weisheit, «die ihr die Heiligkeit eures Be­rufs begreift und ihm gewiß auch entsprechen wollt, wißt ihr, was heute dies verhängnißvolle, dies blinde Gesetz bewirken soll, das man so tpöricht euch vorzu- legen wagt? (Tiefe Stille.) Es will, ich sage es mit einem Schauder der Angst, mit der schmerzlichen Beklemmung deS guten Burgers, der vor den Irrwe­gen erbebt, in die man das Vaterland werfen mochte es will die Abschaffung deS Wahlrechts für die leidenden Klassen, und darum eine abscheuliche, gottlose Wiederherstellung deS Rechts der Insurrektion, «.liang- anhaltende Bewegung.)

Das ist mit zwei Worten die ganze Situation. (Neue Bewegung.) Ja, in. H, dieser Entwurf, der eine ganze Politik in sich schließt, hat zweierlei Wir­kung: er bringt ein Gesetz und schafft eine Situation, eine ernste Situation, Die unerwartet, neu, drohend, verwickelt, furchtbar ist. Wenden wir uns zum Drin­gendsten: das Gesetz als solches wird auch au die R/ihe kommen; prüfen wir zunächst die Situation.

Nach zwei Jahren der Agitation und der Versuche war das Ziel erreicht; der Friede war gemacht; der schwierigste Punkt der Aufgabe, das Verfahren war gefunden und mit dem Verfahren die Gewißheit! Die friedliche Gestaltung des Fortschritts war an die Stelle der gewaltsamen gesetzt; die Ungeduld und der Zorn waren entwaffnet; der Austausch des Rechts der Em­pörung gegen das Recht der Stimmgebung war voll­zogen; der Mann der leidenden Klassen hatte Ja ge­sagt! Keine Agitation, keine ungestüme Hast; der Un­glückliche hatte sich gehoben gefühlt durch das Ver­trauen der Gesellschaft. Dieser neue Bürger, dieser wiedereingesetzte Lonverain war mit heiterer Würde in die Gemeinde eingetreten. (Beifall links. Auf einigen Bänken der Rechten ist eS fortwährend un­

ruhig; der Redner unterbricht sich und spricht zur Rechten gewendet:)

M. H., ich weiß wohl, daß diese berechneten syste­matischen Unterbrechungen (Verneinung rechts Ja ja! links) den Gedanken des Redners stören (das ist wahr!) und ihm die Freiheit des Geistes nehmen sol­len eine Manier, ihm die Freiheit des Worts zu nehmen. (Sehr gut!) Aber^bas ist wahrhaftig ein trauriges Spiel, wenig würdig einer großen Versamm­lung. (Verneinung rechts.) Was nucht betrifft, ich stelle das Recht des Redners unter den Schutz der wahren Majorität, aller evelu und gerechten Geister, die auf allen Bänken sitzen und unter den Erwählten eines großen Volkes stets die Mehrzahl bilden. (Sehr gut! links auf der Rechten wird es still.)

Ich kehre zurück: das öffentliche Leben hat den Pro­letarier ungezogen, ohne ihn in Staunen zu setzen oder trunken zu machen. Die Wahltage waren für das Land mehr als Feiertage, es waren Tage der Ruhe. (Ja, ja!) Angesichts dieser Ruhe hatten die Geschäfte, der Handel, Die Industrie, Die Künste, der Luxus ihre Bewegung wieder gewonnen; die Pulsschläge des re­gelmäßigen Lebens lehren zurück, ©in großartiger Frie- denövertrag war zwischen der Höhe und der Tiefe der Gesellschaft geschlossen. Und diesen Augenblick wählt ihr, alles wieder in Frage zu stellen! Diesen Friedens- Vertrag wollt ihr zerreißen! (Bewegung.) Und ge­rade gegen den Mann will euer Gesetz sich kehren, der zuunterst auf der Leiter deS Lebens gestellt, allmählich und ruhig aufwärts zu steigen- hoffte, gegen den Ar­men, Den Unglücklichen, der jüngg noch so furchtbar, und jetzt verhöhnt, friedfertig, vertrauend, vollbcuoer- Ucher Gesinnung war. Und wozu, kehrt sich gegen ihn? Um eine wahnsinnige, unwürdige, gehässige, ab­scheuliche That zu verüben! Um ihm sein Recht der Stimmgebung wieder zu nehmen! Um ihn den Ideen des Friedens, der Versöhnung, der Hoffnung, der Ge­rechtigkeit, der Eintracht zu entreißen und so dem Geiste Der Gewaltthat von Neuem zu überliefern! (Tiefe Sensation.) Welch ein Dämon DeS Unfriedens treibt euch denn? (Neue Bewegung )

Wie, der Hafen stand offen und ihr beginnt von Neuem die Irrfahrt! Der Pakt war geschloffen und ihr seid es, Die ihn verletzen. Und wozu diese Ver­letzung, wozu dieser Angriff mitten im Frieden ? Wozu dieser Ungestüm, wozu Dies Attentat, wozu diese Thor­heit, wozu? Ich will es euch sagen: Weil es Dein Volke gefallen, nachdem es eure Leute gewählt, was ihr sehr schön gefunden habt, Leute zu wählen, die euch nicht gefallen, was ihr sehr übel findet. (Sehr gut! Rechts Murren.)

