mögen, und die politischen Fähigkeiten bei Ausübung deS Wahlrechts abgemessen. Die Regierung läßt so eben Tabellen für alle Provinzen entwerfen, um einen WahrscheinlichkeitS-Kalkül über den politischen Charakter, der nach jenem Entwurf gebildeten Kammern zu erhalten, und daS ministerielle Blatt, die Afton- post (Abendpost) oder Dagligt Allehanda (tägliches Allerlei) das Organ unserer Grauen, d. h. der Schein- konstitutionellen, jubelt über die Frcisinnjgkcit der Rc- gierungsabsichten. — Sie sehen, wir sind so ziemlich in derselben Lage wie Sie in Deutschland; dennoch aber wurde die Partei des Fortschritts diesen Verfassungsvorschlag annehmen, weil vom Könige nichts weiter zu erlangen ist, und keine Möglichkeit sich zeigt, auf irgend einem Wege mehr zu erreichen. Aber Adel und Priester werden auch diese Verfassung verwerfen und die Regierung wird ihr eigenes Werk gern in den Papierkorb werfen.
Eine andere wichtige Reform betrifft den Elementar-Unterricht, der zeither bei uns höchst mangelhaft und ganz in den Händen der Geistlichkeit war. Gegen die Schul- und Unterrichtsverbesserung erhob sich die ganze Priesterschaft, als gälte es den Kampf gegen Hölle und Sünde; obwohl Adel und König bei dieser Sache auf die Seite der Liberalen traten, ist doch bis jetzt wenig geschehen und erst in neuester Zeit hat die Regierung, trotz des Grollens der Geistlichkeit, Befehle gegeben, die Schul-Reform überall durchzu« führen, welche die Lehrer selbstständiger macht und ihre Lage verbessert.
Zu unserer neuesten Zeit-Bewegung gehört es nun auch, daß die einflußreiche Hof- und Burcaukraten- Partei mehr als je, zum Pietismus und zur Frömmelei neigt. Das sind die Waffen, mit denen man die Regungen des Volks bekämpfen will, mit denen man namentlich die auch bei uns auftauchenden socialistischen Bestrebungen in Schranken zu halten versucht, welche in den arbeitenden Klassen um sich greifen. — Die erste und verbreitetste unserer Zeitungen, das „Aftonbladet", macht eine zwar gemäßigte, aber konsequente Opposition gegen die Regierung und gegen die frömmelnde Verdummung. Zwei Wochenblätter aber, die in diesem Jahre neu entstanden sind, „Folkeföroet", nach Proudhons „Voir du peuple", und „Reform" sind ganz socialistische Organe, zu denen das lange schon erscheinende „Sonntagsblatt" kommt. — Leider sind es zumeist nur schlechte Nachahmungen der franz, socialistischen Presse, voller Ausfälle gegen Privatpersonen, voller Skandal und keinesweges geistreich. Aber sie finden ein aufmerksames und großes Publikum unter Arbeitern und Dienstboten, den Parias der Gesellschaft, die hier vielfach noch mehr Härte und Ungerechtigkeiten zu tragen haben, als anderswo. Gegen diese Bestrebungen glaubt man mit • dem Pietismus zu Felde ziehen zu müssen, als bestes Gegengift. Ein Verein einflußreicher Personen hat sich gebildet, hinter welchem andere, noch einflußreichere stehen, die nicht genannt werden wollen. Es werden Geldbeiträge gesammelt, um eine sogenannte inländische Mission zu stiften, d. h. fromme Geistliche sollen die Arbeiter bekehren, Betstunden halten, die Leserei, wie man hier sagt, kultiviren, mit einem verdumpfenden Methodismus die Köpfe benebeln und den Armen und Geschlagenen, die Brod und Gleichberechtigung begehren, ihr verbrecherisches Unrecht beweisen und sie dafür auf den Himmel vertrösten. Die Demüthigen und Bekehrten freilich werden auch Almosen empfangen und es wird für sie gesorgt werden, aber wehe den Halsstarrigen und Verlorenen! — Der Gouverneur oder Oberstatthalter Stockholms, höchster Polizeichef der Hauptstadt, gehört selbst zu diesem Verein; es fehlt uns nicht an frommen Geheimrâthen, frommen, hohen Damen u. s. W. Sie sehen, wie ähnlich auch darin unsere Zustände mit den preußischen find, und wie wir in kurzer Zeit, ganz wie in Preussen , eine sehr ausgedehnte Frömmler-Propaganda, und was damit zusammenhängt, haben werden.
