1850
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Wiesbaden. DounerStag, 23 Mai
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DaS Priesterthum.
Armer Hirte, der du bitter darben Mußt auf deinem Feld bei,reichen Hürden, Armer Bauer, mit der Hand voll Narben, Der du hungern mußt bei deinen Garben Fast erdrückt von deines Frohnes Bürden,
O begriffest du es doch einmal, Daß der Pfaff nur Schuld an deiner Dual.
Du bist arm, doch arm durch dein Verschulden, Weil du glaubst dem Wort voll bittren Spott, Daß der Mensch auf Erden ist zum Duldco Und daß alle Herrschaft kommt von Gott. Wenn das Herz dir in Erbittrung schlägt, Daß dein Nacken noch am Joche trägt; Daß ein Mensch dich jaget wie ein Wild, Dich, den Menschen, Gottes Ebenbild — Wenn dein Ann schon aufzuckt, drein zu schlagen, Spricht der Pfaff: dein Heil ist im Ertragen. Und er-hühnet dich mit seinem bleichen Märchen vom Vergelt in HimmelSrcichen!
Zizka, von A. Meißner.
1.
Sp. Dom Taunus. Während die Demokratie seit ihrem öffentlichen Auftreten immer nur Gesetz und Gerechtigkeit verlangte, sucht die Reaktion den alten Zustand der gesetzlosen Willkür festzuhalten und dennoch war diese frech genug, die Demokratie als Umsturzpartei und blinde ZerstörungSwuth aluZzuschrcien, und dieß Geschrei hat ihr den Sieg verschafft, um ihre ganze Gesetzlosigkeit nnd rohe Wuth zu entfalten. Doch das Gute hat wenigstens die Demokratie bewirkt, daß die Reaktion, siegestrunken und blutberauscht, ihre ängstliche Vorsicht vergaß, sich in ihrer ganzen Abscheulichkeit zeigte und sich so selbst die Zukunft zerstörte. Wer Unrecht aussäet, wird Jammer ärndten. Wie die betrogenen Völker werden auch die betrogenen Könige zu spät ihre Blindheit bejammern.
Im März 1848 war es hauptsächlich die ultra- montane Partei, welche durch ihre Anhänger in den Dörfern die unsinnigen Skandale aufführen ließ; da wanderten die Gememdeschränke in manchen Orten alle Paar Tage in andere Häuser, aber immer in solche, welche dem geheimen Lenker genehm waren. Es lag an der Demokratie, um einen Bund mit der klerikalen Parthei, wie 1830 in Belgien, zu Stande zu bringen. Aber die Demokratie wollte sich rein bewahren vor falschen Bündnissen, und predigte ebenso sehr gegen die Pfaffen, als gegen die Könige, eben weil sie bas Fundament einer dauernden Freiheit bauen, weil sie nicht asiatische Revolutionen, die einen König stürzen, um einen anderen zum unbeschränkten Thron zu erheben, sondern radikale Entfernung der Hindernisse einer freien Entwicklung wollte. Da wendete sich das Blatt. Die rohen Kräfte, die sinnlos zerstörend bisher gewaltet gegen die bestehenden Staatsgewalten, wandten sich nun gegen die Bestrebungen der Demo- traten. Der Ehrlichkeit der Demokraten verdanken es die Regierungen, daß die schwarzen Geister der
Ränke auf ihre Seite traten. Hat doch der Abgeordnete Sepp in der Depntirtenkainmer zu München die ganze Politik der Ultramontanen verrathen, wenn er sprach: „Das Volk ist eine todte Masse, die sich nicht selbst bewegen kann, die aber von der Kirche be. wegt wird." Also herrschen will der schwarze Bund, herrschen durch das Volk. Dann aber muß das Volk ohne Erkenntniß und ohne Willen bleiben.
Die Demokratie fürchtend, weil diese sehend war, wandte sich das Priesterthum wieder zu den Königen, und bot aufs Neue den Bund an. Durch Hülfe der Könige hofft es die Erkenntniß im Volke zu ersticken und dann sich die Könige unterwürfig zu machen durch den Fanatismus des Volkes.
Das ist die ewige Priesterrolle, den angeblichen Mittler zwischen Gott und dem Volke und zwischen den Königen und dem Volke zu machen, um sodann nach Mäkler Art von beiden Seiten sich Mak- lergeld auszubedingen und beide Theile zu hintergehen. Man nannte die Demokraten Wühler und ricth den Königen diese Wühler auzurotten. Man hat den Rath, befolgt und Blut vergossen in reichen Strömen, und die Erde, die das Blut der Menschen trank, schreit um gerechte Vergeltung zum Himmel!