Weil es seiner Wahl würdig Leute befunden hat, Die ihr eurer Mißhandlung würdig hieltet. Weil anzunehmen ist, daß es die Kühnheit gehabt, seine Meinung über euch zu ändern, seitdem ihr in Der Gewalt seid; und daß es die Handlungen mit den Programmen verglich, und Die Versprechen mit Dein, was gehalten wurde.

(So ist's!) Weil es wahrscheinlich ist, daß es euer Regiment nicht über alle Begriffe gefunden. (Geläch­ter.) Weil es sich zu erlauben scheint, euch nicht nach Gebühr zu bewundern. (Sehr gut! Bewegung.) Ja darum, weil das Volk sein Votum nach seinem Belie­ben gibt, weil es Die unerhörte Verwegenheit hat, sich für frei zu halten und weil ihm die sonderbare Idee durch den Kopf geht, souverain zu sein (Sehr gut!) Weil eS Die Frechheit hat, euch in der friedlichen Form des Skrutiniums einen Rath zu geben, und sich nicht rein und allein zu euren Füßen legen will. (Bewe­gung." Da werdet ihr unwillig, da gerathet ihr in Zorn, da ruft ihr aus: Wir wollen dich strafen, Volk, wir wollen dich es büßen lassen, du sollst mit uns zu thun haben, Volk und jenem Rasenoen gleich schlagt ihr den Ocean mit Ruthen! (Ungeheurer Bei­fall links.)

Es sei mir erlaubt, hier eine Bemerkung zu ma­chen, die diese große Frage des allgemeinen Stimm­rechts in's reinste, hellste Licht stellt. Die Regierung will das allgemeine Stimmrecht beschränken, verkleinern, beschneiden, verstümmeln. Aber hat sie es wohl über­legt? Seht zu, ihr Minister, ihr Männer des Ern­stes, ihr Männer der Staatskunst, seid ihr euch wohl bewußt, was das allgemeine Stimmrecht ist? Das wahre allgemeine Stimmrecht, das allgemeine Stimm­recht ohne Beschränkung, ohne Ausschließung, ohiw Mißtrauen, wie Die Februarrevolution es eingesetzt hat, wie Die Männer des Fortschritts es verstehen und wollen? Ich höre euch antworten:Wir wollen eS nicht! ES ist Du. Erzeugung der Anarchie!" (Ja, ja! rechts.) Darauf sage ich: es ist gerade das Gegen­theil, es ist die Erzeugung der Macht . . . (Bravo links.- Ja, man muß es sagen und laut sagen und ich halte fest daran: WaS aus dem allgemeinen Stimm­recht erwachst, ist ohne Zweifel die Freiheit, aber mehr noch als die Freiheit ist es, die Macht. Das ist es, was dieser ganzen Frage ihr Licht geben sollte.

Das allgemeine Stimmrecht schafft mitten in den Wogen der Stürme einen festen Punkt. Dieser feste Punkt ist der gesetzlich manifestirte Wille Der Nation ; der Wille der Nation ist das feste Tau, der eherne Anker, Der nicht bricht, an dem machtlos zerschellet die Fluth Der Revolutionen, die Ebbe der Reaktionen. (Tiefer Eindruck ) Und damit das allgemeine Stimm­recht diesen festen Punkt schaffen, damit es den Willen der Nation in seiner ganzen souveränen Fülle entfalten könne, dazu ist nöthig, daß es nichts Streitiges ent­halte. (So ist'ö!) ES muß wirklich das allgemeine Stimmrecht sein, daS heißt, eS darf Niemand, absolut Nlemand von dem Votum ausschließen; die Staats- gemeinde muß Alle ohne Ausnahme umfassen; denn Die Ausnahme ist in solchen Dingen Usurpation. (Bravo links!) ES darf mit einem Wort Niemanden, wer eS auch sei, das furchtbare Recht lassen zur Gesellschaft zu sagen: Ich kenne Dich nicht! (Lang anhaltende Bewegung.)

Rückblicke und Erlebnisse von Franz Raveaur.

(AuS derDeutschen Monatschrift" von Kolatschek.)

Die Rheinische Deputation in den Tagen DeS 17., 18. und 19. März 1848 in Berlin.