Nach Deutschland blicken wir jetzt mit vermehrtes Aufmerksamkeit. Es sann Niemanden verborgen bleiben, daß die Schicksale der Völker einen genauen Zusammenhang haben und daß die Reaktion ihre Rundreise durch Europa macht. Deutschland ist unser natürlicher Verbündeter. Je weiter die Deutschen in den alten Bundestagsrock gesteckt werden, um so weniger dürfen auch wir hoffen ein neues passenderes Staatskleid au- zuzichen. An Krieg glaubt man nicht, auch nicht, daß eine schwedische Flotte mit der russischen vereint Schleswig zur Unterwerfung zwingen werde. ES sind wenige schwedische Schiffe ausgerüstet, die zu Uebungen bestimmt sind, daß aber eine russische Flotte nächstens in der Ostsee erscheinen und Preußen dann am Ende aller Möglichkeiten anlangen wird, dürfte für Schleswig, wie für die deutsche Einheit, der Wendepunkt aller bisherigen Ungewißheit sein. (Nat.-Z.)
Deutschland.
^ Wiesbaden, 21. Mai. Die „Kölnische Zeitung", diese abgelebte Base, welche, so lange das Volk wirklich noch Aussichten hatte zu siegen, jede Niederlage der Volksparthei mit Jubel begrüßte, und noch absoluter war als der Absolutismus der Berliner „Kreuzzeitung", fängt jetzt — nachdem die Fluthen der Revolution zur größten Freude der Kölnischen Dame selbst gänzlich abgelaufen sind, — wieder an, mit liberalen Phrasen die widerlichste Coquetterie zu treiben.
Es gibt keinen unangenehmeren Anblick, als diese jammervollen constitutionellen Blätter, welche erst die Demokratie für gleichbedeutend mit Räuberthum erklärten, und nunmehr sich den Anschein geben, als suchten sie eine Opposition gegen das Königthum zu machen, und ein Bündniß mit der Demokratie einzugehen, die bei der ersten Gelegenheit abermals zu verrathen, sie doch fest entschlossen sind.
Die Demokraten werden aber aus ihrer Hut sein und sich des alten Satzes erinnern, daß ehrliche Feinde mit offenem Visir stets den zweideutigen Freunden, die nur den Moment abwarten, um den arglos Vertrauenden im Rücken mit dem feigen Dolchstoß bekannt zu machen, vorzuziehen sind. Wir begreifen daher auch die Entrüstung, welche der „Deutschen Reform" und der „Kreuzzeitung" die revolutionäre Trompete — die übrigens nur eine hölzerne Kindertrompete ist — welche die Kölnerin an ihren welken Mund anzusetzen sich bemüht, einflößt.
Vor einem halben Jahre mehr als absolutistisch, tritt jetzt die grundsatzlose Kölnerin gegen ihre Bundesgenossen von gestern auf: aber diese ehemaligen Bundesgenossen würdigen dies Prinzip der Priuzip- losigkeit nach Verdienst, und erklären unumwunden, cs sei eher zwischen den „radikalen Schwärmern", die dazu „der Besserung fähig" und ihrer Parthei eine Versöhnung möglich, als zwischen dieser letztem und den „feigen" Gothaern.
„Wir kennen keine Partei — sagt die „N. Preuß. Ztg." — die mit so viel Feigheit so viel Frechheit verbände, als die reinenCon- stitutionellen und edlen Gothaer, jene Partei, welche mit Allem zufrieden ist, sobald ihr entschlossener Ernst gegenübertritt, und die auch das Kleinste bekrittelt und begeifert, sobald sie die unmittelbare Gefahr- für ihre theuren Häupter und die noch theurern Gclv- säcke beseitigt wähnt. Vor einem Jahre, als man aus den Waarenballen der rheinischen Fabrikanten Barrikaden bauete, mehr als absolutistisch, ist sie heute bereits wieder so weit gewachsen, die revolutionären Phrasen und Gedanken, welche ihre Coryphäen in den Parlamenten mit dem Schleier der Schwermuth und dem Rauschen des Mühlrades verhüllen, in ihrem würdigsten Organe, der „Köln. Zeitung", diesem aus Gesinnungslosigkeit und Geldgeiz zusammengesetzten publicisti- schen Pump-Werkzeuge, in schamloser Offenheit zur