■ Wie Abimelech und die Männer von Sichem sich zum Brudermorde verbanden, so haben sich die Männer der Kirche verbunden mit der brutalen Militärgewalt. Aber Feuer ging aus von Abimelech und verzehrte die Männer von Sichem und Feuer ging aus von den Männern von Sichem und verzehrte den Abimelech. Schon geht es manchen Herrschern, wie dem Landmann, der die wühlenden Maulwürfe airégcvottct hatte: da fraßen die gierigen Engerlinge die Wurzeln seiner Pflanzen und die Käfer die Blätter und Blüthen seiner Baume. (Schluß folgt.)
Schwedische Zustände.
Stockholm, Anfangs Mai. Der Winter ist uns in unserer Abgeschiedenheit unter dem 60. Grade sehr still vergangen. Keine Bewegung im Innern, als einige unbedeutende Bauernerceffe, aus Lokalursachen hervorgegangen und schnell beseitigt. Kein Antheil an der europäischen Politik, die an den Wellen des baltischen Meeres ihr Ende erreicht. Die Strömungen des Völkerlebens und das Rütteln an den alten Ketten, sind zwar auch in Schweden nicht ganz auSge- blieben, allein die Reaktion ist schneller gewesen, als unsere langsamen nordischen Naturen; zu dem hat der beklagenswerthe Streit um Schleswig die Aufmerksamkeit und die Theilnahme der Schweden mehr auf diesen einzelnen Punkt und auf die Verhältnisse der dänischen Stammgenossen gelenkt als auf den großen und allgemeinen Kampf der Völker Europas. — Daß man in der Frage um Schleswig hier meisthin dänische Ansichten und Sympathien hat wird Ihnen keine Ver
wuiidermlg erregen; der tapfere Widerstand der Dänen
dat biete noch vermehrt. Das stanoinavische Natio- nalgefühl erhebt sich daran, indem es zugleich mit Hohn auf das übermächtige Deutschland blickt, obwohl man recht gut weiß, daß das deutsche Volk nur in so weit die Schuld tragt, vaß es seine Revolution nicht besser benutzt hat, um die Achtung seiner Nachbarn zu erringen. — Dennoch wünscht man allgemein eine friedliche Aussöhnung, Frieden zwischen den Völkern, für welche nichts zerstörender ist, als gegenseitiger Haß. Man fürchtet Rußland, den Feind aller Volksfreiheit, man fürchtet die Solidarität des Absolutismus, dem nichts entgegen zu setzen ist, als die Solidarität der Völker, die den fürstlichen Plänen und Bündnissen so lange erliegen werden, bis sie für ihre Freiheiten und Rechte sich ebenfalls verbünden und gegenseitig schützen und helfen. — Was Schweden anbelângt, so ruft es seit vielen Jahren vergebens nach zeitgemäßer Verfas- snngSreform. Wir heißen ein konstitutionelles Land, sind es aber in der That nicht. Unsere unglückliche Vier-Ständewirthschaft hindert jede Aenderung der Dinge, Adel und Priester schneiden uns die Möglichkeit ab, und mit Ausnahme Rußlands ist in keinem Lande die Prärogative des Königs so groß, wie tu Schweden. Alle Staatöcinrichcungen, die ganze staatS- ökonomische Gesetzgebung, Heerwesen , Verwaltung, Zolle, Polizei, Armenwesen, Forstwesen, mit einem Worte, die ganze innere Ordnung des Staatshaushaltes, ist Sache der Regierung. Die LandeSvertre- tung kann darüber nur Wünsche äußern. Niemals kann eine Frage an einen Minister über eine Negierungsmaßregel gestellt werden, auch die Wortführer der Reichsstande werden vom Könige ernannt, dessen Namen nach §. 90 des Grundgesetzes niemals in den Häusern ausgesprochen werden darf. Alle seit 1840 gemachten Versuche, wenigstens Steucrbewilliguug uno Finanzen dem Volke vollkommen zu sichern, find, wie alles Andere, gescheitert.
Die schwachen Regungen des Jahres 1848 haben zu nichts gefruchtet, als Adel, Geistlichkeit und Hof mit fanatischer Furcht vor der Demokratie zu erfüllen und jeder volkSthüui liehen Entwickelung noch mehr at widerstreben. Der König, von den Myrmidoncn des Hofes und von Beaintenschaaren umgeben, die mit Priestern und Junkern gemeinschaftliche Sache machen, weil sie beim Fortbestehen des verrotteten Alten nur gewinnen können, hat in beliebter Weise zu Oeftcrem erklärt, daß er sich nichts abzwingen lassen werde. Jetzt nun hat die Regierung selbst einen Verfassungsentwurf vorgelegt, der beim nächsten Reichstage verhandelt werden soll; aber, so unvollkommen er auch ist, wird er doch schwerlich je das Licht der Welt erblicken, denn die reaktionäre Strömung geht auch über ihn schon fort. Der hungrigen Beamtenmaffe, den Meist-Besitzenden und der palentirten Gelehrsamkeit werden tu jenem Entwurf die größten Wahlvorrechte ertheilt, Klassenwahlen eingesetzt nach Rang und Ver-
Auö Ungar«.