(Fortsetzung.)

Nachdem der König tief Athem geholt, machte er eine kopfschüttelnde Bewegung und sagte: »Also so weit ist eS gekommen?" »Ja, Majestät! so ist es!" antwortete Wittgenstein. Der König fuhr dann fort in demselben ruhigen Tone, Den er während Der ganzen Unterredung beibehalten hatte:Nun, sie werden noch im Laufe dieses Tages DaS Patent auS Der Hof­buchdruckerei erhalten, wodurch auch Dieser Wunsch be­friedigt wird." Wittgenstein war Hicmit nicht zufrieden. Er machte aufmerksam, wie in dieser verhängnißvollen Zeit oft Alles von einer Stunde, ja von einer Minute abhänge, wie schrecklich eS wäre, wenn durch einen kur­zen Zeitverlust auch das unseligeZuspät" einträfe und bat, wenn eS doch irgend möglich sei, noch Vormittags einige Exemplare Der abgedruckten Königlichen Verheißungen in Empfang nehmen zu können; er sei überzeugt, daß auch für Die Residenz eine Beschleunigung der Veröffent­lichung jener Zusagen Noth thue. Auch dieses gestand der König zu. Er gab sogleich Befehl, dieser Bitte

nachzukommen. Hierauf ließ er sich Die einzelnen Mit­glieder Der Deputation verfieln, richtete einige freund­liche Worte an sie, und bedauerte ihre schnelle Abreise, weil Dieses ihm unmöglich mache, Die Herren näher kennen zu lernen. Er wümchte uns schließlich eine gute Reise und hoffte von unser r Rückkunft in Die Hcimath DaS Beste. AlS er sich entfernte, wandte er sich in Der Thüre noch einmal gegen den Prinzen von Preußen, als wenn er erwarte, daß dieser ihm folge, welches aber nicht geschah. Der Prinz von Preuyen ging hastig auf Die Thüre zu, durch welche der König fortgcgangcn war, drückte dieselbe zu und sprach in raschem, ziemlich auf­geregtem Tone folgende Worte:Meine Herren, Sie haben gehört, daß Der König all' Ihren Wünschen auf DaS Bereitwilligste zuvorgekommcn ist, eilen Sie nun jo rasch wie möglich, nach Hause, suchen Sie überall be­ruhigend zu wirken, DaS Volk hat ja nun Alles, was es verlangt, waS will man mehr? Sie sagen, sie hätten 20,000 brodlose Arbeiter. Sie dürfen versichert sein, daß 19,000 davon Müßiggänger sind; auch gibt eS die­ser Subjekte eine Masse, wir haben schon mehrmals darauf e i n ha u e n müssen woraus besteht diese Masse? AuS Lehrburschcn und Gesellen, die ihren Meistern auS der Arbeit entlaufen, auö fremdem hergelaufenem Gesin­del und Vagabunden! All' diese benutzen Die politische Aufregung, stellen sich als Neugierige in großen Haufen hin und zwingen uns zu Gewaltmaßregeln, obschon sie weiter nichts thun, als schreien und gaffen! Dabei wird

Der Staatsschatz durch Mobilmachung DeS Heeres und sonstige unvorhergesehene Maßregeln so erschöpft, daß man nicht weiß, wo man die Millionen he-nehtnen soll; die französische Revolution ist an alte dem schuld ; wäre Die nicht gekommen, so hätte sich noch Alles machen lassen." Als ihm Wittgenstein hierauf erwiederte: Er sei mit den Verhältnissen Der Residenz nicht sehr bekannt, wenn bei Der Berliner Bevölkerung DaS Ver­hältniß Der Arbeitlosen so sei, daß von 20,000 neunzehn Tausend keine Arbeit wollten, so müsse er im Gegen­satz hiezu sich dagegen verwahren, daß dieses Verhält­niß auf Die rheinischen brotlosen .Arbeiter angewandt werde; wenn er (Wittgenstein) von 20,000 brodloscn i Arbeitern gesprochen habe, so könne man Die Versicherung hinnehmen, daß er hierunter nicht Leute verstände, welche keine Arbeit wollten, sondern solche, Die mit dem größten Vergnügen sich jeder Arbeit unterziehen würden, welche ihnen und ihrer Familie einen nur kärglichen Unterhalt zu verschaffen im Stande wäre." Schon gut!" erwie­derte Der Prinz,eS mag bei Ihnen so sein, hier ist es nicht so! Eilen Sie so rasch, wie möglich nach Hause und sagen Sie Ihren Mitbürgern, daß ich zuin Gouver­neur Der Nheinprovinz ernannt bin, ich werde Ihnen auf dem Fuße folgen; in einigen Tagen sehen wir uni wieder."

(Fortsetzung folgt.)