Schau zu stellen. Insbesondere ist es der hier versammelte Fürstenkongreß, welchen sich der liberale Ab- Hub zur Zielscheibe gewählt hat, und ganz wie in den früheren harmlosen Zeiten werden die Fürsten darauf aufmerksam gemacht, daß jetzt um die Zukunft der deutschen Monarchieen gespielt werde, daß man sich das nächste Mal mit der Einheit allein behelfen werde, und daß „die Nation in der nächsten jener historischen Krisen mit weniger Sentimentalität und mehr verständiger Entschlossenheit zu Werke gehen möchte." Natürlich fürchten wir diese Drohung notorischer Feiglinge nicht, aber wir nehmen davon Act und freuen unS, diesen üppigen und übermüthigen Liberalismus das nächste Mal nach seinen eigenen Worten richten zu können. Weniger Sentimentalität und mehr verständige Entschlossenheit: wir werden nach der nächsten historischen Krise wieder anfragen, ob wir recht verstanden und recht ausgelegt; wir wissen wohl, wo der Krebsschaden des preußischen Staates liegt, und uns wird die Hand nicht zittern, wenn wir uns in der Lage befinden, die Operation vornehmen zu können. Nicht den furchtsamen urwählerischen Juden, der unwillig ist, weil er hungert, nicht die halb verblendeten, halb berauschten radikalen Schwärmer, welche durch ihre Consequenz wenigstens die Möglichkeit der Besserung gewähren, werden wir suchen und strafen, nein, die Kölnische Zeitung und deren Patrone, welche dasselbe und Schlimmeres sagen, und die unverbesserlichen, weil gesinnungslosen Liberalen, welche das Verbrechen um Geld und Ehre ausbeuten und die Revolution als melkende Kuh ihrer vollsâftigen Gottlosigkeit benutzen, Alles ohne Sentimentalität und mit der entschlossensten Entschloffenhcit."
Mainz, 19. Mai. Daß wir der Einberufung der Kammer in kurzer Zeit cntgegenzujehen haben, beweist folgende Zuschrift, welche das Ministerium deS Innern dem Verwaltungsrathe der hessischen Ludwigseisenbahn, als Antwort auf eine Vorstellung des letzteren wegen Uebernahme der Bahn, in diesen Tagen zugehen ließ:
„Wir benachrichtigen Sie, daß Se. k. Hoheit der Großherzog uns in Folge Ihrer Vorstellung vom 2. v. M. ermächtigt haben, Ihnen zu erklären, daß die Staatsregierung entschlossen sei, den Landständen eine Proposition zu machen, gerichtet entweder auf Ueber- nahme der Bahn, oder doch wenigstens einerZin- seugarantie von Fünf vom Hundert bezüglich des für erforderlich erachteten Kapitals von vier Millionen Gulden. Unterz, Jaup."
Mainz, 21. Mai. Die Truppenaufstellung auf der französischen Grenze scheint jetzt in nächster Zeit erfolgen zu sollen. AuS der Pfalz erfahren wir, daß bedeutende Einquartirungen angesagt sind und auch hier erwartet man in nächster Zeit den Durchgang preußischer Truppen. Aas Baden zurückkehrende preußische Kriegsreservisteu sind darauf vorbereitet, in Kurzem wieder einberufen zu werden. Attes kündigt an, daß uns bald gewichtige Ereignisse bevorstehen.
Die außerordentlichen Assisensitzungen des zweiten Quartals wurden heute von dem Präsidenten des As- sisenhofes, Herrn Obergerichtsrath Levita, mit einer Rede eröffnet, worin den Geschwornen Bewahrung ihrer Parteilosigkeit in politisch aufgeregter Zeit und stete Conformirung ihrer Aussprüche mit den bestehenden Gesetzen, deren Fortbildung den gesetzgeberischen Faktoren ausschließlich übertragen sei, zur Pflicht gemacht wurde. (M.Z.)
Frankfurt, 21. Mai. (Fr. I.) Gestern früh nach 6 Uhr wurde auf dem hiesigen Friedhofe an den Gräbern der am 18. Septbr. 1848 im Barrikadenkämpfe für ihre politische Meinung Gefallenen von ihren Gesinnungsgenossen zur trauernden Erinnerung eine Todtenfeier begnügen, an welcher über Tausend den verschiedenen Ständen angehörige Personen von hier und der Umgegend Theil nahmen, nachdem schon vorgestern die Grabstätten der Gefallenen mit Blumen und Blüthen auf das Schönste bekränzt worden waren.