* (Fortsetzung.)
Windischgrây dankte in einem Tagesbefehle seinen wackeren Truppen für die Ausdauer bei Ertragung aller Mühseligkeiten; er, der Sieger ohne Kampf, versicherte bescheiden, mit einer solchen Armee sei der Sieg kein Ruhm für den Führer. — Ganz Europa bewunderte die Disciplin des österreichischen Heeres und die Strategie seines Feldherrn; ganz Europa schüttelte das Hanpt über die Magyaren, die am alten Kriegsruhm zehrend, sich bis jetzt ein Heldenvolk schimpfen ließen.
Daß auch ihre jungen Truppen in bester Ordnung den beschwerlichen Marsch zurückgelegt, den das österreichische Heer gemacht hatte, das war nichts Lobenswerthes in den Augen der Welt, denn der flüchtige Hirsch setzt in seiner Todesangst über Gräben, vor welchen er zurück- schrack, als die Meute noch nicht hinter seinen Fersen war. Was beim Jäger als Muth gepriesen wird, gilt vom Gejagten als Verzweiflung.
Heute lautet freilich das Urtheil über Ungarn an. ders; es wurde der Welt durch herrliche Schlachten und kühne Waffenthaten abgerungen und — Eines ist gewiß: die Welt freut sich, den Magyaren bewundern zu dürfen. Der Magyare hatte über Mangel an Liebe bei den Völkern nie zu klagen.
Was aber war zu jener Zeit die ungarische Armee? Wer waren diese Hvnveds? wie sahen sie aus, wie waren sie bekleidet und bewaffnet? — Mit Ausnahme der regulären Truppen, waren es junge Bursche im ein» fachen Kleide, zum Theil ohne Fußbekleidung, ohne Man. ' tel, ohne Handschuhe, und das Thermometer zeigte 16 — 18° Rea um. unter Null und während der Nacht noch mehr. Dabei keine Klage, keine Widerspenstigkeit keine Marodeurs aus Mißmuth, keine Nachzügler aus Ueberdruß. Mit halb erfrornen Füßen marschirten sie über die Schneefelder und über die eisigen Feldwege; konnten sie mit den erstarrten Fingern auch keinen Hahn mehr aufziehen, so schleppten sie doch ihre Waffen mit sich fort ins Weite, sie wußten ja nicht, wie weit sie noch zu gehen hatten, um die Ruhe einiger Tage zu genießen.
Erst jenseits Pesth's sollten sie ihrer theilhaftig wer. den. Zwischen Donau und Theiß fanden sie die Ruhestätte in befreundeten Hütten und Dörfern. Das Messer des Chirurgen hat dort viel mit Brandwunden zu thun bekommen nnd mancher rüstige Mann ließ ein oder das andere Glied, das er gehofft in der Schlacht zu gebrauchen, unter den Instrumenten der Aerzte. Diese sahen damals Verwüstungen des Frostes an Menschenleibern, wie sie Aehnliches seitdem nicht wieder gesehen haben. Gute Pflege von sorgsamen weiblichen Händen hat Vielen wieder auf die Beine geholfen, die in Feld
lazarethen zu Grunde gegangen wären, und nach Allem, ! was man erzählen hörte, haben die Oestereicher, trotz • ihrer wärmeren, vollständigem Bekleidung durch die Winterkälte mehr Schaden gelitten, als die notdürftig ausgerüsteten Soldaten der Ungarn.
Dieser Umstand mag viel beigetragen haben, den österreichischen Feldmarschall von der unmittelbaren Verfolgung abzuhalten. Fürst Windischgrätz war ein unerbittlich strenger General sein Lebenlang gewesen und in Friedenszeiten auf den Kamaschendienst so erpicht, daß er in Prag (er war früher Militärgouverneur von Böhmen) nicht selten um Mitternacht aus seinem Bette sprang und im leichten Schlafrock bei strenger Winterkälte aus dem Generalkommandogebäude, zwei Straßen weit, in die Kaserne lief, um sich zu überzeugen, ob dort Attes nach Vorschrift — schnarche. — Für seine Soldaten sorgte er aber auch wie ein Vater für seine Kinder, wie ein kleines Mädchen für seine Puppen, wohlgcinerkt: in Friedenszeiten und zu Anfang des Feldzuges, der sich wie ein Uebungsmanöver anließ. Später hat er wie in anderer, so auch in dieser Beziehung den Kops verloren.
Als er von der Theiß bis Pesth retirirte, kümmerte er sich um die Verwundeten nicht im Geringsten, diese wurden ihrem Schicksale und der Großmuth der Magyaren überlassen; der verwundete Soldat galt ihm nichts mehr, er ließ ihn auf dem Felde liegen gleich dem todten.