Wenn er nur seine Kanonen so viel als möglich in ; Sicherheit bringen konnte, fürs Andere ließ er den lieben i Himmel und die ungarischen Aerzte sorgen. Seine Soldaten haben sich dieser Unmenschlichkeit wegen zu jeder Zeit bitter beklagt, und so ist es gekommen, daß Viele von ihnen in Fciudeshände fielen, die in wenigen Tagen wieder hätten die besten Dienste leisten können, daß Viele von ihnen absichtlich zurückblicben, wo es ihnen leicht gewesen wäre ihren Kameraden zu folgen, daß endlich nach jeder Affaire mehr Leute abgingen, als bei einer besseren Fürsorge ihres, Obcrgencrals geschehen wäre.
Daß dieser durch die Beschießung Wiens seine strategischen Talente nicht weiter ausbilden konnte, ist natürlich. Was ist da auch viel Strategie gegen offene Städte nothwendig, wenn man mit Menschenleben und Brandraketen nicht geizen will? Aber der reguläre Dienst in den Bureaus seines Geneeolstabes! Daß dieser so ganz vernachlässigt war, und daß eine Ordnungslvsigkeit in jedem einzelnen Corps herrschte, die ans Fabelhafte gränzt, das muß füglich auf Rechnung des Ruhmes gesetzt werden, der dem Fürsten das Hirn vwroirrte."
Dieser Schilderung des Fürsten Windischgrätz lind seiner Kriegführung folgt später eine Schilderung Kossuth's und seines Lebens in Dcbrcczin, der wir Folgendes entnehmen :
„Kossuth wohnte in dem sogenannten Stadthause in der Hauptstraße. Eine breite Treppe führte in ein
großes Vorgemach, das zu jeder Tageszeit mit Menschen gefüllt war, die den Gouverneur zu sprechen wünschten. — Man mußte oft drei Tage und länger warten, bis man an die Reihe kam, die ziemlich gewissenhaft Ungehalten wurde. — An den Vorsaal stießen zwei geräumige Gemächer, wo Kossuth die Fremden empfing. Gewöhnlich stand er hinter seinem Schreibtisch; auf demselben lagen zwei Pistolen. Der Mordversuch gegen Bem zu Pcsth und dw Vorstellungen seiner Freunde,. die einen Anschlag gegen sein Leben fürchteten, bewogen ihn zu einiger Vor- sicht. Doch nie ist ein Fall vorgekommen, welwer jene Befürchtungen gerechtfertigt hätte. — Er selbst sprach bei den Audienzen wenig, hörte aufmerksam zu, bat kurz zu sein und warf zuweilen einige Worte als Notiz auf ein Papier. — Die einzige Erholung, welche sich Kossuth gönnte, war die Stunde von 2—3 Uhr Mittags, wo er mit Frau und Kindern in ein nahe gelegenes Wäldchen fuhr. Dort suchte er eine einsame Stelle aus, spielte mit den Kindern im Grase und war glücklich im Genusse der Frühlings last. Um 3 Uhr kehrte er zurück, dann folgte ein einfaches Mahl und nun begannen die Arbeiten wieder bis tief in die Nacht.
Wo Kossuth aus der Straße erschien, war cs rührend zu sehen, wie ihn Jedermann auf der Straße mit sichtbarer Freude und Ehrerbietung grüßte. Es war, als ob alle Weiber vernarrt gewesen wären in sein Gesicht und doch ist er nicht gerade schön zu nennen. Eine viel
sagende Schwermuth umzittert seine Augen, wenn er schweigt. Leben und Bedeutung aber gewinnt erst sein Gesicht, wenn er spricht, zumal wenn er leidenschaftlich und ungarisch spricht. Im Deutschen drückt er sich geläufig aus; er spricht es, wie alle Ungarn, sehr gern und sein Styl ist elegant und gediegen, doch kann er den Accent ter Magyaren im Sprechen nicht ver- läugnen.
Ja es war rührend zu schcn, wenn er über die Straße ging, die kecken Knaben ihm ihr „Eijen Kossuth" an den Hals warfen, und alte Mütterchen den Segen Gottes über ihn murmelten. Das Auge des Bauern leuchtete vor Stolz und Freude bei seinem Anblick, er vergaß die PelzmüheQviedcr aufzusctzen, wenn erdfern „Gott i grüß' den Herrn" gesprochen hatte und blickte ihm nach, | bis er um die Ecke bog. „Er ist zu gut — sagte ein- j mal ein Bauer in Dcbrcczin zum andern — er ist zu gut . und will keinem Me nschcu wehe thun und daran wird er sterben. Warum geht er so gut mit den Gefangenen um und will nicht, daß ihnen ein Leid geschehe, nwllen sie uns doch Alle ausrotten und zu Grunde richten. Er aber denkt für die Feinde, wie für seine eigenen Kinder.
(Fortsetzung folgt.)